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Hasselbach und Wildendorn

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Westerwälder Bauerngeschichten / Fritz Philippi

zweite, vermehrte Auflage Verlag von Eugen Salzer in Heilbronn 1913

Inhalt
1. Der Lohnprediger 3
2. Wie der Kuhhirts Hannes einmal den Pfarrer von Hasselbach vertrat 75
3. Der Eierschuster 83
4. Eich beiß d´r uff de Kamm 89
__________________

5. Der Enkelsohn vom alten Fuchs 95
6. Gickel und Gimbert 103
7. Der gescheitste Pfarrer 111
8. Wasserscheu 119
9. Des Weibes Bestimmung 129
10. S´ hot gut gera´hnt 135
11. Bei´m Schneiderpat 141
12. Der Wacholderpfarrer 147


Der Lohnprediger

1.

    Maiwetter wars. Kaum konnte mans glauben: wirklich Maiwetter!
     Monate hindurch lag die ganze Welt im Schnee begraben, als käme der Erdboden nimmermehr zu Tag. Die Häuser hockten trübselig unter der Winterlast, die Gassen schrumpften zusammen zu Fußwegen zwischen hohen Schneemauern. Abwechselnd Schneeschippen und Schneetreiben. Und immer um Kopf und Hals das dicke Gemummel und immer Einhocken.
     Wie da der Hunger erstand nach Frühling, Grün und Sonne! Schon den ganzen April über sangen die Schulkinder: "Alles neu macht der Mai." Drunten im Grund, wo es um einen Rock wärmer war, gabs auch schon wochenlang frische Wiesen und Schneeglöckchen, aber zum Bergsteigen, den hohen Westerwald hinauf, war der Frühling noch zu jung und schwach. Bis Sturm und Regen vor ihm Bahn machten und die Wildwasser talabwärts tosten.
     Aber nun war er da und Maiwetter! Neubelebt mit einemmal erhob sich das Dorf. Winterwams und Halstuch kam endlich vom Leib. Lustig knallten die Peitschen, und in langen Reihen fuhren die Fässer mit Misteputtel zum Acker.
     Gönnerhaft lächelnd stand die Sonne am Himmel: Sieh da, das Dörfchen Hasselbach! Es schaute noch ärmer aus als im Herbst. Die langen, braunen Strohdächer und vorn die hellen Guckaugenfenster, Ei! Und der kurze, breite Kirchturm inmitten der dunklen Riesentannen mühte sich noch immer so vergeblich ab, wenigstens mit dem Zinkknopf und der rostigen Wetterfahne einen

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Blick ins Land zu gewinnen; umsonst, die Tannen waren ihm endgültig über den Knopf gewachsen. Und dicht dabei der schmutzige Tümpel. Katzenweiher heißt er, auch Brandweiher. Bald laichen wieder die Frösche darin und quaken in der Mainacht. - Und auch das alte, windschiefe Pfarrhaus stand noch? Ja, seine eichenen Balken dauern, sonst hätte es der Winter längst über den Haufen gerannt.
     Aber der Gartenzaun ringsherum, Spektakel, wie sah der aus! Halb umgetreten hatte der Sturm die Pfosten und Latten losgerissen. Natürlich spazierten die sämtlichen Hühner der Nachbarschaft durch die Zaunlücken und betrachteten das Gartenland als ihren gedeckten Tisch. Vergangene Woche erst grub der greise Pfarrer und die alte Pfarrmagd mit vieler Müh den Boden um, bis der Pfarrer es ins Kreuz gekriegt vom vielen Bücken, und die Trine allein weiter grub. Und der Spitz hatte dabei gesessen, damit alles seine Richtigkeit habe.
     Freßgierig kratzten die Hühner im Gemüse-, Salat- und Erbsenland tiefe Löcher und ungestört. Ein paarmal hetzte die Trine den Spitz dahinter, aber der bekam kein Maul voll Federn mehr, weil auch der Spitz alt war wie alles im Pfarrhaus.
     Keiner der Hasselbächer aber, die mit ihrem Kuhgespann den Garten entlang fuhren, scheuchte die Eindringlinge. Ja, wenns ihre Sach gewesen wäre, oder auch für den Nachbar! Aber dem Pfarrer zulieb? Recht so, wenn den die Hühner ärgerten.
     Schadenfroh wies der "Kirchenhanjer" mit der Geißel hinüber und die Uebrigen grinsten: "Mer sieht doch gleich, was Pärrner´sch Goarte is." Und dabei war er im Kirchenvorstand der Haupt-Mann gewesen, der dem Pfarrer einen neuen Zaun rundweg abschlug: Das

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gäb der Köste zuviel, und die Kirchensteuer wär den Leuten ohnedies zum Verdruß.
      So wars auch. Und fortlächeln konnte das alle Freundlichkeit der Maisonne nicht, die Hasselbächer waren mit wenig Ausnahmen ihrem Pfarrer spinnefeind. An den langen Winterabenden wars über nichts so oft mit zornigem Eifer hergegangen, als über das Verderben Babels, d.h. der Kirche und über die Pfaffen und Lohnprediger. Einer gar, der Prophet hieß er, war aufgestanden: Nicht zweimal mehr würd geerntet, dann wären alle Pfaffen die "Hub" hinaufgejagt, und in der Kirch würd Schaflaub gewintert.
      Der Prophet starb darüber. Aber mochte er recht behalten oder nicht, dies war die allgemeine Stimmung. Hasselbach hätte mitgeholfen, wenns dazu gekommen wäre.
      Sonderbar! Wer sich von draußen, der Welt her, in diese Berge verstieg nach langer, mühseliger Wanderschaft, der vermutete in dem weltentrückten Dörflein alles andere, nur keinen "Revult". Und doch war über ein Drittel der Ortsbürger schon aus der Kirche ausgetreten, und die Mehrzahl der Uebrigen nicht weit ab vom Sprung.
      Allerdings schrieb sich diese Kirchenfeindschaft erst seit den letzten Jahren her.
      Etwas Absonderliches hatte wohl von alters schon dies Völkchen auf seiner inselartigen Bergesheide, die selber durch steil abfallende Randschluchten sich abgesondert hält vom Strom der Zeit in den Tälern. Und während die Menschen hier oben ihr Brot aßen von der stillen Heide in mühseliger Lebensarbeit und nachts dem brausenden Schlachtlied des Sturmes lauschten, wurden auch sie eigenartig und herb wie ihr Mutterboden. Zum Grübeln geneigt, versenkten sie sich in ihre

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Bibel, die noch unbestritten herrschte. Abends kamen sie zusammen in den "Stunden", und nicht selten vernahm man aus dem Kreis der schlichten Bauern tiefe Worte von der Stille und vom Strurm, und harte, abgearbeitete Hände griffen über sich im Gebet. Das war die alte Welt. Aber jetzt lebte der Alten kaum einer noch, und unter den Jungen war das Feuer ein fressender Brand geworden.

      Hätte einmal den Vorvätern gegenüber jemand den Mund auftun sollen: ihre Kirche sei vom Evangelium gewichen! Er hätte gespürt, daß dort kein Gras mehr wächst, wo Westerwälder Zorn hintrifft. Dazumal wars eine Schande, worum ein Nachbar den andern ansah, wenn einer Sonntags in der Kirche seinen gewohnten Platz leer ließ, wo schon Vater und Altvater gesessen. Der erste Gang, wenn eine Kindbettersche unter der Dachtraufe herging, war zur Kirche. Ja, schlagen tat man sich dazumal um die Kirchplätze! Als Fuchsenheck zum Kirchspiel Hasselbach kam, gabs mehr wie einmal blutige Köpfe, bis die neue Tribüne gebaut war.
      Und jetzt? Daß Gott erbarm! Außer der Schule und den Lehrern hie und da eine Frau, hie und da ein Mann, und das waren meist noch Fuchsenhecker. Dagegen schallte um so lauter während des Gottesdienstes geistlicher Gesang aus den offenen Fenstern beim Kirchenhanjer - immer, wenn der Pfarrer auf die Kanzel stieg zur Predigt.
      Martin Rompf, der Pfarrer von Hasselbach, war der das Fortjagen wert?
      Auch ins Pfarrhaus zog der lichte Maitag unten durch das halbmannshohe Fenster der Studierstube, zur Freude des Hänflings, der von der Fensterbank sein Lied dem Frühling zusang. Mit knarrenden Stiefeln durchmaß der Pfarrer den niederen Raum. Seine lange,

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hagere Gestalt rührte fast an die Decke. Ein hoher Sechziger, dem weißes Haar niederhing auf den Kragen des schwarzen Rockes, aus dessen linker Hintertasche ein geblümtes Taschentuch guckte. In der anderen Tasche fingerte unruhig die linke Hand. Der Nachmittagskaffee stand unberührt auf dem Tisch, und sogar die lange Pfeife lehnte verschmäht am Stuhl.
     Schon stundenlang ging es so auf und ab, die Augen am weißgescheuerten Fußboden; seitdem der "Postmüller" dagewesen mit dem Brief.
      Täglich am frühen Nachmittag kam ins Pfarrhaus der Postbote, der Verbindungsmann mit der Außenwelt. Stiefelgestampf vor der Haustür. Wütendes Gekläff von innen. Und dann mußte schnell jemand bei der Hand sein; denn der Spitz und der Postmüller lebten auf Kriegsfuß. Heute knurrte auch die Trine, als sie den gewichtigen Brief mit dem feierlichen Amtssiegel zwischen den Fingerspitzen hineintrug: Darin ständ nichts Gutes. Ganz aufgeregt nahm ihn der Pfarrer. Seine Hände zitterten beim Lesen. Und seitdem knarrten die Stiefel ruhlos auf und ab.
      Also war es eingetroffen! Schon wochenlang sah Martin Rompf das Schreiben unterwegs; seit der Kirchenvisitation. Da verhießen die hochgezogenen Augenbrauen des Herrn Dekan dem greisen Hasselbächer Pfarrer Unheil. Wie wars aber auch an jenem Sonntag gewesen; wie verabredet! Die Kirche beinahe leer, und im Vorübergehen beim Kirchenhanjer standen sie dichtgedrängt bis auf den Hausgang. Und als der Herr Dekan seine Ansprache hielt, der überlaute Gesang von draußen herein, der ihm ins Wort fiel! Der hochwürdige Herr hatte abgebrochen und im Gebet die Hasselbächer Gemeinde an Haupt und Gliedern der Gnade Gottes befohlen.

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Dann, am Nachmittag, die Kirchenvorstandssitzung, die eigentlich keine war. Denn nur die zwei Fuchsenhecker hatten sich eingefunden und von Hasselbach einzig allein der treue Weber. Weberkarl hieß er, der unentwegt zu seinem Pfarrer hielt und stets versicherte: Er und der Pfarrer seien Kam´raden, d.h. gleichaltrig. - Das aber war feste Ordnung im Dorf, daß die Kam´raden zusammenhielten.
      Der Weberkarl hatte auch hinterher nicht verschwiegen, was in der Sitzung noch verhandelt wurde, als der Dekan den Pfarrer kirchenordnungsmäßig aus dem Studierzimmer schickte.
      Woran es läg, daß das Kirchspiel so abgenommen hätt? Und ob der Pfarrer nicht schuld wär? - Darauf hätten die Fuchsenhecker angegeben: Ihnen passe der Pfarrer ganz gut. Aber, was die Hasselbächer wären, so wüßt jeder eins auf dem ganzen Wald, die hätten Köpf wie die Wilden. - So heißen die runden Basaltblöcke auf der Heide, die zum Mauern nichts taugen, weil sie kein Lager haben. Auch lassen sie sich nicht kleinklopfen, eher geht der Schlägel entzwei. - Das seien noch alle Hasselbächer Pfarrer gewahr worden. Und den Fuchsheckern hätten sie ihr Kirchhofstürchen, was doch ihr Recht und Weg wäre, vor der Nas zugemauert. Und ob´s der Herr Dekan nicht fertig brächt, daß das Türchen wieder hergestellt werde?
      Da aber stand der Weberkarl auf und legte dem Herrn Dekan die Wahrheit dar: "Herr Dekan, de Parrer unn eich sein Kam´rade. He is e gläuwiger Man, unn bei die Kinner Gottes hot´r von Aafang gehalte, wie eich mei Lebtag. Unn aach die Hasselbächer sein halb so schlimm. All die Johr´n hot mer naut wider de Parrer gehurt, bis die fremde Mensche kame, do fing des Werk aa.

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     Wie die Vichel erscht im Nest saße, wurd die Kirch newe higesaßt.(gesetzt) Unn kaa Mensch war mih gläuwig, wer nit bei sie hielt. Wer awer aut gege die Pärrner säht,(sagt) heeßt bekohrt.(bekehrt) ´s is e Krankheit unner´m Volk unn nit z´vertreiwe." Ja, so hatte der ehrliche Weberkarl für seinen Kam´raden gestritten.
      Und was sagte der Herr Dekan beim Abschied zu ihm: Die Verhältnisse seien leider schwierig, sehr schwierig. Der Herr Kollege solle sich mit allem Eifer der Versammlung annehmen und doppelt treu sein in der Seelsorge - sofern er das noch vermöchte bei seinen hohen Jahren.
      Das war ein deutlicher Wink. Aehnlich lautete auch der Bescheid des Kirchenregiments: "Wir haben uns von dem üblen Stand der kirchlichen Verhältnisse in Hasselbach mit Betrübnis und Mißfallen berichten lassen. Der Pfarrer wird angehalten, mit sich zu Rat zu gehen, wie und ob durch ihn der unkirchlichen Bewegung der Boden entzogen werde." -
      Sollte er seine Abschied nehmen? Leben ohne sein Amt? Und fortziehen sollte er? Wie er an Hasselbach hing trotz aller üblen Erfahrungen! Hier lag sein Liebstes begraben, seine Kinder, und seit einem Jahr auch sein Weib, die Lebensgefährtin, und mehr als das. Was war ihr Letztes gewesen? "Armer Martin, daß ich dich allein lassen muß!"
      Das Stiefelknarren verstummte. Die Erinnerung kam mächtig über den Greis, und hastig zog er das geblümte Taschentuch hervor: Wenn sein Weib noch lebte! Die hätte Rat gewußt. -
      "Spitz, Hühner im Garten!" rief draußen die Trine. "Krieg den Gickel!" Maulfaules Bellen gab Antwort. Hühnergegacker. Dann wars wieder still. -

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Martin Rompf, was fängst du an? Ist keiner, der dir rät? Mitten in der Stube blieb er stehen, wo feuchte Flecke auf der weißgescheuerten Diele bezeugten, daß hier jemand mit schmutzigen Stiefeln gewesen war.
      Der Evangelist Fridolin Zanger! Dem hatte der alte Herr den amtlichen Bescheid zu lesen gegeben und gesagt: "Fridolin, was soll ich machen?" Der las genau, gab das Schreiben zurück, setzte sich wieder und blickte eine ganze Weile auf seine gefalteten Hände. Und endlich: Im Vertrauen wolle er´s dem Herrn Pfarrer sagen, der Gottfried von Ketzerbach sei an allem Schuld. Am besten käm der nicht mehr ins Ort. Dann richtete er sein bleiches Gesicht lächelnd auf: Ob´s denn nicht am schicklichsten für den Herrn Pfarrer wär, er setzte sich zur Ruh? Dann brauchte er sich über nichts mehr Verdruß zu machen, und keiner dürfte ihm zu nah treten, dafür wär der Fridolin gut! - Schließlich hatte er das Gespräch auf die bevorstehende Einweihung des neuerbauten Vereinshauses gebracht und die Zusage erlangt: kein Geistlicher außer dem Ortspfarrer solle geladen werden, weil sonst viele Brüder nicht kämen. -
      Keinen Menschen gabs an jenem Sonnentag in Hasselbach bis hinunter zum Armenhäusler, der sich so unglücklich fühlte wie der alte Pfarrer.
      Und der kriegte doch den schweren Lohn, hate ein feines Haus und brauchte nichts zu arbeiten!
      Je mehr der einsame Mann in seiner Studierstube über sich und seine Widersacher nachdachte, desto tiefer sank ihm das Haupt: Wars denn gar nicht möglich, daß er wieder in Segen wirkte? Sollte dies sein Feierabend sein, verlassen von seiner Herde?
      Die Dämmerung schlich zum Dörflein aus Heide und Tann. Der Abendwind streifte her mit kaltem Hauch. Den Pfarrer fröstelte, aber er rührte sich nicht.

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Als die Trine ins Zimmer trat mit der Lampe, saß er am Tisch, das Haupt in beiden Händen. Hastig wandte er sich ab.
      In der Küche aber gabs heute abend ein zorniges Rumoren. Die Trine stieß die Töpfe auf dem Herd hin und her und gab ihnen Namen. Und einer ging dabei in Scherben, der hieß Fridolin Zanger.

2.

In der Nacht trieb der Sturm wieder, wie so oft, sein wildes Wesen, und die starken Tannen der Schutzhecke (Tannenpflanzung zum Windschutz, charakteristisch für den Westerwald) hatten ihre liebe Not, den Tobenden abzuhalten, daß er nicht ins Dorf käme. Darum klangs auch gegen Morgen noch wie zorniger Donner über dem Walde. Eine verspätete Schneeschaube taumelte zwischen Himmel und Erde. "Frühling und Winter scheiden sich", sagten die Leute im Ort. Dann klärte sichs rasch auf, und deutlich vernahm man die Glocken von Uebernthal, das nach Sonnenaufgang liegt. Und sogar die Eisenbahn hörte man pfeifen.
      Oberhalb von Hasselbach gehts steil berauf. Das ist die Hub. Von dort schaust du weit hinaus ins blaue Gebirge, das Hinterland, dessen Höhen sich auftürmen wie gewaltige Worte Gottes, eines immer größer und mächtiger als das andere. Und nahe gehts über die langgedehnte Blachheide mit den vielen Basaltblöcken, Zeugen eines vormenschlichen Riesenstreites, als die alte Erde noch jung war und unter Feuer und Donner kämpfte - wer weiß, mit wem? Nun hält Moos und Heidekraut den starren Fels umklammert wie Liebe den Trotz und nur zum Teil ragt unversöhnt das schwarze Gestein empor.

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     Wenn einer gerade auf der Hub steht, dort wo der Wald hüben und die Schutzhecke drüben zwischen sich das breite Tor lassen, dann sieht das von unten aus, als stände der am Ende der Welt und könne von der Hub gradaus in den Himmel marschieren. Und einen gabs auch damals, der behautete allen Ernstes, dort oben auf der Hub und der Heide fände sich der Eingang zum Himmel.
      Das war der "Kuhhirts Hannes", welcher das Hasselbächer Rindvieh hütete, wie schon sein Vater und Großvater.
      Tag für Tag, Sommers- oder Winterszeit, zog er auf die Hub, er und sein Hund. Und mochte draußen ein "Woost" sein, als ob alle bösen Geister sich die Heide zu ihrem Kampfplatz ersehen hätten, mochten die übrigen Hasselbächer die Nase nicht weiter vor die Tür strecken, als nötig war, um in Stall und Scheune zu kommen - den Kuhhirts Hannes litts nicht daheim. Lieber hätte er einen Tag das Essen unterwegs gelassen als die Hub. Und im Frühjahr, wenn das junge Gras kaum gliedslang aus der Erde sah und in den Dörfern ringsum das Vieh noch im Winterstall gehalten wurde, ruhte er nicht, bis er wenigstens mit einer kleinen Herde zur Weide fuhr. Auf der Hub passiert nichts - das war ihm wie ein Evangelium. Und wirklich konnte sich auch niemand erinnern, daß in den langen Jahren dem Kuhhirts Hannes je ein Stück Vieh gefallen oder verunglückt wäre.
      So war er auch heute auf der Hub. Wie ein Steinbild, groß und unbeweglich, die Hände auf den Hirtenstab gestützt, stand er auf dem platten Basaltblock, in einem Mantel, schicklich für einen, den jedes Wetter draußen überkam. Neben ihm kauerte ein schwarzer Hund.

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     Welch einen Kopf trug der Mann! Mächtig und eckig, vom zerknitterten Schlapphut bedeckt, der zugleich Regendach und Sonnenschein war. Augenbrauen hatte der Kuhhirts Hannes - wie das Dorngestrüpp auf der Hub, und einen wallenden, grauen Bart bis auf die Brust. Für den Bart wurden ihm einmal zehn Mark geboten, von Haarkäufern, die aus dem Niederland kamen. Der Hannes antwortete: Er schnitte seinem Hund auch den Schwanz nicht ab. Wohl hundertmal am Tag kämmte er den Bart mit den knochigen Fingern.
      Dann kam auch einmal einer, ein Verwandter des Pfarrers. Die Hasselbächer hielten nicht viel von ihm; er lief den ganzen Tag in Wald und Heide umher und zeichnete in ein Buch. Der wollte den Kuhhirts Hannes samt seiner Herde auf der Hub zwischen den Balsaltblöcken abmalen. Aber er kam an den Unrechten. Der Hannes wurde grob wie Bohnenstroh und tat, als wolle man ihn und die Hub bestehlen.
      Wie jetzt im Mai frisches Leben sich durch die Scholle rang und verwundert Tag und Himmel schaute, so jung und scheu, als ahne es die vielen ratschenden Kuhmäuler! In Licht gebadet lag die Heide. Bienen summten um die ersten Wieslämmchen (Masliebchen) und Frühlingstürchen (Huflattich). Lerchen jauchzten himmelauf. Unten in Hasselbach kräuselte der Rauch von der Mittagssuppe kerzengerade empor aus den Häusern, die so nachbarlich aneinander lehnten, als müßten auch alle Bewohner in Friede und Eintracht wohnen. Fern in den Tälern lags weiß wie Milchbrei, und nur die stolzen Berghäupter ragten darüber, als dankten sie für die Mahlzeit. So weit und licht und warm wars, daß selbst ein Mensch nicht leicht kleine, enge Gedanken im Herzen haben konnte. - Fast

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hätte der Hannes so unrecht nicht: auf der Hub wär der Eingang zum Himmel.
      Zu solchen Zeiten las der Kuhhirts Hannes im Neuen Testament. Stets trug ers bei sich, und abgegriffen sah das Büchlein aus. Es war nicht übertrieben, was die Hasselbächer sagten: der Kuhhirts Hannes wisse die Bibel schier auswendig, und könne einem Pfarrer zu raten aufgeben. Das andere aber wußten die Hasselbächer nicht zu schätzen, daß der Hannes einer der wenigen Alten war, die noch die Worte von der Stille vernahmen und vom Sturm.
      Der Hund schlug an mit kurzem, knurrigem Laut, daß der Hannes aufsah mit Augen, die langsam irgendwoher aus der Ferne kamen. Stieg da ein Mensch den steilen, holprigen Fußweg vom Dorf herauf; ein junger Mann noch, dem der erste Bart wuchs. Der Kleidung nach schien er geistlich zu sein, denn lang und schwarz war sein Rock. Ein leeres Ränzlein hing ihm zur Seite.
      Lauter bellte der Hund und drohend, wie wenn ihm der Ankömmling leid wäre. Die Kühe hoben verwundert die breiten Häupter mit der "Bläß" (Der weiße Fleck auf der Stirn.) und glotzten käuend den Besuch an.
      "Kusch!" befahl Kuhhirts Hannes, worauf das Gebell sich herabminderte zu einem unhöflichen Knurren.
      Desto freundlicher tat der "Geistliche"; "Gott zum Gruß, Bruder Hannes! ... Euer Hund beißt doch nicht?" setzte er unsicher hinzu.
      "Brauchst´m grad nit zu nah z´komme. Sollst´n wohl noch kenne."
      Der junge Mann biß ärgerlich auf die Lippen. Vor etlichen Jahren, als er den geistlichen Rock noch nicht trug, und der Schäferhund noch jung war, hatte er

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einmal einen Stein geworfen, und seitdem hatte der Hund ein krummes Hinterbein und hinkte. Von der Zeit rief der Kuhhirts Hannes seinen Hund: "Schebber" (schepp=krumm).
      "Schebber, kusch!" Nachdrücklich stieß der Hirtenstab die Basaltplatte. Das Zähnegefletsch hörte aber auch gar nicht auf.
      Der im schwarzen Rock schien nicht die Absicht zu haben, kurzweg weiter zu gehen. "Heut ist liebliches Wetter, da läßt sichs gut mit´m Herrn unterhalte, wie Ihr tut", begann er klug zu loben. "Versteht Ihr auch, was Ihr lest?" Er gab dem Ränzlein einen Ruck von der Seite auf die Schulter und streckte die freigewordene Hand nach dem Büchlein des Alten empor.
      Der Kuhhirts Hannes wehrte und tats in den Sack: "Wenn eich uff dich hätt passe müsse, konnt mer die Zeit lang wer´n. Warts ab, bis eich komm unn dich um dei Ausleging froag".
      Gekränkt warf sich der Abgewiesene in die Brust: "Ihr braucht mich nit zu verachte. In Gottes Wort steht: "Niemand verachte deine Jugend. Unn ich bin doch auch auf der Schul gewese unn hab was gelernt."
      "Jo, unn dau heeßt dich Evangelist", unterbrach ihn spöttisch Kuhhirts Hannes und kämmte den langen Bart. "Eich saa´n d´r awer, des Geschäft is ausgestorwe. Vier Evangeliste waaß eich aus de Bibel unn weiter kaan. Unn wann eich emol aan brauch, der´sch gelernt hot, gihn eich liewer zum Pärrner."
      "Awer zu dem in die Kirch gehst du ja auch nit", widersprach voll Aerger der Evangelist und begann den Kuhhirts Hannes zu duzen: "Drum dacht ich, wo nun das neue Vereinshaus bald fertig is, du kämst zu uns in die Versammlung."

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"In die Kirch gihn eich nit, des is wohr. Do is mer´sch zu bedumpe(schwere dumpfe Luft). Eich hunn gern frei Feld wie hie. Awer eich tu mei Sach doch. Unn gege de Pärrner hunn eich naut, goar naut. ´n Pärrner is so nierig(nötig) wie´n Schäferhund bei de Herd. He muß die Gemaa beisammehalte."
      Gleichsam, um diese Notwendigkeit augenscheinlich zu machen, rief der Kuhhirts Hannes seinem Hund ein kurzes Wort zu, worauf dieser trotz seines lahmen Hinterbeins flink die Herde umkreiste und etliche Jungtiere, die fortgeweidet waren, anfuhr, daß sie mit gehobenen Schwänzen sich eilends zu den übrigen sammelten.
      "Was Ihr awer seid, dau unn´s Gottfridche, von Euch hot mer vordem nie naut gewißt. Unn wann eich wär wie de Pärrner", schloß der Alte, "macht eich korz unn gut unn jagt eich all´aus mei´m Perch. Sollt mir aaner komme unn bei mei´Herd wolle!"
      Aufgereckt stand der Kuhhirts Hannes da. Die wetterbraune Rechte umfaßte den Hirtenstab. Sein Schebber wies knurrend die Zähne, daß der Evangelist zurückwich.
      Heftig entfuhrs ihm: "Das sagt auch keiner wie du. Im Dorf heißts anners. Wozu bräucht mer sich ´n Pfarrer uff de Hals schicke ze lasse, der schwätze muß, wie er geheiße wird, unn der um de Lohn aus Büchern predigt? Es bräucht einer kei´gewichste Stiwel unn hätt doch de Geist! .. In dieser letzte Zeit hat sich der Herr wieder aus dem geringe Volk selber Leut erweckt, Evangeliste unn Prediger. Jetzt solle die Kinner Gottes nit mehr gedrückt wer´n; jetzt dauerts nit mehr lang, unn ..." Kurz brach er ab, als habe er zuviel gesagt.

16

Bisher hatte der Kuhhirts Hannes halb von der Seite, offenbar widerwillig, geantwortet. Bei den letzten Worten fuhr er herum, und seine Augen leuchteten scharf unter den buschigen Brauen: "So? ... So schaust dau aus unner deim stolze Rock! Dorim seist dau jahrelang dem Pärrner unner die Aage gelaafe, und he hot dich lier´n (lernen) losse, de gut Aafalt, unn üwerall hot he dich hingetaa, wie sei eige Flaasch unn Blut..... Unn etz willst dau em die Herd wegtreiwe? ... Ei dau! dau Schlechter, dau! ... Waaßt dau, wovon eich vorhi gelese hunn?" - Er zog sein Büchlein hoch aus der Tasche - "Vom Judas wars, der sein Herrn verkaaft hot um die dreißig Silwergrosche. Des host dau mer etz gut ausgeloagt. Dau host mer de Judas leibhaftig zu Gesicht broacht!"
      Scharf bellte der Hund bei den zornigen Worten seines Herrn. Wortlos und bleich schreckte der Evangelist noch weiter zurück.

      Der Alte war noch nicht fertig: "Eich saan der´sch grad vors Maul, was dau vorhost. Eich hunn mer´sch verrede wolle, awer gedoacht hunn eich´s all die Zeit üwer. Erscht hieß es: De Fridolin giht unner die Haare (Heiden). Eich glaabts nit, dann Euch all is´s nit um de Herrn z´tu, awer um e fein Lewe. Unn richtig, de Fridolin saßt sich fest uff´m Wald. Do mußts Vereinshaus gebaut wer´n. Do mußte die Leu austrete aus de Kirch. Unn nu willst dau aach dei´m Wohltäter üwer die Schipp schlaa (schlagen)? Awer paß nur uff, deß´s Gottfridche nit´s Maul vorne hot."

      Als der Evangelist endlich, schwankend zwischen Zorn und Schreck sich zur Gegenwehr aufraffte, grollte der Kuhhirts Hannes ihn vom Stein herab mit seiner ganzen

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Stimme an: "Kaa Widerwort! Eich wer´n dem Pärrner e Licht uffstecke üwer dich, deß ´m die Aage üwerlaafe. Unn etz michst dau dich aus de Heck, sonst saan eich nit mih: Schebber, kusch!"
      Der Evangelist zuckte hochmütig die Achseln, und alsbald verschwand Rock und Ranzen im nahen Tann.
      Der Kuhhirts Hannes stieg von seinem Stein und trieb die Herde tiefer in die Heide.
      In seinem Buch las er jetzt nicht weiter.

3.

Die Mittagsstunde, wann die Leute vom Feld daheim sind, heißt "de Onnern."
      Dann werden auch die Neuigkeiten von Ecke zu Ecke geschellt. Und alles ist Ohr. Der Großvater im Lehnstuhl nimmt die Pfeife aus dem Mund. Der Kranke im Bett hört auf zu husten. Die Hausfrau läßt die Mittagssuppe anbrennen und läuft mit dem Lutscherchen (Kosename für kleine Kinder) auf dem Arm zum Ehr´n (Hausflur, wo die Küche ist) hinaus und wem das noch nicht genügt, der stellt sich vor den Polizeidiener und sieht ihm auf den amtlichen Mund.
      "Bis zum End der Woch muß´s Gerschtfeld fertig sei´... Bei de huch Trapp (Hohe Treppe) is de Vielbächer Porzellanhändler ... Gleich nach Bekanntmachung soll der Schweineversicherungsbeitrag erhoben werden." ... So gings weiter noch einige Nummern, und jedesmal zwischendurch wurde geschellt.
      Der Polizeidiener verstand das "Ausrappeln" wie keiner sonst. Er hatte ganau den Tonfall wie der Ausscheller in der Kreisstadt. Er wurde auch gelobt.

