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Dr. Hellmuth Gensicke

Aus der älteren Geschichte der Kirche und Pfarrei Breitscheid

Am 28. April 1048 weihte Erzbischof Eberhard von Trier die Kirche zu Haiger. Bei dieser Gelegenheit bestätigte er zugleich auch den Kirchensprengel, wie König Konrad I. diesen mit der Kirche zu Haiger der Kirche zu Weilburg übertragen hatte'). König Konrad I. hatte am 24. April 914 die Taufkirche zu Haiger mit seinem Hof Haiger und reichem Zubehör der WeiIburger Kirche geschenkt2). Die damals aufgezeichnete Beschreibung des Kirchensprengels ist zwar verloren, doch hat sich ihr Text in der, vielleicht etwas erwei-terten, Fassung von 1048 erhalten 3). In dieser Beschreibung von 914/1048 wird an der Südostgrenze des KIrchensprengels von Haiger und der Haigerer Mark die Herborner Mark genannt2). In den 914/1048 umschriebenen Kirchspielsgrenzen von Haiger liegen die jüngeren Pfarreien Ewersbach, Burbach, Daaden und Kirburg. Aus späteren Nachrichten lässt sich erschließen, dass auch der Kirche von Herborn ein ähnlich weit ausgreifender Sprengel gehörte. Die Anfänge des Christentums liegen hier jedoch Jahrhunderte früher und zeitlich noch weit vor dem Jahr 778, in dem Theutbirg, eine Frau aus einer fränkischen Adelsfamilie, mit der Kirche zu Nauborn bei Wetzlar auch ihren Besitz in Haiger der Abtei Lorsch, nahe bei Worms, schenkte 4).

Die Mutterkirche Herborn

Von der Kirche in Herborn hören wir erst sehr spät, als 1219 ein Priester in Herborn genannt wird 5). Die Pfarrkirche war urspünglich dem hl. Petrus geweiht, der noch im Pfarrsiegel aus der Zeit um 1300 erscheint6). Erst im 14. Jahrhundert hat Maria, die Schutz-heilige des Deutschen Ordens, St. Peter als Kirchenpatron in Herborn abgelöst 7). Der auf dem dritten Kreuzzug während der Belagerung von Akkon gegründete Deutschorden verdankt seit 1215 reiche Schenkungen den Grafen von Nassau 8). Graf Heinrich von Nassau überließ 1230/31 dem Deutschen Orden als Ausstattung seines Bruders Robert, der in den Orden eingetreten war, Einkünfte in mehreren Orten. Die Urkunde spricht zwar von einer Schenkung dieser Orte, schränkt dies aber ein, wenn es etwa heißt, dass der Orden aus Ober und Niederauroff, Dotzheim, Breitscheid und Erdbach jährlich 3 Mark Denare, Kölner Münze, haben soll 9). Im Jahr 1231 schenkte Graf Heinrich von Nassau dem Deutschorden auch die Kirche zu Herborn, deren Patronatsrecht er vom Landgrafen von Thüringen und dieser vom König zu Lehen hatte10). Am 3. Juni 1231 überweist König Heinrich (VII.) dem Deutschorden die Kirche zu Herborn, die Landgraf Heinrich von Thüringen von ihm und Graf Heinrich von Nassau von diesem zu Lehen trug 11). Damit leuchtet zugleich auch auf, dass die Herborner Mark altes Reichsgut war, bevor sie unter die Herrschaft der Nassauer Grafen kam. Zu dem Königshof Herborn hatte als Wald der Westerwald gehört, der nach seiner Lage westlich von Herborn benannt ist 12).

Erzbischof Arnold von Trier inkorporierte 1254 dem Deutschen Haus zu Koblenz die Kirche zu Herborn mit ihren Kapellen. Der Orden konnte seitdem alle Einkünfte der Kirche nutzen und hatte davon nur dem Pfarrseelsorger eine ausreichende Besoldung zu geben 13). Auch nach der Schenkung blieb den Grafen von Nassau als Stiftern wohl ein Einfluss auf die Besetzung der Herborner Kirche. So präsentierte Graf Heinrichs Sohn, Graf Otto, wohl durchaus gutgläubig, den Kleriker Johann von Siegen als Pfarrer für Herborn. Als es darüber jedoch zu einem Rechtsstreit kam, sprach der trierische Offizial 1276 die Herborner Kirche dem Koblenzer Deutschhaus und dem Deutschordenspriester Otto zu 14). In Holler bei Montabaur bestätigte Graf Otto von Nassau am 30. Juni 1277 dem Deutschorden die von seinem Vater Graf Heinrich geschenkte Kirche zu Herborn 15)

