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Hausnamen (112)

Louis Thielmann, Breitscheid
Erinnerungen aus meinem Leben

Ich wurde am 20.Juni 1880 als erster Sohn meiner Eltern, der Häfnerleute Martin Thielmann und Emilie, geb.Becker, geboren.
Wir waren arme Leute, somit lernte ich in der Jugend Armut kennen. Ich besuchte die Elementarschule mit gutem Zeugnis.

Als ich 12 Jahre alt war, fuhr ich mit meinem Vater, welcher Ware auf den Bahnhof Herborn fahren wollte dorthin. Des abends, als wir retour (zurück) fuhren, war ein Gewitter, ich hatte mich in eine Decke gewickelt und ins Stroh gelegt und eingeschlafen in guter Ruhe, weil mein Vater bei den Kühen war. Als wir in der Hälfte des Schönbacher Berges waren, ungefähr wo der Fußpfad links abgeht, war der Nagel an der Deichsel rausgegangen und der Wagen rollte den Berg hinab, auf welchem ich schlief. Man denke sich in die Lage meines Vaters, aber Gott war bei mir, der Wagen lief bis ans Heckelchen, wo rechts die Bäume stehen, durch einen Stein, an welchem sich das äußere Rad gestaucht (?) hatte und somit rechts im Graben stehen blieb. Durch diese Erschütterung wurde ich wach und hörte meinen Vater schreien. Als er sah, daß alles gut gegangen war, suchte er seine Kühe und wenn es blitzte, suchten wir den Nagel und fanden ihn. Nun fuhren wir mit dankerfülltem Herzen heim. Ich erinnere mich noch gut, wie mein Vater den Abend so inbrünstig dem Herrn dankte, für seine Hilfe.

Als ich der Schule entlassen war, half ich in der Werkstatt meines Vaters. Weil nun das Töpferhandwerk seinen Mann nicht ernährte, entschloß ich mich andere Arbeit zu suchen.
Ich ging nun auf die Eisensteingrube Constanze, Langenaubach. Verdiente dort im Akkord 1,50 bis 2,00 M. Dieses dauerte nicht lange, weil ich in der Karwoche 1896 eine Knochenhautentzündung an der rechten Ferse bekam. Dr.Schneider, Haiger, operierte mich und befürchtete, daß das Bein abgemacht werden müßte. Dieses war für meine Eltern und mich ein schweres Stück. Obwohl die Schmerzen Tag und Nacht fast nicht zum ertragen waren, so konnten wir uns nicht dazu entschließen. Mein Vater ging ins Gebet mit einem alten lieben gläubigen Bruder Reinhard Schmidt, ich höre heute noch die Worte, welche mein Vater sagte: "Es hilft weder Kraut noch Pflaster, nur dein Wort Herr kann alles heilen." Der Herr half wunderbar. Der Arzt sagte bei dem nächsten Besuch, es ist ein Wunder geschehen, das Bein ist in Heilung begriffen. Mein Vater wies ihn auf den Arzt Jesus hin. Dieses Leiden dauerte bis nach Pfingsten.

Im Oktober 1898 ging ich dann ins Siegerland auf Grube Gillberg, Eiserfeld. Im Frühjahr 1899 fing für die Westerwälder Thonindustrie eine Tongrube an, auf welcher ich am 28.April 1899 anfing. Am 7.Oktober 1900 brach ich das rechte Bein am Unterschenkel. Man brachte mich meinen Eltern nach Hause, ich war verschüttet, kam aber mit einem Beinbruch davon. Wir waren vielen Dank schuldig. Ich hätte am liebsten mit dem Posaunenchor, welchen wir vor kurzem gegründet hatten, eingestimmt in das Lied: Nun danket alle Gott... Das Bein heilte langsam, weil es durch die Knochenhautentzündung sehr geschwächt war. Am 1.März 1901 konnte ich erst die Arbeit wieder aufnehmen. Ich kam nun ans Schamottsteine formen, denn inzwischen war die Fabrik gebaut worden.