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     "Michst jo heut e lang Reih ´nab. Dau müßt ´n Kopp hunn wie e Mest (Hohlmaß = 25 Liter.), das all zu behalte, unn so manchmol."
     "Jo, unn aans hunn eich noch in der Täsch", brummte in seiner verdrießlichen Art der Alte - denn alt ist jeder im Dorf, der ein Dienstchen hat - "awer do kann sich de Pärrner ´n annern siche (suchen), der´sch ´m rappelt.... Die rückständig Parrgüterpacht soll in vierzeh´Täg bezahlt sei´, sonst käm der Block zum Pfände."
     Der Block war der wohlbekannte Gerichtsvollzieher. "Schockschwernot!" Die Stimmen der Hörer fielen alle übereinander auf einen Haufen. Das Gewimmel redete, ohne Gehör zu finden. Aber Stillschweigen war jetzt Sünde.
     In Hasselbach sind die Pfarrländereien verpachtet; meist an geringe Leute, die froh sind, zu ihrem Bischen noch ein oder zwei Aecker unter den Pflug zu bekommen. Mit dem Bezahlen hats dann keine Eile, denn der Pfarrer ist natürlich ein schwer reicher Mann. - Unrechts Male, die früher zeitweise im Pfarrhaus wusch, sah mit eignen Augen, ganze Kisten voll Geld kriegte der mit der Post - Letzlich, wie durfte einer, der das Evangelium predigt, jemand ums Geld einklagen oder gar pfänden lassen! Auch hier handelte es sich um die rückständige Pacht fürs vergangene Jahr.
     "De Aal´!(Der Alte) ... De Lohnprediger!" schimpfte Katzenweihers Peter, ein Pächter und faßte den Polizeidiener am Arm. "Is´s würklich wohr?" "Juh, was soll`s nit wohr sei´! höhnte Uhls Derrer, der Reichste in Hasselbach und zugleich der größte Weltwolf, von dem es sonst im Dorf hieß: der gönne keinem Menschen etwas; und wenn der Mensch zwanzig Augen

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im Kopf hätt, müßten sie bei dem Nachbar alle scheel sein, sonst wär der Uhl nicht zufrieden. Diesmal aber stimmte ihm jeder bei: "Des waaß doch jederaans, so´n Pfaff krie´t nit satt, unn wanns ´m zum Hals eraus kimmt."
     Und zuletzt hatte der rote Christian das Wort. - Wer hat nicht schon im Walde einen alten Baumstrunk gesehen? Wann Stöck-Tag ist für die Gemeinde, fällt alles über die Strünke her und will sie aus dem Boden reißen; das Feuer sollen sie anhalten im langen Winter. Risse hat der Strunk kreuz und quer, darüberleuchtende Wetter haben ihn geschwärzt; aber mögen seine Ausläufer angefressen sein von Kleintier und Moder, er ist ein zäher, alter Klotz. - So einer war der rote Christian. Anno achtundvierzig hatte er vor´m Dorf den Büchsenlauf dem Gerichtsvollzieher vorgehalten und ihn dadurch auf der Straße herumgedreht. Jeder konnte es heut noch hören: der Klemmer war gesprungen wie ein Has. Jetzt ging der rote Chrisian am Stecken.
     "Des Parrland hunn us Altväter higeloagt, unn wann heut e armer Man sich e Stick Brot druff zieht unn hot nit gleich die Taler aus ´m Sack, kimmt so´n Hargeloffener (Hergelaufener) unn läßt ´m de Plug versteigern. Jagt die Paffe furt! Recht geschiehts Euch, wann Euch de Paff uffrißt! Eich saat´s jo, anno achtundviezig wor´sch annerscht!" Heftig stieß er den Stock zur Erde und faßte sich ächzend ins Kreuz. Denn er hatte die Gicht.
     "De Pärrner!.. De Pärrner!" riefen einige Schulkinder, die eben noch offenen Mundes dem Unterricht der Großen gelauscht hatten, und schwirrten eilends auseinander.
     Richtig! Gemessenen Schrittes kam Martin Rompf die Dorfstraße herauf; wie gerufen! Unrechts Male,

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Katzenweihers Peter verließen den Kreis. Der Polizeidiener ging weiter zur nächsten Ecke. Der Rest aber stand regungslos auf der MItte der Gasse; keiner machte Platz, als der Pfarrer das Käpplein lüftete, nur zwei oder drei boten ihm widerwillig die Zeit. Und der rote Christian, der alte, rissige Klotz? - spuckte vorm Pfarrer aus und wandte sich ab!
     "Oh! ... Oh!" Völlig fassungslos, und unfähig, ein Wort zu erwidern, hob Martin Rompf beide Hände. Seine übernächtig bleichen Züge verzogen sich wie bei körperlichem Schmerz. Dann ging er weiter, wankenden Gangs, und bog in ein nahes Haus ein, als könne er nicht weiter.
     Die obere Hälfte der waagrecht geteilten Haustür hing windschief in einer Angel. Das Strohdach braungrün vor Alter und oft geflickt; Küche und Wohnstube, das war der ganze Raum.
     Hier wohnte der Evangelist Fridolin Zanger bei seinen Eltern.
     Drei Leute saßen um den Tisch bei Milchsuppe und Speck-Kartoffeln. Der eine, ein guter Fünfziger, mit stoppeligem Kinn hatte das lederfarbene, hagere Gesicht eines Mannes, der harte Arbeit gewohnt ist und dabei nicht nach dem Wetter fragt - Feschs Hanjer, der Vater des Evangelisten. Eigentlich "schrieb er sich" Johann Georg Zanger; aber sein Häuslein hieß Feschs Haus nach dem Erbauer, und wie die Heimstätte werden die Inwohner genannt; sie schaut manchem nach und bleibt stehen, bis sie dann auch fällt hinter dem späten Enkel. Wer Johann Georg Zanger war, wußten viele im Dorf überhaupt nicht, den Feschs Hanjer dagegen kannte jedes Kind.
     Neben Feschs Hanjer saß der Großvater, ein hoher Siebziger. Die dritte war die Hausfrau.

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     Sogleich erhob sich Feschs Hanjer und brachte dem Eintretenden einen Stuhl. Sein offenes Gesicht zeigte, daß ihm der Besuch angenehm war.
     Martin Rompf dankte zerstreut. Augenscheinlich stand er noch ganz unter dem Eindruck der Beleidigung. Er mußt davon reden: "Ich bin nun dreiundvierzig Jahre im Amt. Aber was eben der Christian tat, ist mir noch keinmal widerfahren. Es wird immer ärger ... und ich habs doch gut gemeint". Etwas umschleierte des Pfarrers Stimme, daß er schwieg.
     Feschs Hanjer löffelte heftig an seiner Milchsuppe, dann packte er den Löffel in die Faust. "Grad e Sünd unn e Schand is ´s, unn owedrei von so´m aale Esel! So sein se awer die Achtunnverziger. Die stelle alles uff de Kopp."
"Was is z´tu?" forschte der schwerhörige Großvater und hielt die Hand ans Ohr.
     "Ausgespuckt hot de rut Christian. Drauße, vorm Pärrner!.." Worauf der Greis erst verständnislos die Worte wiederholte und dann entsetzt den Pfarrer ansah.
     "Worre(Nicht wahr?), Vatter, des hätt Ihr nit gedoacht? Seht ´r, Herr Parrer, so was kann de aal Man gar nit verstih. Bei dem wars all sei Lebtag so gewiß wie´s Amen in de Kirch, daß ´r kaa Predigt versäumt hot. Unn etz, wo he wintersch dehaam bleiwe mußt beim Ofe, frägt ´r jedesmol, was de Parrer gesaat hat unn sicht sich de Text unns Lied. Gest(Gestern) hatte mer noch die Red devon, wie mer an´m war´n, he soll sich die lange Winterhoor schneide losse, weil´s etz warm werd, do segt he: he ließ sich die Hoor nit ehnder schneide, bis de Parrer gepredigt hätt: "Ueber ein Kleines."

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     So lautet das Evangelium von Jubilate, drei Wochen nach Ostern.
     Der Pfarrer lächelte gerührt. Feschs Hanjer aber, der einmal im Zug war, fuhr fort: "Awer Herr Parrer, worim habt´r aach gleich so scharp ausschelle losse wege de Parrgüterpoacht, unn deß die Leu´gepännt wer´n, die in verzeh Täg nit bezoahlt häwe?"
     "Gepfändet? Wer hat denn etwas von Pfänden gesagt?"
     "Ei no, de Hanphilipp, de Polezeidiener; dorim gab´s jo de Krambol(Karambolage)."
     "Sollt er mich denn so mißverstanden haben? Ich habe bloß an die Bezahlung der rückständigen Pacht mahnen lassen, weiter nichts. Und auch das habe ich nur mit Seufzen getan, weil es von mir verlangt wird von der Kirchenbehörde, daß die Ausstände vom letzten Jahr nachdrücklich beigetrieben werden."
     "Ei wie? Herr Parrer! Denn wär´n des jo Lüge vom Hanphilipp! .. Allweil is e Werk im Ort, mer waaß nit mih, was mer dezu saa soll." -
     "Ist der Fridolin ausgegangen?" Mit dieser Frage lenkte Martin Rompf zur eigentlichen Veranlassung seines Besuches über.
     Fesch Hanjers Stirn bewölkte sich. "Der is schon früh furtgemacht. Luwies, wo is e hi´? Dau mußt´s jo wisse."
     Die Luwies, eine derbe, handfeste Westerwälderin hatte seither langsam und gründlich weiter gegessen. "Noch Wilddorn is´r, die Brüder besiche. Unn noch Ketzerbach wollt´r aach noch, wenns iweds(irgend) ging." Offenbar war sie die Vertraute ihres Sohnes.

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     "Schon wider mol zu dem Gottfrid, dem Leutverkehrer!" ärgerte sich Feschs Hanjer. "Do därf de Vatter schwätze, sovill er will, he waaß´s besser, he predigt allweil selwer. Naut soll mih sei, was früher war, was de Parrer sä´t, unn was us Voreltern geglaabt hunn. Die mußte erscht komme unn de Leu´de richtige Glaawe bringe. Unn deß do mei eige Flaasch unn Blut des Maul vorne hot! Wie he von de Schul dehaam war, ging im Haus de Spitakel aa ... Bauer hätt´r bleiwe solle, wozu ´n us Herrgott erschaffe hot, dann wär die ganz Untucht nit!"
     Immer heftiger war der Vater geworden, als bräche etwas aus ihm hervor wie Stauwasser übers Wehr. Die beschwichtigenden Geberden der Luwies regten ihn nur noch mehr auf.
     "Etz schwei´st´e still! Grad lang genung hunn eich´s in mich eningefresse. Etz soll´s eraus, unn de Parrer soll´s hör´n so woahr eich als Christ getaaft sei, wann Ihr aach saat, eich wär nit bekohrt ... Herr Parrer, dozumol, wie des uffkam, daß die Leu´in die Versoammling liefe - nix for ungut - un wie der Fridolin uff die Schul sollt, do hunn eich´s gleich gesaat, es gerät nit. Eich saat, wann die Vichel erscht emol flügg wärn, bräuchte die de Parrer nit mih unn setzte die Kirch uff Seit. Wißt Ihr noch, Herr Parrer, - nix for ungut - dozumol sein Ihr all, die Luwies unn de Fridolin, gege mich gestanne: ´s wär des Herrn Berufung! Do hot Ihr gesaat: "Ich verbürge mich für Euern Fridolin, daß es mich nie gereuen wird." No, unn etz? Is´s dann nit so komme, wie eich schlechter, dummer Bauer gedoacht hunn? All des Getä unn die Aafälligkeite im Ort! Austrete tun se, wie wann die Kirch a aal Schäuer wär. Die Kinn´wer´n nimmie getaaft, die Brautleu nit mih kopuleert, die Leu´ohne de Pärrner begrawe.

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Immer heeßt´s: "De Geist! De Geist!" Unn wam ´mer hi´hört: umwerfe wolle se! Geistliche Sossialdemokrate sein se! Unn nu, wo´s Vereinshaus bal´firtig is, soll´s mich verwunnern, was noch all passert. De Gottfried von Ketzerbach, hot mer als gehurt, is schon ausgetrete; unn eich glaab - nix for ungut, Herr Parrer, Gott verzeih mer die Sünn - mei miseraweler Jung michts aach so!"
     Tief atmete Feschs Hanjer auf. Seiner Vatersorge hatte es gut getan, sich einmal auszureden. Der Pfarrer und die Luwies waren aufgestanden. Die Luwies finster und trotzig, der Pfarrer verwirrt und erschrocken. Von einem zum andern sah der Großvater und schüttelte den Kopf.
    Nach einer Weile antwortete Martin Rompf: "Lieber Zanger, Ihr meint es recht gut auf Eure Weise, aber Ihr beurteilt die Versammlung ungerecht. Seit die Erweckung in die Gemeinde kam, hat sich wohl auch manches Unerfreuliche gezeigt. Wo viel Licht ist, ist auch Schatten, und wo wirkliches Leben sich zeigt, entsteht Kampf, während zuvor alles tot war. Für den Fridolin aber bürge ich heute noch ebenso wie damals; daß ich den zu einem Rüstzeug des Herrn bereiten durfte, ist mir ein Trost in aller Heimsuchung."
     Während seiner Worte wurde Martin Rompf wieder ruhig. Zuletzt leuchteten seine Augen. Dies Leuchten milderte den Groll des Vaters.
     "Vor der Hand will eich´s noch glaawe, Herr Parrer. Ihr sei e sturrierter Man. Awer aans saa´n eich," hier wuchs der Bauer und hob die Hand, "wann eich´s erlewe müßt, deß mei Jung von sei´m Glaawe abfiel, unn urrerm(unserem) Stammhaus, der Kirch, e hohl Seit micht(eine hohle Seite machen = ausweichen, aus dem Weg gehen),

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von de Stund aa kimmt he nit mih üwer mei´Schwell!"
     Wie ein Schwur klang das Wort, so fest und fertig, daß nichts mehr entgegenzusetzen war. Darum schwieg jedes und hing seinen Gedanken nach.
     Dann griff der Pfarrer zu Hut und Stock und wandte sich zur Luwies, sie möge dem Fridolin mitteilen: Der Herr Dekan habe geschrieben und wolle an der Einweihung des Vereinshauses teilnehmen. Deswegen müsse er auch eingeladen werden.
     Es läutete in die Mittagsschule, als Martin Rompf ging.
     Hinter ihm strich der Großvater das lange Winterhaar vom Ohr, um sich berichten zu lassen, was der Pfarrer gesagt habe.

4.

     Am Sonntagnachmittag pfeift der Kuhhirts Hannes auf den Fingern gellend durchs Ort. Dann öffnen sich die Ställe, und das Rindvieh trottet einher, tut erst noch einen tiefen Zug am Born und sammelt sich gemächlich am Dorfende zur Fahrt auf die Hub.
     Hinter dem Hannes her tutet der Schäfer. Wieder öffnen sich die Ställe und ein Mähen geht durch die Gassen, so einmütig und stimmungsvoll, wie es leider selten ist auf der Welt - bei den Menschen.
     Zuletzt ruft eine Trillerpfeife die Schweine heraus. Das Säutier quiekt, grunzt und hoppelt dahin.
     So! Nun haben auch die Hasselbächer Zeit, ihrerseits an ihr Sonntags-Vergnügen zu denken. -
     Da stand nun zweierlei zur Wahl: Wirtshaus hier, Versammlung da; zwei feindlich geschiedene Lager, zwischen denen es keine Mittelpartei gab.

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     Die im Wirtshaus waren die Weltkinder, die in der Versammlung die Kinder Gottes. Im Wirtshaus wurde dem Teufel gedient bei Trunk und Tanz, ebenso gewiß in der Versammlung dem Herrn.
     Solcher Liebenswürdigkeit blieben natürlich die Wirtshäusler nichts schuldig: "Die scheinheilige Duckmäuser! Die sein falsch, wo se´s Hemd aarührt!" - Was aber sie selber wären, sie gäben sich, wie ihnen das Maul aufplatze.
     Das platzte ihnen denn recht weit auf. Es gehörte schon eine ungemessene Einbildungskraft dazu, sich vorzustellen, daß mit menschlichen Mitteln dies Geschrei und der Trubel noch könne überboten werden.
     Am schlimmsten wurde es jedesmal, wenn grad dem Wirtshaus gegenüber auf der Gemeindestube die Gegenpartei ihr Lager auffschlug; was an den Sonntagen geschah, wo es beim Kirchenhanjer zu eng ward für die zahlreiche Versammlung.
     Dann erst! Ein unbeschreibliches Gemisch von Tönen füllte Hasselbach an. Aus dem einen Lager kamen Krische und Kasernenlieder, von dem anderen her geistliche Gesänge, die, aufeinanderstoßend, sich wild bekriegten und in wüstem Durcheinander durchs Ort wälzten.
     Das war die Sonntagsruhe in Hasselbach. Und keine Seite wich. Und niemand wehrte. Der Bürgermeister hatte seine guten Leute in beiden Lagern und wollte es mit niemand verderben. Und der Gendarm? Ja, wo ist ein Gendarm, wenn man ihn ausnahmsweise einmal braucht? -
     "Ju-hu-huh!" ... An einem Sonntag Mitte Juni hörte sich´s an, als bringe sich Hasselbach um. Die Wirtshausburschen

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und Mädchen, sonst sehr in der Minderzahl, hatten Verstärkung erhalten durch Jung-Volk von auswärts. Ebenso aber auch die Gegenpartei. Der Gottfried von Ketzerbach rückte ein, voran ein Posaunenchor, hinterher ein langer Zug.
     Die große Gemeindestube hob sich ordentlich vor Menschen. Bei der Hitze, die ohnedies herrschte, wurden die Fenster aufgesperrt. Auch drüben standen alle Fenster offen, wie Gefechtslucken.
     Der Posaunenchor im Versammlungslager stimmte an und begleitete das Lied, nicht feierlich und getragen, wie die Choräle im Hasselbächer Gesangbuch, sondern in eigentümlich marschmäßigem Takt. Jesesmal am Schluß klangs durch: "Komm, komm zu Jesus! O komm!"
     Drüben sah man unter den Klängen einer Knutsche (Ziehharmonika) tanzende Paare sich drehen. Dann drängten sich Burschen mit hochroten Köpfen in die Gefechtslucken, schwenkten halbvolle Biergläser und brüllten sich heiser an dem Lied: "Es lebe der Reservemann!" Widerlich hörte sich helles Gekreisch von Mädchenstimmen an.
     Der sechste Vers war geblasen und gesungen: "Komm, komm zu Jesu! O komm!" Der Reservemann tobte noch weiter.
     Drei Burschen kamen von der Wirtschaft herüber zum Gemeindehaus gelaufen, tuschelten am Eingang und verschwanden im Innern.
     In der Versammlung begann jetzt eine hohe, etwas weinerlich klingende Stimme. Schon reichlich laut am Anfang steigerte sie sich zu immer größerer Kraftanspannung, daß einzelne Worte - horch! Verdammnis! .... Teufel! drohend aus den Fenstern schossen und den Lärm drüben siegreich überwältigten.

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     Sicherlich war der Redner zuletzt in Schweiß gebadet, und wer den Gottfried von Ketzerbach kannte, wußte, daß das bei ihm immer so war. Obendrein war er stark gefleischt. Dieser laute Eifer aber machte Eindruck. Hinterher hieß es dann: Der Geist habe den Gottfried gepackt; es war ganz kriminal. Ja freilich! Der konnte es besser als der Lohnprediger, der immer mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen auf der Hasselbächer Kanzel stand.
     "Ziehet nicht an einem Joch mit den Ungläubigen! .. Gehet aus von ihnen! .. Hie gläubig - dort ungläubig! (Die ausgestreckte Rechte deutete hinüber.) Wie stehst du zum Herrn? .. Hast du ganz dich entschieden? Du weißt nicht, ob du´s morgen noch kannst! Der Herr ist nahe! Hier steht´s, ihr Brüder! Jede Stunde kann er da sein. Du liegst heute abend im Bett und wirst wach und glaubst, du hörst das Horn vom Nachtswächter. O, du törichter Mensch! Es ist der Schall der Posaune! .... Gehet aus von ihnen! Ziehst du auch mit keinem Finger mehr am Joch der Ungläubigen? Du kannst nicht mehr ins Wirtshaus gehen, auch nicht mehr in den Steinhaufen (damit war das Kirchlein gemeint), aber bist du ganz los? ... Ganz fertig mit der Welt? .. Das ist die Entscheidung (noch lauter konnte der Gottfried unmöglich werden), hier sagt´s Gottes Wort: Ihr müßt ausgehen, austreten aus jeder Gemeinschaft mit dem Babel, dem Greuel der Verwüstung, wie ich´s durch des Herrn Gnade tun durfte ..." Er wischte sich den Schweiß: "Jetzt gleich und öffentlich solle jeder Zeugnis ablegen, wie er zum Herrn ständ! Wer bekehrt sei und sich entschieden habe, auszugehen aus der Gemeinschaft Babels, solle aufstehen und die übrigen sitzen bleiben ..."

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     Der Redner verschnaufte sich. Er machte heute in jeder Hinsicht eine Kraftprobe. Ob´s gelang und er seine Zuhörer zu sich herüberzog? Es lag etwas ungemein Aufregendes, Treiberisches in seinen Worten.
     Eine allgemeine Bewegung zitterte von Mensch zu Mensch, wie die heiße Luft über den Köpfen. Plötzlich vor die Entscheidung gestellt, war mancher überrascht. Einer sah den andern an, wer aufstand. Einer erhob sich gleich, der andere zögernd. Zuletzt mit hochrotem Kopf der Evangelist Fridolin. Nur wenige blieben sitzen und blickten beschämt unter sich.
     Laut schmetterten die Posaunen, wiederum ein langes Lied. Nach dem Gesang nickte der Kirchenhanjer dem Evangelisten von Hasselbach zu. Dieser las: "Eile und errette deine Seele!"
     Sonst sprach der Fridolin besser. Er hatte heut entschieden keinen guten Tag. Es war keine Seele in seinen Worten.
     Kein Wunder auch! Mit aller Kraft kämpfte er seine Empörung nieder. Sein Blut wallte. So hatte er nicht gezittert, als er zum erstenmal öffentlich redete.
     Der Heimtücker! Ohne ein Wort zu sagen, trieb ers zur Entscheidung! Hausvater werden wollte er mit seinem Geschwätz, weiter nichts. Darum war er so mildtätig für´s Hasselbächer Vereinshaus gewesen. In Ketzerbach war ihm die Wohnung gekündigt, dort hatten sie ihn dick. Nun paßte es ihm, sich hier ins fertige Bett zu legen. Und der Fridolin konnte sehen, wo er blieb.
     In dieser Stunde war der Hasselbächer Evangelist einem Menschen feind bis in den Tod.
     Du Schlechter! Du hasts auf dem Gewissen, was nun wird. Zum Austreten hat er mich gezwungen. Was konnt ich anders, als aufstehn? Doch nicht, als

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unbekehrt sitzen bleiben? Der Säckel, der hat freilich leicht austreten! Aber was gibts jetzt für mich? ... mit dem Vater! ... und ... und ...
     Finstern Angesichts stand Fridolin da, nachdem er kurz geschlossen. Während nach ihm ein Bruder aus der Versammlung ein langes Gebet sprach, wurden seine gefalteten Hände wie geballte Fäuste: "Aber wart nur, du kriegst das Vereinshaus doch nicht! Eher kriegst du! ... !" Ei, ei! Der Evangelist wollte doch nicht fluchen? - -
     Endlich war Schluß. Polternd ging´s die Treppe hinab zum Kaffeetrinken. Den Vorstand des Vereinshauses, darunter die zwei Evangelisten, nahm der Kirchenhanjer mit. Er trug auch ehrenhalber dem Gottfried den Ranzen, der seither im Treppenflur des Gemeindehauses hing.
     Des Kirchenhanjers Behausung, Wohnung, Stall und Scheuer unter einem Strohdach nach Westerwälder Bauart wies eine stattliche Front. Die geräumig lange Stube mit dem hochgetürmten Bett im Hintergrund nahm die ganze Tiefe des Hauses ein.
     Hier war fast jeden Abend Versammlung. Kirchenhanjers liehen den Raum für eine monatliche Miete von sechs Mark, was aber nicht herumgesprochen werden sollte.
     Beim gedeckten Kaffeetisch warteten zwei Frauen. Die Kirchenhanjern, ein großes Weibsbild, hatte die beiden obersten Knöpfe ihrer schwarzen Sammtjacke offenstehen, ihres Kropfes wegen. Die Line war ihre zwanzigjährige Tochter mit roten Backen und blonden Zöpfen, die ihr zum Kranz um den Kopf lagen.
     Die Leute im Dorf sagten: Der Fridolin und ´s Line gingen miteinander.

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     Geräuschvoll setzten sich die Männer: Vier auf die lange Bank an der Wand, die beiden Evangelisten auf Stühle. Die Frauen warteten auf und tranken später.
     Halbhandhoch war der Kuchen, darauf wurde noch eine goldgelbe Schicht, der Eierkäs (ein Pudding aus Milch und Ei gekocht) gelegt. Wer dann einen Bissen wollte, mußte den Mund weit aufreißen. Mitten auf dem Tisch tronte der gehaltvolle Kessel auf dem Kaffeeschlitten. Eigentlich wars ein Gestell wie ein Schaukelbrett. Ein Druck mit der Handhabe und des Kessels Schnauze neigte sich nach vorn, daß der braune Inhalt sich in die Tassen ergoß und überfließend auch die Untersätze füllte. So gehörte sichs. Und in Ober- und Untertasse kam auch Milch und Zucker.
     Schweigend wurde gegessen, fast andächtig. Auch gabs in Hasselbach ein Sprichwort: "Wann´s Schoof plärrt, schadt´s ´em ´n Muffel (Mundvoll).
     Der Fridolin allein aß sehr wenig, trotzdem die Line ihm wiederholt Kuchen und Eierkäs zuschob. Dem Gottfried dagegen schmeckte es ausgezeichnet.
     Endlich waren alle satt, legten die Tassen um und schoben sie von sich. Die Kirchenhanjern wollte dem Ketzerbacher Evangelisten ein paar Kuchenstücke einpacken und nahm den Ranzen vom Haken an der Tür. Als sie aber den Riemen aufgeschnallt, stand sie völlig erstarrt, wie Lots Weib. Mit dem Kuchen in der einen Hand, den offenen Ranzen in der andern, schaute sie die Männer an, ganz blöd vor Verwunderung: "Ach duche!"
     Die Männer standen auf und es erging ihnen nicht anders, als der Kirchenhanjern: "Ach du! .. Ach du!"
     Der Ranzen war angefüllt mit toten Maulwürfen!
     Und jedem Maulwurf fehlte die linke Vorderschaufel. Die schnitt der Bürgermeister stets mit der

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großen Schere ab, damit ihm kein Maulwurf zweimal gebracht wurde. Denn jeder Ortsbürger mußte im Frühjahr zwei Maulwürfe fangen und einliefern.
     Wütend sprang der Gottfried auf: So einen Bubenstreich könne einer auch nur in Hasselbach erleben! ... Das ihm! ... während er Gottes Wort verkündigte ... Er wolle aber die Schmach Christi tragen!
     Lange nicht so entrüsteten sich die Uebrigen. Fridolins üble Laune wich sogar auf einmal wie Nebel vor der Sonne.
     Er verbarg kaum ein Lächeln: Ob denn die Hasselbächer das getan haben müßten? Man habe doch vernommen, die Ketzerbacher hätten dem Bruder Gottfried die Wohnung aufgesagt. Vielleicht kämen daher die Maulwürfe.
     Diese Schadenfreude vergalt der andere mit einem giftigen Blick, der besagte: Wir kennen uns!
     Der Kirchenhanjer mochte Unheil befürchten. Drum lenkte er ab: Das sei Welt! Wege´m Vereinshaus wär ja der Vorstand beisammen.
     So ging man dazu über. Aber vergessen war das Vorhergegangene nicht. Die beiden Evangelisten hatten jetzt die Rollen vertauscht. Der Ketzerbacher zog die Mundwinkel herab und schwieg, während der Fridolin so lebendig wurde wie ein Eichkätzchen.
     Er schilderte den Stand der Vereinshaussache, als wärs die eigene. Die Opferwilligkeit für den Herrn hatte einige sechshundert Mark zusammengebracht. Das übrige, gute siebentausend Mark, war durch Bürgscheine der Brüder gedeckt - auf dem Papier. Das würde aber nur zum Teil benötigt, denn es sollte eine Hypothek aufgenommen werden. Der Bau stand in der Haupt-

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sache fertig, vorläufig auf des Kirchenhanjers Namen eingeschrieben.
     Aus des Fridolins Mund hörte sich alles recht glatt und leicht an, gar nicht wie ein kostspieliges Wagnis. Von Anfang an hatte jeder an die vielen gedacht, die mittaten. Seitenlang standen die Namen auf der Bürgschaftsliste. Die konnten doch nicht umfallen! Also schrieb jeder ruhig seinen "Pilipp" dabei. Obendrein, es galt für das Reich Gottes!
     Der Fridolin war zu Ende und schwieg. Der Kirchenhajer sah ihn ganz stolz an, räusperte sich dann und meinte: Nun gäb´s noch eine Frage. Dann schwieg auch er.
     Also handelte es sich um ein heikles Ding, das jeder dem andern zum Anfassen hinschob; bis nach einer Pause der am wenigsten "Politische" zufaßte.
     Das war ein Ketzerbacher, der Jockwillem (Jakob Wilhelm). Ein alter Mann, wohlhabend und stillzufrieden, der merkwürdigerweise einen kahlen Scheitel hatte. Als alles schwieg, stieß den der Gottfried unter dem Tisch an, worauf der Jockwillem aus seiner heimlichen Freude aufwachte, große Augen machte und die kurze Pfeife wieder in den Sack schob.
     "Mei jo, dau wollt´st jo Hausvater wer´n."
     Ach, dieser Tollpatsch, der traf natürlich das Kalb ins Auge!
     Der Fridolin runzelte die Stirn: "Das müßt doch erst der Versammlung vorgelegt wer´n."
     "E su maan eich grad," pflichtete schnell der Kirchenhanjer bei. Die übrigen murmelten Zustimmung.
     "Awer freilich!" kopfnickte süßsauer der Ketzerbacher Evangelist. "Der Bruder hat auch bloß seine gute Meinung zur Sache ausreden wollen."

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     Die Pfeife kam nun völlig aus der Tasche, und die stille Zufriedenheit war wieder hergestellt.
     "Dir käm´s doch akurat zu paß", lächelte breit der Jockwillem seinen Evangelisten an.
     Bei den Hörnern hätte der am liebsten seinen Freund gepackt!
     "Wenn Ihr in Ketzerbach das all schon fertig gemacht habt, dann brauche wir Hasselbächer uns um unser Vereinshaus kei Kopfweh mehr zu mache", hetzte der Fridolin.
     Die Hasselbächer guckten sich an.
     Jetzt schoß der Fuchs aus dem Bau: "Nun, es handelt sich doch nur um uns beide. Und weil ich dein Vater sein könnt an Alter und Erfahrung, dacht ich: ich wär der nächste dazu, Hausvater zu werden."
     Es war die offene Kriegserklärung, als Fridolin erwiderte: "Ich mein, wozu brauche wir ´n Fremde!"
     Dazu sagte der Kirchenhanjer schon im Hinblick auf sein Lina Ja und Amen, und den übrigen Hasselbächern mundete das Wort sichtlich.
     Darum zog sich der Gottfried klug zurück: "Die Versammlung der Brüder müßt´ entscheiden. Und dem Herrn solle es vorgetragen werden!
                                        * * *
     Im Wirtshauslager hatte es einmal am Mittag ein großes Hallo gegeben.
     "De Ranze stickt ´m voll Moldrüff!"
     "Ui jeh! war das ein Spaß!" - Die drei Burschen wurden auf die Schultern gehoben und wie Helden durch den Menschenknäuel getragen.
     Der Eckhannes, ein feister Wirt, Metzger und Bauer, kam hinter dem Faß hervor mit einem Humpen Bier,

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     "Hä, hä .. hä! Do trinkt emol!" Wieder meckerte er, daß seine rotgeränderten Augen noch mehr tränten. Mit dem Handrücken fuhr er darüber: "Dabei müßt aans sei´, wann de Speckparrer de Schnappsack uffmicht! .. Teufel! .. Hölle! .. und Moldrüff!" äffte er dem Gottfried nach. Beifall johlte der Chor.
     Die Knutsche (Ziehharmonika) setzte ein zum Tanz; stampfend walzten die Paare durch Staubwirbel, Dunst und Tabakrauch.
     Der Eckhannes schon sich durch das Gedränge und kniff unterwegs einer drallen Dirne in den Arm, daß die aufkreischte. Jenseits der Tanzflut, an einem runden Tisch, saßen zwei ältere Männer fest hinter der Schnapsflasche. Dorthin steuerte der Eckhannes und schrie: "Des müßt grad´ins Bloat von de Moldrüff." Er konnte sich gar nicht genug tun, als ob er der Urheber wäre. -
     Der Eckhannes war ein Freigeist. Ja, ja! Er versicherte das gewichtig jedem, ders hören wollte. Sogar dem alten Pfarrer hatte ers letzthin bei der Hauskollekte ins entsetzte Gesicht gesagt. Wenn ihn aber einer gefragt hätte, was denn ein Freigeist sei - nun, dann hätte der Eckhannes die "Feuerflammen der Wahrheit" hervorgeholt, sein Leibblatt. Da stands schwarz auf weiß und die Kraftstellen waren fett gedruckt: Aufklärung ... Pfaffenlügen! .. Verdummung! - Im übrigen lautete sein Glaubensbekenntnis: Zwei Pfund Rindfleisch gäben eine gute Supp´.
     Der Eckhannes zog die neueste Nummer der Feuerflammen aus der Tasche. Die Schnapsflasche wurde einen Augenblick beiseite gerückt. Drei Köpfe steckten sich zusammen. An des Eckhannes schwarze Borsten rührte ein grauweiß gesprenkeltes Haupthaar, darunter die Nase war blaurot. Die gehörte dem Steindecker.

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     Der Steindecker von Hasselbach ging am liebsten dem Gläschen nach. Meinte einer, er hätt ihn glücklich auf dem Dach, gleich war der Steindecker wieder drunten und saß beim Eckhannes; dem trug er seinen ganzen Verdienst zu und aß für gewöhnlich auch im Wirtshaus, denn seine Frau war von ihm gegangen.
     Der dritte Kopf gehörte dem alten Achtundvierziger, dem roten Christian. Gleich als damals dem Volk die Glaubensfreiheit erkämpft war und die Freigemeinden aufkamen, war er als der erste aus der Kirche ausgetreten. Wozu ander´s gabs denn Glaubensfreiheit, als daß nun die Pfaffen und was drum und dran hing, nichts mehr zu sagen hatten? Auch er hauste als Witwer allein, weils bei dem Hitzkopf niemand lang aushielt.
     "Hie lest mol!" Der Eckhannes strich über das zerknitterte Leibblatt. Eilig sogen die Feuerflammen den verschütteten Kornschnaps von der Tischplatte.
     "Les dau´s!" Mißtrauisch von der Seite her schaute der Steindecker auf das Gedruckte und qualmte dem Eckhannes seinen AB (A.B. Ruyter, die übliche Tabakssorte, auch "Armer Bub" genannt) in die Augen, daß er schnell den Kof hob.
     In den Feuerflammen stand nichts Außergewöhnliches, was nicht schon oft darin gestanden hätte: Die Bibel ist ein miserables Machwerk; das Christentum hat sich überlebt; ihre Vertreter sind Dummköpfe und Heuchler. Jeder Leser soll Mitglied einer freireligiösen Gemeinde werden. Schande ist´s, länger Kirchensteuern zu zahlen.
     Und auf das Letzte legte der Eckhannes den Zeigefinger mit dem schwarzen Nagel.