Am 18. Mai 1287 wies der Hochmeister des Deutschen Ordens die Pfarrkirche zu Herborn vom Deutschhaus Koblenz zum neugegründeten Deutschhaus Wetzlar16). Wenige Tage später entschieden am 2. Juni 1287 gewählte Schiedsrichter erneute Streitigkeiten zwischen Graf Otto von Nassau und dem Deutschen Orden. Auf den Spruch der Schiedsrichter überließ der Deutschorden dem Grafen die Patronatsrechte der Kapellen in Driedorf, Emmerichenhain, Neukirch und Marienberg17), die sich wohl schon vor 1231 von der Herborner Mutterkirche gelöst hatten. Da schon 1295 ein Marburger Deutschordensbruder als ehema-liger Pfarrer von Herborn vorkommt 18), ist die Herborner Pfarrkirche wohl schon bald an das Marburger Deutschhaus gekommen, das diese erst 1578 wieder den Grafen von Nassau Dillenburg überließ 19).
In dem ausgedehnten Sprengel der Herborner Pfarrkirche haben noch im Mittelalter, außer Driedorf und den drei Kirchen im hohen Westerwald: Emmerichenhain, Neukirch und Marienberg, auch Schönbach (vor 1283), Feldbach Dillenburg (vor 1287), Hirzenhain (vor 1335), Offenbach (vor 1348), Bicken (vor 1351), Eisemroth (vor 1428) und Eibach (vor 1434) sich zu selbständigen Pfarreien entwickelt 20). Selbst danach gehörten 1479 und 1591 noch Amdorf, Ballersbach, Breitscheid, Burg, Donsbach, Erdbach, Fleisbach, Guntersdorf, Heiligenborn, Herbornseelbach, Hirschberg, Hörbach, Medenbach, Merkenbach, Roth, Sinn, Tringenstein und Uckersdorf zum Kirchspiel Herborn 21).

Breitscheid wird Kapellengemeinde

Ein immer noch so großes Kirchspiel konnte ein Pfarrer von Herborn aus, selbst mit Gehilfen nur schwer versehen. Aber auch den Gemeinden waren die weiten Wege zur Mutterkirche lästig, So entstanden, verstärkt seit dem 14. Jahrhundert, fast in allen Orten neue Kapellen. Oft wurden zugleich auch Haus, Hof und Einkünfte für einen Geistlichen gestiftet, der dann im Ort wohnen und die Kapelle bedienen konnte. Gelegentlich halfen adlige Grundbesitzer, denen dann auch die Patronatsrechte zufielen 21). Wo solche Hilfe fehlte, mussten die Gemeinden sich selbst helfen. So war es auch in Breitscheid, das in jener Schenkung an den Deutschorden 1230/31 zuerst genannt wird 9). Dort hatte sich die Gemeinde 1309 eine Kapelle gebaut, deren Verhältnis zur Mutterkirche durch einen Vertrag mit dem Pfarrer zu Herborn geregelt wurde. Die Urkunde berichtet in deutscher Übersetzung:

"Allen, die diese Urkunde beschauen, soll bekannt werden, daß zwischen uns, Bruder Rycholf, Pleban in Herborn, und der Gemeinde des Dorfes Breitscheid wegen das Kapellenbaues daselbst durch Vermittlung der untengenannten Männer folgendermaßen vereinbart worden ist, daß nämlich jene von Breitscheid einen Priester bei sich werden halten können, der den Gottesdienst versieht, wenn dieser mit eingeholtem Rat des Plebans von Herborn angenommen sein wird. Die Kirche von Herborn bleibt ungeschmälert in ihrem Recht , das sie in der genannten Gemeinde vor der Erbauung gehabt hat, wenn nicht etwa, wegen der Ungunst der Witterung, der räumlichen Entfernung oder einer anderen eintretenden Unbequemlichkeit mit erbetener Erlaubnis des Plebans in Herborn eine Leiche dort begraben werden müßte. Obendrein soll die genannte Kapelle 10 Denare zur Anerkennung der Oboedienz und die Gemeinde daselbst einen Malter Hafer jährlich der Kirche zu Herborn zahlen. Außerdem soll die Kirche zu Herborn die Hälfte der innerhalb der Grenzen der Pfarrei Herborn der vorgenannten Kapelle vormachten Stiftungen bekommen falls nicht der Pleban von Herborn aus Gnade darauf verzichtet. Bei dieser Anordnung waren zugegen: Bruder Otto, der, Gehilfe des Pfarrers in Herborn; Herr Johannes, Pleban in Schönbach; Herr Bruno, Pleban in Hirschberg; und Friedrich von Miehlen, Kanoniker der Wetzlarer Kirche, auf die man sich als Schiedsrichter zum Abschluß der genannten Vereinbarung geeinigt hatte.
Damit diese Ordnung dauerhaft anhalte und bleibender Erinnerung übergeben sei, haben wir mit Fleiß gebeten, diese darüber angefertigte Urkunde mit dem Siegel der Stadt Herborn zu bekräftigen. Wir, die Schöffen und der Bürgermeister von Herborn, erklären, daß wir auf Bitte des frommen und ehrwürdigen Mannes, Bruders Rycholph, unseres Plebans in Herborn, und der Gemeinde des Dorfes Breitscheid unser Siegel an dieser gegenwärtigen Urkunde angehängt haben. Geschehen und gegeben im Jahr des Herrn 1309 22)."

Von der damals erbauten Kirche hat sich über viele Jahrhunderte der Chorturm erhalten 23). Das Schiff war geräumiger als bei den meisten Dorfkirchen jener Zeit im Dillgebiet. Nicht zuletzt wohl, da Breitscheid auch 1447 mit 39 Haushalten eines der größten Dörfer im Bereich der Herborner Mark war 24). Mit dem Kapellenbau und der Bestellung eines Kaplans war ein erster Schritt zur Loslösung von der Mutterkirche getan. Jahrzehnte später hören wir 1349 wieder von der Kapelle zu Breitscheid 25). Am 14. Mai 1511 bekundet Graf Johann von Nassau, Vianden und Diez, dass seine Untersassen und Getreuen, die Gemeinde des Dorfes Breitscheid im Amt Herborn, ihm eine ganz alte Pergamenturkunde vorgelegt haben. Die Urkunde war ganz verrottet, verblichen und zu Schanden gegangen, die Siegel waren abgefallen und lagen lose dabei, so dass der Graf auf Bitte der Gemeinde diese Urkunde, die etliche Gerechtigkeiten der Kapelle zu Breitscheid anzeigte, durch seinen Sekretär durchzusehen und unter seinem Siegel zu erneuern befahl. So hat sich der Text dieser Urkunde in einer einfachen jüngeren Abschrift aus dem Jahr 1546 erhalten.

Vertrag zwischen Kaplan und Gemeinde

In dieser Urkunde vom 22. Februar 1349 verträgt sich Konrad, Hermanns Sohn von Breitscheid, der damals Kaplan der Kapelle zu Breitscheid war, zugleich für seine Nachfolger mit Trutwin, einem Sohn desselben Hermann, mit den Brüdern Bechtelf und Heiman, genannt die Rumppen, mit Herman Damals Sohn, Johann Schutze, Herman Heintze, Smit Diele, Leist und Contze an dem Felde, die für alle Nachbarn des Dorfes Breitscheid und für alle ihre Erben handeln "Mancherlei Streitigkeiten, die bisher unter ihnen wegen der Kapelle waren, haben sie mit Rat und Hilfe beiderseitiger, dazu gewählter Freunde auf folgende Weise beigelegt. Die Nachbarn von Breitscheid sollen Herrn Konrad, dem Kaplan, und seinen Nachfolgern bis zum nächsten St. Michaelstag von dem Gut der Heiligen", dem Gut der Kapelle, "ein halbe Mark Rente kaufen. Diese Rente soll ewig dem Kaplan zu Breitscheid am St. Michaelstag fallen. Für diese halbe Mark sollen die Kapläne, die nach Ihm kommen, ihnen und ihren Nachkommen ihr Weihwasser segnen, die Heiligentage verkünden und alle Rechte tun, die sie aus Gnade von dem Pfarrer (perner) zu Herborn haben, dem sie davon jährlich ein Malter Hafer Gülte geben. Solange sie die halbe Mark nicht gekauft haben, wollen sie diese doch von dem Gut der Heiligen reichen ohne Arglist.