1905 habe ich mich verheiratet mit Emma Stahl, Tochter des Wilhelm Stahl und Ehefrau Emilie, geb.Groos. Nun wurde uns eine Tochter geboren, welche wir Anna hießen. Wir waren hocherfreut, uns ging es Gott sei Dank gut. Als 2.Kind wurde uns ein Sohn Walter geboren, dann folgte wieder eine Tochter Lina. Wir waren glückliche Leute, es ging uns sehr gut.
1912 wurde ich Meister im Mahlraum.

10.Februar 1913 starb mein Vater, als erster in der Familie. Wir hätten ihn noch gerne bei uns behalten, zumal er in seinem Leben viel mitgemacht hatte. Nun wo er 6 Söhne erwachsen hatte, hätten wir ihm gerne bessere Tage gegönnt. Aber der Herr nahm ihn zu sich in die obere Heimat, wo er Ihn schauen darf, an den er so kindlich geglaubt hatte.

Am 14.April 1913 wurde uns der 2.Sohn geboren namens Paul. Am 23.August 1913 starb mein Schwiegervater im festen Glauben an seinen Heiland.

Nun kam am 1.August 1914 der schreckliche Krieg, alle wehrfähigen Männer mußten einrücken. Ernst Thielmann und ich mußten Aufsicht in der Fabrik führen. Erst ging es schlecht, dann wurde immer mehr bestellt. Als die Gefangenen zur Arbeit mußten, bekamen wir auch 20 Mann, wobei der hiesige Förster Heinrich Thielmann Wachhabender war. Es waren sehr tüchtige Arbeiter. Am 28.Juni 1916 brannte die Fabrik vollständig ab. Ich verunglückte am 5.August 1916 indem mir beim Aufräumen ein schwerer Balken ein Stockwerk hoch auf den Kopf fiel. Man trug mich für tot in die Meisterstube. Ich kam aber wieder zu mir und hatte Bluterguß im Gehirn und dadurch Lähmung auf der rechten Seite. An den Folgen dieses Unfalls mußte ich 2 Monate feiern. Die Lähmung ging immer mehr zurück, sodaß ich mit Hilfe eines Stockes die Aufsicht wieder übernehmen konnte.

Am 13.November 1916 starb nun unser geliebtes Kind Walter im 9.Lebensjahr an Diphterie. Er war nur 8 Tage krank. Dieser Sterbefall unseres so braven Jungen hat uns schwer gebeugt, er war ein Liebling aller, welcher ihn gekannt hatte. Aber der Herr gab uns Kraft auch dieses zu tragen und aus seiner Hand zu nehmen. Dieses brachte uns dem Herrn näher. Wir wissen ihn bei seinem himmlischen Gärtner, welcher die zarte Blume in einen besseren Garten gepflanzt hat. Er war in seinem jugendlichen Alter schon sehr gerne wo Gottes Wort verkündigt wurde, er gab Kinderspiel und alles daran und zog vor mit ins Vereinshaus zu gehen. Nun folgte ihm nach einem Jahr unser lieber Schwager Emil Stahl. Er kam aus dem Felde krank und ganz erschöpft nach Hause und starb im Oktober 1917 an Schwinnsucht. Auch er fand auf seinem Krankenbette seinen Herrn und Heiland und durfte eingehen zur ewigen Ruhe, wo kein Krieg und Leiden mehr sein werden. Dieses Bewußtsein brachte uns zu Lob und Dank, indem wir viel um seine Errettung gebetet hatten.