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     "Do stiht´s, etz laustert emol. Lang dauert´s nimmie, unn die do driwe mache sich aus de Reiser. Denn heeßt´s for us doppelt "Hannes do!" Er machte zwischen Daumen und Zeigefinger die Bewegung des Geldzählens.
     "E su is recht!" hohnlächelte der rote Christian, "Bezahle müßt´r, bis Euch die Schwart knackt!"
     "For den schlechte Paff!" schimpfte der Steindecker. "Die vierig Woch saat ´r wider meich, eich soll meich bekohrn unn´s Wertshaus losse."
     Schadenfroh stichelte der rote Christian: "Dau kimmst aach noch in´n Wasserverein (so hieß es spottweise im Volk, wenn ein notorischer Säufer nichts mehr in den Wirtshäusern bekommen durfte), unn de Hannes kimmt in Strof, wenn ´r der ´n Schnaps gibt."
     Jetzt schimpfte auch der Eckhannes. "Aach des noch! Etz hot´s geschellt! Die Woch is Maat (Markt), do wird´s firtig gemacht uff´m Gericht. Unn eich gihn nit allaans, do sein eich gut defor! Gleich setz eich aans uff wege´m Austrete un heit z´Owend will eich seh´, wie manch aaner unnerschreibt."
     "Frog erscht dei Fraa, dau host doch die Hose nit aa!"
     Der Eckhannes machte eine selbstherrliche Bewegung und rief, während er aus dem Saal ging, seine Frau zum Bedienen der Gäste.
     "Jau, wann die Forcht nit wär vor de Weiwer!" Der rote Chrisian spuckte aus.
     "Eich wollt, die jüngst wär 99 Joahr alt", brummte der Steindecker und schenkte sich ein.

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     Am Abend war die Zahl der getreuen Ketzerbacher arg zusammengeschmolzen. In dem Punkt hatte sich der Gottfried verrechnet, wenn er glaubte, er hielte seine Leute fest, sobald anderswo mehr los war. Wer hatte sie denn ans Laufen gewöhnt?
     In Zorn, zwei Wegstunden von Hasselbach, gabs heute noch etwas für Feinschmecker. Ein Kappenmacher aus Barmen hielt dort Versammlung. Der behauptete von enem Geisteskranken aus Zorn: selbiger wäre vom Teufel besessen, und er werde ihn durchs Gebet heilen.- Genau so, wie von Jesus und den Aposteln berichtet wird, daß sie Teufel austrieben. - Obendrein ging von dem Fremdling ein großes Gerede aus wegen seiner auffälligen Bekehrung. Ihn hatte der Herr herumgebracht, nachdem er zuvor der ärgste Sozialdemokrat und Christusfeind gewesen. Beinah wie der Apostel Paulus.
     Womöglich erlebte man dort eine wunderbare Gebetsheilung! Der Gottfried durfte gar nicht weiter vom Bleiben reden.
     Aber er selbst wollte seinen Mann stehen. Als er das schier fertige Vereinshaus noch einmal besichtigte, faßte ihn helle Wut bei dem Gedanken, ein anderer als er könne Hausvater werden.-
     Über den etwa dreißig Leuten lag große Spannung. Feierlich schauten die Gesichter drein, meist bartlos und gefurcht von Wetter und harter Arbeit. Die Männer saßen auf alten Schulbänken obenauf. Ihnen ins Gesicht nahm der Kirchenhanjer Platz und die beiden Evangelisten. Daß die zwei wegen der Hausvaterstelle gegeneinander standen, hatte sich schnell herumgesprochen.
     Was mochte das werden?
     Und noch eines: Der Hasselbächer Pfarrer kam zur Tür herein! Er sah sich um, dann setzte er sich auf eine

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Schulbank neben den Weberkarl, der seinem Kam´raden rückte. Am Tisch vorn war kein freier Stuhl.
     Der Kirchenhanjer räusperte sich, stand auf und betete. Darauf: Wege dem, wer Hausvater würd, wären die Brüder beisammen. Wer eine Meinung vom Herrn dazu hätt, sollt´s ausreden.
     Zuerst schwieg alles, wie gewöhnlich. Auch der Pfarrer, dessen bleiches, kummervolles Gesicht heute besonders auffiel.
     Da ging der Ketzerbacher Evangelist entschlossen vor. Sein Heil lag in der schärfsten Betonung des Gegensatzes zur Kirche.
     "Das Vereinshaus sei für die Brüder gebaut, für das Gemeindlein, das des Herrn Gnade aus dem allgemeinen Verderben abgesondert habe; dazu seien die Brüder erleuchtet worden, daß sie große Opfer brachten. Und auch er habe durch des Herrn Gnade manches tun dürfen. Deshalb müsse auch ins Vereinshaus ein Bruder, der den Geist hätt und den der Herr aus dem allgemeinen Verfall gerettet habe.... Lieben Brüder, ich habe es mir vom Herrn erbeten und er hat mich´s durch seinen Geist wissen lassen, daß er mich, seinen geringen Knecht, berufen hat, ihm hier in seinem Haus zu dienen."
     Der Gottfried hatte die Hände gefaltet, sein Haupt war demütig auf eine Schulter geneigt.
     Die Versammlung war verblüfft. Sie hatten viel zu viel ursprüngliche Scheu vor dem Heiligen, als daß sie den Ausspruch des Gottfried für einen Kniff anzusehen wagten. Vielleicht glaubte der Ketzerbacher auch selbst an seine Worte.
     Aber der Fridolin fackelte nicht: "Da könne jeder kommen und behaupten, der heilige Geist habe ihn zum

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Hausvater bestimmt. Er habe eine bessere Meinung: ins Hasselbächer Vereinshaus gehört ein Hasselbächer!"
     Ein Beifallsgemurmel lief vom Mund des Kirchenhanjers an durch die Schulbänke. Die richtige Meinung war gemacht, das Schlagwort gefunden. Also: ins Hasselbächer Vereinshaus gehört ein Hasselbächer!
     Ueberdies grollten einige, die am Mittag bei der Abstimmung, wer bekehrt sei und austreten wolle, sitzen geblieben waren, dem Ketzerbacher Gottfried wegen der öffentlichen Beschämung. Schon die Maulwürfe hatten sie ihm gegönnt.
     Also ein Hasselbächer!
     Und noch von einer Seite erhielt der Fridolin Beistand.
     Martin Rompf erhob sich langsam von seiner Schulbank. In höchster Erwartung schaute alles auf.
     Er empfahl den Fridolin. "Nachdem ihm seine eignen Kinder früh genommen worden, sei es ihm eine Herzensfreude gewesen, sich im Fridolin ein Kind im Glauben heranzuziehen, das ihm helfe, der Gemeinde dienen nach des Herrn Wohlgefallen, in Liebe und nicht in Zwiespalt mit Kirche und Pfarramt."
     Noch hatte sich der alte Pfarrer nicht wieder gesetzt, vielleicht wollte er auch noch mehr sagen, aber da stand schon wieder der Gottfried von Ketzerbach. Zitternd vor Erregung. Die Arme schaufelten in der Luft, seine hohe Stimme überschlug sich wiederholt. - Jetzt biß es den Hasselbächer Pfarrer zum erstenmal grad ins Gesicht, was ihn sonst hinterrücks umschlichen hatte.
     "Habt ihrs gehört, Brüder? Das soll euer Hausvater sein: ein Gehilfe vom Lohnprediger! Ihr tut mir leid. Habt ihr darum eure sauer verdienten Groschen hergegeben, damit ihr noch einen Lohnprediger bekämt,

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zwei für einen? Ich meine, ihr seid los von der Synagog, wo das Gesetz gepredigt wird? Wollt ihr nun wieder rückwärts? Niemand kann zween Herren dienen! Hier macht´s fest, ob ihr einen Gehilfen vom Lohnprediger zum Hausvater wollt."
    Die feierliche Gemessenheit, die anfangs der Versammlung eine altväterliche Würde gab, war dahin. Der Gottfried hatte richtig spekuliert. Ein brausendes Durcheinander erhob sich, Poltern und Scharren. Der Westerwälder Trotz war aufgeweckt durch das verhaßte Wort.
     "Kaan Gehilf vom Lohnprediger!... Naa!... Naa!"... schrie es aus allen Ecken. Hie und da schlug eine derbe Faust auf die Schulbank.
     Das Eisen glühte und der Ketzerbacher säumte nicht. !Recht so, ihr Brüder! Ihr wollt kein Gehilfe vom Lohnprediger. Dann dürft ihr aber auch den Fridolin nicht zum Hausvater annehme. Ihr habt´s ja gehört, daß den der Lohnprediger eigens dazu hat lerne lasse."
     Dem Kirchenhanjer ward Angst um seinen künftigen Schwiegersohn: "Awer de Fridolin is kaan Gehilf vom Lohnprediger!"
     "Wers glaubt! Bald so, bald so!" zeterte der Gottfried. "Is der ausgetrete wie ich? Will der austrete?! Jetzt, hier soll er´s grad heraussage, wie er hält...hier vor allen Brüdern und vor seinem Meister!"
     Brutal kämpfte der Ketzerbacher. Aller Augen sahen auf den Fridolin, dessen blasses Gesicht und zuckende Lippen bezeugten: er hatte einen schweren Stand.
     Niemals hätte der Frieolin gedacht, daß ihm die unvermeidliche Entscheidung, aus der Kirche auszutreten, einmal so bitter gemacht würde. Wenn doch vorerst einer den alten Pfarrer wenigstens hinausführte! So

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große Augen machte der und schaute den Fridolin stracks an.
     Und der Vater jagte ihn aus dem Haus!
     Mit der Hand fuhr sich der Evangelist über die feuchte Stirn.
     Aber fort! weg mit den Gedanken! War´s nicht für den Herrn, wenn er Verfolgung litt? Und dann, was gabs jetzt anders für ihn, als es dem Gottfried ins rote, schwammige Gesicht hineinschleudern: Doch! Er habe sich doch entschieden. Er sei kein Gehilfe vom Lohnprediger und wolle sein Wort vom Mittag halten und austreten!
     So kams heraus, heftig, ruckweise. Die Entscheidung war damit gefallen. Ins Hasselbächer Vereinshaus wurde der Hasselbächer Fridolin gesetzt, der aus der Kirche austrat und Kirchenhanjers Line freite. Gewiß, so wurde es!
     Alles unmdrängte den Fridolin und gab ihm Handschlag und Bruderkuß. Nur zwei der Anwesenden hielten sich fern, der Gottfried und der Weberkarl. Ein dritter war in der allgemeinen Bewegung zur Tür hinaus entschwunden.
     Niemand hatte den Hasselbächer Pfarrer bemerkt.-
     Draußen schoben sich schwarze Wolken schwerfällig herauf über den Höllenkopf, wie Lastwagen den Berg hinan. Sie hatten nichts Gutes geladen. Wo sie hinkamen, erloschen die Sterne. Kurzatmig keuchte der Wind.
     Im Dorf wars finster; weil der alte Laternenanzünder krank im Bett lag und darum natürlich kein Straßenlicht brannte. Aber das Wetterleuchten gab Weglicht genug. Dann stand der ganze Himmel in Flammen.

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     Durch die Nacht eilte Martin Rompf barhäuptig, mit fliegenden Rockschößen. Wohin er eigentlich wollte? Der Weg zum Pfarrhaus wars nicht.
     Vom Gemeindehaus lösten sich zwei Gestalten los, ein Mann und ein Hund und zogen hinter dem Pfarrer her.
     So gings am letzten Haus vorüber, ins Dunkel hinein; dorthin, wo über dem Höllenkopf immer mehr zorniges Feuer aufblitzte und der Donner immer mächtiger seine hallende Stimme erhob, wie zu Anklage und Gericht über die Erde.
     Vor den ernsten Hochtannen der vorderen Schutzhecke war der Wind wieder zu Atem gekommen. Wie ein Wegelagerer lauerte er dort und packte, wer kam, vorn an der Brust. Hart fiel er die schmächtige Gestalt des Pfarrers an und zerrte sein langes, weißes Haar. Die ersten Tropfen des nahenden Wetters gesellten sich zum Sturm. Greller zuckten die Blitze und länger und dröhnend hallten die Donnerworte.
     Der dunkle Tann rauschte wie ein aufgeregtes Meer. Die Erde erbebte vorm Nahen der Uebergewalt.
Und nur der Greis schien nichts zu spüren. Immer noch drängte er weiter, und auch von dem Mann und dem Hund dahinten merkte er nichts.
     Vor der zweiten Schutzhecke, die oben auf der Heide dem Dorf quer vorlag, war das Unwetter mit den Tannen im wildesten Kampf. Die reckenhaften Stämme, dicht aneinandergeschlossen, eine reisige Schar, ächzten vor Anstrengung. Aber sie hielten treulich aus auf der Vorwacht.
Noch weiter wollte Martin Rompf. Da, auf einmal! .. Hören und Sehen verging!.. Durch das Stürmen und Blitzen und Donnern, was schlug da hindurch?

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große Augen machte der und schaute den Fridolin stracks an.
     Weh, wer nicht hinter dem Schutzwall blieb!... Sausend und krachend fuhrs zur Erde, hageldicht.
     Einer, ders gesehen, erzählte hinterher: Vom Höllenkopf habe sichs nach dem Dorf hingestreckt wie eine geballte Faust; die habe das Himmelfeuer aufgerissen.... Und daraus war das fürchterlichste Hagelwetter niedergestürzt, das Hasselbach jemals erlebt.
     Vor der zweiten Schutzhecke lag der Hasselbächer Pfarrer bewußtlos, mit einer blutenden Stirnwunde. Regen und Eisstücke schlugen auf ihn ein. Wenn das Blitzgeflacker über das alte Gesicht leuchtete, schiens eines Toten Antlitz zu sein.
     Ueber ihn gebeugt stand ein Mann und daneben heulte sein Hund mit eingekniffenem Schwanz in den Aufruhr ringsum...
     Den Kuhhirts Hannes hatte seine Ahnung nicht betrogen, daß es heut noch ein Unglück mit dem Pfarrer gäbe.

5.

     Am anderen Morgen beim ersten Hahnenschrei triebs manchen auf vom Kabsack (Kab=Haferspreu), der sonst nicht so frühzeitig war. Aber die Unruhe trieb ihn auf. Wie das Feld aussähe!
     Barmherziger Gott!
     Da hatten sie sich gemüht, monatelang um Winter- und Sommerfrucht, hatten geackert, Schollen geklopft, gesät, geeggt und gewalzt, saure Arbeit von Sonnenaufgang bis in die dunkle Nacht.
     Und die Saat ging auf. Das Korn stand auf dem Halm. Gottessegen lächtelte darüber.
     Und nun?.. Dieses Jahr wuchs kein Brot in der Gemarkung! Der reichste Bauer in Hasselbach, der sonst

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sein völlig Jahrbrot zog, erntete davon so viel, wie der ärmste auf seinen drei Aeckerchen - nichts! Die Frucht lag am Boden wie vor der Zeit auf der Tenne gedroschen; nur hier und da hob sich ein gebrochen Aermlein halb empor. Weiter hinab unterm Dorf war der nährende Mutterboden aufgerissen und fortgeschwemmt, und die Knochen der Erde lagen bloß.

     Und kein Hasselbächer war gegen Hagelschaden versichert. Bargeld war knapp und "viel Bezahlen" ohnedies. Man vertröstete sich auf den lieben Gott und den Höllenkopf, der zumeist die schweren Wetter abwies oder sie wie ein Keil spaltete, daß sie schadlos rechts und links vorbeidonnerten.

     Ein Glück wenigstens, daß es noch vor Johanni war, da konnte man die Sommerfrucht noch einmal säen.-

     Aber an Festefeiern war jetzt kein Gedanke. Wer die ganze Woche über mit krummem Buckel auf den verhagelten Aeckern sein Lenzen (Frühlingsarbeit) noch einmal tat, hatte vorerst kein glattes Sonntagsgesicht, und eins aus Höflichkeit sich vortun, fiel keinem bei.

     So wurde die Einweihung des Vereinshauses hinausgeschoben. Der Fridolin aber bezog einstweilen ohne Aufsehen die Hausvaterwohnung. Für ihn gabs kein Aufschieben, weil er sonst keine Unterkunft wußte. Mit dem Vater hatte es einen schrecklichen Auftritt gegeben. Nun war für den Sohn kein Platz mehr im Elternhaus.

     Außer dem Hagelwetter verdarb noch etwas die Lust am Festefeiern, wenns auch keiner laut aussprach.
     Im Pfarrhaus waren die Fenster der Schlafstube dicht verhängt, schon tagelang. Seitdem am Sonntag spät der Kuhhirts Hannes an der Tür geklopft hatte

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und der entsetzten Trine ihren Herrn leblos auf den Schultern hereintrug. Wie es seit der Zeit ging, konnte keins recht ausmachen. Die Trine gab nichts anderes zum Bescheid als ein bitterbös Gesicht. Aber schlecht stand es wohl und "arge Fiebern" mußte der Pfarrer haben; hörte man ihn doch auf der Straße vom Bett aus laut predigen. Und kürzlich zwischen Tag und Dunkel war der Weberkarl und der Herr Lehrer schnell ins Pfarrhaus gerufen worden, weil die Trine den Kranken nicht mehr allein im Bett halten konnte.
     Das hatte keiner gewollt. Das Geschimpfe gegen den Lohnprediger verstummte plötzlich. Und öffentlich vorm Vereinshaus ließ man den Weberkarl ausreden: "Wem hot us Pärrner je was zu Leids geta ? In dem treue (trew=trocken) Joahr 93 hot he die ganz Früchtliwering nochgeloasse. Nu hot de aal Man zum Dank de Krach!"
      Der Hasselbächer Evangelist übersah die Lage und tat einen glücklichen Griff: Die Leute brauchten einen Sündenbock, an den sie ihr Schuldgefühl loswürden.
      Der Gottfried war schuld!
      Damit drückte der Fridolin seinen überwundenen Gegner endgiltig auf den Kopf.
      "Wann sich d´s Gottffriedche noch einmal im Ort blicken ließ, gabs für ihn noch etwas anderes als Moldrüff!"
      Aber übermäßig wohl wars auch dem Hasselbächer Evangelisten nicht, trotzdem er jetzt ein ganzes Haus für sich allein hatte. Mit Schrecken erfuhr ers, nun fingen die Sorgen erst an. Kahl und leer war Stube und Wand. Nicht Stuhl und Bett brachte er aus dem Vaterhaus mit. So wie er ging und stand, mußte er hinaus. Daran änderte auch das Weinen und Trotzen der Mutter nichts.

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      Hätte der Fridolin nicht seine guten Leute gehabt, wärs zum Hungern gekommen. Besonders die Kirchenhanjers waren ihm jetzt unentbehrlich und stellten den notwendigsten Hausrat.
      Und das Fehlende folgte bald nach. Fridolin beeilte sich, mit der Line Verspruch zu halten.
      Als er glücklich über den Berg war, kamen neue Sorgen: die Bauschuld fürs Vereinshaus.
      In den nächsten Wochen, der Evangelist sahs leibhaftig, klopften die Bauhandwerker: Maurer, Zimmermann, Schreiner und Schlosser ans Vereinshaus, redeten vom Wetter und den schlechten Zeiten und legten ihre Rechnung auf den Tisch. Und Schlosser, Schreiner, Zimmermann und Maurer versicherten einstimmig, daß sie zufällig selber eine größere Schuld zu bezahlen hätten, und darum bäten sie um ihr Geld.
      Was sollte denen der Hasselbächer Fridolin antworten?
      Wenns jedesmal sich wiederholte wie beim Steindecker, dann stand das Wetterglas fürs neue Vereinshaus einige Zeit auf Sturm. Mit schwankenden Schritten am halben Mittag kam der Steindecker vom Eckhannes her, der in der Tür stand, aufs Vereinshaus zugesteuert. Er war wieder dampig (betrunken).
      Drinnen lehnte er gegen die Wand und forderte ohne Umschweife sein Geld. Fridolin bekannte im Augenblick sei kein Geld da. Ungläubig kniff der Steindecker die Augen zusammen: "Am Vereinshaus süfferte manch, einer; da gäbs auch für ihn einen Strich."(am Euter) In seinem Dusel kam ihm das Vereinshaus wie eine Kuh vor, an der das Kalb trinkt.

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      Ganz gelind tat der Fridolin: Es müsse erst die Hypothek gemacht werden und es stünd geschrieben: "Habe Geduld mit mir!"
     Darauf der Steindecker: Mit Bibelsprüchen könne er keine Schiefersteine bezahlen. - Endlich ließ er sich zur Tür hinaustun. Und weil er auf der unfertigen Haustreppe stolperte und fiel, hob er die Faust: Im Vereinshaus wär lauter Lumpenzeug!
     Alle Nachbarn hatten das mit angesehen und gehört. -
     Tags darauf "machte" Fridolin mit dem Ranzen über Land. Bei den auswärtigen Bürgen der Bauschuld wollte er anfangen und Geld beitreiben.
     Aber geh einmal einer Geld fordern! Da gibts Gewitter, und leicht wird die Milch sauer.
     Ob denn die Hasselbächer schon ihre Sach gemacht hätten? ... Nein?! Da solle der Fridolin erst an die gehen! Wie denn andere Leute dazu kämen, die Hasselbächer Schuld abzutragen?
     Deutlich erkannte Fridolin die Spuren des Ketzerbacher Gottfried.
     Ganz kleinlaut kam er von der vergeblichen Reise. Zwingen konnte man keinen, denn die Bürgschaftsliste hatte keine gesetzliche Giltigkeit. Wenn sich jeder weigerte, blieb alles auf dem Kirchenhanjer sitzen. Und wenn der nicht den Kopf ins Loch hielt?!...
     Der Maurer kam und ging murrend ... Es mußte schleunigst Geld herbei!
     Fridolin betete, morgens, mittags und abends, allein und mit dem Kirchenhanjer: Der Herr solle helfen! Seine Sache wars doch! Vor dem Herrn auf den Knieen war das Vereinshaus besprochen und beraten worden, ehe man anfing.

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      Auch seine Berufung hielt Fridolin dem Herrn vor. Damals, als er Schollen klopfte im Frühjahr und der Erdgeruch tatenschwanger von den aufgebrochenen Aeckern stieg, war ihm da nicht wiederholt der Schlägel entfallen, als nähme ihn einer aus der Hand? Und eine leibhaftige Stimme hatte über ihm geklungen, daß es ihm durch und durch ging und er stracks heimlief: "Fridolin, du sollst hinfort mir dienen!"
     Also mußte der Herr helfen! Mehr als eine christliche Anstalt gabs doch, wo das Geld zum Unterhalt zusammenkam durch sein unmittelbares Eingreifen, bloß auf gläubiges Beten hin!
     Aber für Hasselbach blieb die Gebetserhörung aus. Niemand brachte Geld.
     Und die Hasselbacher Bürgen, die auf der Liste standen mit 20, 50 und 100 Mark?
     Der eine versprach: Er habe eine gute Kuh, die werde bald kalben, und wenn das Kalb verkauft wär - dann! (Wenns aber ein Kuhkalb (weibliches Kalb) war, wurde es angebunden und nicht verkauft.) Der andere tröstete: Für den Sommermarkt habe er zwei artliche Schweine. Der dritte wartete auf den Herbst und die Ernte. - Abstehen wollte keiner von seinem Versprechen. Aber jetzt gleich auf ein Brett könnten sie´s nicht strack bringen. Und gar nach dem Hagelschaden! Einer sprachs frei heraus: Erst müßt jetzt der Herr ihnen helfen, dann wollten sie auch etwas für den Herrn tun!
     Da trafen sich eines Morgens in aller Früh der Kirchenhanjer und der Fridolin vorm Dorf, und beide zusammen gingen nach der Kreisstadt, die Hypotheke zu machen, und ins Stockbuch zu Hasselbach wurde die Schuld eingetragen.

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      Von der Zeit ab schlief der Kirchenhanjer nicht mehr fest. Er hatte noch nie keine Schuld gehabt nirgendwo. Die Bäu vom Vater her waren frei bis auf den letzten Sparren unterm Strohdach und ebenso sein Land. Jetzt aber stand eine große Schuld auf seinem Namen im Stockbuch. Die ging mit ihm den ganzen Tag und aß aus seiner Schüssel. Es fiel bald auf, er hielt sich nicht mehr so aufrecht und sah schlecht aus.
     Viertausend Mark waren auf Hypothek entliehen. Im Handumdrehen lief das Geld durch die Finger.
     Wer bezahlte die übrigen Tausende und die Zinsen?
     Und damit noch nicht genug. Ueber den Kirchenhanjer kam, seitdem er die Hasselbächer Schuld auf sich genommen, das Mißgeschick wie schwarzes Rabenvolk über Sturzäcker. - Wer "suchte" nicht alles an ihm!
     Fridolin wollte heiraten. Natürlich! Und der Kirchenhanjer mußte Geld herbeischaffen, und nicht zu wenig. Die Ehre, einen Evangelisten zum Tochtermann zu haben, war so ganz billig nicht. Da reichte die übliche Brautsteuer: ein Bett, eine Lade, Tisch und Bank nicht aus. Möbel für zwei Stuben sollten es sein und ein "Kannabett" und ein polierter Tisch.
     Das kostete einen Lipper (junger Ochs) und ein fettes Rind aus dem Stall.
     Und dann die Hochzeit. Nicht bloß eine halbe Hochzeit mit Kaffee, Kuchen und Abendsuppe; nein! eine große Hochzeit wollte er Evangelist, mit Mittagessen und das ganze Vereinshaus voll Gäste.
     Da gabs den ersten Hausstreit zwischen dem Kirchenhanjer und seinem Tochtermann: Ob ihn der Fridolin mit Gewalt an den Bettelstab bringen wolle? Seine ganze Sach ginge verspielt! Er, der Bürgermeister und 4*

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der Uhl bezahlten selbdritt von den Hasselbächern Einkommensteuer. Das nächste Mal wärs einer weniger.
     So begehrte der Schwieger auf. Aber auf dem Sommermarkt war er mit zwei Kühen und ließ eine dort.
     Und mit der andern brachte er sich die Klauenseuche heim in den Stall! Der Kirchenhanjer rannte in der Stube auf und ab, außer sich: Der Herr habe ihn ganz verlassen! Jetzt, wo die Sensen gedengelt würden zur Heuernte! Wie sollte das Heu heimkommen ohne Fuhrwerk?
     Vorerst durfte es noch keiner wissen. Er ließ sein übriges Vieh noch mit der Herde treiben. Acht Tage später stand überall an der Gemarkungsgrenze die Warnungstafel: "Maul- und Klauenseuche!" Ganz Hasselbach hatte die Krankheit im Stall. Und alles war wütend auf den Kirchenhanjer: Das hieße man christlich, sein krank Vieh durch das Gesunde anderer zu treiben, damit jedes die Krankheit bekäm!
     Fridolin besorgte ernstlich, daß die Mißstimmung gegen den Schwieger sich auch auf ihn übertrüge. Es war nicht auf alle Brüder Verlaß, und nicht jeder drehte sich so schwer, wie die Wetterfahne auf dem Kirchturm zu Hasselbach, die nur ein handfester Sturm herumbrachte. Kürzlich war hinter dem Leutprediger von Zorn, gegen den doch nichts vorlag, wie gegen den Gottfried, hergesagt worden: an einem hätten die Hasselbächer genug zu füttern.
     Wer war der eine anders als Fridolin?
     Bis jetzt übrigens fütterten die Hasselbächer nicht schlecht. Niemand sollte es glauben, was alles die Frauen unter der Schürze dem Vereinshaus zutrugen. Und darunter waren Leute, die selbst kaum das Brot

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über Nacht im Haus hatten und die Stube voll Kinderchen. Diese Menge Butter, Milch und Eier! Das Butterweib, die Hickelies,welche jeden Samstag die Butter zur Stadt trug, beschwerte sich: Kein Butterweck mehr habe sein Gewicht, überall seien die Spitzen von dem Fridolin abgeschnitten.
     Bei den Gottlosen hieß er schon der Butterweck-spitzenabschneider.
     Tatsächlich war das junge Ehepaar manchmal in Verlegenheit, wohin mit all dem Segen, damit nichts verdürbe. Von dem Ueberfluß mästete der Kirchenhanjer ein Schwein.
     Zu merkwürdig! Dem Pfarrer als dem Lohnprediger warf man das Bibelwort wie einen Strick um den Hals: "Umsonst habt Ihrs empfangen, umsonst gebt es auch!" Und dem Evangelisten brachten dieselben Leute freiwillig mit Scheffeln, was sie dem Pfarrer tropfenweise versagten. Aber der Evangelist war der rechte Diener Christi und lebte von der Barmherzigkeit. Sollte der etwa Not leiden in Hasselbach? Man hätte gemeint, keinen Segen zu haben.
     Und auch bar Geld gab man, soferns einer hatte; monatlich eine Mark, so wars ausgemacht.
     Aber im großen, gegenüber der Vereinshausschuld bliebs vorläufig auf dem alten schlechten Fuß. Da marschierte man nach einer anderen Gedankenrichtung. Der Kirchenhanjer war nicht der Evangelist. - So´n reicher Mann! War man ihm nicht gut dafür? He? - Obendrein, wozu war er dem Fridolin sein Schwieger?
     Der arme Schwieger! Immer tiefer geriet er in die Zwickmühle. Er meinte, es nicht zu überleben, als wieder ein Vierteljahr herum war, wurde die zweite Hypothek gemacht; diesmal beim Seligmann in Vier-

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dorf. Und Haus und Hof mußte der Kirchenhanjer zur Sicherstellung verschreiben. Jetzt hatte er Angstage, von denen er früher nichts wußte: wenn die Zinsen fällig waren für die große Schuld!
     Der Fridolin aber war gemütsruhig geworden, seit er seine Schmerzen den Kirchenhanjer aushalten ließ. Er hatte dabei ein feines Leben und bekam keinen nassen Buckel. Nur einmal in der Heuernte, als die Kühe wegen der Klauenseuche nicht gefahren werden konnten und die Schwiegerleute sich selst vor den Heuwagen spannten, legte auch der Tochtermann eine Hand an die Speichen, vorm Dorf den kurzen, steilen "Stich" hinauf.-
     Mitte August endlich wurde das Hasselbächer Vereinshaus eingeweiht und viele Heidelbeerkuchen in Hasselbach gebacken. Der Fridolin hatte einen glücklichen Tag, viel Zuspruch und der Opferteller am Eingang war gehäuft voll Geldstücken.
     So müßts bleiben! schmunzelte der Fridolin vorm Schlafengehen zum Line.

6.

     Fast jeden Sonntag gabs jetzt Absonderliches in Hasselbach. Der Fridolin wußte den Leuten Abwechslung zu bieten. Bald ein Jünglingsfest, bald Posaunenchöre, dann wieder eine Evangelisations- Versammlung. Kürzlich ein Missionar, der war so weit her, da trügen die Menschen Ringe durch die Nasen.
     Vernahm der Fridolin, daß irgendwo in gläubigen Kreisen ein Name mit besonderer Betonung genannt wurde, gleich war er auf den Beinen, und vor der ganzen Gegend hatte er ihn zuerst als Redner im Vereinshaus.

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     Außerdem war der Evangelist schon den ganzen Sommer über so gut wie konkurrenzlos in Hasselbach. Während der Krankheit des Pfarrers wurde in der Kirche wohl aushilfsweise gepredigt. Aber wer ging da viel hin? Im Pfarrhaus aber waren die Fenster in der Schlafstube jetzt schon wochenlang verhängt. In der letzten Zeit standen sie wohl zeitweilig wieder offen, aber über den Zustand des alten Pfarrers gingen merkwürdige Reden im Ort.
     Der Polizeidiener, welchen Katzenweihers Peter auf der Straße anhielt, schaute vorsichtig rechts und links und machte dann schnell vor der Stirn eine Bewegung, wie wenn eins die Kaffeemühle dreht, nickte gewichtig und ging, ohne ein Wort zu sagen, weiter.
     "Nu etz!.. nu etz!" Dem Katzenweihers Peter blieb der Mund offen stehen. -
     Dieweil kam der Altweibersommer, letzte sonnige Lichtzeit vor Nebel, Sturm und Schnee. Seidenhelle Flimmerfäden spannten sich von Stoppelhalm zu Busch und Baum und der Frühreif baute sein Nest hinein.
     Auf den Kartoffelfeldern flackerten die Herbstfreudenfeuer der Ernte. So gutes Wetter hatte man selten. Wie war es vergangenes Jahr gewesen, wo einem fast die Hände abgingen vor Frost!
     Das ganze Dorf war draußen; der hackte, die lasen auf, der füllte die Säcke.
     Wo der Acker des Weberkarl an den Weg stieß, grenzte Fridolins Vater, Feschs Hanjer, von der andern Seite her. Immer die Furchen entlang hackten sie sich entgegen und, wenn sie auf dem Weg zusammentrafen, taten sie sich als gute Nachbarn die Ansprach.
     Der Weberkarl hielt einen ausgemachten Kartoffelbusch samt den anhängenden Knollen in der Hand und

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betrachtete ihn schweigend. Die jungen Früchte waren stark und gesund, die Setzkartoffel hautig und faul.
     "Nu?" fragte Feschs Hanjer.
     Waaßt dau, mit Neujoahr will eich abgewe unn die Sach teile. Die Kinn´ sein all gruß, unn eich hunn´s de ganze Summer schon gespurrt, ´s tuts nit mih, wam´mer sät: bal siwezig!... Do doacht eich grad: de aal Mensch is nit annersch wie die aal Setzkatoffel. Die Junge sein von´r gruß unn stark, unn die Aal hot alles abgewe... So hot´s de Herr ei´gericht´t, unn jederaans muß sich ´in schicke."
     Als sie das nächste Mal zusammentrafen, kam der vorige Sonntag ins Gespräch. Der Kappenschneider aus Barmen war mit seinem Geisteskranken im Vereinshaus gewesen, und noch dazu eine Sängerin, seine Tochter. Da lief, was laufen konnte, herbei.
     Der Weberkarl betrat das Vereinshaus nicht mehr seit jenem Sonntag. Zu "de Bapetiste" ging er nicht. Aber er hatte auf der Straße zugehorcht.
     "Eich hätt nie gedoacht, deß e Weibsbild so e Stimm häb. Die hot´n Stimm! Armsdick kam´s ´r zum Hals raus!" Der Weberkarl lehnte sich auf seine Hacke und zog den Tabaksbeutel. Die Furchen entlang hatte er kalt geraucht.
     Feschs Hanjer schüttelte verdrießlich den Kopf: "Was lei´t mir am Kappenschneider unn seim Madche. Die solle dehaam bleiwe bei ihre Kappe unn hie die Leut nit aafällig mache. Der arm Borsch, den he mitschleppt, is mih geck (verrückt) wie aamol. Die Noacht hot´r uff´m Bernbaam im Parrgoarte gehockt. Des kimmt awer von Eurer Versoamling her, etz seid´r nimmie Herr drüwer."