Der Kaplan Konrad zu Breitscheid gelobt, zugleich für seine Nachfolger, ihnen die Rechte und Gnade zu tun, die sie von dem Pfarrer zu Herborn haben. Dem Kaplan soll auch 1 Schilling Geld, der bei Hermann Dannen zu Obererdbach fällt am St. Michaelstag, gehören. Was Herr Konrad, der Kaplan, als Zubehör der "Widombhobe", der für den Unterhalt des Geistlichen gewidmeten Hube, besitzt, an Hof, Garten oder Wiesen, soll die Gemeinde nicht mindern. Er soll es jedoch auch nicht mehren, es sei denn, er kaufe dazu oder es werde ihm mit ihrem guten Willen gegeben. Der Kaplan, Herr Konrad, und seine Nachfolger, sollen das geschworene Märkerrecht haben. Sie sollen die Nachbarn bei Verletzung dieses Rechtes rügen, und diese sollen sie wieder rügen dürfen: dann sollen sie gleich den Nachbarn es auch büßen. Wenn ihre Markgenossen im Wald (Hultzmercker) Holz austeilen, sollen die Kapläne einen Anteil haben, wie jene, die am meisten bekommen. Wenn diese weniger Holz fällen, sollen die Kapläne aus der Gemeindemark dafür entschädigt werden.

Den Raum, den Herr Konrad, der Kaplan, an sich gezogen hat, mit einem Kasten im Turm zu Breitscheid, den soll er in dieser Weite in der Höhe bis an die Balken ausbauen, sonst soll er mit dem Turm nichts zu schaffen halben 26). Damit war dem Kaplan im

Turm, der in Kriegszeiten Wehrturm der Gemeinde war, Raum für einen Kasten in sicherem Verwahr eingeräumt. "Jeder Kaplan sollte das Pforthaus des Kirchhofs zu Breitscheid innehaben zu seinem Nutzen und mit Dach und anderem in Bau halten, jedoch es niemand verleihen. Sollte von Kriegs wegen Ungnade ins Land kommen, dann soll er das Pforthaus räumen, wenn die Nachbarn es von ihm fordern, damit diese darauf sein können, solange der Krieg währt. Zöge er nicht gerne davon, so sollen sie ihm das Seine davonwerfen und daraufziehen ohne Frevel. Wenn der Krieg aus ist, kann er das Pforthaus wieder nutzen wie zuvor." Diese Bestimmung zeigt, dass der ummauerte geweihte Kirchhof in Kriegs und Fehdezeiten zugleich Zufluchtsort der Gemeinde war und neben dem Turm den Bewachern als Aufenthaltsraum zu dienen hatte. "Wenn das Pfortenhaus in einer Fehde des Landesherren (Herrennoeden) abbrennt, sollen es die Baumeister wieder machen, verbrennt es durch Schuld des Kaplans, hat er es zu bauen. Die Baumeister, denen Bau und Rechnungswesen der Kirche anvertraut war, sollen einmal im Jahr mit Anfordern des Kaplans mit ihm abrechnen. Die Gemeinde soll diese Baumeister mit dem Rat des Kaplans wählen."

"Die Almosen, die zur Kapelle in Breitscheid fallen, es sei an lebendigem Vieh, an Geld oder an anderem Gut, das Geld bringen kann, sollen halb dem Altar und halb zur Beleuchtung gehören, Die Baumeister sollen die Almosen anlegen und Gülten kaufen, halb für den Kaplan und halb zur Beleuchtung. Es sei denn, daß die Kirche oder der Kirchhof in den Bann kommen oder Schaden leiden, durch Unwetter oder anderes Unglück, dann soll das zunächst wieder in Ordnung gebracht werden von Almosen der Gemeinde. Danach aber sollen Kaplan und Beleuchtung wieder ihre Anteile haben."

"Almosen, die am Kirmestag für St. Anthonius auswendig der Kirche fallen, sollen halb dem Kaplan und halb der Beleuchtung gehören. An diesem Tag sollen die Baumeister dem Kaplan und seinen Gästen ein halb Viertel Wein, wenn Wein feil ist, oder ein Viertel Bier, wenn Bier und kein Wein feil ist, schenken.