Im Jahr 1918, 14.April, wurde uns zur großen Freude ein Sohn Emil geboren. Wir sehen in ihm Ersatz für unseren lieben Walter und wünschten, daß er ihm ähnlich würde, bis jetzt zeigt er manche Eigenschaft von ihm, wenn auch manches fehlt. Möge Gott geben, daß er ihm voll und ganz ähnlich werde.
ALs dieses Freudenjahr durch war, kam wieder ein Jahr der Leiden. Von den lichten Höhen ging es wieder durch das Tal der Schatten. Am 2.Juni 1919 starb unsere nur 10 Jahre alte Lina, ein lebenslustiges Mädchen, an Gehirnentzündung. Sie war nur 8 Tage krank. Vom ersten Tag an war sie ohne Bewußtsein bis zum Tode. Es war schmerzlich an ihrem Krankenbette, an dem wir 8 Tage und Nächte sein mußten, zu stehen, sie war ganz ohne Bewußtsein. Wir werden nie vergessen, als sie in ihrer Bewußtlosigkeit einmal ganz stille wurde und dann die Worte sprach: 'Wenn kleine Himmelserben in ihrer Unschuld sterben' usw. bis zum Schluß deutlich hersagte. Sie war nämlich immer in ihrer Besinnungslosigkeit am sprechen, rechnen, spielen usw. Eines Tages wurde sie wieder ruhig und sang: 'O du fröhliche, o du selige ....' bis zum Schluß. Es waren Stunden des Trostes für uns. Kurz vor ihrem Tode hob sie die Hände auf und sprach die Wort: 'Der Herr segne euch und behüte euch ...' bis zum Schluß. Der Herr stärkte uns durch unser sterbendes Kind. Uns sollen die Stunden an den Sterbebetten unserer lieben Kinder unvergeßlich bleiben. Bei der Beerdigung war der Text Baruch 4, Vers 19 a u. 23 b: So ziehet nun hin meine lieben Kinder, Gott wird euch mir wiedergeben in Freud und Wonne ewiglich.
Nun starb am 14.Juli desselben Jahres unsere liebe Mutter unerwartet schnell. Sie war nur 4 Tage krank. Nach vieler Arbeit durfte auch sie ihrem Gatten, unserem lieben Vater, folgen zur ewigen Ruhe. 8 Tage später folgte ihr Sohn Otto, unser lieber Bruder. Er starb infolge des Krieges an Lungenschwinnsucht. Er darf nun den schauen, an den er geglaubt hat. So mußten wir in sechs Wochen drei Lieben aus dem Hause tragen. Wir wurden aber immer wieder gestärkt in dem Bewußtsein, daß sie alle beim Herrn sind und wir sie wiedersehen werden.

Ich erkrankte im Oktober an Grippe und mußte im Januar die Fabrik infolge Krankheit verlassen. Habe bis 1.Juli krankfeiern müssen. Am 1.Juli 1920 nahm ich Arbeit bei Gebrüder Schwehn an. Dort fingen wir nun die Töpferei an und ich gab mich an das Drehen von Tonwaren, welches mir sehr gut gelang, trotzdem ich seit dem 18.Lebensjahr keine Tonwaren gemacht hatte.

Am 31.Mai 1921 bekamen wir unser 6.Kind ein Mädchen Else, wir sehen in ihr Ersatz für unser so liebes Lina. Nach dieser Freude kehrte wieder großer Schmerz bei uns ein, indem am 23.Oktober 1921 unsere fürsorgende Großmutter starb. Sie war die letztlebende von den Großeltern und war uns bei allem Schmerz, der uns traf, eine tröstende Mutter. Wir hatten einen sehr großen Halt an ihr, indem sie alles in Geduld tragen konnte. Wie hat sie all die Sterbenden gepflegt und getröstet, daß auch wir gewünscht hätten, daß sie uns noch lange erhalten wäre, aber Gott hat sie nach einem in Geduld getragenen, schweren Leiden heimgeholt. Sie darf nun den schauen, der ihr so treu zur Seite gestanden hat und ihr viel Kraft gegeben, da sie durch viel Leiden mußte. Wo sie nur Gutes tun konnte war ihr eine Freude. Wir gönnen ihr die ewige Ruhe.