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     "Tu sacht, Hanjer! Tu sacht! Die Versoamling schell nit. Awer recht host dau, die Kirch solle se mit Friede losse."
     "Do seist dau aach schon z´friede, dau Guter! Eich saa´n wann die Läfer (Läufer) imeds (jemand) bekohrn wolle, worim gihn se in die Versoamling zu lauter bekohrte Leu´? Unn worim is all des Getä? Wie mer noch naussauisch wor´n, durfts all nit sei´. Des kimmt all von de preißisch Glauwensfreiheit her. Die Staat sollts verbiete, do hätts e End. So saa´n eich!"
     Von der zweiten Gewann neben dem Weberkarl kam Katzenweihers Peter. Das kleine Männlein lächelte stets und war sehr neugierig, dazu ein Verehrer Fridolins. Die letzten Worte von Feschs Hanjer schnappte er auf.
     "Annerscht erim!" feixte er. "Tagtäglich sollt sich aans uff die Knie setze unn´m Herrn for die Freiheit danke, daß unseraans des nit z´leide hot wie die erschte Christe."
     Feschs Hanjer wurde ärgerlich: "Gih mer weg! Dau brauchst dich newe die erschte Christe z´stelle. Dau seist inwennig akurat so rauh, wie eich... Dau steckst aach naut newer´n Sack, was dau enin krieje kannst. Waaßt dau, was dau denkst uff dei´m Parräcker do?... Wann ´r mei´wär!"
     "Des leugeln eich nit," gab der vom Katzenweiher zu, doch wurde sein Lächeln dünner. "Eich saa´n aach des, recht is ´s nit, deß üwerall in de Gemarking de Pärrner die Hand uff de beste Sticker hot. Dau kannst dorch us ganz Feld gih, wo de sä´st: hie is e schiener Aecker - stieht de Pärrner do .. Triffst dau im Wald e schin Kloafter Holz aa - Hand weg, ´s is Parrholz!... Host dau dei Frucht haam broacht, host se gedrosche

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unn gefegt unn läßt die Kern dorch dei Hand laafe - stiht wider de Pärnner do unn hält de Sack uff... Awer aans hunn eich, des hot de Pärrner nit bei all seiner Wohllust: Eich waaß gewiß, deß mer mei Sünn´vergewe sinn!... Hanjer! Dau, Karl! Was war´sch doch gest´z´Owend e Sege vom Herrn, wie de Fridolin gepredigt hot von de Sündevergewing!" Die Erinnerung machte den Kleinen ganz verzückt, daß er Feschs Hanjer am Wams zog: "Wann eich ´n Suh hätt´, wie dein Fridolin!"
     Erschreckt hielt er inne, denn wie vom Messer gestochen, zuckte Feschs Hanjer auf.
     Nahe des Weges humpelte der rote Christian mit der Kartoffelhacke als Stock. Weiter, vom Dorf her, fuhr der Kirchenhanjer mit zwei Kühen.
     "Komm mer nit mit dem mißratene Jung! He hot´s grad nierig (nötig), von de Sündevergewing z´preddige. Gott vergebs ´m, was des for´n Suh is. "Ehre Vater und Mutter!" so sein mir´s geliert wor´n in de Schul. Bei dem heeßt´s annerscht. Verwichene Mond, wie sein Grußvatter storwe is, konnt he´s mit aaseh´, wie mer ´m die Lad am Haus vorbeitrug. Dem aale Man hot he nit emol die letzt Ehr aageta bis zum Kirchhop. Sag, - Feschs Hanjer packte den Peter vom Katzenweiher am Handgelenk, sein Atem ging kurz - hot he wirklich gesaat: "Lasset die Toten ihre Toten begraben"? He? Is des woahr?"
     Dem Peter ward der zornige Vater unheimlich. Er trachtete von ihm loszukommen und stellte sogar das Lächeln ein.
     Für ihn antwortete der rote Christian.

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     "Hanjer, seist dau die Brüder noch nit künnig?(kundig) Dau! - Katzenweihers Peter - waaßt, eich leie (liege) newig d´r im Krautfeld. Unn dau seist e frummer Man. Unn am Sonnowend seist dau mer mit´m Wage dorch mei´Rummele (Dickwurz) gestrampcht. Wann eich dich aatroffe hätt debei, hätt´st dau die Hack ins Kreiz krieht... Unn was de anner is, de Fridolin, do könnt´r mol beim Ap´theker in Vierdorf nochfräge, wer de teierschte Wei´unn Kunjak unn was sust all, bei ´m käft. E´Gewitterkerl, de Fridolin!"
     Spott guckte dem alten Klotz aus allen Rissen.
     Des Kirchenhanjers Gefährt war indessen herangekommen und schnitt die Unterhaltung durch. Die letzten Worte hatte er sicherlich gehört.
     Hinter ihm drein ging jedes wie auf Verabredung wieder an die Arbeit.
     Nur spät nachmittags auf dem Heimweg sagte der Weberkarl zu Katzenweihers Peter noch ein Wort.
     "Eich saa´n gewiß naut gege die Versoamling. Eich sein vornweg mit debei gewest mitsamt´m Pärrner. Awer die aal Welt woar annerscht. Die näu Welt micht newig de Kirch her. Ihr wollt die Kirch unn die Pärrner owerüwer schmeiße. Awer die Kirch stiht schon lang, unn zu Hasselbach hots immer´n Parre gewe. Urrer (Unser) Kaiser giht aach immer bei´n Pärrner, unn dorim saa´n eich: so lang mir´n Kaiser hunn, behalte mir aach´n Pärrner!"

7.

     Der Kirchenhanjer war nahe daran, rapplig im Kopf zu werden.
     Das habe keins von ihm gedacht, sagten selbst seine besten Freunde, daß er so begierig auf die Welt wär.

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Ueberall und von jedem verlangte der Geld. Soviel konnten doch unmöglich die Zinsen von der Hasselbächer Schuld ausmachen! Die wollte man ja mit bezahlen.
     Daß aber vierhundert Mark - die Halbscheid zu Martini, die andere zu Johanni - mit Groschen nicht eilfertig zusammengebracht sind, wußte der Unverstand nicht.
     Aber der Kirchenhanjer wußte es. An den heurigen Martinimarkt dachte er wie an keine zehn andern. Viele Wochen vorher saß er und rechnete über dem Inhalt der Tischschublade, daß ihm der Schweiß kam. Es langte immer noch nicht! Dann rannte der Kirchenhanjer im Dorf herum an diese und jene Tür: Geld! Geld!
     Bald ließ auch der Seligmann sich öfter sehen und sich den Kaffee kochen als Hausfreund. Bald stellte er drei Kühe in den Stall ein. Die solle der Kirchenhanjer füttern bis zum Markt und sich die Milch dafür behalten. Zwei Kühe aber standen trocken. Da war mit dem Mann fast nicht mehr auszukommen.
     "Nu, etz! Nu etz!" Dort lief er schon wieder bloßköpfig ohne Halstuch durch den kalten Nebel, als wolle er heut noch zur Eisenbahn.
     Wenn der noch nicht rapplig war, weitab war´s mit ihm sicherlich nicht!
     Und mit dem Fridolin triebe ers am allerärgsten.
     "Mer müsse recht Geduld hawe.. und für ihn bete;" das tat auch Fridolin in öffentlicher Versammlung.
     Es gab aber auch Leute im Dorf, die behaupteten: Sie nähms gar nicht Wunder, wenn der Kirchenjhanjer rapplig würde. Das wär nun der zweite vom Fridolin her. Erst der Pfarrer, jetzt der Schwieger.
     Aber wer solches sagte, waren die Wirtshausbrüder...Welt!...Welt!

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     Von dem alten Pfarrer freilich sprach sichs immer mehr durch, daß er geistesgestört sei. Keiner bekam ihn zu Gesicht. Er säß immer auf der Stub und wär wie ein Kind. Bald würd er pensioniert, hörte man; und dann käm ein junger Pfarrer.
     Nun, wers erlebte, konnte es nachher den andern erzählen, wie´s geworden war.-
     Unterdes kam eines Tags der Winter angereist und tat, als ob er daheim wäre. Er packte aus und belegte alles mit Beschlag, jedes Fleckchen, soweit das Auge sah, bis vor die Haustür.
     Der Winter, das war so ein grober Gewaltskerl, wie dazumal der "Napolium." So hat sich der Kuhhirts Hannes einmal vernehmen lassen, als er zwischen Tag und Dunkel heimkam von der Hub und am Ofen sich wärmte, während die roten Flämmlein um die knisternden Holzscheite sich beugten und reckten und der Schneewind wie der Wolf ums Haus jaigte (jagte).
     Der Winter, das war so einer, dem sollte die ganze Welt zu Willen sein. Und die ganze Welt Gottes wollte er anders machen nach seinem Kopf. Winterfarbig mußte nun alles werden, Feld, Heide, Wald und Dorf. Sogar den Tannen zog er ein Schneewams an; die wehrten sich aber am längsten. Sonst aber konnte niemand gegen seine Faust mucken.
     Und die Menschen hätten am Leben verzagt, wenn nicht die Sterne gewesen wären. Die Sterne aber sind Lichlöchelchen in der Himmelsdecke, sagte der Kuhhirts Hannes. Dadurch des Himmels Herrlichkeit durchleuchtet zur Erde!
     Und endlich machte der Himmel auch sein großes Fenster auf, das ist die Sonne; daraus fiel wieder soviel

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Herrlichkeit auf die Erde, daß der Winter eilends zu laufen anfing und endlich ganz ins Wasser fiel. Und statt dem Schneeweiß kam wieder grün, blau, rot, und Brot wuchs für alle Kreatur.-
     Einstweilen freilich war der Gewaltskerl noch in bester Kraft. Halbzu wehte er die Fenster, und wer so unvorsichtig war, Tür oder Fenster aufzumachen, dem kam er ohne weiters in die Stube.
     Weh, wer jetzt um Leibesnot und Krankheit zum Arzt mußte, zwei Wegstunden von Hasselbach! Eh er sich umsah, trug er des Winters Montur. Allein durfts schon gar keiner wagen, aber auch zu zweit wars mitunter lebensgefährlich.
     So trafs eines Tags im Hartmond den Fridolin und seinen Schwieger.
     Das Line war auf der Haustreppe beim Schneekehren ausgeglitten und gefallen. Da hatte sie´s in ihrem Zustand überkommen. Die alte Ammfrau rang die Hände: Schnell müsse der Doktor herbei, sonst wär alles gefehlt!
     Bis vor den Ort ergings den beiden Wandrern noch leidlich. Dort kauerten die Häuser eng aneinander mit den Strohdächern bis zum Boden, wie Männlein mit dem Rücken gegen den Sturm.
     Aber draußen, wos wagrecht zwischen Himmel und Erde wie pfeifende Ruten mit "Huih!" durch die Luft schnitt!
     "Zwei Menschen!" heulte das wilde Heer in den Lüften.- "Keiner kommt lebend davon!" schrie der Gewaltskerl.
     Und Schnee, Sturm und Frost umfaßten eiskalt die Menschen, daß ihnen war, als hätten sie keine Kleider an!

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     Was? Den Schirm aufhalten? In Fetzen reißt er dahin! Gegen den Sturm mit der Schulter angestemmt, halbseitlings sich weiterschiebend, bekam man noch am schnellsten den Weg unter die Füße.
     Dem Kirchenhanjer war der Weg besonders sauer. Dutzendemal blieb der Fridolin im Voranschreiten stehen und trieb und trieb: Daheim hätts der Schwieger melden sollen, wenns ihm zu arg wär. Dann hätt sich der Fridolin noch einem andern Mitgänger umgetan. Aber jetzt müßts gepackt werden.
     Schnaufend und mühsam gings durch den knietiefen Schnee, den Kopf tief nach vorn, daß die Augen nicht zugeweht würden.
     Daß aber dem Kirchenhanjer noch etwas anderes zu schaffen machte außer dem schlimmen Weg, blieb seinem Vordermann nicht lang verhohlen. Ueber der Schublade wieder, zählend und rechnend hatte der Fridolin den Schwieger angetroffen.
     Der Hansnarr und Schwachkopf! Es war doch ganz zu arg mit ihm! Johanni war noch monateweit.
     Jetzt kam nach jedem Geschnauf auch ein Gebrumm und Geknurr.
     So war der Hinweg. Endlich in Vierdorf, war der Doktor nicht zu Haus!
     Aber bald müsse er heimkehren, tröstete dessen Frau. Und dann wolle sie ihn gleich schicken. Der Arzt hatte fast zwanzig Dörfer zu versehen.
     Es ginge auf Tod und Leben! schärfte der Evangelist nochmals ein.
     Draußen stand der Kirchenhanjer im Hausflur beim Seligmann. Der wollte sich bloß erkundigen, wie´s ging, und ob alles noch munter wär.- Ein gar freundlicher Mann, der Seligmann!- Sein Haus, das erste

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beim Eingang zum Dorf, mußte jeder passieren, und manchem wars wie ein Schlagbaum über die Straße.
     Fridolin drängte zum Rückweg. Gottlob, nun hatten sie den Wind im Rücken und die Brust war freier.
     Aber der Kirchenhanjer benutzte den erübrigten Atem zu Klagen und Beschwerden. Der arme Mann hatte offenbar nur einen Gedanken, der immer vor ihm stand wie ein Gespenst: die Schuld und die Zinsen, die Zinsen und die Schuld!
     Wenn er den Seligmann zu Gesicht bekäm, schlügs ihm immer in den Leib und mache ihn krank! Die Schuld fräß ihn noch von Haus und Hof. Wer könnt das abhalten, fürs ganze Dorf zu bezahlen? Auf ihm allein läg die Hasselbächer Schuld, und der Fridolin vorweg ließ ihn im Stich.
     Am Ende kamen ihm die Tränen und standen als Eiszapfen im Kinnbart: Der Tochtermann solle doch um Himmelswillen ein Einsehen haben und ihm die Last abnehmen.
     Dem Evangelisten ging die Ungeduld in Zorn über.
     Das fehlte noch! Daheim das Unglück und den Kram mit der Line... Der Marsch bei dem Woost... Der Doktor fort... Und jetzt noch das Geplärr zum Ueberfluß!
     "Allweil is kei Zeit; macht, daß mer vom Weg komme!"
     "Kaa Zeit! Immer unn ewig kaa Zeit, ´s ganz Joahr! Als ´n feiner Man im Vereinshaus sitze, des is dir aastännig. Awer anstatt ei´m z´helfe, den mer in de ganze Kram eninbroacht hot, verbiet´t mer sei´m Schwieger die Red unn hot kaa Zeit."
     "Was red´t Ihr da für Zeug? Wer hat Euch in etwas eningebracht?"

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     "Su? Solls etz nit mih die Woahrhet sei´, daß eich fors Vereinshaus gut sei müßt wege´m Fridolin? Unn eich aal Schof ließ mich beschwätze, alles uff mich z´nemme. Wann eich dozumal de zehnte Daal (Teil) gewüßt hätt, was eich hau (heut) waaß, die Hand soll mer verdorr´n, wann eich aan Finger krumm gemacht hätt um die Geschicht!"
     "Ich dacht, wege´m Herrn wärs Vereinshaus gebaut wor´n," gab Fridolin zurück.
     "Jo, so host dau´s fürbroacht, dau Millschwätzer! (Mill = weich, mild) Awer etz kenn eich dich aus. Wie eich zu´m Line unn zu allem genibcht (genickt) hatt, unn dau hattst dich warm gefaßt, do hatt mer for de Kirchehanjer kaa Zeit mih! Die Katz dorch die Bach ziehe, des dorft´r noch. Awer etz is´s Dippche am Uewerlaafe! Etz michst dau aach dei Daal! Die Aalte könne Brut esse, so schwarz, wie de Erdsburre,(Erdboden) dreiviertel Gärscht, unn die Junge stiehn alle Woch uff de Backeslist´(Backhausliste) mit Weizekuche. Des hört etz uff!"
     Er hielt den Voranschreitenden fest am Ranzen.
     "Laßt mich mit Friede! Sonst!..." schnaubte der in heller Wut.
     "Auf sie!" brüllte der Sturm.
     "Naa! Etz uff de Strupp (sogleich) werd´s annerscht! Wo tust dau all das ville Geld hi, was dau von de Leu´nimmst?... Eich Aafalt doacht, es wär for de Herrn. Wär´sch nit um´s Line, krisch eich dich im ganze Ort aus, was for teire Wei´unn Geschnuckes defor kaaft werd!"
     Auge in Auge stand Haß gegen Haß. An der oberen Schutzhecke wars, ebenda, wo der alte Pfarrer in jener Wetternacht blutend unterm Tann lag.

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     Die Leut hawe recht, du bist wirklich rapplig im Kopp!" zischte der Fridolin und stieß den Kirchenhanjer vor die Brust.
     "Host dau des unner die Leu´broacht?" schrie außer sich der Kirchenhanjer. "Wann eichs wär, wär´n eichs dorch dich!"
     Mit wütenden Fäusten packte er zu... und wälzte sich mit dem Evangelisten im Schnee.
     "Dau seist de Lohnprediger, nit de Aal´!... Dau säufst (aussaugen) die Gemaa aus! ... Dau! ... Dau! ..."
     Im wilden Wirbel umtanzten Sturm und Schnee den ringenden Menschenknäuel, als wärs ein Fest. Die ernsten Hochtannen schüttelten ihr Haupt. - Am Ende gabs noch Mord und Totschlag!
     Mit Aufbietung aller Kraft kam endlich der Evangelist los. Blutig war sein Gesicht. In den Händen des Kirchenhanjers ließ er Ranzen und Hut.
     So stürmte er ins Dorf...-
     Im Vereinshaus standen die Leute bis auf die Treppe. Die Wohnstube war angefüllt mit wehklagenden Weibern. Entsetzt machte alles dem eintretenden Ehemann Platz.
     "Ach du!.l Ach du!.. Wie sah der aus!.. Was war mit dem vorgefallen?"
     Auf dem Bett lag die Line, weiß wie das Leintuch, tot. Ihr war "das Geblüt angegangen", und sie hatte sich hilflos verblutet. - -
     Und der Kirchenhanjer?
     Von dem hieß es seitdem von Versammlung zu Versammlung: der sei reif fürs Narrenhaus!
     "Oder for de Kappeschneider!" höhnte der rote Christian.

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8.

      Zu Johanni brachte der Evangelist selber die Zinsen für die Hasselbächer Schuld auf.
     Was war zu machen? Zur Klage durfte es jetzt keinesfalls kommen. Alles hätte auf dem Spiel gestanden!
     Ueberhaupt, der Fridolin mußte zusehen, daß er wieder mehr in den Mittelpunkt kam und wieder alles um sich herumbrachte! Er hatte ein deutliches Gefühl dafür, als ob heimliche Feinde ihm den Boden unter den Füßen wegnähmen, unmerklich wie rinnenden Sand.
     Da war der Kirchenhanjer. Der schlug keinen Lärm. Gar nichts redete er und ging seinem Tochtermann aus dem Weg. Und den hatte der Fridolin als Narren hingetan!
     Und daß sein eigener Vater ihn verleugnete, und den Gottesmann einen ungeratenen Sohn hieß.
     Und daß er seinem toten Altvater nicht hinter der Lade hergegangen war!
     Und was der Apotheker von Vierdorf vom teuersten Wein und Geschnuckes gesagt, wars am Ende nicht gelogen?
     Man rechnete dem Evangelisten nach, er müsse sich gut, sehr gut stehen; besser, wie je ein Hasselbächer Pfarrer. "Wie denn das Geld verwandt würd, was in der Versammlung auf den Teller käm?" wollten einige von Fridolin wissen.
     Das wühlte und grub, ungesehen. Wie wenns ein Grab werden sollte!
     Und dann!... Pst!... Nit so laut!... In Hasselbach wars nicht mehr geheuer... Der alte Pfarrer ging um... am hellichten Tage!

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     Verrücktes Zeug! Der war ja noch gar nicht gestorben!
     Aber aussehen tat er, als ob er schon im Grab gelegen! Das versicherte nicht nur die Schmidtgoll, die Leichenfrau; das gruselte jedereins, ders sah.
     Immer gegen vier Uhr mittags ging die Tür im Pfarrhaus. Und langsam, Schritt für Schritt kam der alte Pfarrer. Wachsbleich sein Gesicht, überlang die weißen Haare und schwarz der Rock.
     Er kam die Hauptstraße herauf... am Vereinshaus vorbei... zum Dorf hinaus... nach der Heide, immer nach der Heide. Dort oben säß er auf einem Stein in der Sonne.
     Und noch etwas machte den alten Pfarrer so unheimlich. Man grüßte ihn die ersten Male, aber er kannte offenbar keinen Hasselbächr mehr! Er ging an seinen Gemeindegliedern vorüber, als wäre er fern her, ganz fremd, aus einem andern Land und einer andern Zeit.
     Und das Schrecklichste an ihm! Das konnte kein Hasselbächer sehn ohne Herzklopfen, in dem alten Gesicht das unbeschreibliche, irre Kinderlächeln!
     Wenn die Türglocke zur gewohnten Stunde schrill erklang, ging alles aus dem Wege und die Kinder schrieen auf.
     "Einfältige Menschen!" Der Fridolin ereiferte sich ganz übermäßig wegen der abergläubischen Furcht der Hasselbächer.
     "Seid ihr Männer?" rief er zornig einigen seiner Freunde zu, die mit ihm einmal vor´m Vereinshaus standen.
     Der alte Pfarrer kam; da wollten jene sich drücken.

68

8.

      Natürlich waren sie Männer! Also mußten sie bleiben, dem Grusel ohne Laut entgegensehend.
     Und der alte Pfarrer kam, langsam, Schritt für Schritt..näher..näher.... So lang und schwarz und weiß... Und dicht vorbei, als sähe er niemand. Und das Lächeln, das schreckliche Kinderlächeln!
     Jeder bekannte hinterher: Das könne keins abhalten, und auch der Evangelist wär, weiß wie die Wand, ins Haus gegangen und habe keinem "Adjes" gesagt.
     "Grad e su is´s, wie wann de Aal´hie noch aut (etwas) z´bestell´n hätt, bevor ´r Ruh fänd im Grab!"
     Aber was denn zu bestellen? Das sollt einmal einer vermelden!
     Der Kuhhirts Hannes sprachs frei heraus: Der ging durchs Ort wie´s leibhaftig bös Gewissen vom Fridolin! - Und keiner redete dagegen.
     Oben auf der Hub bei der Herde habe sich der alte Pfarrer die letzten Tage viel aufgehalten. Aber gesprochen habe er auch mit Kuhhirts Hannes nicht; das tät er sogar nicht mit der Trine, der Pfarrmagd. -
     Seit vier Wochen war in Hasselbach ein neuer Pfarrer. Zu dem ging Sonntags mancher in die Kirche, den man früher nicht sah. Zuerst aus Neugierde, dann sagte er: Der passe ihm nicht schlecht.
     Fridolin! Fridolin! Es war hoch not, daß etwas Außerordentliches geschah. -
     In jener Zeit wurde viel von einem Mann aus dem Siegerland erzählt als einem Muster von Gläubigkeit. Der legte die Schrift besonders tief aus, und eine Lehre hatte er dabei, mit der er immer größeres Aufsehen machte: die Sündlosigkeit der Wiedergeborenen. Wer wiedergeboren sei, könne nicht mehr sündigen!

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      Diesem neuen Stern liefen die Leute viele Stunden weit nach. Also mußte er ins Hasselbächer Vereinshaus!
     Und es gelang. Von der Reise kam Fridolin zurück und kündigte eine große Versammlung an. Es stand gedruckt im Sonntagsblatt: Posaunenchöre, verschiedene Redner und vor allem der eine!
     Der Sonntag kam, ein heller, sonnendurchleuchteter Morgen im Juli; kein Wölkchen trübte den Himmel.
     Im Freien sollte das Fest sein. An der "Struth" (so heißen oft die waldigen Höhenränder auf dem Westerwald), wo knorrige, hundertjährige Buchen schattige Hallen bauten mit winddurchrauschten Wipfeln, waren Bänke aufgeschlagen und ein erhöhter, tannenbekränzter Platz für den Redner.
     Die Hasselbächer taten sich rechte Mühe an, ihre Gäste zu bewirten. Tagelang hatte das Backhaus geraucht vom Kuchenbacken. Es durfte nicht zu wenig sein, damit jeder Gast noch sein Päckchen ins Nastuch mit auf den Weg bekam. Das war nicht unappetitlich, denn zum Schneuzen wurde das Nastuch nicht benutzt.
     Frühmorgens schon trafen Fremde ein. Am Mittag wimmelte es an der Struth wie im Bienenhaus. Eine solche Versammlung hatte die ganze Gegend noch nicht gesehen.
     Mit gehobenem Gefühl trat Fridolin auf den Plan, wie ein Feldherr. Er begrüßte die Gäste im Namen der Hasselbächer. Er ordnete an. Jetzt ein Lied, dann ein Redner, dann ein Posaunenchor.
     Weithin hörbar scholl der Gesang. Immer Schlag auf Schlag, eins hinter dem andern. Und immer eins suchte das andere zu überbieten. Es war auffallend, daß der folgende Redner stets lauter sprach als der vorhergehende.

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      Auf einen Unbefangenen machte das Ganze den Eindruck, als gälte es einen Sturmangriff, und heute müsse es durchgerungen werden!
     Jetzt trat der berühmte Mann auf. Wer hinten stand, reckte den Hals. Deutlich vernahm man die Stimme des Waldes in den Blättern.
     "Ihr müßt von neuem geboren werden!" Das war sein Vorstoß gegen den durch das Vorige schon erschütterten Feind. Gar eindringlich klangs: "Wiedergeboren - oder ewig verloren! Und nun die Herrlichkeit, wenn der Sieg gewonnen ist: Der Wiedergeborene sündigt nicht mehr..." Er, der Redner, sei heute fünd Jahre und drei Monate alt seit seiner Wiedergeburt und durch des Herrn Gnade habe er seitdem sündlos gelebt.
     Wieder ein Lied und beide Posaunenchöre!
     Darauf der Fridolin. Nun mußte der letzte Widerstand überwunden werden. Fast drei Stunden schon hatte die Versammlung gedauert.
     Mit aller Kraft stürmte der Hasselbächer Evangelist an: "Heute, so du diese Stimme hörest, verstocke dein Herz nicht!... Jesus im Gericht der Feinde hat sagen können:"Wer unter euch kann mich einer Sünde zeihen?" So könne auch heute der Wiedergeborene der Welt ins Gesicht sagen: "Weist mir eine Sünde nach, wenn ihr könnt!"
     Schriller Aufschrei schnitt dem Sprecher das Wort ab. Was war das? Am äußersten Umkreis, dort am Weg zum Dorf!
     Jetzt kreischte es wieder und lauter. Weiberstimmen, Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm, die nicht gut abkommen konnten, und doch auch etwas hören wollten. Viele drehten sich um, manche stiegen auf die Bänke. Was gab´s?
     O Gott! Der alte Pfarrer!

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      Was rief den hierher? Eine Gasse bildete sich im auseinander weichenden Volk...
     Wahrhaftig, da kam er! Als wüßte und merkte er gar nichts... Langsam näher, Schritt um Schritt.
     Und auf die Kanzel zu führte sein Weg! Dort, wo der Fridolin stand und mit entsetzt aufgerissenen Augen sprachlos dem Näherkommenden entgegenstarrte... als käme hier die leibhaftige Antwort auf das: "Mich kann niemand einer Sünde zeihen!"
     Es war gar nicht zu sagen, was dies für einen Eindruck auf die hocherregte Menge machte, dies wandelnde, totenbleiche Bild.
     Und jetzt!... Unter der breitästigen Buche stands neben dem Evangelisten. Und mit seinem geistesabwesenden Lächeln hob es die Hand und strich dem Fridolin über das Haupt.. wie ein Vater über seines Sohnes Haupt stricht.
     Man sah noch, wie der Evangelist laut aufschrie und wie gehetzt davonstürzte ins Waldesdunkel.
     Wenige Minuten später war der Platz menschenleer. Allein der geisteskranke Pfarrer saß auf einer Bank und lächelte wie ein Kind.
     Die Menge flutete ins Dorf. In Gruppen standen die Männer auf den Gassen und besprachen das unerhörte Geschehnis.
     Nirgends war der Evangelist zu sehen. Und keiner suchte ihn. Wer mochte fürder neben einem stehen, der nun vor der Welt gezeichnet war wie Kain! -
     Zu Hasselbach hatte es ein "Gottesgericht" gegeben!

9.

Mitten auf der einsamen Heide droben, wo man nichts sieht als Heide und Himmel und Himmel und Heide, liegt ein klarer, stiller Wasserspiegel.

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     Das ist das Auge der Heide.
     Drüben am Uferrand der dunkle Tannenstrich - mächtig überhängende Augenbrauen.
     Tag und Nacht ist das Auge der Heide zum Himmel aufgeschlagen und schaut... und schaut.
     Und mit dem Auge spricht die Heide alles aus, was sie bewegt.
     Glückselig kann es den blauen Himmel anlachen wie Einfalt und Glaube. Und die Sonne lächelt wieder, und ihre Strahlen steigen bis tief auf den Grund. - Aber wenn schwarze Wolken ihre Trauergewänder hinschleppen über das Heideland, schaut das Auge traurig düster drein, gleichwie seine Tannenbrauen.
     Trägt auch die Heide das Erdenlos: Lachen und Weinen?
     Einmal am Tag klingt Herdengeläut ums Wasser, die Wildendorner Viehherde. Sonst liegt der Heidesee weltentrückt allein. Nur ab und zu streicht ein Raubvogel hoch vorbei. Und öfter Raben; denn die gibts viel in der Gegend. -
     Nun aber saß dort ein Mensch.
     Wo das schwarze Gestein in den See ragt, saß er mit dem Rücken gegen die späte Mittagssonne, die einen Mantel voll Licht um ihn breitete.
     Der alte Pfarrer wars.
     Wie er dahin gekommen? Was er hier wollte? Hasselbächer kamen sonst nie des Wegs. Sie hatten hier nichts zu tun.
     Die Sonne schaute über die Schulter des alten Pfarrers. Und mit der Sonne zusammen sah der Mensch tief ins Auge der Heide, als suche er etwas drinnen.
     Was denn? - Er war ja geistesgestört.

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      Eine ganze Weile verging. Dann rückte der Greis weiter vor auf dem Stein. Und wieder mit der Sonne schaute der Mensch tiefer hinab ins Auge der Heide...
     Tief unten im Grund regte sichs! Man mußte nur genau hinsehen, und lange.
     Wallende Gewänder, silberweiß....
     Wem waren die?.. Was, Menschengesichter? ...
     Langvermißte Lieben?... Ein Weib und zwei Kinder?!
     Wahrhaftig! Still, daß sie nichts vertreibt!...
     Unter dem Fuß des Alten, der sich weit vornüber neigte, löste sich ein Stein und glitt ins Wasser.
     Da winkte und nickte es auf und ab: Komm! Komm zu uns!
     Der alte Pfarrer schaute und schaute, bis ihm die Augen übergingen.
     Dann nickte auch er. - -
     Kein Schrei ward gehört. Aufrauschten die Wasser im Kreis und wirbelten Freudenreigen weiter und weiter, von Ufer zu Ufer. Dann ward alles ganz still.
     Leblos und leer ragte der Fels in die Flut. - -
     Der Schatten vom Tann wuchs über den See. Die Sonne verließ die Heide.
     Die Sonne ging unter. Und ernst sah das Auge der Heide zum Himmel empor, bis das Firmament mit tausend Lichtern sich in ihm wiederspiegelte, tief-innig.
     Und wenn dann ein Sternlein vom Himmel fiel, ging ein Freudenleuchten über das Auge der Heide, als wisse es das Sternengeheimnis, darüber die Menschen grübeln. -

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Wie der Kuhhirts Hannes einmal den Pfarrer von Hasselbach vertrat.