Diese Urkunde und alle Urkunden der Kirche sollen in ein gemeinsames Behältnis gelegt worden. Je einen Schlüssel dazu sollen der Kaplan und die Baumeister haben. Alle diese Punkte und Artikel geloben beide Seiten in guter Treue stet und fest zu halten; wer diese breche, solle treulos und meineidig sein und 10 Mark Strafe verbrochen haben und es doch stet und fast halten müssen. Auf Bitten beider Seiten siegelten Strikkelnhen und Dilen Fritzen Sohn, damals Bürgermeister zu Herborn, und Herr Niclas, der Pfarrer zu Herborn" 25).

Als Patron der Kirche von Breitscheid wird in dieser Urkunde der hl. Antonius genannt, dem vielfach Filialkapellen in ländlichen Gegenden geweiht waren. Er galt als Helfer gegen den Rotlauf der Schweine und wurde darüber hinaus ganz allgemein als Schützer gegen allerlei Seuchen unter Menschen und Tieren verehrt. Möglicherweise war die Breitscheider Kirche noch einem zweiten oder auch weiteren Heiligen geweiht, da 1349 das Kirchengut zweimal "der helligen" oder "der heiligen gude" genannt wird 32).

Die Kapläne in den letzten 100 Jahren vor der Reformation.

Mit dem Kirchspiel Herborn gehörte die Kapelle von Breitscheid zum Dekanat Haiger und zum Archidiakonat Dietkirchen des Erzbistums Trier. Am 9. Oktober 1431 teilt der Archidiakon zu Dietkirchen, Werner von der Leyen, dem Pleban zu Breitscheid mit, dass ihm Komtur und Brüder das Deutschordenshauses Marburg einen Priester für die Pfarrkirche in Herborn präsentiert haben. Er ersucht den Pleban, die notwendigen Ermittlungen anzustellen, ihn zu unterrichten und schließlich jenen Priester in den Besitz der Pfarrkirche einzuführen und die Urkunde ihm zurückzugeben 27). Die Bezeichnung Pleban wird sonst in jener Zeit gleichbedeutend mit Pfarrer verwendet. Wenn der zuständige Archidiakon hier den örtlichen Geistlichen an Breitscheid als Pleban bezeichnet, darf man daraus schließen, dass dem Kaplan von Breitscheid im Laufe der Zeit längst weitere Recht, eingeräumt worden oder durch Gewohnheit zugefallen waren.

Ein Vorgänger jenes Plebans von 1431, ein Herr Francke, 1408 28), und seine Nachfolger werden jedoch sonst durchweg nur als Kapläne von Breitscheid bezeichnet. Das Patronatsrecht der von der Gemeinde gestifteten Kapelle hatten die Grafen von Nassau Dillenburg an sich gezogen. Graf Johann von Nassau Dillenburg präsentierte am 7. März 1494 Herrn Johann, Loisse aus Siegen und am 26. August 1495 den Kleriker Nikolaus Koch aus Dillenburg zur Kapelle in Breitscheid 28). Johann Loisse hatte vorher bereits am 15. Mai 1490 vom Grafen die Kapelle zu Roth erhalten, die er auch neben der Kapelle zu Breitscheid beibehielt, wie Graf Johann auch den Nachfolger Nikolaus Koch am 26. August 1495 zugleich zur Kapelle in Roth präsentierte 29). Nikolaus Koch hat in Breitscheid noch die Einführung der Reformation um Dillenburgischen durch Graf Wilhelm von Nassau-Dillenburg erlebt.