Am 20.Nov.1921 wurde ich wieder in der Fabrik Meister. Wirtschaftlich ging es uns nun wieder gut. Jedoch dauerte es nicht lange, 1.4.28 wurde dann die Fabrik geschlossen. Durch die große Arbeitslosigkeit mußte auch ich, sowie Paul, stempeln gehen. 1929 bekam ich die Stempelstelle, wofür mir extra monatlich 40 M bezahlt wurde. In dieser Stempelstelle gingen täglich 150 bis 200 Mann ein und aus. Durch ungefähr 30jährige Arbeit auf der Schamottefabrik hat mein Körper schwer gelitten. Am 1.Apr.1932 stellte ich Antrag auf Angestelltenrente, welche mir auch willfahren wurde. Ich bekam monatlich mit Kinderzulage 105 M. Die Stempelstelle war inzwischen von hier nach Driedorf verlegt worden, weil es immer weniger Arbeislose gab. Paul erhielt auch wieder Arbeit. Emil war auch aus der Schule und ging 1/2 Jahr zur Handelsschule. Nach Ablauf dieser Schulzeit kam er bei Meckel u.Nix in Herborn in die kaufmännische Lehre. Von da kam er bei Bömper in Herborn auf das Büro. Nun nach kaum 20 Jahren kam der Krieg. Paul, welcher im April 39 geheiratet hatte, bekam den Stellungsbefehl und mußte am 28.Aug. einrücken. Mit dem Krieg kamen auch wieder die Sorgen. Wie bangten wir um Paul, als die Truppen durch Belgien nach Frankreich marschierten. Wir schickten heiße Gebete zu Gott, daß er ihn behüten möchte und erretten. Als Waffenstille war, war er noch gesund. Wir hatten viel Ursache unseren Gott zu loben und preisen. Am 21.10.40 mußte auch Emil einrücken, er kam nach Spannenberg bei einer Gefangenenkommandatur auf die Schreibstube. Infolge einer Gelenkentzündung am linken Arm ist dieser steif, deshalb auch diese Stellung. Von da kam er Januar 1941 bei das Generalkommando nach Kassel. Als der Feldzug nach Rußland kam, mußte Paul nach Finnland. Am 6.Juli 1941 wurde Paul am Oberschenkel des rechten Beines und am linken Unterarm verwundet. Er kam nach Finnland in ein Lazarett, von da über Schweden nach Oslo/Norwegen und zum Schluß nach Malente bei Kiel und zuletzt nach Betburg bei Kleve. Im Dezember wurde er als geheilt entlassen und mußte zum Ersatzbataillon nach Fulda. Von da ist er wieder am 22.12.41 nach dem Osten ausgerückt. Gott hat ihn bis dahin gnädiglich behütet, er kann ihn auch weiter bewahren.

Am 26.3.38 hat Anna nach Castrop Rauxel I geheiratet. Sie bekam am 8.Juni 1940 ein Mädchen und am 14.November 1941 einen Sohn. Aus der ersten Ehe ihres Mannes hatten sie 2 Mädchen. Am 26.3.38 war ich allein dort auf Besuch und im Januar 1940 waren Mutter und ich zusammen dort. Es hat uns gut gefallen, auch wurden wir liebevoll behandelt. Wilhelm ist ein liebevoller Mensch gegen uns. Wir danken Gott, daß es ihnen gut geht. Gott wolle sie lange gesund beieinander lassen.

Pauls Frau bekam, wo er im feldgrauen Rock war, am 4.4.40 einen Sohn, der nun inzwischen 1 3/4 Jahre alt ist, er ist die Freude des Hauses.

Als Paul nun 2 Monate in Rußland war, wurde er am 28.Februar 1942 zum 2ten mal verwundet. Er hat einen Schulterschuß am rechten Arm. Paul kam nach Brest bei Burg ins Lazarett, wo er gerade 2 Monate blieb. Am 30.April 1942 kam er dann nach Braunschweig ins Lazarett. Gretchen und Emil fuhren am 9.5. nach dort, wo sie für drei Tage blieben. Gretchen fuhr von hier morgens mit dem ersten Zug, sie war um 11 Uhr in Kassel, wo Emil zustieg. Gretchen und Emil trafen ihn in Braunschweig. Paul war sehr runtergekommen. Nach 2 Monaten wurde er dann nach Herborn ins Lazarett verlegt. Von da aus konnte er uns und wir ihn öfters besuchen. Dort erholte er sich langsam, wurde dann im November zur Ersatztruppe nach Siegen geschickt. Sein rechter Arm ist jedoch im Schultergelenk steif geblieben.

Im Juli 1942 wurde Emil in Kassel am Hals operiert, wo Anna und ich ihn besuchten. Im Oktober ist er vorläufig entlassen worden. Emil ist wieder in seiner früheren Stellung bei Bömper in Herborn.

Hier enden die Aufzeichnungen !
Louis Thielmann ist am 20.10.1952 nach langer Krankheit heimgegangen.

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zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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