     Zwar erfuhr der Hasselbächer Pfarrer von seiner Vertretung durch den Kuhhirts Hannes wohl nie ein Wort, weil sich der Hannes dazumal nicht erst des Pfarrers Rock holte. Wenns ihm aber zu Ohren gekommen wäre, hätte der gute alte Herr gelächelt: Der Kuhhirts Hannes habe seine Sache besser gemacht als mancher Pfarrer. Denn der wohllöbliche Gemeindevorstand schwieg auf die Predigt des Hannes still, weil ihm der Mund gestopft war, während in der Kirche manch einer gern den Mund weit aufrisse, wärs der Kanzel gegenüber nicht verboten.
     Der Kuhhirts Hannes ist sein Lebtag ein Einspänner gewesen und ein schweigender Mann dazu, weil die Heide ihre Kameraden zum Schweigen erzieht, zum tiefsten Einverständnis mit ihr. Man behauptet im Dorf vom Hannes: seine Augen guckten viel in die andre Woch! Und der Metzger bekommt, wenn er Fettvieh aussucht aus der Herde, gewöhnlich gar keine Antwort von ihm. Dafür überrascht es, wie seine Rede oft ganz alltäglichen Dingen eine höhere Beziehung gibt. Es ist, als schlüge er immer über sich einen Nagel ein und hinge seine Sache dran.
     Einspänner gibt es auch sonst noch manchen in Hasselbach. Gewöhnlich heiratet von zwei Brüdern in demselben Haus nur der ältere. Der andere wird Erbonkel, oder wie es in derbem Westerwälder deutsch heißt: er wird in die Wurst gehackt; was ein solcher Erbonkel auch gelassen duldet, so lang er selbst bei der Wurst nicht zu kurz kommt. Der Kuhhirts Hannes dagegen drückte sich einmal über seinen losledigen Stand aus: "Er

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hot´s so bestimmt." Und bei dem Wie? und Warum? setzte dann das Schweigen ein. - Die Hasselbächer sagen vom Wetter: "Hau is ´n Niwel, wam´mer´n Karscht schmeißt, bleibt ´r drin hänge." Der Hannes geheimnist: "E´Hand is vorm Licht!"
     Seit Urzeiten ging und geht der Kuhhirt "auf die Reih" essen. So kocht sich auch der Hannes mittags seinen Kaffee unter dem breiten Wipfel der einen kurzgedrungenen Heidebuche und ißt sein Brot dazu, währen seine Untertanen im Kreis gelagert, zusehen und mitkauen; und der Hund leckt sich die Schnauze, bis er seinen Anteil erschnappt hat. Abends reihum in den Häusern der Viehhalter kriegt der Hannes die Hauptmahlzeit.
     So treibts der Hannes von Kind auf, denn es ist ja des Kuhhirts Hannes, dessen Vater und Großvater schon die Hut hatten bis zu einer Zeit rückwärts, von der selbst das steinalte "Wouist-che" (So genannt, weil sie noch im Alter durch jedes Unwetter (Woost) ging) nichts mehr weiß, und wo darum die Geschichte für Hasselbach aufhört. Aus des Vaters sterbender Hand hatte der Hannes den Hirtenstab genommen und wie selbstverständlich nach der Beerdigung auch Mantel und Hut, und hatte dem Hund gepfiffen - als des Kuhhirts Hannes, der tagsüber die Heide durchwandelt und abends auf der Reih ißt.
     Nie lernst du einen Menschen besser kennen, als wenn du in seine Schüssel langst als ungebetener Zehrgast. Verstehst du dich aufs Dippengucken, siehst du genau,was in des Hauses letzter Schüssel ist, die nie auf den Tisch kommt und stets verdeckt gehalten wird.
     Und Hannes ist ein solcher Dippengucker, obwohl er davon nie etwas verriet, bis zu seiner Predigt damals.

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Seitdem freilich weiß ganz Hasselbach: "Der Hannes hats faustdick hinter den Ohren."
     Da ist der Uhls Derrer. Er wird auch der Hinkelsgriffer genannt. Denn er wär so welthungrig, daß er kaum abwarten könne, bis ein Huhn gackert, um sogleich das warme Ei aus dem Nest zu holen; ja, noch schlimmer treibe ers, er fasse manchmal die Hühner, ob sie kein Ei bei sich hätten; womöglich in die Hand wolle ers gelegt haben.
     Hat der Uhl die Reih´, macht er sich am späten Nachmittag einen Gang in die Küche, die Pfeif´anzufängen, und bemerkt beiläufig zur Schwieger am Herd: Heut´käm der Hannes. Dann klappt er den Pfeifendeckel zu und pafft davon. Eine recht harmlose Bemerkung! Wohl gar freundliche Besorgtheit um den Hannes? Und wenn der Hannes kommt, wird ein Haufen Quellkaroffeln auf den Tisch geschüttet und ein Topf mit Buttermilch hingesetzt. Nach der dritten Kartoffel steckt dann der Hinkelsgriffer das Messer ein, bedeutsam nickend: er wär satt! Von rechtswegen müßte nun auch der Hannes satt sein. Ist ers nicht, jammert der Blick des Uhl bei jeder neuen Kartoffel: Der frißt sich voll für die ganze Woch.
     Gieb einmal ein Pferd reihum zu füttern! Jeder wirds ausnutzen und neun werden sich drauf verlassen: gestern habe der Gaul Hafer gekriegt und werde ihn morgen wieder kriegen, drum wär ihm heut Hächsel zuträglich.
     Und nun ein Mensch auf der Reih, und gar ein Dippengucker!
     Anders als der Uhl ist der alte Hickebub, oder auch "der bös Bub" genannt, welcher als Beleg für das Sprichwort dienen kann: ein alter Fuchs verliert die

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Haar, aber die Raube nit. Beim Hickebub gibts kein Extraessen, auch wird nicht weniger "gefettst" als sonst. Wohlwollend meint er: "Wohl dem, wo´s schmackt, unn hot naut." Aber die Armut am Tisch ist ihm die Zielscheibe seiner rohen Späße. Er hat auch dem Hannes den Unnamen angehängt: Der Kreuzfresser.
     Wem läuft nicht das Wasser im Mund zusammen, wenn er hört: Grützbrei! Und eine große Schüssel dampft auf dem Tisch und der Löffel steht aufrecht im Brei als Zeugnis der Güte! Dem Hickebub, dem Hannes und zwei Weiberleuten lief natürlich das Wasser, daß sie schlucken mußten. Mitten im Grützbrei bildete die zerlassene Butter einen goldig gelben See. Der Hickebub hatte am schnellsten gebetet, nahm den Löffel, viertelte den Brei in der Schüssel durch ein Kreuz und schrieb vor: keins dürft übers Kreuz essen, das wären jetzt keine ungerupften Feldhinkel. So hieß er die dorfbekannten Quellkartoffeln beim Hinkelsgriffer.
     Heide und Hunger sind aber verwandt wie Mutter und Kind. Und in der andern Woch war der Hannes auch mit seinen Gedanken. Er aß und vergaß, was ausgemacht war, bis das schallende Gemecker des Hickebub ihm auf von Löffel fiel: "He hot üwer´sch Kreuz gefresse!" Seitdem trifft der Kuhhirts Hannes fast bei jeder Mahlzeit das Kreuz und heißt der Kreuzfresser.
     Darum ist er auch der berufene Mann gewesen, mehr als der Pfarrer, den Hasselbächern die Predigt zu halten, als seine Kostherrn einmal zur Abwechslung auf der Reih aßen.
     Kaisers Geburtstag nahte und die Woche darauf war Bürgermeisterwahl. Da kam dem Bürgermeister von Hasselbach der erleuchtete Gedanke, beizutragen zur Aussöhnung zwischen Nassau und Preußen.

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     Ohnedies waren die Zeiten vorüber, wo es in Wiesbaden dem alteingesessenen Bürger, dem "Virreche" (Vetterchen) als Landesverrat angerechnet wurde, wenn er aus Farbenblindheit "den Preuß´heraushängte", schwarz-weiß statt blau-orange flaggte. Und auf dem Westerwald lebte der alte Schäfer von Bruch nicht mehr, der immer beim Kirchengebet, wenn der Pfarrer an die Fürbitte für den König kam, die Hände auseinandertat, weil er für einen, der dem Herzog sein Land gestohlen, nicht beten könne. So stand der Einigung nichts mehr im Weg. Jung-Nassau wurde schon manches Jahr beim Kommiß nach dem preußischen Pfiff gedrillt. Und findet sich heute noch irgendwo ein alter Eisbär und Preußen-fresser, der hält sich um so fester am deutschen Kaiser.
     Dessen Geburtstag ist von jeher in der Schule gefeiert worden. Es hat keine Revolution hervorgerufen, daß die Geburtstagswecke, die jedes Schulkind auf Gemeindekosten in den Kaffee tunkte, nun kaiserlich sind statt herzoglich. Denn der Bäcker ist noch derselbe. Und im Schulzimmer an der Wand wird nebeneinander des Kaisers und Herzogs Bild bekränzt, ohne daß es jemand übel nimmt.
     Aber der Gemeindevorstand war bis jetzt leer ausgegangen, und sie, die das ganze Jahr über als unbesoldetes Ehrenamt das Gemeinwohl machten, konnten doch von rechtswegen verlangen, auch einmal auf Gemeindekosten zu essen un zu trinken.
     Ueberhaupt man muß doch mit der neuen Welt fortschreiten! Hat die Stadt ihr Festessen, wo Frack und Uniform für einen Taler tafeln, weshalb sollte der Hasselbächer Gemeindevorstand sich nicht auch einmal bei Wurst und Bier festessen, aus Patriotismus und weils nichts kostete?

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     Der Bürgermeister weckte vor Freude über seine Erleuchtung mitten in der Nacht die Bürgermeisterin, die sich mitfreute, trotzdem die Weiber, wie gewöhnlich, nichts bekamen. Das gab ein Lob vom Landrat, ein Schmunzeln, oder gar ein Hoch - nach dem Kaiserhoch! - auf den Leiter der Geschicke von Hasselbach, doppelt schön im Hinblick auf die baldige Wiederwahl. Und die Kosten? O, die Gemeinde konnte das. Man sparte ja das ganze Jahr, und wie! Den Ortsarmen Hampitter war man los; man hatte ihn sogar beerbt. Bei Unterstützungen war schon immer aus Grundsatz das Mindeste getan worden. Es sollte auch künftig so bleiben. Also, mit gutem Gewissen durfte diesmal für einen patriotischen Zweck die Gemeindekasse in Anspruch genommen werden.
     So saß und aß auf der Reih beim Eckhannes Bürgermeister und Vorstand zu Ehren von Kaisers Geburtstag, ohne daß einer dem andern zurief: "Dau host üwer´sch Kreuz gefresse."
     Wenn dazumal der Kuhhirts Hannes nicht seine Predigt gehalten hätte! Daß aber der Hannes aufs Festessen kam, verdankte er einzig dem glücklichen Umstand, daß er heute an des Bürgermeisters Tisch die Reih hatte; und dieser nahm ihn mit, weil´s so schicklicher, d.h. billiger war. Aber für die Ehre, mit dem versammelten Gemeinderat zu tafeln, sollte der Hannes auch etwas zum Besten geben.
     Als der Hahn ins Faß geschlagen wurde nach dem Essen und Hannes wieder gehen wollte, hielt ihn der alte Hickebub am Aermel fest: Der Hannes wisse doch, was sich gehöre, er wäre in den Büchern kundig und solle dem Vorstand zum Dank eins predigen.
     Böser Bub, das war dein übelstes Stücklein nicht.
     Der Hannes tats!

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     Er zog das Buch, in dem er kundig war, aus der Tasche und las:
     Lukas 14, Vers 12-14.
     "Er sprach auch zu dem, der ihn geladen hatte: Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade nicht deine Freunde, noch deine Brüder, noch deine Nachbarn, die da reich sind. Auf daß sie dich nicht wieder laden, und dir vergolten werde.
          Sondern wenn du ein Mahl machst, lade die Armen, die Krüppel, die Lahmen, die Blinden. So bist du selig! Denn sie habens nicht zu vergelten. Es wird dir aber vergolten werden in der Auferstehung der Gerechten."
          Welch eine Wandlung ging vor sich? Schon beim Anhören des Textes wurden die Gesichter lang und erstaunt. Selbst die Ueberreste vom Festessen und die kaum gefüllten Biergläser verwunderten sich, weshalb man sie plötzlich mißachte.
     Immerhin, Gottes Wort gilt noch etwas in Hasselbach, wenns auch manchmal nur eine äußere Reverenz ist. Damals aber machte es einen geradezu verblüffenden Eindruck auf die Festesser, daß gegen ihr Abendmahl anscheinend die göttliche Instanz selber den Mund auftat und die letzte Schüssel aufdeckte.
     Und der Mann war auch nicht mehr der Kuhhirts Hannes, der auf der Reih aß. Das lange Schweigen hatte Worte gefunden und klagte den satten Eigennutz an um der gedrückten Armut willen.
     "Wo sein hi die Arme, die Krüppel, die Lahme unn Blinde? Vor acht Tag is de Hampitter im Armehaus gestorwe ohne Uffwarting, unn kaans hot´m die Aage zugedrickt. Hie awer, wem erweist ihr die Wohltat uff Gemaankoste? De Arme nit, awer de Reiche, die´s

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die nächst Woch widervergelte! Nu heeßts aach nit: "selig bist du!" Nu könnt ´r euch selbst saa´, wo ihr hi´gehört!"
     Aber daß sich der Vorstand das gefallen ließ! Daß niemand dem Hannes ins Wort fiel und ihm die Tür zeigte! Keiner tat´s. Der Hannes ging, und alles schwieg. Selbst in der Wirtsstube nebenan war es auffallend still geworden.
     Hinterher sprang freilich der Aerger aus dem Loch und fraß den Hannes mit Haut und Haar.
     Aufgesagt müsse ihm werden! Fort aus dem Dorf müsse er!
     Trotzdem geschah dem Hannes von seiner Predigt her kein Leid. Und das war doch mehr als äußere Reverenz, das war beinah Respekt vor der Wahrheit.

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Der Eierschuster.

     O Kreuz und Herzeleid, wenns heißt: "Nu hot dich die Gemaa!" Schon ists schlimm genug, wenn im Dorf einer ist, der dir begegnet, dich anguckt und dirs auf jedes Brotstück schmiert, dick mit Worten, dünn mit Fett´s: "Händ und Füß müßtest du mir küssen dein Lebenlang!"
     Aber so ein Armenhäusler erst, dem das ganze Dorf Wohltäter ist, und wo jeder, jeder Anspruch auf Dankbarkeit erhebt, weil er ein faustdicker Strahl in der Sonne der Barmherzigkeit ist, die dem Armenhäusler leuchtet!
     Es ist ungehörig, mit seinem Wohltäter auf einer Bank zu sitzen, höchstens in der Kirche, weils da nichts ausmacht. Und "utsche" nur ja nicht, wenn er dir auf den Fuß tritt! Immer dankbar! -
     Und da soll einer schließlich vor lauter Dankbarkeit nicht vorn und hinten ausschlagen!
     "He?" Dau! Ei wie?" - Lieber Leser, steh mir bei! Ganz Hasselbach sperrt den Mund auf und denkt, ich sei übergeschnappt. Und gib acht, gleich wird die Verwunderung in Mißbilligung und noch Stärkeres übergehen und dann: genade Gott!
     Aber doch! Alle Lebenssäfte werden Gift und Galle in einem Menschen, den es der Herr Mitmensch aus allen Knopflöchern spüren läßt: "Du Bettelkerl! Nu hot dich die Gemaa!"
     Es ist wahr, blutsauer muß der Hasselbächer mit der Erde ringen ums tägliche Brot. Karg gibts die Heide. Ein Schuft, der mehr gibt, als er hat! Schau die schwarzen Steinwälle, die Reihen geschichteter Basaltblöcke, welche die Felder einmauern. Mühsam wurden die Wilden erst aus dem Land gerissen, eh das zarte

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Würzelchen der Saat den Mutterboden zur Nahrung fand. Solch ein Erdkämpfer hat unnütze Esser nicht gern.
     Aber, wer sein Armenhaus aus einem Säustall baut und setzt Menschen hinein!..
     Was kann aus einem Stall noch werden, wenn er nicht mehr gut genug ist zur Herberge für die Schweine? Hasselbach hat diese Preisfrage gelöst, als es den Stall abbrach und sein Armenhaus davon baute. Allerdings war es der vornehmste Säustall im Ort, der des Pfarrers. Eine Stube hat das Armenhaus, und seine Niedlichkeit kann jeder sich ausmalen. - -
     Trübseliger Spätherbst! Das schwankt so hin zwischen "immernoch ein bischen leben wollen" und "doch nicht mehr leben können." Der Rauch vom Backhaus weht wie eine schmutzige Fahne durch die Gassen und hängt sich vor die beiden Fensterchen des Armenhauses, daß die blinden Scheiben noch hoffnungsloser dreinstarren.
     Mach die Tür auf! Du brauchst nur dawider zu drücken. Mit dem Fuß tuts der Polizeidiener, der dem kranken Hampitter seit acht Tagen jeden Morgen das Essen bringt, einen Krug mit Wasser und einen Topf. Was in dem Topf ist, läßt sich mit einem Wort nicht sagen, es ist sehr verschiedenartiges: Kaffee, Milch.. Damit ist aber noch nicht alles gesagt. Auch ein Stück Brot schneidet der Polizeidiener ab von dem Laib, der am Strick von der Decke niederhängt, damit die Mäuse nicht drankönnen. Dann baumelt das Brot am Strick noch eine ganze Weile, und der Hampitter sieht darnach, weil es das Einzige ist, was sich regt.
     Tritt näher, wenn du Nerven und Liebe hast, um Armeleutegeruch zu atmen. Aber gib acht, vorm Bett auf dem Fußboden! Beschreiben kann ich das nicht, aber es würgt einem im Hals.

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     Bett? Habe ich Bett gesagt? Es ist etwas zu groß, auch fehlt ihm der Deckel, sonst sagt ich etwas anders. Ein paar rohe Bretter, darauf ein Gewirr von Stroh, und darauf ein Mann, ein Mensch!
     "Fauler Eierschuster! Jetzt beißt der Branntwein die Gurgel ab. Vordem, vor zehn Jahren noch, suchte der seinesgleichen als Schuster und hatt sein "Auskommes." Aber dann war er abgebrannt bei dem großen Feuer im Heumond, seine Frau blieb dabei tot, und seitdem gabs einen Lump, der Welt zum Spektakel. Er baute nicht auf wie die anderen, er strich herum. Unter der Glaskugel saß er bald gar nicht mehr. Zuletzt hat er mit Eiern und Butter nach der Stadt gehandelt. Aber er versoff den Leut´ihre Sach, der Eierschuster! Seit der Sohn vom Militär los ist, weiß auch kein Mensch, wo der sich umtreibt. Nu hot ´n die Gemaa! Und obendrein, ein Maul hat der wie ein Mäckeser (Geschirrkrämer). Wenn nur eins dahinter käm, wo er die vierzig Taler hingetan hat, darum er sein Land verkief? - -
     Der Kranke hustet und happt nach Luft. Eisgraues Haar, verfilzt und verzottelt mit dem wilden Bart. Jede Falte in Stirn und Wange ist schwarz geschattet. Das Hemd über der Brust steht offen. Oh, der Druck, die Last! Schultern und Brust drücken aufwärts, bis der Hals ganz kurz wird, keuchend sinken sie zurück, und der Hals wird wieder lang.
     Fieberglänzende Augen streifen unruhig über die geschwärzte Decke zur Wand. Dort haften sie auf zwei Bilderrahmen, mit denen ein letzter Rest von Wohnlichkeit sich ins Armenhaus verirrt hat.
     Solch eine Wand mit Bildern ist doch keine tote Fläche; sie redet von guten und bösen Tagen: Ja, ja! ich weiß.

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     In dem einen Rahmen, eigentlich ists ein Kasten unter Glas, hängt ein gebackener Kranz mit roten und gelben Rosen, grünen Blättern und einer weißen Schleife. Darauf steht in Golddruck: "Zum Andenken an Anna Kathrine Struth." Ein Totenkranz, die Erinnerung an die schrecklichste Nacht, die der Hampitter erlebt hat.
     Schreckhaft weit werden seine Augen. Wie damals sieht ers: Die roten Feuerzungen, die lang über das Strohdach leckten, die Glut, das Durcheinander, brüllendes Vieh, schreiende Menschen! Und darüber der Sturm, der in schauerlichem Freudentanz lodernden Brand wie Kränze durch die Luft schwang.
     Als die Balken zusammenkrachten über seinem Weib, funkenstiebend, war er selber wie sein ausgebranntes haus. zu spät kam er wieder zu sich. Die Frist war verstrichen und das Brandgeld verfallen.
     Seitdem kam er an den Branntwein. Zuerst trank er, um zu vergessen. Es war so schön zu vergessen; so trank er öfter. So ward er ein Lump. Und zuletzt wollte er einer sein.
     Wollte einer sein, im Armenhaus! Je größerer Lump, desto lieber. Damit konnte er sie ärgern und sich rächen. Die, die ihre Kinder anstellten, ihm Eierschuster nachzurufen! Die, die immer schalten und kein freundlich Auge hatten! Die sollten sich noch über ihn ärgern, bis sie schwarzt würden. Und an den Landrat schreibt er, daß sie ihm sein Recht nicht geben! Und seinen versteckten Schatz kriegen sie nicht, die klingenden Taler: Ha, wie sie darnach begehrlich sind!
     Die Taler hebt er auf für den Philipp. Der soll nicht sagen, wenn er heimkommt, sein Vater wär ein Lump.
     Ach, der schreckliche Husten! Den ganzen Körper durchschüttert der Anfall... Nun ists wieder durch, und gleichmäßig wird der Hals kurz und lang.

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     Den Philipp stellt das ander Bild vor. Eins der bekannten grellen Soldatenbilder. Ein schmucker Reiter sprengt mit blankem Schwert über grüne Auen. Ein stolzer Bursch muß der Philipp sein. Als er auf Urlaub war, blieb selbst "Alt-Scholtesse Jane" stehn und verdrehte den Hals nach ihm. Sie wartet heut noch, sagen die Leute.
     Ja, sein Philipp! Für den ist die reichste nicht zu gut. So einer! Der Reiter schwingt den Säbel, als wolle er die Welt erobern. Wenn der Philipp heimkommt, hat er sich ein gut Stück Geld gespart. Dann noch dabei die vierzig Taler. Dann kann er sich umsehen. Dann zieht auch der Hampitter aus dem Armenhaus und heißt nicht mehr: der Eierschuster.
     Aber der Philipp bleibt so lange aus. Bald muß er kommen, sonst am End..!
     Es rasselt in der Brust wie die Ketten am alten Ziehbrunnen hinterm Haus. Kürzer, meint man, drückt Schulter und Brust vor.
     Am Ende kommt eher der Tod!.. Entsetzt sperren sich die Augen: "Die" finden dann die klingenden Taler!
     Er richtet sich auf, ächzend sinkt er zurück. Es rauscht um ihn wie Wasser, als führe sein Bett im brausenden Fluß. Und so dunkel wirds.
     Der Tod kommt! Aber er will noch nicht sterben. Er kann noch nicht! Nein! Kriegt der Philipp die Taler nicht, "die" sollen sie nicht kriegen! Er wirft sie selbst noch mit letzter Kraft in den Brunnen.
     Ja, das will er, muß er! Wieder richtet er sich auf.. Es gerät. Nun Halt, bis der Husten durch ist und verschnaufen! So, jetzt die Beine vors Bett! Mit Keuchen und Stöhnen rückt er aus dem Stroh, Zoll um Zoll. Endlich sitzt er schwankend auf dem Bettrand. Gut, daß

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er die Hosen anbehielt. Die Füße sind unförmlich geschwollen.
     Jetzt auf den Boden, auf Knie und Arme! Er will, er muß! Nieder fällt er.. o, wie schwach!.. Wolken schieben sich vor die Augen, der Fußboden entschwindet, das Wasser rauscht. Nach einer Weile taucht der Fußboden wieder auf und dreht sich im Kreis, dann hält er still.
     Bringts der Hampitter fertig, den Bettpfosten abzurücken? Lange währts, aber er bringts fertig! Das Bett ist nicht schwer. Nun das Brett im Fußboden aufgehoben! Er will, er muß! Sonst finden "die" die Taler. In den Brunnen müssen sie erst, eh er stirbt.
     Gelungen! Noch ein Ruck und der Strumpf mit dem Geld ist aus dem Loch. "Kling, kling!"
     Gott!. Mit dem Kopf voran schlägt der Hanpitter auf die Faust mit dem Geld! "Kling, kling!" .. Ein Zucken, und der Körper fällt nach, schwer und dumpf.. und regt sich nicht mehr. -
     Da liegt er am Boden. Bleibt liegen, bis morgen. Die Nacht steigt aus den Schluchten und hält die Totenwache. Nun ist das Armenhaus wie jedes andre Haus.
     Morgen früh tritt der Polizeidiener gegen die Tür. Der findet den Hampitter und seinen Schatz. Damit rennt er wie mit einer Freudenbotschaft zum Bürgermeister. Der sagt: "Aha!" und schließts ein. "Die" nehmens für Kostgeld und Hauszins.
     Und dann, Polizeidiener, lauf und bestell die Lade. Die Bretter, darauf er gelegen, sind noch gut.
     Nun langts auch zum Deckel.

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Eich beiß´ d´r uff de Kamm!

Sieh einer das unvernünftige Hühnervolk! Futter genug liegt doch im Hühnerhof. Aber der Neid muß gegeneinander stehn und sich die Kämme blutig beißen. Vermutlich tut das sehr weh. Währenddem lesen die übrigen sich den Kropf doppelt voll und gackern dann - -
     Menschen sind keine Hühner, ein Westerwälder doppelt nicht. Aber Uhls Derrer, der Hinkelsgriffer (S.No.2.), und "Wäskurtze Dicker" (Wiesen-Kurtz) bissen sich doch auf den Kamm. Und kein Schiedsgericht konnte sie auseinanderbringen. Sie mußten beide bluten. -
     Es war in aller Herrgottsfrühe. Der Tag machte grade die Läden auf und blinzelte über die taufrische Flur. In Hasselbach knarrten schon ein paar Wagenachsen. Merkwürdig, wie das Knarren klang! Der Tag wurde neugierig und rief die Sonne. Die kam mit der Morgenhaube.
     Der Wagen konnte niemand anders gehören als dem Uhls Derrer, denn keiner war so kriminal aufs Arbeiten wie der. Wenn morgens unter dem die Bettstatt krachte, wußte er schon bis zum Abend, was er zu tun hatte. Sogar die Zeit nutzte er aus, die doch der Herrgott den Hasselbächern umsonst giebt.
     Auf dem Wagen lag eine Sense und ein Steinschlag. Die Sense sollte zum Kleeacker. Unterdessen hatte die verhutzelte Schwieger gemolken und kam nach, Gefährt und Futter zu holen, und der Uhl nahm den Schlägel zum Steinhaufen am Weg. Die Hasselbächer samt und sonders klopfen Steine für die "Schussie." Die Gemeinde bezahlts. Der Uhl wollte sich ausnahms-

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weise einen guten Tag machen, daß er morgens Steine klopfte. Denn er war erst kurz vom "katastrischen" Fieber aufgestanden. Steineklopfen gilt aber in Hasselbach für leichte Arbeit, dabei viel die Kinder und Greise sitzen.
     So geschahs denn. Aber zwischendurch geschah noch anderes.
     Am Backhaus standen auch schon zwei, die den Wagen hörten: Wäskurtze Dicker und der Schäfer.
     Hatte der Kurtze einen "Gift"! Hinter dem Uhl, der schiefäugig vorbeifuhr, machte er eine Faust: "Eich beiß D´r uff de Kamm!"
     "Ei he?"
     Vorige Woche hatte ihn der Uhl bei dem Richter gehabt. Dem Wäskurtze Dicker waren vor einiger Zeit die Kühe in der Frühjahrsfreude durchgegangen und hatten mit der Radraufe ein junges Bäumchen angerissen, das auf einem Acker des Uhl stand. 25 Mark Schadenersatz forderte der Uhl... Die Leute sagten: Das Bäumchen sei krebsig und schebb wie der Uhl. Wäskurtze Dicker sprang in die Luft (war wütend). - Dem Uhl aber sagten dieselben Leute: "´s is dei Recht. Uff de Growian!" Der Kurtze mußte zahlen samt den Gerichtkosten. Hinterher kopfschüttelte die Vernunft: Der Uhl hätts rechter bei der Halbscheid gelassen vorm Schiedsmann und ´s nicht bis auf die letzte Spitz getrieben. Der Kurtze wär kein Guter, da ließ man sich davon. -
     -"Eich beiß d´r uff de Kamm!" Nur der Schäfer hatte es gehört. Von dem damaligen Schäfer aber - er wars nicht lange - urteilte Hasselbach: Um e Maaß Branntwein verkief der "sei" Schaaf und gäb die Seel und den Hund dabei.
     Von Hasselbach aus führen wie gespreizte Finger einer Hand die Wege ins Feld, alle nach Sonnenaufgang.

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Denn hinterrücks Hasselbach klettert der Wald den Hang hinauf, daran streckt sich die Hub und weiter hinaus die Hochheide.
     Vom Backhaus gradaus, auf dem Zeigefinger, gingen Wäskurtze Dicker und der schäfer, den Pferch abzuschlagen. Rechts davon, auf dem Daumen, fuhr der Uhl. Dazwischen spannten sich in langen Reihen die Aecker. Am äußersten Umkreis ragten, wie auf einem Katzenbuckel der Schwanz, Stamm und Aeste eines Baumes.
     Plötzlich hielt der kurtze beim Abschlagen des Pferches inne, als habe er etwas gehört. Dann lief er wie ein Spürhund die Gewanne hinauf und machte einen langen Hals. Als er wieder kam, schlug er sich auf das erhobene Bein und hüpfte schier vor Freude. Und gleich schlug sich der Schäfer auch aufs Bein und hüpfte auch. Er hatte dann Feiertag heute, d.h. den ganzen Tag Schnaps. -
     Einige Wochen später ging der Uhl herum, als hätten ihm die Hinkel das Brot gefressen. Mißtrauisch beängte er jeden. Es war ein Brief angekommen. - Das war ein Ereignis! Eine Vorladung vors Gericht! Die Zustellung mußte der Uhl mit Namensunterschrift bescheinigen. - Das war unerhört!
     Am Abend darauf machte sich der Uhl eine Gelegenheit zum Schiedsmann. Er beschlich ihn wie ein Jagdtier: Ob er nichts wisse? Er selbst wisse von naut. Aber irgend ein Schlimmer müsse ihm aut gemacht haben.
     Der Schiedsmann riet bieder: Der Uhl solle nur der Vorladung folgen, dann bekäme er Bescheid.
     Bald darauf wußte das ganze Dorf etwas und jeder etwas anderes. Wie unbeliebt der Hinkelsgriffer

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war! Sein nächster Nachbar ließ sich vernehmen: Wann der Uhl zu sitzen käme, wärs ihm lieber, als wenn er sein ganzes Heu daheim hätte. Das sagt so leicht keiner.
     Auf dem Gericht stand Wäskurtze Dicker dem Uhl gegenüber und beschuldigte ihn des Baumfrevels.
     Der Baum stand auf der Grenze von Uhls Kleeacker, schattete hinüber mit seinen Aesten und nahm dem Gewächs Sonne und Tau. Uhls Altvater hatte den Baum gepflanzt, profitlich nah auf der Grenze. Jahrzehntelang ernteten seine Nachkommen die Aepfel. Im vorletzten Herbst aber bei einer Neuvermessung zeigte sich, daß der Baum auf Gemeindeeigentum stand und somit nicht dem Uhl, sondern Hasselbach gehörte.
     Seitdem wies der Apfelbaum Spuren einer fortgesetzten Mißhandlung auf. Elendig absterben sollte er. Seine Narben bekundeten, daß eine Säge ihn angefressen hatte bis ins halbe Mark. Nach dem Kleestück zu waren ihm mehrere Aeste abgehauen.
     Der Augenschein des Feldgerichts bezeugte eine frische Verletzung. Mit einem stumpfen Werkzeug war die Rinde großenteils abgeschlagen. Der Stamm lag weiß und bloß.
     "Das habe der Uhl an jenem Morgen verübt." Der Wäskurtze Dicker war bereit, dafür die drei Finger aufzuheben.
     Schlecht ist, wer einem Baum anders nahe kommt als mit pflegender Hand - oder mit der Axt!
     Der Uhl aber habe mit dem Steinschlag zugehauen, weil er dem Baum das Leben mißgönnte und dem Steigerer die Aepfel.
     Es mußte ein neuer Termin angesetzt werden, denn der Angeklagte leugnete.

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     Natürlich nahm der Uhl sich einen Advokaten. Wer den besten Advokaten hat, gewinnt. Und die Hasselbächer stritten sich einstweilen: ob der Hinkelsgriffer zu sitzen käme oder nicht. Wäskurtze Dicker grinste heldenhaft: "Etz krieht ´r vors Bläß!" Und der Schäfer hob gewichtig die Schwurfinger: "Die drei mache´ ´s firtig!"
     Das Gericht forderte vom Bürgermeister ein Leumundszeugnis über Kläger und Beklagten. Ein Leumundszeugnis bedeutet viel, und ein Bürgermeister ist ein starker Mann, zumal, wenn das Geschriebene geheim bei den Akten bleibt.
     Diesmal aber brachte es der Advokat an den Tag. Der Bürgermeister hatte den Uhl als weltbegierig fortgeschrieben. Wäskurtze Dicker aber war ein rechtlicher Mann.
     Wohlverstanden: Der Kurtze und der Bürgermeister waren zusammen gute Leute. Der Uhl aber gehörte zur Gegenpartei. Es geht alles in der Welt nach Gunst!
     Auch das Feldgericht, dessen Vorsitzender gleichfalls der Bürgermeister ist, wurde um ein sachverständiges Urteil angerufen. Die Sachverständigkeit ist aber entschieden ein schwerverständliches Ding. Als im Frühjahr des Bürgermeisters Hanjörg einen Pfarracker beim Dorf kaufte, wurden die fünf Bäume darauf zu 30 Mark geschätzt. Jetzt dagegen galt der eine beschädigte Apfelbaum 50 Mark. Und er trug doch Fauläpfel, Früchte, die gleich Faulflecke bekamen! - Aber das Feldgericht ist vereidigt und muß es wissen.
     Wieder standen sich die Parteien gegenüber zum Urteil. Wäskurtze Dicker und der Schäfer wolltens fertig machen, daß der Uhl der Baumfrevler sei.

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     Dagegen hob der Advokat hervor, es sei unmöglich, in der Morgenfrühe vom Standort des Pferchs aus an jenem Baum einen Menschen sicher zu erkennen.
     Und der Uhl blieb dabei: Er wisse von naut.
     Ob er denn möglicherweise beschwören würde, daß er dem Baum keinen Schaden getan?" fragte der Richter zwischendurch.
     Da stockte der Uhl: "Die andern wollten ja schwören." - Die tatens auch.
     Danach lautete das Urteil auf fünf Mark Geldstrafe! Wortlos bezahlte der Uhl die Strafe, die Kosten und den Advokaten. Wo aber ließe je ein Hasselbächer sein Recht im Stich?
     Bald darauf, als der Schäfer wegkam, schrie er im Wirtshaus: Er wisse Bescheid! Der Uhl solle ihn nur fragen, warum er tags zuvor am späten Abend den Wäskurtze Dicker noch dort im Feld angetroffen habe bei dem Faulapfelbaum.
     Und dennoch schwieg der Uhl. Ihn lähmte irgend etwas. Warens die früheren Narben am Baum?..
     Gottes Wind weht in den Zweigen des einsamen Apfelbaums. Dieser neigt sich und rauscht. Wer versteht ihn?..
     Als rauher Westerwälder vernarbte er auch die neue Wunde und trug Früchte, die im Herbst niemand steigerte. Sie faulten am Baum.