Die Kapellengemeinde nach der Reformation

Von der Einführung der Reformation in Breitscheid selbst hören wir wenig. Es ist wohl ein Zeichen für einen langsamen Wandel, dass man hier 1534 und 1535 nach alter Gewohnheit noch das Wort "Messe" für "Gottesdienst" gebraucht. So in einer Eingabe an den Grafen, in der die Breitscheider 1534 klagen, die Gusternhainer, mit denen man um die Weide im Streit lag, hätten ihnen "unter der Messe" beim Dorf zwei Pferde gepfändet und weggeführt 31). Am 4. Juli 1536 verleiht Graf WiIhelm von Nassau, Katzenelnbogen, Vianden und Diez, als Patron die durch den Tod des letzten Inhabers, Niclaß Koch, freigewordene Kaplanei Breitscheid "dem ehrsamen, unserem lieben, andächtigen Herrn Jakob Ebersbach". Er hielt diesen als Priester dafür tauglich, allein um Gottes willen, Gottes heiliges Wort lauter und rein zu predigen, dem Volk in Lehre, Leben und Wesen treulich, christlich und nach der Ordnung des Grafen wohl vorzustehen und sich allezeit so zu verhalten, wie es einem Kaplan gebührt und wie er es in seinem Revers versprochen hat. Graf Wilhelm präsentierte, investierte und bestätigte ihn mit dieser Urkunde und befahl allen, ihm Haus, Hof und alle zur Kaplanei gehörenden Güter unverändert zukommen zu lassen, ihm auch alle Gefälle, Renten und Nutzungen, ohne Ausnahme und unbestritten, zu geben, damit er diese, solange er den Altar bedient, zu seinem Unterhalt gebrauchen kann. Graf Wilhelm verlieh am gleichen Tag, 1536, Jakob Ebersbach auch die Kapelle zu Langenaubach 32) im Kirchspiel Haiger, die er, ebenso wie seine Vorgänger die Kapelle in Roth, von Breitscheid aus versah.
Jakob Ebersbach hatte 1519 in Bologna studiert und war 1521 in Trier zum Priester geweiht worden. Als "Choralis" hatte er in Dillenburg wohl einen Altar bedient, danach war er Kaplan zu Siegen gewesen, Nachdem Erasmus Sarcerius, der seit 1538 als Superintendent in Dillenburg wirkte, ihn ordiniert hatte, versuchte er anscheinend seine Rechte in Breitscheid zu erweitern, da 1539 der Pastor zu Herborn auf der Synode gegen den Kaplan zu Breitscheid klagte, "weil er das Sakrament gereicht hälte", was nur dem Pfarrer zu Herborn zustehe 31). Wenig später musste Jakob Ebersbach Breitscheid verlassen. Er hatte sich mit einer Verwandten dritten Grades vergangen und musste, da man die Kirchenzucht strenger als vor der Reformation handhabte, eine Gefängnisstrafe verbüßen. Er verlor seinen Dienst in Breitscheid und kam 1541 als Kaplan nach Haiger. Seit 1546 stand er erneut in Breitscheid. Als am 6. Februar 1549 sämtliche Pfarrer im Dillenburgischen von einer kaiserlichen Kommission befragt wurden, ob sie das Augsburger Interim einnahmen wollten, das wichtige Punkte der evangelischen Lehre wieder preisgab, erklärten sich alle bis auf zwei dagegen. Einer der beiden Abtrünnigen war Jakob Ebersbach, der Kaplan von Breitscheid 33). Neigte er zu einer vermittelnden Haltung, oder war es nur die Sorge um den Dienst und das tägliche Brot für Weib und Kind? Wir wissen es nicht.

Jakob Ebersbach hat in Breitscheid in seiner langen Dienstzeit 1578 noch den Glaubenswechsel zum reformierten Bekenntnis unter Graf Johann Vl. von Nassau DiIlenburg erlebt. Als er über 50 Jahre im Dienst war, erhielt er 1582 in Michael Schnadius einen Gehilfen. Mit diesem Nachfolger hatte die Gemeinde wenig Glück. Er wurde 1586 beurlaubt, weil er etwas dem Trunk geneigt war. Er musste mit Weib und Kindern weichen und zog in seine Heimat in die Pfalz nach Ingelheim. Vergebens bemühte er sich von dort aus um ein Zeugnis, da man feststellte, dass er nicht examiniert und ordiniert war, und da der Herborner Professor Caspar Olevan sehr über diesen Schandflecken der Kirche klagte.
Kurz vor dem Tod das Jakob Ebersbach, der seit 1582 meist als Pastor von Breitscheid bezeichnet wird, übernahm Pastor Johannes Herbst Ostern 1586 die Kirche zu Breitscheid und die Kapelle zu Medenbach. Diese Kapelle zu Medenbach, die in einer Liste der Filialkirchen und Filialkapellen von Herbem 1479 noch fehlte 27) und seit 1496 vorkommt 35), blieb seitdem mit Breitscheid verbunden. In einem Bericht des Herborner Pfarrers, Inspektors und Professors der Theologie Jodocus Naum werden 1591 Breitscheid und Medenbach noch als zwei Kapellen des Kirchspiels Herborn bezeichnet, die von Herrn Herbst bedient werden. In allen FiliaIdörfern von Herborn, außer in Herbornseelbach, Ballersbach und Breitscheid mussten die "Collegae", der Pfarrer und die anderen Geistlichen zu Herborn, noch die Kranken besuchen, Junge und Alte im Katechismus unterweisen, außer Wochenpredigten alle vier Wochen Abendmahlsgottesdienste halten, die Kinder taufen und Hochzeitspredigten halten 36). Diese Bemerkung zeigt, dass Breitscheid und Ballersbach rechtlich zwar noch als Filialen von Herborn galten, sich jedoch sonst schon völlig von der Mutterkirche in Herborn gelöst hatten, neben der sie in der Folge als selbständige Pfarrkirchen erscheinen.