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Der Enkelsohn vom alten Fuchs.

     Am Anfang der Geschichte von Wildendorn, ganz weit hinten in der alten Welt, lebte der alte Pfarrer Fuchs, der selbst unter den Westerwäldern als Sonderling galt, und über den von Kind auf Kindeskind bis zur neunzigjährigen Lippse Grith merkwürdige Stücklein berichtet werden.
     Die Lippse Grith in Ehren! So ein alter Mensch, der schon mit einem Fuß im Grab steht, lügt nicht mehr.
     Der alte Fuchs verreiste einmal, was bedeutet, daß er über die Gemarkungsgrenze hinausging; damals, um seinen Nachbarsbruder zu besuchen. Mit dem Heimweg kam er in die Herbststürme und ins Dunkel. Er war aber gottesfürchtig und hatte einen derben Knotenstock. Der Wind stieß die Wolken und sprang in den Wald wie ein heulender Wolf, daß die Aeste brachen und das Laub davonstob. Dazwischen hohnlachte die Eule: juhuhu! Und oben an der "Bar", wo die schutzlose Hochheide von Wildendorn anfängt, lag es schwarz wie Mitternacht um die neunte Stunde und lauerte unbeweglich auf den Pfarrer.
     Das war der Teufel! Wallend sein schwarzer Mantel, zwei glühende Funken statt Augen; sonst sah man nichts, wie er gestaltet war. Der Teufel machte sich straks an den Pfarrer und disputierte mit ihm übers Abendmahl. Ob der Teufel auch zum Abendmahl dürfe? Einmal im Jahr müsse auch der Satan das Nachtmahl haben. Der Leib Christi wandle sich in ihm durch den Fluch in höllische Kraft. Und künftigen Sonntag wär Abendmahl in Wildendorn; wenn da der alte Fuchs dem Teufel das Nachtmahl gäbe, wolle er dem Wildendorner zu Ehren verhelfen, daß er des Fürsten Hofprediger oder gar Bischof würde.

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     Aber der alte Fuchs widerstand mit starkem Mut. Bei der "Erdkaut", vorm Dorf, reckte sich aus dem schwarzen Knäuel eine glühende Hand und wollte den Pfarrer greifen. Der aber wehrte sich mit Gottes Wort und seinem Knotenstock. Und plötzlich hätten die Glocken von Wildendorn von selber angefangen zu läuten, so heftig, daß die größte bis heutigen Tags gesprungen sei. Und die Hunde im Dorf heulten so furchtbar, als wär das jüngste Gericht. Der Pfarrer aber kam ins Dorf gelaufen ohne Kappe, und sein Knotenstock war bis auf den Griff abgebrannt. Und am Sonntag darauf hielt der alte Fuchs eine Predigt über den Teufel, so auferbaulich, daß es allen Wildendornern glühend heiß den Rücken herunterlief. Und ein Bußtag wurde angesetzt und lange Jahre gehalten. Dessen wußte sich die Lippse Grith noch zu erinnern. Bischof ist der alte Fuchs hernach natürlich nicht geworden. Sein Grabmal wird noch gezeigt, verwittert und moosgrün in der Kirchenmauer.
     Wer den Teufel nicht fürchtet, scheut sich auch nicht, die Wahrheit zu predigen, wenngleich die Wildendorner dagegen knirschten. So stieg der alte Fuchs einmal auf die Kanzel und trug statt der Bibel eine Welle Reisig unter dem Arm. Legte es vor sich aufs Kanzelbrett: "Hier hab ich die Gemeinde Wildendorn! Die dünnen Reiser sind das Weibervolk und die Kinder; das brennt leicht, hält aber nicht an. Die Bengel in der Welle sind die Männer, und der dickste Bengel ist der Himberger." So hieß dazumal der Bürgermeister. Darauf hat der alte Fuchs die Weide aufgedreht, die um das Bündel geschnürt war, daß Reisig und Bengel auseinanderfielen und von der Kanzel herab, und die Weide in der Hand hochschwingend, rief er aus: "Die Wid´bin ich! Wo wär´t ihr Wildendorner, wenn euer Pfarrer euch nicht zurechthielt durch Gottes Wort!"

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      Bei dem Stücklein lacht die Lippse Grith, d.h. ihr einziger Zahn lacht, als wolle er aus dem Mund hüpfen. Dann steht er still, wie ein Wächter am Tor und läßt kein Wort mehr vorbei. Die Wildendorner erklären diese Gedächtnisschwäche tiefsinnig. Bei so einem alten Mensch wären manchmal die Röhr´n zum Gehirn verstopft, und drum...!
     Es ist sehr schlimm, wenn die Gehirnröhren verstopft sind, zumal der Lippse Grith noch außerdem das Alter die Rückennerven verkürzt hat, sie geht nämlich ganz geduckt. Also sehen wir uns nach einer andern Geschichtsquelle um:
   Die Pfarrchronik von Wildendorn.
     Dahinein hat einer geschrieben mit steilen, rissigen Buchstaben mit einer Faust, wie Waldleute Holz reißen. Die Spuren des Enkelsohns vom alten Fuchs.
     Derb und fest ist das Papier der Chronik. So trägt´s des jungen Fuchs Buchstaben durchs 20. Jahrhundert, nachdem auch dessen Grabkreuz lang errichtet ist und sich schon wiederum wettermüde zum Rasen neigt.

***

     Es ist alles eins. Mensch ist Mensch, und Hund ist Hund. Wenn mein Hund zum warmen Ofen will, weiß er, was er tut. Es ist alles eins.
     Und die Herzogliche Rechnungskammer ist nicht mehr als ein Westerwälder Pfarrer. Will aber mehr sein. Macht Stirnfalten wie des Ortsdieners alte Bläß. Gestern wurd sie geschlachtet und heut hab ich mir einen Zahn an ihr ausgekaut... Mit der Polizeinas schüffelts überall herum, als ob im Wildendorner Pfarrhaus ein Spitzbub säß. Der wüßt sich ein besser Haus.
     "Es erübrigt nachzuweisen, was mit dem alten Kirchenhahn geschehen ist, bezüglich, ob für ihn nichts einnahmlich erlöst wurde."

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      Bedank dich, alter rostiger Gickel! Hundert Jahr hast du auf dem Kirchturm gesessen, hundert Westerwälder Winter. Du hast nie anders als Gickel geheißen. Jetzt heißt du: Der Kirchenhahn!
     Kirchenhahn! Wo bist du hingekommen? Ich, dein Vorgesetzter, der Pfarrer von Wildendorn, frage: wo steckst du?
     Ja, ich weiß, du armer Kerl warst übel zugerichtet. Der Sturm hatte dich niedergeholt und drei riesenlange Schutztannen lagen auf dem Kirchendach. Dir war der morsche Leib mitten durch geborsten, und ich stand vor dir wie bei einem Begräbnis.
     Und über dem stolzen Neuen, den der kupfernasige Steindecker mit zwei Gehilfen aufhaspelte zur Höh, wurdest du, Alter, vergessen. Du hast dich fortgemacht wie einer, der nichts mehr zu bestellen hat. Undank ist der Welten Lohn, allenthalben. Es ist alles eins. --

     Nur bei der Rechnungskammer nicht. Die fragt und will´s nicht gelten lassen, was ich geschrieben hab: "Den Gickel hätt´der Hab´ch (Habicht) geholt."
     "Ungebühr" nennt sie´s, und "das Protokoll ist nicht ordnungsgemäß vom Kirchenvorstand gegengezeichnet." -

     Wildendorner! Mitten in der Heuernte eine Kirchenvorstandssitzung um den alten Kirchenhahn! Morgens um 4 Uhr zieht ihr aus und kehrt spät abends wieder, den Kopf voran mit schleppendem Fuß. Am Sonntag predige ich dann zehn Minuten. Der Herrgott mißt´s nicht mit der Elle und ihr sollt mir nicht einschlafen. Zu solchen Zeiten unterschrieben eure Hände ungelesen das eigene Todesurteil. - -

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      Was? Ist der Wildendorner Pfarrer ein Schwätzer oder Dummbart, den man abputzt von oben herab? Ihr Herren, trotz eurer hochamtlichen Weisheit wird euch jetzt dargetan, daß in der Heuernte der Wildendorner Kirchenvorstand sein eigen Todesurteil unterschreibt, unbeschadet seiner ehrenfesten Tüchtigkeit.
     Hier schreib ich´s ab.
     Wir Endesunterzeichnete bitten ehrerbietigst eine Hochmögende, Herzogliche Regierung uns vom Leben zum Tode zu bringen.

Der Kirchenvorstand
Joham Jost Scheid
Henrich Klas
Jakob Uhl
In fidem copiae
Adam Fuchs, Pfarrer zu Wildendorn.
     Sie haben´s unterschrieben und die Botenkarline hat´s mitgenommen. -
     Die zehn Gulden Geldbuße sollen mich nicht gereuen. Frei streicht der Wind um Nase und Hut!

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     Ich kenne meine Wildendorner, kenne jeden Darm in ihrem Leib. Bin zwar kein Paragraphenmensch und ohne Benummes (Benehmen), aber die Wildendorner schaffen das neue Gesangbuch nicht an. Und ich kriege mit ihnen deswegen keinen Streit.
     Die Herren fassen den Sack am falschen Zipfel, wenn sie meinen, "das kirchliche Interesse" käme durch ein neues Gesangbuch. Zeitgemäß heißen sie´s. Die Wildendorner werden ihr Lebtag nicht zeitgemäß; und der alte Adam wird ihnen durch ein ander Gesangbuch nicht ausgetrieben. Da braucht´s schon Westerwälder

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Deutsch, und daß der Herrgott zu Zeiten ein Wort besonders redet.
     Tut er auch. Komme ich gestern zu Haselipps Anton; hat ein krankes Kind, heute ist´s tot. Hör ich vor der Tür den Anton sprechen: "Seht, hier redet Gott!" Mach ich die Tür auf, deutet der Anton auf sein sterbendes Mariechen, und die Kinder stehen ums Bett. -
     Wirklich! Sie haben das neue Gesangbuch rundweg abgelehnt. Stoffels Hampitter zog sein alt Gesangbuch aus dem Sack und machte große Augen auf mich: "Sein des kaa Gotteslieder, was mer gelernt hunn von Kindsbaa unn us Altvordern vor us?... Des Gesangbuch stiht newig de Bibel uff aam Brett. Wann se mit ´m Gesangbuch firtig sei´, nochher komme se an die Bibel." Und Urschels Schultheiß meinte: "Die Köste!"
     Gewiß sind´s Gotteslieder, alter Hampitter! Also bleibt´s dabei. Der Gesang kläng auch gradso rauh aus dem neuen Buch. - -
     So ein herzoglicher Dekan glaubt, er rette eine arme Seel, wenn er das neue Gesangbuch durchbrächte. Er schrieb: Auch die Hasselbächer wollten´s einführen. Die sind immer neumodischer gewesen als die Wildendorner. Hab geantwortet, er soll selber kommen. - -
     Diese Heidemenschen, diese Wilddörner! Daß denen kein Titel Respekt macht, wußte ich lange, aber dies! Der arme Dekan war ganz traurig und bedauerte mich, solch rauhen Acker bebauen zu müssen.
     In der Kirche schon war ihm aufgefallen, die Gemeinde erhebe sich nicht, wo es der gottesdienstliche Anstand verlange. Und die Männer behielten die Hüte auf dem Kopf.
     Nun ja, in der Kirche ist´s kalt und wer sich den Sitz kaum angewärmt hat, steht nicht gern wieder auf.

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Und was den Weibern ihre Kaputz ist, ist den Männern der Hut und dem Pfarrer sein Stülpchen.
     Wär ich Dekan gewesen - denk dir, Adam Fuchs, du, herzoglicher Dekan! - ich hätt´s übersehen. Es gab keine gute Einleitung fürs neue Gesangbuch. Wie sie schon dasaßen, die Wilddörner, wie meine dickledernen Kirchenbücher, steif in einer Reih auf der Bank! Stumm. "Guten Tag!" und den Hut auf dem Knie, nicht auf dem Kopf.
     Unser Dekan hat eine umfangreiche suada. Es ist erbaulich, ihm zugehören. Alle Gründe aus der Moral, ratio und Aesthetik führte er an für die Einführung des neuen Gesangbuchs. Er hat aber das alte herabgesetzt, und ich sah, wie Stoffels Hampitter an den Sack fühlte.
     Ordentlich in Eifer geriet der Redner. Er müßte es packen, meinte man. Der Dekan glaubte auch fest, er brächte es fertig. Schon vorher hatte er das Protokoll abgefaßt, nur die Unterschriften fehlten.
     Ja, die Unterschriften! Werde da einer klug daraus. Das eine Mal unterschreiben sie wie die Lämmer ihr Todesurteil, das andere Mal unterschreiben sie gar nicht, und wenn´s ihren Hartkopf kostete.
     "Also, meine Herrn!" - der Dekan ist aus der Stadt - "Kommen wir zum Schluß! Geben Sie heute Zeugnis von Ihrer Einsicht, einen Beweis Ihrer Fürsorge für das geistliche Wohl der Gemeinde! Nicht wahr! Ich darf Ihre Zustimmung zur Einführung des neuen Gesangbuchs mit heimnehmen? Dann bitte ich Sie, das vorliegende Protokoll noch zu unterschreiben."
     Die Dickledernen saßen nach wie vor, steif und stumm.
     Der Dekan schob dem Stoffels Hampitter das Papier zu und hielt ihm die Feder entgegen: "Bitte!"

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     Stoffels Hampitter drehte langsam den Kopf rechts und links nach seinen Genossen, nickte und stand auf:
     "Eich glaab, mer giht haam!"
     Und schritt zur Tür hinaus und die andern hintendrein. Sonst nichts wie "adjes!" - -
     Kerle! Urkerle! Das sag ich, ihr Pfarrer Adam Fuchs und lach dabei: "Eich glaab, mer giht haam!"

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Gickel und Gimbert.

     Ich will jetzt erzählen, wie es kam, daß in Wildendorn auf dem Westerwald, wo doch jedermann ein heller Kopf und guter Deutscher ist, bei der Bürgermeisterwahl ein Gickel den Ausschlag gab. Nicht, als ob der im entscheidenden Moment sein Kikeriki in die Wagschale geworfen hätte. Nein, der arme Kerl konnte dazumal schon lang keine Stimme mehr abgeben. Sondern dies gab den Ausschlag, daß der Gickel des früheren Bürgermeisters einen stozen Schwanz hatte und der Hahn des jetzt Regierenden in Wildendorn ein "Gimbert" war.
     Das kam nämlich so.
     Es war im vergangenen Jahr ums Gerstsäen. Denn der wirkliche Kalender, nach dem sich eins richten kann, ist nicht der papierne an der Wand, der Frühlingsanfang vorschreibt, wenn die Kälte durch die Ritzen pfeift: Winter! Winter! - sondern der, welcher dem Bauer die sauberen, schneefreien Felder weist und ihm die Hand an den Pflug legt: "Etz is Zeit, etz tu dei Lenze (Lenzarbeit)!"
     An dem Frühlingsmorgen also stand Urschels Peter, der damalige Bürgermeister, geduckt am Fenster. Die dampfende Kurze hing ihm wie ein langer Zahn mundabwärts und zog auch die Unterlippe mit. Und wie der Urschel zum Fenster hinaussah, ärgerte er sich.
     Leider wird ein Bürgermeister außergewöhnlich oft von seinen Mitmenschen geärgert, und es ist unrecht, jemand, der so gern in Ruhe gelassen wäre, derartig oft zu ärgern, wie es alle Welt tat, vom Landrat bis zum Gendarm und vom Pfarrer und Schulmeister abwärts bis zum Säuhirt, der gestern noch für jedes

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Schwein seiner Herde einen Korb Kartoffeln extra als Hütelohn forderte. Wärs nicht um die Ehr´gewesen, hätte Urschels Peter den Dienst lang abgegeben. Aber die Ehr! Und dem "do driwe" zum Aerger.
     Nämlich über den do driwe ärgerte sich der Bürgermeister grad, als er durchs Fenster sah.
     Eben blinzelte die aufwachende Sonne über die blache Heide hin und den hochstämmigen Tannen der Schutzhecke zwischen den Beinen hindurch nach dem Dorf, und von ihrem Licht rosenrot beleuchtet, spannte "Stoffels Hanjer" als der erste vom ganzen Ort seine Fahrochsen vor den Pflug, und der ganze Ort mußte ihn im Glorienschein sehen und sagen: "Guck, de Stoffels Hanjer! Wo bleibt da de Borjemaaster?"
     War das recht, so in aller Herrgottsfrühe seinen Bürgermeister, der kaum den Morgenkaffee im Leib hatte, zu ärgern? Nur ihm zum Trotz war der do driwe eine Stunde früher aufgestanden.
     Ein richtiger Westerwälder Aerger hat stets Blitz und Donner wie das Gewitter. Deshalb fuhr der Urschel, so schnell er konnte, am Fenster herum, riß sich den Zahn aus dem Mund - das war der Blitz - und gleich donnerte es unter Frau, Sohn und Magd, daß sie hoch aufschreckten vom Kaffeetisch mitten aus der Wonne, einen gesunden Magen behaglich zu füttern.
     "Dosezeug, faules! Wollt ´r mache, daß ´r an die Aerb´t kommt!"
     Der erste Schlag bei Urschels Gewittern war immer ein kalter, aber der folgende schlug Feuer. Das wußten Frau, Sohn und Magd und tummelten sich. Aber doch rief Stoffels Hanjer dem Gespann des Bürgermeisters von seinem Acker her einen freundlichen "guten Morgen" zu, worüber der Bürgermeister sich wiederum ärgerte und in den Kinnbart brummelte.

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     Diesmal fuhr das Gewitter in die Geißel. Unversehens bekam der Ochs einen Hieb, daß er entsetzt querfeldein trottete; von rechtswegen belehrte ihn ein zweiter Schlag über seinen Irrtum.
     O, wenn der Gewaltige von Wildendorn hätte blitzen und donnern können wie er wollte! Aber leider war er nicht allein der Gewaltige, sondern eben dieser Stoffels Hanjer war ein ebenso dicker Bauer wie er. Und der trachtete auch danach, das Bürgermeistergeschirr in sein Haus zu bekommen! Auf der Ehrenbank der Kirchenvorsteher machte er sich ohnedies schon breit seit letztem Jahr; solang war er dem Pfarrer ums Maul gegangen. Und der Urschel blieb seitdem der Kirche fern.
     Ums Kartoffelaustun war Bürgermeisterwahl, und frühzeitig ackerte der Stoffel dafür, hier und im Dorf.
     "Har ´erim!... Har!... Dau Gewitteroos, deß dich...!" War der Ochs gemeint, oder der do driwe?
     Den ganzen Morgen überdachte beim Ackern der Bürgermeister von Wildendorn nicht das allgemeine, sondern sein persönliches Wohl. Er hätte freilich in einer Art von Begriffsverwirrung behaptet: das ginge in denselben Sack. Nicht ganz die Hälfte der Stimmen war ihm für seine Wiederwahl sicher, aber der Stoffels Hanjer hatte ebenso seine Zinsleute; kümmerliche Kleinbauern und Bergleute, die mit wenig Ausnahmen das übrige Wildendorn ausmachten gegenüber den zwei Dicksten.
     Ein neuer Aerger stieß Urschels Peter beim Ackern auf. Er hatte eine Dummheit gemacht, daß er gestern dem Säuhirt grob kam, der lief gewiß zum Feind über.
     Und den Stoffel übertrumpfen? Urschels Peter hielt inne, wiegte sich mit ausgestreckten Händen in den Hüften hin und her und fand, daß er und der do driwe

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gleich schwer waren. Jeder hatte zehn Stück Rindvieh stehen. Der Urschel konnte beim besten Willen nicht mehr "Mist machen" als der Stoffel. Beide hielten zwölf Schafe, vier Schweine; jedes Haus hatte vier Fenster Front mit denselben grünen Läden. Es hieß hier wörtlich: gleiche Brüder, gleiche Kappen. Nur, daß der eine Bruder am liebsten dem andern die Kappe vom Ohr gehauen hätte. -
     Kikeriki!... Kükerükü!...
     Als der Urschel vom Feld heimkam, war das eine Unglück bereits geschehen. Beinah wäre Urschels Zahn verunglückt, und er selber war ganz "roasig."
     Bei den beiderseitigen Hähnen hatte das Unheil sich angesponnen.
     "Wie de Herr, sos Geschärr!" War der Bürgermeister gegen den Kirchenvorsteher, was sollten ihre Hähne Frieden halten, zumal der eine ein Gickel und der andere ein Gimbert war?
     Ein prächtiges Tier, der Hahn des Bürgermeisters! Mit doppeltem Kamm wie eine Krone und einem stolzen, aufrechten Schwanz. Und der Gimbert des Kirchenvorstehers hatte einen einfachen Kamm und gar keinen Schwanz. Urschels Peter lachte laut: Der säh aus wie schimpfiert! Was denn das für´ne Sort wär? Stoffels Hanjer aber meinte: Lach du! - Und er hatte recht, denn es gilt für Hähne und Menschen: nicht das ist die beste Sorte, die´s nach außen am längsten hängen läßt, sondern die es innerlich hat.
     Und der Gimbert des Kirchenvorstehers hatte es innerlich. Als des Bürgermeisters Gickel bei den Hühnern "do driwe" einen Besuch machte, empörte sich die Tüchtigkeit des Schwanzlosen, und sofort entbrannte der Streit.
     KikerKiki!... ükerükü!...

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     Das sagte die Fehde an. Noch einmal rannte jeder um sein Hühnervolk und trat in die Federn. Noch einmal: Kikeriki!... Kükerükü! Dann schossen die zwei mit gesträubter Halskrause und eingelegtem Schnabel aufeinander zu. Kurz vorm Zusammenstoß hielten sie plötzlich, pickten ein paarmal gleichgültig auf der Erde herum, als wollte jeder sagen: durch so einen Jammerhahn wie du laß ich mich in meiner Mahlzeit nicht stören. Und - hast du nicht gesehen! - sprangen sie gegeneinander im Kampf auf Leben und Tod.
     Heute, der dritte Tag, entschied die Schlacht. Geschlagen schleppte sich des Bürgermeisters stolzer Langschwanz von der Walstatt und verblutete an der Tür seines Herrn. Und der Ohneschwanz schlug mächtig mit den Flügeln und triumphierte: Kükerükü!...
     Der rechte Bauer ist mit seinem Vieh auf Du. Er redet mit ihm, und was sein Tier trifft, trifft ihn, nicht nur seinen Geldbeutel.
     Stracks wider einander in Schlachtreihe standen darum die Bürgermeisterin nebst Sohn und Magd hüben, und drüben Stoffels Hanjer mit seiner Sippe: Weib, Tochter und Knecht. Zwar traten sie nicht in die Federn, pickten auch nicht auf der Erde herum, aber ihr Kampfgeschrei füllte um so lauter das Dorf mit Schimpfworten.
     Und auf dem Kampfplatz erschien der regierende Bürgermeister! Oder richtiger, jetzt war es Urschels Peter, der tiefgekränkte, mitgetroffene Herr des hingemordeten Haushahns, mit dessen blutiger Leiche die Bürgermeisterin zeternd "Ihrem" entgegenlief.
     Und auf dem Mist "do driwe" krähte der Sieger: Kükerükü!

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     "´s Lad sollst dau krieje!" fluchte Urschels Peter, fasungslos vor Zorn. Er bückte sich, warf einen schweren Stein. Und ein geller Schrei sagte: getroffen! -
     Aber das hatte der Urschel ganz gewiß nicht gewollt, Stoffels Hanjer treffen, der mit einer Stirnwunde wie ein Sack umfiel und am Boden blutete! Ueber ihm brüllte Weib und Kind. Dem baumstarken Urschel wurde beinah schlecht. Er raufte sich die Haare und jammerte vor versammeltem Volk: "Ihr Leu´, ihr Leu´! Eich hunn mich unglicklich gemoacht!"-
     Dem Stoffel wär die Hirnschal kaputt! Es wär vielleicht sein Letztes. Er läg tief im Bett und spräch so "linselich" wie ein Kind.
     Solche Nachrichten bewirkten dann, daß der Urschel im Sturmschritt auf seiner Bürgermeisterstube auf und ab rannte, als wolle er heute noch aufs Amt. Was würde der Herr Landrat sagen! Und morgen kam gewiß schon der Gendarm und führte ihn geschlossen durch den Ort, ihn, den Bürgermeister! Urschels Peter spürte: die Schande tät er nicht überleben, eher geschäh sonst etwas!
     Und der Gimbert krähte ungestört, sogar auf dem eroberten Mist des Bürgermeisters.
     Am Abend hielt Urschels Peter die Qual der Ungewißheit nicht länger aus. Er betrat seines Nachbarn Schwelle, zum erstenmal seit Jahren: wie´s mit dem Hanjer stünd?
     In gedämpftem Ton antwortete die Bäuerin: "Schlecht! Schlecht! He is ärg schwach. He hot noch´m Dukter verlangt, unn aach noch´m Pärrner wege´m Nachtsmoahl."
     Urschels Peter stöhnte auf und ging. Er war so voller Reu und Leid, daß ihm gar nicht auffiel, wie ge-

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faßt und gar nicht böse Stoffels Weib war, die doch sonst ein Maul hatte wie ein Schwert.
     Zum erstenmal in seinem Leben hatte der Bürgermeister von Wildendorn eine schlaflose Nacht. Wohl ein dutzendmal stand er auf und sah durchs Fenster hinüber, wo aus dem Nebel ein düster roter Fleck ihn anstarrte wie ein lauernd Unheil. Und der rote Fleck wurde zum blutüberströmten Gesicht, und zwei Augen blickten daraus den Urschel an, daß ihm der Schweiß ausbrach. Zu allem Ueberfluß lag ihm noch sein Weib mit Tränen und Vorwürfen in den Ohren: Sie hab´s ihm schon immer gesagt, seine unvernünftige Hitz mache sie noch all unglücklich. Was es nun daraus gäb. Ach du! Ach du!
     Am andern Morgen war der Urschel windelweich. Er bettelte förmlich um Einlaß. Und Stoffels Hanjer erbarmte sich! Er war doch nicht bloß zum Schein Kirchenvorsteher. Trotz seiner schweren Verwundung bewies er christliche Versöhnlichkeit gegen den Feind. Länger als eine Stunde saß der Bürgermeister von Wildendorn bei ihm am Bett.
     Und, merkwürdig, obwohl man vom Stoffel nur die Nasenspitze sah und die linseliche Stimme hörte, brauchte er nicht einmal drei Tage wie sein Gimbert, um den Gegner zu besiegen, sondern nur eine einzige Stunde. Er hatte es offenbar noch viel mehr innerlich. Und dabei floß kein Tropfen Blut, aber Urschel krümmte sich auf seinem Stuhl, als habe er arg Leibweh.
     Nach Ablauf der Stunde waren die beiden Nachbarn einig. Der schwerkranke Stoffel tat die Hand unter der Bettdecke hervor und reichte sie ohne Groll dem Urschel.
     Was zwischen den beiden ausgemacht worden, erfuhr niemand. Nur am Schluß, als die Nasenspitze sich

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ein wenig mehr aus dem Kissen hob und noch etwas fragte, vernahm man, wie Urschels Peter antwortete: "Doch!"
     Es ist ein rauh Geschlecht, diese Westerwälder. Sogar bei der Zustimmung haben sie kein sänftliches Ja, sondern ein trotziges Doch! Und bei dem Doch! bleiben sie dann.
     Nach acht Tagen erstand Stoffels Hanjer wieder aus der Tiefe seines Bettes. Nach weiteren acht Tagen wagte er einen Gang vor die Haustür. Aber den Kopf trug er noch lange umwickelt. Schließlich, als der Verband abkam, wunderte sich jeder, wie gut die Wunde geheilt war; fast war keine Narbe zu sehen.
     Ums Kartoffelaustun dankte Urschels Peter als Bürgermeister ab. Stoffels Hanjer wurde Regierender in Wildendorn.
     und am Abend tanzte Stoffels Madche mit Urschels Bub den Verlobungstanz.

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Der Gescheitste Pfarrer.

     Die Wildendorner hatten einen neuen Pfarrer gekriegt. Ein kleines, schwächliches Männlein mit glattem Kindergesicht und zwei Brillengläsern. So klein war er, daß ihm auf der Kanzel ein Tritt gemacht wurde, damit man ihn überhaupt sah.
     Da gröhlte die vierschrötige Herde: Das wär nur eine Handvoll.
     Nach vier Wochen jedoch verkündete der Kirchenvorstand: Der könnt einen Advokaten lehren! Kein Wildendorner aber weiß für den Schlaukopf seine Sohnes einen höheren Ausdruck als: mer kunnt ´n A´v´kat aus ´m mache. Und wiederum jeder Vater eines minderbegabten Kindes tröstet sich damit: wann se all gescheit wär´n gäbs lauter A´v´kate.
     Nach abermals vier Wochen schwur das ganze Dorf: Der Kleine war der gescheitste Pfarrer, der je in Wildendorn gewesen.
     Wie kam er zu dem Lob? Wie einer zu einem Orden kommt, weiß er oft selbst nicht. Der Vogel kommt geflogen und ist da und sitzt im Knopfloch. Aber wenn die Wildendorner einen Pfarrer übermäßig loben, dann hat das einen sehr starken Grund.
     Jedenfalls rührte das Lob nicht vom Predigen her. Das mußte einer verstehen, der "aufs Geistliche" studiert und soviel Bücher hatte. Predigen konnten überdies auch Wildendorner. Aber bei der Fruchtlieferung erkannte jeder den Pfarrer und "der Krischer" vornweg.
     Zu Martini ist jeder rauchende Schornstein in Wildendorn dem Pfarrer eine Meste Korn schuldig und jedes Ehepaar zwei Mesten Gerste oder aufs Wittum die Hälfte.

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     Ganz Wildendorn lag auf der Lauer. Kaum, daß darüber gesprochen wurde. Höchstens fiel hie und da bei der Feierabendpfeife eine Bemerkung über den Pfaffensack, der so tief wär wie die Höll. Und daß öfter mit den Kirchenvorstehern ein Wort gewechselt wurde, doch ohne Erwähnung der Fruchtlieferung. Aber hochgespannt war jeder, wie es der Neue machen werde.
     Der November rückte an, sperrte die Aecker ab vom Dorf und bestellte den Winter als Flurschütz.
     Jetzt wurde der Polizeidiener, wenn er alles gerappelt hatte, angeguckt, als müsse er noch etwas vergessen haben, aber der schüttelte den Kopf. Sonst war doch in der ersten Novemberwoche die Lieferung wenigstens ausgeschellt worden, wenns auch dann noch nicht eilte mit dem Bringen. Als aber die zweite Novemberwoche kam, drei Tage vor Martini, läutete die Ortsschelle Sturm. Wer sonst nie ein Fenster aufriß, tats jetzt.
     "Am Märtestag, pünktlich zehn Uhr morgens, wenn ein Zeichen mit der Glock geschieht, ist Fruchtablieferung. Schöne, gute Frucht! Schlechte wird zurückgewiesen."
     Fahr einem mit der Faust unter die Nase, ob der nicht aufspringt und oho! schreit. Und hier war ganz Wildendorn unter die Nase gefahren. Noch hatte auf keiner Tenne der Flegel geklappert. Wie konnten die Wildendorner in der kurzen Zeit gedroschen haben? Das ging doch reihum gemeinsam den langen Winter hindurch von Scheuer zu Scheuer.
     Das Oho der ganzen Herde sollte der Kirchenvorstand dem Pfarrer zu Gehör bringen.
     Am Abend dröhnten und kratzten ein Dutzend harter Stiefel auf der Haustreppe. Drinnen beim Licht schauten zwei Brillengläser auf. Der Pfarrer war sehr

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freundlich. Der Vorstand setzte sich und saß.. und saß. Eine Stunde verging, und noch war von der Fruchtlieferung nichts geredet worden, aber zwischen den Worten wurde bereits wortlos die Streitmacht in Schlachtreihe aufgestellt, die feindliche Stellung nach schwachen Angriffspunkten beäugt, und ein unsichtbares Ringen, die ersten Kampfeswogen waren schon zu spüren.
     Aber wer blies zum Angriff und gab den ersten Schuß ab? Ganz allmählich rückte Wildendorn vor. Man war noch nicht aneinander, aber die Brillengläser blitzten dann und wann auf wie Waffen im Licht, die Nägel in den Sohlen wurden unruhig, und die Stuhlbeine ächzten vor Erwartung. Zum Greifen nahe war man sich, als von der guten, alten Welt geredet wurde, wo der Pfarrer noch das "Rasselvieh", Eber, Bullen und Bock, für die Gemeinde hielt und wo der Pfarrknecht noch lebte.
     Es schlug zehn Uhr. Der Wächter stieß ins Horn, schaurig dumpf. - Jetzt oder nie! Im Nu war die Schlacht eröffnet!
     Beileibe nicht hat sich der Wildendorner Kirchenvorstand an seinem Pfarrer vergriffen in dessen eigenem Haus. Ueberdies konnt jeder allein den Kleinen auf die Hand setzen. Aber bitterernst war der Kampf doch, und einer mußte unterliegen.
     "Herr Parrer, des mit de Früchtliwering am Märtestag giht nit." Stoffels Hanjer, Bürgermeister und Kirchenvorsteher drang mit aller Entschiedenheit vor.
     "Warum nicht?" parierten die Brillengläser.
     "´s hot noch nimmets gedrosche!" Zweiter Vorstoß.
     "Das ist doch eine Kleinigkeit," versetzte der Kleine unerschüttert. "Eine Meste oder Zwei."

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     Verstärkung tat not, so taten die übrigen den Mund auf, kaum, daß eins das andre ausreden ließ.
     "´s is noch nie nit Brauch gewest.." "De Herr Parrer will doch ka nau Mode inführn"... "Naa!.."
     Sogar der Geist verstorbener Wildendorner Pfarrer wurde angerufen, verklärt schwebte ihr Andenken durch die altbekannte Studierstube. O, wenn die alten Herrn diese Anerkennung hätten vernehmen können, die ihnen bei lebzeiten nie zu Gehör kam! Es hätte sich gelohnt, darum das Grab zu verlassen. Und gar der letzte, das war ein liebreicher Mann, der ließ überhaupt nicht auf einen Tag liefern, sondern jeder brachte, wanns ihm paßte, und wers vergaß, nahms als geschenkt.
     Die Brillengläser senkten sich. Sicher den Sturm konnten sie nicht aushalten. Wiederum hörte man den Wächter blasen, das bedeutete: Sieg!
     Aber jetzt hob sich der Blick des Pfarrers, ernst und fest.
     "Wißt ihr, ihr Männer, an wen die größten Anforderungen gestellt werden? - An den Pfarrer! Wißt ihr, wer sein Gehalt am mühseligsten sich selber holen muß aus hundert Händen? - Wieder der Pfarrer! Jeder Knecht empfängt seinen Lohn zu seiner Zeit unverkürzt; jedes Tier im Stall sein regelmäßig Futter, sonst leistet es nichts. Aber der Pfarrer? Von der diesjährigen Pacht ist fast noch nichts bezahlt, Bargeld ist rar, sagt ihr. Und Frucht? Euch ist alles reichlich zugewachsen auf den Feldern. Die Ernte füllt eure Scheunen, warum drängt ihr mich da, daß ich jetzt mein Recht nicht fordern soll! Kann ich mit Frau und Kindern leben wie der Vogel unter dem Himmel?"
     Die Häupter der Männer neigten sich beschämt. Keiner tat mehr den Mund auf wegen der Frucht-

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lieferung. Konnte denn ein Pfarrer auch Not haben, wie sie in Mißjahren? Er klagte doch nie! Sie schwiegen, wenns auch keiner begriff.
     Denn es ist auf dem ganzen Wald ein stehendes Wort: der Pfarrer ist ein schwerreicher Mann, und jede Gemeinde in Sonderheit hält ihren Pfründner für den reichsten. Und vielleicht wärs auch nicht weise, dem Bauer diese Meinung zu nehmen, weil ihm im tiefsten "der arme Diener Christi" doch keine Respektsperson ist, sondern ein Bettelmann.
     Dem abziehenden Vorstand gewährte der Pfarrer aus freien Stücken einen Tag Frist, damit die Wildendorner erst auf den Märtesmarkt gehen konnten, den kein Westerwälder versäumt, dem Bein und Beutel nicht krank sind.
     Die folgenden Tage zwischen Licht und Dunkel klopften einige Weiblein und auch ein Mann an die Tür des Pfarrers. Es war die Armut, die wirkliche und auch etwas verstellte darunter.
     Kein Wildendorner wäre betteln gegangen, aber vom Pfarrer sich die Frucht schenken zu lassen, wäre das halbe Dorf gekommen. Gerade so, wie keiner den Nachbarn bestohlen häte, aber Holz aus dem Gemeindewald freveln? Je mehr, je lieber!
     Und nun stell dich hin, wo der Pfarrer steht. Kann ein Seelsorger von der armen Not etwas nehmen? Und der Heuchelei gegenüber, darf er schenken ohne Pflichtverletzung? Im Vergleich zu der Pein ist die selbstverständliche Gehaltseinbuße eine Kleinigkeit.
     Diesmal baten merkwürdig wenige um Nachlaß. Die Festigkeit des Kleinen hatte Eindruck im Dorf gemacht. Sonst kam unfehlbar jeder, der irgendwie seit letztem Martini ein Unglück gehabt; war ihm eine Kuh

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gefallen, ein Kind gestorben, hatte er den Doktor oft im Haus gehabt oder den Jud´, immer war die geschenkte Fruchtlieferung sein sicheres Schmerzensgeld. Und wers sonst fertig brachte, sich zu drücken, fand achtungsvolles Verständnis. Man sagte dem Backesanton nach, er habe sich im vorigen Jahr den dicken "Dotz", ein Balggeschwulst, das ihm übers rechte Auge hing, erst nach Martini wegschneiden lassen, weils einen unwiderstehlichen Eindruck machte, wenn er mit dem Finger den Dotz vom trändenen Auge hob, um zu bitten: "Herr Pfarrer, eich sein ´n geschlagener Mann." Und er hatte sich nicht geirrt.
     Aber dem Advokaten war nicht zu trauen!
     So kam der wichtige Tag. Die Glocke rief, und die Tenne der Pfarrscheuer wurde zur Bühne eines sehenswerten Schauspiels. Es drängte das Volk, Mann und Frau. Der hatte seinen Sack gebuckelt, die ihre "Züg", einen Kopfkissenüberzug.
     Mitten im Gemeindeleben, wie man gern den Pfarrer hat, saß der Wildendorner an einem Tisch, neben ihm der Bürgermeister mit der Liste der Lieferungspflichtigen. Der Kirchenrechner hatte einen mäßig großen Kübel, die Meste, und achtete darauf, daß sie "gestrichen voll" war, eh sie in den Sack kam, den ein Kirchenvorsteher aufhielt.
     "Hie Gärscht!"... "Halt, in dem Sack is Kurn in!".. "Rechner, etz macht emol, daß eich uff de Weg komm!".. "Host dau dei zwa Meste geliwert?".. "Schwer Kränk, de Sack hot e Loch!.." "Borjemanster, etz könnt ´r meich austau.." (Den Namen in der Liste.).. "Herr Parrer, eich will mei Frücht bezoahle, was tut´s?" "Eine Meste Korn 2,10 Mark, eine Meste Gerste nur, euer Mann ist gestorben, 1,90 Mark. Macht zusammen 4 Mark."

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     Die Frau wischte die Augen. Geld klimperte aus einem Sack in den andern. Das Volk sah zu.
     "Do holt eich euern Schnaps!"
     Jedes Schauspiel hat seinen Höhepunkt. Am Eingang stand die Polizei von Wildendorn, eine große Schnapsflasche in der Rechten, in der Linken ein Glas. Feierliche Amtsmiene schloß den Mund, bis an die Ohren und die Nasenwurzel steckte das Haupt in der Dienstmütze.
     Was wäre auch hier zu lachen gewesen, daß die Polizei Schnaps ausschänkte? Es geschah dienstlich! Denn der Pfarrer von Wildendorn gab jedem, Mann wie Frau, als Quittung der gelieferten Frucht einen Schnaps. So wars Recht von altersher. Und wer daran rührte! Wollte da einmal vor Zeiten ein Pfarrer statt Schnaps einen Weck geben, weils unschicklich wäre für einen Geistlichen seiner Gemeinde Schnaps zu schänken. Aber die Weck-Quittung wurde nicht als gültig angesehen. Erst wenn der feurige Branntwein die Gurgel wärmte, war jeder Wildendorner sicher, er hatte seine Frucht geliefert und der Pfarrer hatte sich bedankt.
     Und wer wiese je eine Quittung zurück? Mann und Frau trank sein Gläslein, wischte den Mund und zog ab.
     Die Fruchtlieferung war beendet, die Schnapsflasche leer, und um die Säcke stand Pfarrer und Kirchenvorstand.
     Jetzt tat der Krischer den Mund auf. Länger konnte ers nicht bei sich behalten. Und heraus mußte es, denn dazu war er gewählt worden, damit im Kirchenvorstand dem Pfarrer gegenüber auch die Gemeinde zu Wort käme.

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      "Herr Parrer, Ihr seid der gescheitste Pärrner, der noch zu Wildendorn gewest is."
     Staunend empfing der Kleine seinen Orden.
     "Ihr loßt uff de tag liwern, do müsse se die Frücht bringe, wie se die Garb´gibt. ´s is noch nie nit schönere Frücht geliwert wor´n. Kaa Dreck is drunner!"
     Wenn die Frucht durch die Fegmühle läuft, kommt das beste Korn mitten heraus, seitlich das minderwertige. Und das ist der Dreck.
     Sonst hätten also die Wildendorner Dreck geliefert! Aber der Pfarrer ließ sich nicht "erwischen", sondern er erwischte sie. Und wer die Wildendorner erwischt, vor denen selbst die Juden beim Handel Angst haben, der ist gescheit, sehr gescheit!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wasserscheu.

     So lieb einer die Wildendorner haben muß, weil sie eine urwüchsige, gesunde Art sind, gradauf wie ihre Tannen, derb und frisch wie die "Wäller Luft", die keine verbildete Geziertheit aufkommen läßt, zu meinem Schmerz muß ichs verraten: Die Wildendorner sind wasserscheu.
     Das Wasser ist naß und kalt, und nun gar auf den bloßen Leib! Brr! Man meinte, mindestens den "Rutlaaf" (Rotlauf, allerlei Erkältung) oder den "Krammel" (Rachenkatarrh) davon zu kriegen. Es ist lächerlich, Leute, die lebenslänglich von ihrer rauhen Heidemutter mit Wind und Wetter wie mit einer Wurzelbürste bearbeitet werden, haben Angst vorm Wasser! Um mit dem Lehrer aus der Katechismusstunde zu plaudern: sich gründlich zu waschen, hätten die Wildendorner unter den "feinen" Selbstmord gerechnet, im Unterschied vom "groben" Selbstmord durch Ertränken, Erhängen, Erschießen, oder sonst etwas.
     Einzig allein dieser Lehrer - vom Pfarrer weiß ichs nicht - war nicht wasserscheu, sondern spaßigerweise das Gegenteil.
      Es liegt mir meilenweit, behaupten zu wollen, eine hohe Behörde in Wiesbaden habe diesen Spaß gemacht. Eine königliche Regierung spaßt nie. Aber irgend ein Schalk trieb doch sein Spiel, daß gerade dieser Lehrer nach Wildendorn kam, ein Wassermann unter die Wasserscheuen.
      Natürlich erkannte der auf den ersten Blick das Feld sozialer Wirksamkeit, die Wildendorner von ihrer Wasserscheu zu kurieren. Der Lehrer war eben vom Seminar flügge geworden und trug noch vieles bei sich, was er nun im ersten Feuereifer an den Mann brachte.

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     Volksgesundheitslehre! Körperpflege! Er begann nach der neuesten Methode.
     Erstens, das erziehliche Vorbild. - In der zweiten Woche frühmorgens stürzte die alte "Butzelies" in das Bürgermeisterhaus und warf sich auf den Stuhl mit den untrüglichen Kenntzeichen eines schrecklichen Erlebnisses. Um sie stand alsbald die Regierung von Wildendorn, die Frau und der Herr Bürgermeister, und die Butzelies ächzte: "Ihr Leu´, de Schaulmanster!"
     "Was is mit´m ze Gang?.. Es e krank?.. Es e tut?.. Eich saats jo, he is su hier (hager) als e Wid (Weide)."
     Nachdem die Butzelies ihre erschütterten Lebensgeister durch ein Schälchen Kaffee wieder aufgerichtet, erzählte sie, wie die Wildendorner erzählen, von vorn an und eins nach dem andern. Sie setzte nochmals die Beine vors Bett. Aber nicht "mit bläke Füß" auf den kalten Boden. Das Unglück kann der Butzelies nicht passieren, weil sie wohlweislich die Strümpe und noch verschiedene andere Tageskleidungsstücke auch des Nachts anbehält; wie denn die Wildendorner die Montur insgemein, mindestens aber Strümpfe und Wams zur Haut rechnen, deren man sich nicht ohne Leibesgefahr begibt.
     Sodann knüpfte sie das Kopftuch unter dem Kinn, schneutze sich und ging in den Stall zur Ziege. Darauf folgte das Feueranmachen in der Schule. Dies und das Säubern des Lehrzimmers für jährlich zwanzig Mark und das Säubern beim Schulmeister nebst Kaffeekochen für jährlich zehn Mark.
     "Päckelcheskoffie" trinkt ein Lehrer nicht, sondern wirklichen Bohnenkaffee. Weil aber die Bohnen verbraucht waren, öffnete die Butzelies die Schlafzimmertür

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- und schrie und hatte seitdem das Zittern in ihrem Gestell, daß sie sich setzen mußte.
     Die Spannung war aufs höchste gestiegen.
     "Borjemanstersche!" Sie hielt sich an dem sprachgewaltigen Eheweib. "Borjemanster!" Auch dessen versicherte sie sich mit der andern Hand. "Do stiht de Schaulmanster in de Stub, bläk wie´n us Herrgott erschaffe hat. ´s grisselt aam, wam ´mer dra denkt!"
     Mit allem Nachdruck muß hier die Butzelies gegen den unsinnigen Verdacht der Prüderie geschützt werden. Die Butzelies ist ein bejahrtes, rechtschaffenes Witweib, die acht Kinder groß gezogen hat, und auch in ganz Wildendorn sucht niemand hinter irgend einer Aeußerung des natürlichen Lebens eine versteckte Unanständigkeit.
     Nein, die alte Person war zu sehr von ihrem Schreck benommen, so daß sie inne halten mußte.
     "Unn grad setzt he sich in´n Zubber mit Wasser!" - Nun war´s heraus aus der Lies und in die andern fuhr´s hinein. Händezusammenschlagen! Kopfschütteln. Und Geneigtheit, das Unerhörte für Lügen zu halten.
     "Wirklich kalt Wasser?" - Nicken.
     "Uff de bläke Leib?" - Abermals Nicken und: "´s grisselt aam, wam ´mer dra denkt!"
     Um dies Gruseln völlig zu begreifen: Die Wildendorner werden, unvorhergesehene Umstände ausgenommen, zweimal während ihres Erdendaseins am ganzen Körper gewaschen. Einmal nach der Geburt im Kindsbad, und das zweitemal auf dem Totenbett.
     Und nun war´s ausgangs November, frostig und winterweiß allüberall.
     Von dem Tag an wurde mit geringen Schwankungen der junge Lehrer im Dorf mit jenem Mitleiden betrachtet, das starken, gesunden Menschen eigen ist einem hoffnungslos Kranken gegenüber.

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     Unbeirrt aber durch alle besorgten Blicke, selbst wenn sie verstärkt wurden durch Hindeuten auf den bekannten feinen Selbstmord, bearbeitete der Lehrer sein Thema.
     Folgt jetzt auf das erziehliche Vorbild als Nummer zwei: Die Nutzanwendung auf die Wildendorner Jugend und deren Gewöhnung an Wasser und Reinlichkeit.
     O Jugend! Hat man dich, so ärgert man sich. Hat man dich nicht, ist man unglücklich wie ein kinderloses Ehepaar, bis man dich hat - um dich dann abermals gern wieder los zu sein.
     Die erste Schulzeit bei dem Neuen wird den Teilnehmern im Gedächtnis bleiben bis zu jener letzten, andern Waschung.
     "Hände hoch mit gespreizten Fingern! So!" Kopf, Gesicht und Hals wurden auf Reinlichkeit geprüft, desgleichen Kleider und Schuhe.
     "Hast du deine Hände gewaschen?" - Der kleine Schmutzfink warf verzweifelt die Augen rechts und links, in die Höh und nach unten und schwieg.
     "Und du!... und du! und du!... Warum habt ihr so schmutzige Hände!" - Rat- und Hilflosigkeit allenthalben und Schweigen.
     "Wer morgen unsauber zur Schule kommt, wird bestraft!" Dies Wort stand als drohende Wetterwolke am Wildendorner Schulhimmel.
     Wetterzeichen finden stets große Beachtung beim Bauersmann, dessen ganze Existenz ein Lied singt vom guten und schlechten Wetter. Und weil er in Sonnenschein und Regen noch den Willen Gottes findet, nimmt ers, wie´s kommt, als unabänderliche Vorbestimmung.

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     Aber in dieser Wetterwolke saß doch nur der Schulmeister von Wildendorn. Und von dem ließ man sich nicht alles gefallen.
     Waren ihre Kinder, ihre Leibzucht drecklich? Jede Hausfrau empörte sich. Es gab ja dreckliche Leute im Dorf. Aber sie, die abends steif vor Arbeit ins Bett sank? Jedereins im Dorf wußte, sie fegte Stube und Stall, wusch und flickte, machte und tat, wovon so ein Sattgefressener aus der Stadt nichts ahnte. Wie Prinzen gingen ihre Kinder wohl nicht, aber ehrlich und recht. Der Schulmeister! Er sollte nur ihre Kinder mißhandeln, sie gingen mit ihm bis zum Kaiser!
     Es ist gut, daß zwischen Abend und Morgen ruhsam die Nacht liegt, in der jedes zornige Gemüt noch einmal alles beschläft.
     Früh am andern Tag erscholl widerhaariges Geschrei aus manchem Haus. Es wurde empfindlich gescheuert. Einige Hälse sollen sogar gewaschen worden sein, was sonst nur zur Sonntagsfeier und zum reinen Hemd gehört. Die Nasen und Schiefertafeln blank geputzt, zog die Zukunft von Wildendorn beim Geläut des Schulglöckleins ihrem Schicksal entgegen.
     "Hände hoch mit gespreizten Fingern!"- Engelsfinger waren´s nicht. An Westerwälder Kinderhänden wachsen frühzeitig Schwielen. Aber ein entschiedener Versuch zur Reinigung war unverkennbar.
     Nur drei schwarze Böcke waren unter den weißen Schafen. Zwei davon wurden an den Brunnen geschickt. Der dritte sollte daheim sein schwarzes Fell gegen ein weißes Hemd vertauschen, kam aber nicht wieder.
     Dafür kam anderes.
     Es klopfte beim Pfarrer und nebenamtlichen Ortsschulinspektor von Wildendorn. Bedauerlicherweise war er zu Hause.

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     Denn es gehört zu den unbesoldeten Annehmlichkeiten des Pfarrers als Ortsschulinspektor, in Streitfällen ein Puffer zu sein zwischen Lehrer und Gemeinde. Pufft er nun den Lehrer, nimmt der Anstoß. Pufft er die Gemeinde, heißt der Erfolg: Wer sich unter die Pfaffe und Schulmeister mengt, den fresse die Säu.-
     "Herein!"
     Aufgeregt ging der Atem des Mannes. Die Kappe wanderte in den Händen. Er nahm sich gar nicht erst Zeit, die Wetterfrage zu erörtern, wohl weil bei ihm fraglos Sturm war. Aber er setzte sich doch.
     Zum Glück hatten damals die Wildendorner ihren gescheitsten Pfarrer, den Kleinen, an dem ein "A´v´kat verloren war."
     "Herr Parrer, des loß eich mer nit gefalle, von su ´m Borsch, dem eich sein Vatter sei´könnt. Eich gihn an´n!"      Der Schmidtpitter", der den Lehrer an Kindesstatt annehmen wollte, hat Fäuste, einen ungespitzt in den Erdboden zu schlagen. Wenn der an den Schulmeister ging!
     "Eich zei´e mei Kinn´groß in der Forcht des Herrn. Die krie´n Häg´, unn wanns mit´m Eisestab is. Hätt´m de Schaulmanster e poor uffgemesse, wollt eich naut ´von saa´, awer e su!.."
     Offenbar war die Beschwerde des Schmidtpitter veranlaßt durch den schadenfrohen Hohn des Dorfes über den öffentlichen Bußgang zum Wasser.
     Und dazu waren des Sohnes Hände geschwärzt, weil er vor der Schulzeit dem Vater den Blasbalg ziehen mußte.
     Wer sonst noch an den Born geschickt worden?- Der "Schnuckelene" ihr Jung.

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     Daß die noch nicht hier ist, wunderte sich im stillen der Pfarrer.
     "Herein!"
     Da war sie! Die Schnuckelene füllt die ganze Stubentür aus. Ihr Mann ist "im Gebirg tot geblieben"(als Bergmann verunglückt) und hat seiner Witwe dadurch zu einer Rente verholfen. Sie ist faul und schnuckelt gern etwas Gutes, und wehe, wer ihr in den Mund fällt.
     Bei ihr dauerte es schon länger, bis sie sich setzte, den einen Arm in der Hüfte. "Das hieß man christlich, arme Waisenkinder und ein geschlagen Witweib, das nichts habe auf der Welt, als ihren ehrlichen Namen, schimperlich zu machen! Ihr Kind sei so drecklich nicht, daß man´s jeden Tag von Kopf bis zu Fuß im Wasserzuber waschen müßt. - Das war deutlich. - Und einen Stecken habe der Schulmeister, damit trieb´ man keine Ochsen!"
     Der Pfarrer nahm einen großen Bogen weiß Papier und faltete ihn in der Mitte.
     "Also Ihr wollt gegen den Lehrer Beschwerde führen? Ich werde Eure Aussagen zu Protokoll nehmen. Das unterschreibt Ihr, und ich schicke es zur weiteren Veranlassung an die königliche Regierung."
     Er schrieb: Wildendorn, Tag und Datum. Weiter kam er nicht.
     Nichts ist dem einfachen Mann schrecklicher, als "ums Gericht herum laufen", und mit der königlichen Regierung ist´s wohl dasselbe. Seinen Namen unter solch ein Schriftstück setzen? Man hätte gemeint, sich dem Schwarzen selber zu verschreiben.
     "Tut sacht! Halt´t emol in!"

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     Und als der Pfarrer versprochen, "es dem Lehrer zu sagen", stampften Schmidtpitter und Schnuckelene erleichtert zur Tür hinaus.
     Aber wo blieb die dritte Klage? Auch am nächsten Tag fand sich das letzte Böcklein nicht zur Herde.
     Der Mann geht früh zur Schicht und kommt in der Nacht heim, und sie hat es mit dem Schreiben zu tun und heißt im ganzen Ort: "´s Briebche." An wen hat die nicht schon geschrieben, an Kaiser, Land- und Gemeinderat! Sie stammt von guten Eltern her und hat bessere Tage gesehen. Jetzt sucht sie, krankhaft ehrgeizig, sich irgendwie noch besondere Geltung zu verschaffen. Weils ihr aber niemand wechselt, liegt sie mit der ganzen Welt im Krieg - und schreibt.
     Die Post brachte den Brief ins Pfarrhaus.
          "An Herrn Pfarrer.
     Ich Erteile Ihnen die Nachricht, daß mein Heinrich aus der Schule kam und weinte."...
     Leider darf dies schöne Handschreiben nur im Ausschnitt verraten werden, dem Wildendorner Pfarrer zu lieb. Denn am Ende könnte es das Unglück wollen und "´s Briebche" fände ihr Briefchen hier abgedruckt. Das gäbe alsdann wohl für den Geschichtenschreiber eine schöne neue Geschichte, wäre aber dem Wildendorner Pfarrer nicht erquicklich. Also stehen hier Punkte für Worte...
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
     "Mein Man will das Waschen nicht haben, weil Heinrich schon mal die Lungenentzündung und Nerfenkrankheit hatte jetzt vor 3 Jahre und später noch mehrmals wider Anfall zur Lungenentzündung bekam. Mein Man sagt wenn der Sohn krank wär, dann käm der Lehrer nicht, der zum Arzt ging, dann sollte es der

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Vater machen. Ich habe Heinrich jeden Sonntag ein weißes Hempt angegeben, was ich am Gericht durch Zeugen beweißen kan. Meine Tochter Anna wescht jede Woche die Hempter und auch die Stube und ich lasse mich nicht bei der ganzen Schule heruntersetzen."
- - - - - - - - - - - - -
     Der Brief gipfelte in dem nachdrücklichen Verlangen, wenn der Pfarrer sie nicht in dieser Woche noch besuche, wolle "ihr Man" aus der Kirche austreten, für den Heinrich einen Schulentlassungsschein haben und an den Schulrat schreiben.
                "mit aller Hochachtung
                                                  Frau......"
     Ungerechtfertigte Schulversäumnisse kosten aber im Land des Schulzwangs Geld. So erschien der schwarze Heinrich am vierten Tage wieder und hatte ein weißes "Hempt" an. -
     Im Begriff, jetzt methodisch fortschreitend, Nummer drei zu behandeln, "die Einwirkung auf die Alten", befällt mich ein Schreck. Ich habe das nichts nutz gemacht. Ich versteh es nicht besser. Ein ganz Teil von Nummer drei ist schon unter Nummer zwei geraten und hat das Ganze etwas gesprenkelt.
     In demselben Winter erreichte die unaussprechliche Krankheit "Infullenzia", die überall in der Welt herumlief, auch Wildendorn und griff zuerst den Lehrer, der barfuß vorm Ort im Schnee ging. Das Mitleiden hob das Haupt, und wo zwei Wildendorner sich trafen, nickte es kräftig: "Etz hot´r die Schwernot!"
     Und nichts wie Wasser hatte der arme Mensch im Kopf! Verlangte er doch mit Gewalt, daß man ihn "mit naut uff´m Leib" in ein naßkalt Betttuch einschlage und ein wollen Tuch solle drüber.

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     Zur Ehre von Wildendorn muß es gesagt werden, er fand niemand, der ihm willfahrte. Und dem Herrn Bürgermeister hielt die Frau Bürgermeister eine schmetternde Ansprache, weil er den Lehrer nicht daran hinderte, selber mit letzter, zitternder Kraft an sich den Wasser-Selbstmord zu vollziehen.
     Tags darauf meldete die Butzelies dem lauschenden Volk: der Schulmeister läg ganz still, aber tot wär er noch nicht. Am folgenden Morgen aber fiel sie beinah um und riß den Mund so weit auf, als wolle sie sich beide Ohrläppchen zugleich abbeißen, und das ganze Dorf schrie im Chor: "Ach du! Ach duche!" - Der Lehrer war wieder gesund!
     Nach einer solch glänzenden Kur hat wohl in Wildendorn die Wasserscheu eine schwere Niederlage erlitten? und alle influenzakranken Wildendorner wollten künftig in das nasse Bettuch des Lehrers?
     Bleiben gelassen! Was für so einen ledigen Bursch gut war, taugte das auch für einen Mann mit Frau und Kindern? Obendrein wußte jedereins, daß die Schulmeister eine besondere Sorte Menschen sind.
     Nein! Höchstens schlief jetzt das Mitleiden allmählich ein, weils ihm auf die Dauer zu langweilig wurde.
     Doch eins! In den Hundstagen, als die Glut wisperte über dem Heidekraut, badeten zwei Schulknaben im Bach unterm Dorf. Bei denen kam´s also zum dritten- oder viertenmal.
     Aber weitere Frucht erzielte der Lehrer nicht. Die Wildendorner überlassen nach wie vor ihre Leibesauffrischung der rauhen Heidemutter, die unversehens manchen Guß himmelab schickt. Und daß die Schweißlöcher in der Haut sich nicht verstopfen, dafür sorgt des Herrgotts Sonne und das Geracker ums tägliche Brot.

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Des Weibes Bestimmung.

     Ueber Wildendorn lag die heiße Sonne des Heumonds, die Sonne der Arbeit mit glühendem Auge, das über Menschenrücken und Arme hinsengte und Schweiß rinnen ließ von Menschengesichtern. Die Arbeit drückte um Mittag auf die ganze Welt. Was jetzt nicht starklebig war, dem dorrte der Saft aus. Gras wurde Heu. - Alles Fleisch ist wie Heu.
     Wildendorn regte sich nicht. Kein Rauchwölkchen ließ sich erblicken, nur Hühner, und hie und da ein Hund. Mittagessen wurde in der Heuernte nicht gekocht. Alle Hände gehörten draußen der Arbeit. Selbst die Alten und Kinder wurden auf die Wagen gehockt und mitgenommen. Erst abends kam wieder Leben ins Dorf und dann dengelte es noch bis tief in die Nacht, wie ein harter Finger klopft, schnell, unablässig. Und nach knappen Stunden weckte er schon wieder: schnell, schnell! Wer jetzt daheim blieb, ward eingeschlossen, denn er konnte sich nicht erwehren, wenn vielleicht fremdes Kietzepack (Hausierer) kam.-
     Der Arbeit heißer Odem brachte würzigen Heuduft mit ins Dorf. Durchs offene Fenster hauchte er zum Lager der Barthaase Jette."
     Zwei Gebrüder Haas gabs in Wildendorn, die zum Unterschied Barthaas und Bappelhaas (Pappeln = schwätzen) hießen. Vom Barthaas stammte die Jette.
     Unzählige Fliegen summten. Gierig suchten sie die abgezehrten Menschenhände ab, den wachsgelben Totenkopf... doch nein! Die übergroßen, schwarzen Augen lebten noch. Auch in den Augenwinkeln saßen die erbarmungslosen Nichtse, so sicher, als wüßten sie genau:

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dem Menschen ists eine schwere Anstrengung, die Hand langsam, langsam, bis zum Kopf zu heben.
     War das ein Menschenkind von kaum dreißig Jahren? Und gar die Barthaase-Jette?
     Die Barthaase-Jette hat vor zehn Jahren am Traualtar gestanden als das stolzeste Mädchen vom ganzen Wald. Ein vollkommen schönes Weibsmensch! Vollkommen und schön ist aber in Wildendorn dasselbe wie stark gefleischt und gesund. Mancher Bursch, der an der Barthaase-Jette Spaß hatte, bekam von ihr einen Abweiser, daß er meinte, die lieben Sternlein tanzten um ihn, und Ostern und Pfingsten fielen auf einen Tag.
     Hier dagegen lag auf dem Bett ein ausgemergeltes, schon stark ergrautes Weib. Die Lippen - schrecklich blutleere Lippen - zeigten einen fast zahnlosen Mund. Die Sehnen am Hals strafften sich zwischen Schulter und Kopf wie Seile. Und über dem weißen Hemd die Schlüsselbeinknochen, wie Handgriffe-. Und die vielen Furchen im Gesicht kreuz und quer! Nein, so rasch ackert selbst der Pflug der Sorge nicht!
     Aber die Augen, die am längsten einem Menschenantlitz treu sind, die großen, dunklen Augen antworteten aus ihren Höhlen: "Gelt, du kennst mich nimmer? Du vermeinst nicht, daß ichs bin?.. Aber ich bins doch!"
     Es war, um an der Barmherzigkeit Gottes zu verzweifeln.
     In der niedrigen Stube wars brütend heiß und still. Nur im Stall rasselte der "Ruß" an der Kette, Jettes Kuh. Vorgestern hatte sie gekalbt und gut war sie im Stand. Gallenbitter kams der Jette auf, die Mundfalten vertieften sich: der Ruß hatte es besser als sie! Die Kuh wurde in Acht genommen und geschont, die Jette nicht.

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     Wenn sie sich einmal wenigstens verschnaufen könnte, daß sie wieder zu Blut und Kräften kam! Alles Blut bis auf den letzten Tropfen, meinte man, war fortgelaufen. Eine große Schlüssel voll Blut sah sie noch von der Ammfrau hinaustragen, dann wars ihr schwarz vor den Augen geworden. Als sie wieder zu sich kam, saß es auf ihr wie ein Berg.
     Nun schon die dritte Fehlgeburt. Und der Doktor sagte: es könne noch öfter vorkommen. Unbedingte Schonung hatte er verordnet und kräftige Lebensmittel.
     Der hatte gut verordnen. Aber, wenn sie nur den Kopf hob, hockte die Arbeit wieder auf ihr und drückte ihr den Kopf nieder.
     Zuerst in der Ehe machte ihr die Arbeit ein Gesicht wie freundlicher Mai. Lachend warf sie sich ihm in die Arme. So recht von Herzen sich ausarbeiten, den Mannsleuten zum Trotz, das war ihre Lust gewesen. Und so kannte jeder die Barthaase Jette in Haus, Stall und Acker.
     Es tat auch not, und sie mußten ihre Sach zusammenhalten, um ehrlich vom Weg zu kommen. Das Häuschen war alt und wünsch (schief). Das Gebälk hielt noch, fest ineinandergebissen. Aber gleich im ersten Winter warf der Woost (wüstes Sturmwetter) ein paar Gefache aus der Hauswand unten in die Stube hinein. Die Jette mußte ihr bißchen Mitgebrachtes hergeben. Eigentlich sollte es ein Notgroschen sein. Aber die Schwiegerleute ließen ihrer Schnörch (Schnur, Schnürchen) die leibliche Ruhe nicht, und Jette glaubte damals noch nicht an Not.
     Das Häuschen war eng und schon anfangs saßen sie dicht aufeinander. Und jetzt? Zwei Betten und die Wiege füllten fast die ganze Stube aus, daß einer kaum um den Tisch herum konnte, der doch auch sein mußte.

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     In dem einen Bett nächtigten vier Kinder, zwei oben und zwei unten, mit den Beinen gegeneinander. In Jettes Bett schlief außer dem Mann noch ein Kind, ihr zu Füßen. In der Wiege lag das jüngste.

     Nebenan hatten die Schwiegerleute ihren Aushalt. Unten in der größten Stube hauste die verheiratete Tochter mit zwei Kindern. Der steckte die Alte alles zu. Auf dem einen Herd im Ehrn (Hausgang) kochten drei Haushaltungen und jede für sich.