Anmerkungen:
  1. 1) F. Philippi, Siegener Urkundenbuch I 1887 Nr. 2.
  2. 2) Ebd. Nr. 1
  3. 3) J. Hörle, Die alten Westerwälder Termineien in: Archiv für mittelrhein. Kirchengeschichte 5, 1953 S. 359 75; W. H Struck, Quellen zur Geschichte der Klöster und Stifte im Gebiet der mittleren Lahn 2, 1959 Nr. 1053.
  4. 4) K. Glöckner, Codex Laureshamensis III 1936 Nr. 3058.
  5. 5) Struck 4, 1962, Nr. 136.
  6. 6) Abdruck 1328 (Hauptstaatsarchiv Wiesbaden zitiert HStAW 170 Urk.).
  7. 7) P. Wagner in: Nassauische Annalen zitiert Nass. Ann. 32. Bd. 1901, S. 26: 0. Renkhoff in. Nass. Ann. 67, Bd. 1956, S. 107
  8. 8) K. H. Lampe in: Nass. Ann. 81. Bd. 1970, S. 2 3.
  9. 9) A. Wyß, Hessisches Urkundenbuch I 1879 Nr. 19.
  10. 10) Ebd. Nr. 20.
  11. 11) Ebd. Nr. 23.
  12. 12) H. Gensicke in: Nass. Ann. 68, Bd. 1957, S. 262 ff..
  13. 13) Wyß Nr. 124.
  14. 14) Wyß Nr. 322.
  15. 15) Wyß Nr. 340.
  16. 16) Ebd. Nr. 475.
  17. 17) Ebd. Nr. 477.
  18. 18) Pleban Heinrich (Ebd. Nr. 604).
  19. 19) Ch. D. Vogel, Beschreibung des Herzogthums Nassau, 1843 S. 719,
  20. 20) G. Kleinfeld, H. Weirich, Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum,1937 S. 166 173.
  21. 21) Ebd. S. 170.
  22. 22) Wyß 2. Bd. Nr. 153.
  23. 23) Zur Baugeschichte: W. Lotz, F Schneider, Die Baudenkmäler im Reg. Bez. Wiesbaden, 1880 S. 47; F. Luthmer, Die Bau und Kunstdenkmäler des Reg Bez. Wiesbaden 4 Bd. 1910 S. 93 L. Kraft, Die Kirche zu Breitscheid in: Nachrichten über die Familie Groos, von Breitscheid Nr. 4, 1937 S. 498-505; Bauer in: a Heimatblätter 26. Jg., 1958 Sr. 19/20; G. Dehio, M. Backes, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen, 1966 S. 98.
  24. 24) HStAW 171 S. 2944 a. In der Liste wird "Weydebach" des Priesters Knecht zu Breitscheid genannt.
  25. 25) HStAW 170 Urk. 370; R. Kuhlmann, Eine alte bedeutungsvolle Dorfurkunde in: Heimatblätter 16. Jg. 1943 S. 4.
  26. 26) L. Kraft S. 500 erschließt daraus eine Baulast das Kaplans für den Chor der Kirche, die jedoch nur aus einem, hier nicht vorhandenen Anteil des Kaplans am Zehnten hergeleitet werden könnte.
  27. 27) HStAW 170 Urk.
  28. 28) HStAW 171 Z. 813
  29. 29) HStAW 171 P. 642 f. 18.
  30. 30) Ebd. F. 19
  31. 31) R. Kuhlmann, Aus der Reformationsgeschichte Breitscheids In: Heimatblätter 3. Jg. 1930, S. 78/79.
  32. 32) HStAW 171 B. 280
  33. 33) Anm. 31, 32 und 34.
  34. 34) HStAW 171 Z. 1035
  35. 35) Ebd. P 642.
  36. 36) J. H. Steubing. Kirchen- und Reformations Geschichte der Oranien-Nassauischen Lande, 1804 S. 232.

 

aus der Festschrift zur Neueinweihung der Pfarrkirche in 1970

 

 

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