     Die Kinder kamen, alle Jahr eins. Die Armut blieb und wuchs. Wie die Jette arbeitete! Aber sie sang nicht mehr dabei. Ihr Gang wurde hart und wiegte nicht mehr in den Hüften. Und die Arbeit verlor auch das freundliche Lächeln und bekam allmählich strenge, bittre Züge wie die Jette selber. Zuletzt kam ihr die Arbeit ganz verwandelt vor wie ein Ungeheuer, das sich auf sie legte, und das sie herumschleppen mußte mit zitternden Knieen, bis sie zusammenbrach... Und dann wieder aufstand, immer hohläugiger und blutleerer.
     Jetzt schon zum drittenmal.
     Wenn wenigstens der Anton ein Mann wäre! Aber bei keiner Arbeit hielt er aus, oder er wurde bald fortgeschickt. Gutmütig und schwach war er - wie alle Lumpen. Jedesmal, wenn sie ihre Schmerzen abhielt, batte er geflennt: Das wär das letzte Mal, daß sie in d  e  n Stand käme.
     Als ob sein Geschwätz nur das Anhören verdiente! Es wurde auch in Zukunft nicht anders! Tagsüber die Kinderlast und Hauslast und Feldlast, und nachts ein Kind an der Brust und ein Bein zum Bett hinaus an der Wiege des Zweitjüngsten. Wenn sie dann einschlief,

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wurde sie wach vor Kälte. So war's all die Jahre ge-wesen.
      Am meisten betat sich der Anton, wenn er betrunken war. Dann wollte er sich aufhängen und sank aufs Bett mit den Kleidern. Und die Kinder hingen an der Jette und schrieen um ein "Dung." (Butterbrot)
      Ihre sechs sahen so bleichwangig aus wie die hungrige Zeit, und unten die zwei wie rotbäckige Aepfel.
      Wenn ihre Kinder nicht gewesen wären, sie wäre auf und davon! Der Anton hielt sie nicht. Den konnte sie bald hassen! Aber der armen Würmer wegen mußte sie aushalten bis zum letzten Blutstropfen. Da half niemand.
      Auch kein Gott! --
      Gabs überhaupt einen barmherzigen Gott? Der Pfarrer sagte: "Ja!". Der mochte ja auch einen haben. Dem gings gut. Und die Frau Pfarrer hatte Essen geschickt. Mit Neid sahs die Schwieger und aß es fast mit den Augen fort. Dann flennte sie unten vor der Tür bei der Pfarrerin: "Das arme Jette! Und die viele, viele Last!"
      Des Pfarrers Trost war: "Es sei des Weibes Bestimmung, und Gott habe sein gutes Absehen damit."
     Dann mußte Er ein Ende machen! Täglich bat die Jette: "Erlöse uns von dem Uebel!"
      Wieder rasselte die Kuh im Stall und brüllte, ein sanftes, zufriedenes Brüllen.
     Wenn die Jette noch einmal zu Blut und Kräften kam, begann ihr Elend von neuem!
      Die Brust hob sich. Die Lippen zuckten, das arme Weib wollte schluchzen und konnte nicht. Nur ein er-

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stickter Laut zwängte sich aus der Kehle und scheuchte nicht einmal die Fliegen von den Augen.
      "Es könne noch öfter vorkommen," sagte der Doktor. Und es kam noch öfter vor!
      Bis einer ihr Ruhe schaffte, endlich doch einer - der Tod.
      - - Stärker wehte der Heuduft zum Fenster herein wie eine grüßende Hand. Wie das Sterben dort von den Wiesen duftete!.. Als trüge der Tod Kränze.




















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's hot gut gera'hnt (geregnet).

     Zärtlichkeit zu zeigen, gar öffentlich, hält der Wilden-dorner für schamlos. Wenn er an Markttagen zufällig auf dem Bahnhof der Kreisstadt Zeuge wird einer zärtlichen Verabschiedung, wendet er sich ab und spuckt aus. Holt der Vater seinen Soldat ab, gibt er ihm kaum die Hand. Scharf angeguckt wird der Junge, dann gehen die zwei zusammen und reden alltägliche Dinge, vom Wetter, Markt, Vieh und Acker. Wer's nicht weiß, denkt, die beiden wären keine Stunde getrennt gewesen. Und doch hat der Alte einen Weg von vier Stunden gemacht und vorher auf der Station in der halben Zeit die Pfeife ausgeraucht. "Gemäulert" werden ausnahmsweise die kleinen Kinder auf dem Schoß der Mutter.
     Ebenso heimlich ist der Wildendorner mit Aeuße- rungen des Schmerzes. Wer da nicht die Zähne auf einanderbeißt, wird angeguckt um sein "Getu." Und der andere darf nicht vorschnell bedauern, sonst schimpft der Kranke: "Betu dich nit so!"
     Schon stundenlang stand ein dräuend Wetter am Höllenkopf. Der bot die basaltne Stirn. Heller Zorn brach aus dem dunklen Gewölk, wilder Donner hallte: "Bahnfrei!" - Nachtschwarz und hart ragte der Höllen-kopf: "Halt!"
     Aber wer Garben auflud auf den Erntefeldern, beeilte sich und trieb die Kühe an. -
     Am Stock gebückt ging ein alter Mann in Feier-tagskleidern langsam durchs Dorf. Vorm Pfarrhaus hielt er still.
     Wer mit Feiertagskleidern in der Woche zum Pfarrer kommt, geht einen schweren Gang; er will ein Sterben anzeigen. Kindtaufsväter und Brautleute

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kommen abends, um keine Zeit zu versäumen. Nur, wer den Tod im Haus hat, kommt am Tag.
     Dem Heckejörg war sein Weib gestorben. Sie hatte ein langes Lager gehabt mit vielen Schmerzen, zuletzt stieß ihr das Wasser das Herz ab. Alles, wovon der Heckejörg hörte, wurde probiert: Lebenselexier, Wunder- balsam von einem Herumzieher, viele Gläser Arznei vom Doktor; aber die Krankheit stieg und stieg. Monate- lang war eine weise Frau im Haus gut verpflegt worden, die hatte ein Buch, daraus sie die Krankheit besprechen wollte. - Wer kann eins halten, dessen Zeit und Stunde da ist!
     Heute nacht hatte sie ihre Qual ausgeseufzt.
     Wie der Heckejörg den Tod ansah? Er hatte ihm die langjährige Lebensgefährtin genommen, mit der er alles geteilt; sein einziger Mitmensch, denn Kinder hatten sie nicht. Nun war in dem Hause nichts als der Tod und er und die Kuh im Stall, die heute zum ersten- mal laut brüllen mußte ums Futter.
     Der Heckejörg weinte nicht. Nur ein paarmal hinter- einander schneuzte er sich, als er sah, wie die schmerz- verzogenen Züge sich glätteten in dem Frieden hinter dem Kampf. Er drückte der Mile die Augen zu und saß am Bett bei der Oelfunzel und sah, wie Licht und Schatten über das stille Bild hinspielten, gleichwie die Gedanken der Menschen in solcher Stunde aufsteigen aus dem Dunkel der Vergangenheit, sichtbare Schatten werden im Licht der Gegenwart und hinüberschwinden in die Zukunft, wieder ins Dunkel; dort, wohin jetzt die Mile gerufen war vom Tod.
     Es mußte sein, ausnahmslos, unabänderlich für jeden! Für die Mile setzt, für den Heckejörg dann. Und jedereins wird dahingebracht, daß er's zuletzt gern zu- frieden ist, mit dem Sterben. Was hatte die Mile ihr

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Lebtag gearbeitet, daheim, mit ihm, neben ihm! Und was für ein Leben! Fleisch? Jedes Jahr ein Schwein zu Weihnachten; sonst nichts. Grün (frisch) Fleisch nur an Ostern und Pfingsten. Zuletzt hatte sich's ihr auf die Brust gesetzt, daß sie nicht mehr recht den Atem greifen konnte; und ihm hatte es den Buckel krumm gezogen Nun hatte sie´s gut. Auch der Heckejörg bekams einmal gut.
     Darüber nickte er ein. Ganz stille wards. Die Oelfunzel brannte, und über die Wand, durchs Stübchen und über die beiden Alten tauchten auf und nieder Licht und Schatten.
     Bis die Kuh den Heckejörg weckte. Aus dem Stall ging er und holte die Butzelies, die Leichenfrau. Dann zog er die schwarzen Feiertagskleider an. Richtiger, grünlich waren sie. Schwarz waren sie einmal in der Vergangenheit gewesen, vor vierzig Jahren, als der Heckejörg heiratete. Solche Feiertagskleider zerschleißen nicht wie leichtlebige Stadtkleider in einem Jahr, sondern gehen mit auf dem ganzen Erdenweg, an Sonn, und Feiertag, zu Nachtmahl und Begräbnis.
     So stackerte der Heckejörg in den Feiertagskleidern durchs Dorf, und jeder wußte ohne Wort: Die Mile war tot.
     "Gut, daß sie's überstanden hat! Wär´s nur auch bei uns gut durch!" Die Leuten taten, als wünschten sie sich alle den Tod; dabei lebten sie noch recht gern.
     Nur der Pfarrer wußte nicht gleich, was der Heckejörg wollte. Er war ein Städter und darum verlegen, wie man mit Wildendornern reden müsse. Eigentlich war er noch kein richtiger Pfarrer, sondern nur Gehilfe, zur Versehung der Pfarrei hergeschickt. Er durfte noch

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nicht taufen, kopulieren und das Nachtmahl geben; dazu mußte der Hasselbächer jedesmal herüber. Aber predigen und begraben, das durfte der "Junge." Weshalb er das eine durfte und das andere nicht, verstanden die Wildendorner nicht. - Es gibt aber auch andere Leute, die das nicht verstehen.
     "Bitte, setzen Sie sich!" Der Vikar machte eine höfliche Handbewegung und verneigte sich errötend.
     Der Heckejörg ließ sich schwerfällig nieder und nahm die Kappe ab.
     In kurzen Zwischenpausen donnerte es laut und leiser.
     Es gab eine Pause. Der Heckejörg wartete, und der Vikar wußte nicht, was er reden sollte. Endlich: "Wollten Sie mich besuchen?"
     Verständnislos blickte der Alte auf. Der Pfarrer wußte doch, weshalb er kam! Das wußte doch jedes Kind im Dorf.
     "He? Ei wie?" fragte er.
     Abermals eine Pause. Nur der Donner redete.
     Endlich nach einer Viertelstunde hatte der Vikar ertastet, was sein Besuch bei ihm wolle.
     Einen Augenblick freute er sich, dann sprach sein Herz. Zum erstenmal im Leben trat an ihn die Aufforderung heran, einen Menschen zu begraben und Menschen zu trösten über dem Tod. Sein Mitgefühl war um so lebendiger, als er zu Hause einen kranken Vater hatte, den er schweren Herzens verließ. Mit Zittern wartete er täglich auf den Postboten. Täglich martete ihn die Ungewißheit, ob er nicht heimgerufen würde zum Sterbebett. Auf einmal wußte er, was er reden solle.

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     "Hat Ihre Frau viel gelitten?" Der Heckejörg nickte, und sein Kopf blieb auf der Brust hängen. Dem Vikar pochte das Herz. Sein Vater litt unsäglich. Im letzten Brief stand: "Wenn der Vater nur essen könnte! Keine Nahrung bliebe bei ihm."
     Der Vikar mußte fragen: "Konnte Ihre Frau noch essen?"
     Ja, gestern abend verlangte sie noch einmal dürren Zwetschen. - Dürre Zwetschen sind in Wildendorn das Allheilmittel. Jeder Kranke ißt dürre Zwetschen oder trinkt die Brühe davon.
     Jetzt erfuhr auch der Vikar, wieviel dem Greis dahinstarb mit seiner Frau.
     "Das ist recht schwer und traurig für Sie."
     Der Heckejörg schwieg. Das Wetter aber war im schärfsten Disput mit dem Höllenkopf.
     Ob der Vikar das Schweigen richtig deutete? Es gab wiederum eine Pause. Mit einemmal erinnerte er sich, daß er den Eintrag machen müsse ins Kirchenbuch und hinter den Namen der Mile ein Kreuz setzen.
     "Wann der Geburtstag der Mile wäre?" - Geburtstag? Der Heckejörg wußte es nicht. Geburtstage werden in Wildendorn nicht gefeiert. Aus welchem Grunde sollten auch Geburtstage gefeiert werden? Aber im 65. Jahr stand sie, vier Jahre jünger als er. Auch den Hochzeitstag wußte er nicht; doch zwischen Weihnachten und Neujahr wars gewesen.
     Der Vikar wollte noch mehr über die Verstorbene wissen: "Sie haben gewiß eine liebe Frau gehabt?"
     "´s war e Schaffer´n, wie kaa zwat im Ort!" Weiter sagte der Heckejörg nichts, aber es zuckte dabei um seinen Mund.

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     Draußen hatte sich das Wetter am Höllenkopf zerrannt. Rechts und links donnerte es vorbei. Mächtig rauschten die Wasser.
     Wegen der Leiche wurde dann das Nötige be-sprochen. Am dritten Tag, um ein Uhr mittags; da waren die Leute vom Feld daheim.
     Der Heckejörg setzte die Kappe auf und erhob sich. Der Vikar öffnete die Tür. Er mußte an seinen Vater denken, als er dem Alten die Hand reichte. "Gott stärke Sie!"
     Wie ein ferner Raubvogel enteilte das Gewitter. Segen triefte die Flur. Kräftiger Erdodem stieg dankend auf.
     Der Heckejörg übersah's: "´s hot gut gera'hnt!"
     Dann humpelte er dahin, steif, alt und brüchig.. und allein.
















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Beim Schneiderpat.

     Am Samstag abend ist der junge Wildendorner Pfarrer mit seiner Predigt hinausgegangen, während das Feiergeläut der Woche mitwandelte über die Flur, und die Dämmrung lauschte drüben am Waldrand. Er traf seine Bauern, wie sie den Pflug stürzten am Weg, um heimzufahren. Nach langer Dürre war Regen gefallen, da gedachten sie noch einmal Futtergewächs zu ziehen auf den Stoppelfeldern. Frisch und schwarz glänzten die Furchen und duftig wie ein Hauch stiegs hinterm Pflug auf aus der Scholle, der Geist der Fruchtbarkeit.
     Und die Bauern sprachen: "Nach Sonntag wollen wir säen." Dann fuhren sie heim und hatten den Abend auf Pflug und Egge sitzen, und über dem Acker ver-zitterte der letzte Glockenton.
     Auch der Pfarrer ging heim. Und am Sonntag hat er dann seine Predigt gehalten, wie sich das schickt; hat die Jugend in der Kinderlehr' vorgenommen, auch ein Menschlein getauft und bei den Gevatterleuten gesessen, wie man so sitzt hinterher, froh, daß alles gut ging.
     Aber am Sonntagabend dann - wie kams auf einmal? - da hörte der Pfarrer, als niemand in der Stube war außer ihm und der Wanduhr, ganz deutlich eine Stimme: sie wolle wissen, was der Pfarrer heute geschafft habe? So wissen, wie die Bauern gestern beim Abendgeläut ihre Furchen überschauten. - "Aber, wo sind deine Furchen, Pfarrer?"
     Ihr könnt Euch denken, daß dem einsamen Mann nicht geheuer ward. Die alte Wanduhr tickte aufgeregt. Jetzt bohrte auch der Holzwurm nachdenklich im Gehäus. Zum offenen Fenster hinein wehrte und warnte mit

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den Zweigen auf und ab die Tanne. Jach riß ein Wind-stoß am Laden.
     Die Stimme wiederholte sich: "Zeige, was du geschafft hast!"
     Da antwortete der Pfarrer: "Ich kanns nicht zeigen," und stützte den Kopf in beide Hände.
     Nach einer Weile flüsterte die Stimme ins Ohr: "Welche Spuren wirst du einmal hinter dir lassen, wenn das Abendgeläut dich auch fortruft, wie jene von ihrem Acker?"
     "Auch das weiß ich nicht," sprach der Pfarrer. Er schlief dann spät ein. Als ihn aber am Morgen die Sonne weckte, dachte er gleich an das freundliche Gesicht vom Schneiderpat.
     Es ist etwas Absonderliches zwischen dem Schneider-pat und dem Dorf. Der Schneiderpat ist nicht Bürgermeister, nicht Schiedsmann oder Kirchenvorsteher; er hat kein Amt und doch eine Wirksamkeit. In der Ver-sammlung ist er der Sprecher. Und jedereins im Dorf nennt ihn Schneiderpat, als habe er ganz Wildendorn aus der Taufe gehoben.
     Es ist nicht merkwürdig, daß auch Schneiderpats Haus zum "Wart-ein-Weilchen" einlädt. Freundlich blicken die grünen Läden. Die hohe Treppe springt vor in die Gasse; oben ein Vorplatz und ein Dach darüber; Schlinggewächse ranken sich um die Tragpfosten, - das ist Schneiderpats Sommerwohnung.
     Hier sitzt und schneidert er den ganzen Tag, und das Leben des Dorfes geht unter seinen Augen her. Es läuft ihm zu. Denn er selber kann keinen Schritt drum tun. Der Schneiderpat ist ein Krüppel. Sein Untergestell ist wie eines zehnjährigen Kindes. Im Sitzen aber schaut er stattlich aus. Auf breiten Schultern

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ein mächtiges Haupt, ein Bart wie ein Rahmen um ein Bild, im Mittelpunkt zwei Augenlichter, die holen jeden Wildendorner aus seinem Versteck. Sie schauen so wissend drein.
     Als der Pfarrer zum erstenmal den Schneiderpat aufsuchte, hatte der gerade einen Kunden in Behandlung; den alten Krischer, der "Tuch" brachte und sechs neue Hemden für sich bestellte. Der Schneiderpat schüttelte die graue Mähne: Zwei tätens auch. Denn des Menschen Leben währet, wenns hoch kommt, achtzig Jahre. Und der Krischer war bald an der Grenze. Er bemerkte beinah kleinlaut: bis auf achtzig Jahr möcht ers bringen, dann mög es der Herrgott mit ihm machen, wie Er wolle.
     Auch der Pfarrer kam bei Gelegenheit unter die Schere. Im Nachbardorf Hasselbach war ein erschreck-liches Feuer ausgekommen und hatte bis auf eine Scheunenreihe das ganze Dorf in Asche gelegt. Da eiferte der Wildendorner über das "furchtbare Straf-gericht Gottes." Und von Versammlung zu Versamm-lung wurde das Wort weiter getragen. Bis der Schnei-derpat es festhielt: "Herr Parre, Ihr red't grad, wie wann die liewe Herr Hasselbach aagestoche (angesteckt) hätt d´m aame Mann zum Schade. Hie tut die mill (milde) Hand not, nit die mit de Gaaßel."
     Seitdem besuchte der Pfarrer die Versammlung und den Schneiderpat. Auch heute wunderten sich die hellen Augen nicht.
     "Schneiderpat, Ihr habts gut. Wenn Ihr Eure Hose flickt, wird der Riß heil, und wenn die Wildendorner abends vom Acker kommen, wissen sie, daß es nicht umsonst war. Nur der Pfarrer sitzt im Dunkel und sieht nicht, was er schafft."

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     Der Schneiderpat strich den Placken an der Hose glatt und fädelte einen neuen Faden in die Nadel. Es fiel ihm schwer. Sein Mundwinkel arbeitete mit und die Zungenspitze schob sich vor, als wolle sie auch mithelfen.
     "Eich maan, de Parre säß im Licht vom Wort Gottes. Do kann 'r schon 's Taglicht entbehrn."
     "Wie meint Ihr das?"
     "Des Taglicht reicht grad zur Nädelärb't unn Feldärb't. Des Taglicht is fors Zeitliche do. Fors Ewige awer is 's Taglicht so dunkel wie mei Leucht' mit Stei'öl (Steinöl=Erdöl) gege die Sunn. Dofor stiht geschriwe: Es ist noch nicht erschienen."
     "Gewiß, lieber Schneiderpat, aber ich möchte doch etwas schauen - Wirkungen! Wie ich vor drei Jahren hier anfing, Pfarrer zu sein, dacht ich, mit einem Ruck müßt es anders werden in der Gemeinde. Und nun predige ich und predige Sonntag um Sonntag - und sehe nichts, was ich erreiche."
     Liebevoll schaute der Schneiderpat seinen Pfarrer an, wie er in Eifer geriet:
     "Herr Parre, Ihr wollt dochs Dorf nit forttrage?"
     "Nein!" lächelte der, "aber Spuren möchte ich sehen, Ackerfurchen, die hinter mir bleiben! Schneiderpat, Ihr habt schon manchen Wildendorner Pfarrer kommen und gehen sehn, was ist denn von ihnen noch so übrig im Gedächtnis der Leute?"
     "Jo, de Pärrner sicht aut annerscht bei de Leu' als de Hannelsmann. 's Bild von jedem is aach do, awer die Zeiche sein wink. Mer hot als Leu' hie, besunnersch unner de Aalte, die mache die ganz Predigt enab. (herabsagen)" Die Hose war geplackt. Der Schneiderpat griff nach

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einem Rock, dem der Hunger aus dem Ellenbogen guckte. "Awer, was de Pärrner mit aam firtig broacht hot - do! - verzallt kaaner bei de Owendpfeif. Do werd naut geredt als Leugeschwätz: De irscht Pärrner, bei dem ging eich uff die Parr.(z.Konfirmandenstunde) - He kam hiedann noch Heckero(Heckenrod), do krag he fuffzig Gille(Gulden) mih - dem schriewe se als de Sonnowend an die Haustür: "Morgen ist Sonntag, da kannst du wieder schelten." Anno 48 hunn s'm die Kanzel vernagelt.. - De zwat, des war a Hömopath unn A'v'kat, von dem saan se, a Sprichelche hätt'r gehott, wann er 'n Reiche begrub: "O Mensch, du armer Wandrer - jetzt kriegt dein Geld ein andrer." He war lang hie unn broacht die hömopathisch Arznei uff im Dorf.. - Unn de letzt, de vierig, den kennt Ihr jo, dem sei Wort wär gewest: "Wann e Jung an'm Hund vorbeiging, unn de Jung micht naut oder de Hund, dann wär aaner naut nutz."
     Fast wider seinen Willen hatten sich des jungen Pfarrers Züge aufgeheitert:
     "Aber, Schneiderpat, weiter nichts?"
     "Loßts als debei, Herr Parre! Die aale Pärrner sein all haamgeholt unn wisse etz, was ihr Werk war, unn de Acker spurrts aach... Die Aerb't fällt in die Furch, unn die Erd deckts zu. Awer die Saat wächst an de Tag. De Pärrner is urrerm Herrgott sei Lenzeknecht.(der Knecht, der zeitweilig zur Frühjahrsarbeit gemietet wurde)... Loßts debei! Mir Wilddorner sein e wink rauh gebärscht(gebürstet), mer rücke die Kapp nit vill, unn mit e feine Worte unn Kratzfüß waaß mer uff'm Wald nit imzegih. Awer wam 'mer us auskenne mit urrerm Pärrner, unn he bringt us des Wort recht dar, nochher haale mer'n fest. Unn des anner..."

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     Hier griff der Schneiderpat ganz unvermittelt des Pfarrers Hand. Eine merkwürdige Veränderung ging mit ihm vor. Ein Lichtschein kam und leuchtete über das grobknochige Bauerngesicht und machte es schön. Er hatte das Haupt erhoben und sah über den Pfarrer hinweg, auch über die Strohdächer von Wildendorn, als schaue er dort etwas. Nach einer Weile sprach der Schneiderpat feierlich mit einer seltsam fremden Stimme:
     "De Herr siehts! 's is genung!"
     Dann falteten beide die Hände, der Dorfschneider und der Geistliche.
     Niemals hatte der Pfarrer so stark den Einfluß mitempfunden, den der Schneiderpat im Dorf ausübte.
     Ihm war so leicht, als er ging. Den Wildendornern nickte er zu wie herzlieben Bekannten. Und alle Welt bot ihm freudigen Gruß. Die Aecker liefen zum Weg. Die Heide lachte übers ganze Gesicht und klingelte ihm mit Herdenglocken ins Ohr. Der Hochwald rauschte heimatlich deutsch. Und - hör nur! - auch die schwarzen Raben kannten ihn. Als sie über die Schutztannen strichen, riefen sie deutlich: "Parr'r!.. Parr'r!"



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Der Wacholderpfarrer.

     Folgerichtig hieß er der Wacholderpfarrer, weil das weltverlassene Stück Hochheide, wo sein Kirchturm mit den nahen Wolken trutzte und sein Kirchengickel beständig in den Lüften herumfuhr, als werde er vorn und hinten gebissen, die Wacholderschweiz genannt wurde. Zwar nur von den Stadtleuten, wann sie am Markttag den Bierschaum vom Großmaul wischen und ein Bäuerlein, das in seinem Blaukittel und dem vorsichtshalber für die Reise zusammengebundenen Stock und Regenschirm etwas hinterländisch dreinschaut, ausplärren: man meint, der wär´ aus der Wacholderschweiz. Das bedeutet ebensoviel, als hinter dem Mond daheim sein.
     Dagegen hieß das Dörflein bei seinen eignen Leuten Steinheck und der Wacholderpfarrer war der alte Nöll. Nicht, Hochwürden, der Herr Pfarrer Nöll, sondern kurzweg - der alte Nöll; zum Anzeichen, daß seine Leute ihn mitten unter sich rechneten und ihn nicht auf dem Kanzelpostament kalt stellten, zehn Schritt vom Leibe. Und weil der alte Nöll auch noch Geschlechter lang nach seinem Begräbnis wie ein gegenwärtiger im Mund der Leute war, kann jeder daraus schlüssig werden, daß der alte Nöll eine fest und tiefgreifende Hand gehabt haben muß und mit seinem geistigen Pflug tief geackert hat.
     Ja, obwohl von seiner Handgreiflichkeit heute in der ganzen Wacholderschweiz kein mürbes Knöchlein mehr nachweisbar sein dürfte, ackert er bis auf den heutigen Tag noch in der Steinhecker Gemarkung. Wenn heute im Meinungshader dann und wann sich ein verwitterter Mund nach dem gehörigen Schweigen auftut und beginnt: "Do saat de alt Nöll", dann ist die Reihe

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zu schweigen an den Uebrigen, und das letzte Wort zur Sache ist zumeist geredet.
     Wenn der alte Nöll mit aufgestemmten Ellenbogen sich über die Kanzelbrüstung seinen Schäflein näher zu Gesicht und Gehör neigte, dann konnte es geschehen, was vordem und nachdem niemals mehr die alten Mauern zu hören bekamen, daß das ganze Gotteshaus "dicke breite Läch tat" und die Engelbuben auf dem Orgelgesims die runden Beine in die Höhe warfen und gleich danach war tiefe andachtschwere Stille und mancher Wildbart, nicht nur die alten Weiblein wischten die immer feuchte Nase.
     Diese Nachrede ist für den alten Nöll ein Zeugnis, daß das unverbildete starke Leben aus seinem Mund geredet hat, welches immer eine Mischung von Lachen und Weinen ist und dartut, daß das richtige Lachen ebenso wie der bitterste Ernst ihr Wasser aus demselben tiefen Brunnen holen.-
     Schon als das Leben die Steinhecker und den damaligen Kandidaten Nöll zusammenbrachte, erkannte ihn die Herde als ihren richtigen Hirten beim ersten Schritt. Und auf den Schritt hin, nicht auf die Predigt, haben sie ihn gewählt.
     Damals war für die Kandidaten der Gottesgelahrtheit hungrige Zeit wie für Raben und Hasen im Hornung. Mancher mußte erst ein Jahrzehnt und länger als Hauslehrer die mageren Kniee unter fremden Tischen aneinanderdrücken, bis er mit grauen Haaren und einem altbackenen Brautstand froh war, von der Straße fort und unter Obdach zu kommen. Damals hielt sich auch noch keiner zu gut und die Wacholderschweiz zu verächtlich, um dort Pfarrer zu sein. Man kam aus und wurde seines Lebens froh, wenngleich im Pfarrhaus

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nur eine Stube und eine Hinterkammer heizbar war und es hier und dort mehr als wünschenswert muffig und kellerartig roch. Der Geist des Friedens hatte keine vornehme Nase und kündigte nicht die Wohnung.
     Zwischen Pfarrhaus und Kirche hatte dazumal und noch heute bei nassem Wetter ein Wassertümpel mitten auf der Straße sein Gewohnheitsrecht. Warum auch nicht? Wenns der Nässe nicht gefiel, von selber abzufließen, leckte schon zu ihrer Zeit die Sonne die Straße trocken. Und in jener Pfarrwahlzeit hätte die Gemeinde um keinen Preis den Tümpel entbehren mögen. Denn nach dem erleuchteten Einfall irgend eines hellen Kopfes gab die buntschillernde Pfütze Auskunft über den richtigen Pfarrer. Sie war gleichsam die Wahrsagerin bei der Pfarrwahl.
     Deshalb waren auch Aelterleute, Schultheiß und alle, die um Ja oder Nein gefragt werden wollten, versammelt und starrten unter dem schallenden Geläut der Glocken nach ihrem Orakel. Wie der geistliche Fremdling sich vor dem Tümpel benahm, das war das Kenntzeichen, weß Geistes Kind er sei.
     Die Glocken überanstrengten sich schier und das Gebälk im Turm ächzte, und Kopf schaute bei Kopf über die Mauer. Eine arme Gemeinde läßt sich nicht gerne übervorteilen mit einem unguten Pfarrer.
     Der erste Kandidat kam an das Schmutzwasser, stutzte und trippelte von einem Bein aufs andere, hob zierlich wie ein Weibsbild den langen Mantel und stieg auf den Fußspitzen vorsichtig um die Lache herum.
     Es war augenscheinlich, daß er der richtige Wacholderpfarrer nicht war. Er brauchte gar nicht erst auf der Kanzel sein "Geliebte in dem Herrn" bis zum Amen herunter zu sagen.

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     Am nächsten Sonntag hatte wieder alles Menschliche in der Wacholderschweiz seine Tribüne besetzt.
     Diesmal kam der Herr mit großen Schritten aus der Tür, und ehe sichs die Gemeinde versah, hatte er seinen Mantel gerafft und sprang mit einem weitausgreifenden Satz über den Tümpel hinweg.
     Steinhecker! Es ist zu gewärtigen, daß der mit dem nächsten Satz über alle Köpfe und über das Kirchendach hinweg springt. - Auch er war der richtige Mann nicht.
     Da kam am dritten Sonntag der Kandidat Nöll und zauderte keinen Augenblick und ging gleichmütig mit sicherem Schritt mitten durch das Orakel, so fest und stetig, als wäre ihm nichts im Wege.
     Und alle Häupter nickten über die Kirchhofsmauer, und alle Augen blinkerten sich zu. Nach dem Gottesdienst lud der Schultheiß den Fremdling ein, gleich das Ränzlein auszupacken und mit dem Amt zu beginnen. Die Steinhecker hatten ihren Pfarrer gefunden. -
     Danach geschah es über Har und Hot, Schneewind und Frühlingsanfang, daß die Wacholder umschichtig jedes dritte Jahr ihre dunklen Beeren zur Reife brachten, der Pfarrer Nöll dagegen sich nicht ebenso gleichmäßig nach dem Geschmack der Steinhecker artete. Im Gegenteil, es kam Wildwetter über die Heide und allgemeine Kampfesstimmung befiel Wacholder und Dorn, und unversehens wurzelte sich auch Gemeinde und Geistlichkeit miteinander. Und danach als alle Kräfte sich erprobt und ausgewettert hatten, kam der völlige Friede und die Einstimmigkeit auf, die alles Zusammengehörige hat. Da war der alte Nöll der Wacholderpfarrer, der seine Herde in der Hand hielt, und dessen Wort sein Schäferhund war.

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     Jenes Unwetter war aber aus seiner verborgenen Schlummerecke aufgeweckt worden durch den immer gleichmäßigen Schritt des Pfarrers, dessen Gleichmäßigkeit und Stetigkeit es aus irgendeinem Grund aufgeregt haben muß.
     Der Pfarrer Nöll ging nämlich nicht nur unentwegt durch jede Schmutzlache auf der Gasse, er ging auch keinem jener heimlichen Tümpel im Dorf aus dem Wege, sondern patschte und tratschte mitten hindurch. Und zwar öffentlich!
     Jetzt hätten es, ihrem Orakel zum Trotz, die Steinhecker lieber gesehen, wenn Hochwürden vorsichtig um die Pfütze herumginge, oder schnell mit einem Satze darüber hinwegspränge.
     Aber der Pfarrer Nöll hatte nur den einen Schritt am Leibe, immer den gleichen und konnte nicht anders. Er patschte durch den Eigennutz und jegliche Untucht in der Gemeinde, daß der ganze Tümpel in Aufruhr kam.
     Da mochte die Herde maulen, oder ihm einen dicken Kopf machen, es kam ihm nicht darauf an, vor ihr her auch mehrere Sonntage hintereinander durch dasselbe übelriechende Wasser zu waten.
     So predigte er einmal vier Wochen lang über den ungerechten Haushalter, weil der Schultheiß den Gemeindenutzen am Lesholz nicht zu gleichen Losteilen unter Arm und Reich verteilen ließ, sondern auf ein Glockenzeichen waren die Steinhecker wie die Wilden in Heide und Hecke hinausgelaufen und hatten gerafft, was sie raffen konnten; zum Schaden der Armut, die kaum ein Lästlein Holz heimbrachte.
     Diesmal fühlten sich die Steinhecker von des Pfarrers Worten so hart gebissen, daß sie sich das Hochfürstliche Konsistorium zur Hilfe verschrieben und damit ihre letzte Kraftprobe machten.

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     Die Kommission kam in einer Kutsche und setzte sich in ihrer geschwollenen Vornehmheit steif in die vorderste Bank im armseligen Kirchlein, dem Wunders wie geschah.
     Der alte Nöll aber legte wie immer die Ellenbogen auf die Kanzelbrüstung und fing erst ganz ordentlich und verständig an, über Jesus Christus vor dem Hohen Rat zu predigen. Und das Kollegium neigte die Häupter zusammen und murmelte beifällig.
     Mit einmal aber zuckte der Prediger mit dem Kopf, warf die langen Haare von der Stirn und patschte als der Wacholderpfarrer durch seinen Tümpel.
     "Ihr Steinhecker! Do sein so feine Herrn komme aus der Stadt unn wolle den alte Nöll ablaustern."
     - Die Luft wurde gewitterschwül, trotzdem der Herbstwind wehte bis vor die Kirchentür. -
     Nämlich als der Herr Christus vor dem Hohen Rat stand, war die Hoffahrt mit Franzen und Quasten und seidenen Kleidern versammelt, und die göttliche Wahrheit vom Himmel stand schier verachtet in Knechtsgestalt. Hat kein Gesottenes und kein Gebratenes alle Tage gehabt, sondern das bläcke Elend der Welt als sein täglich Brot. Fuhr auch in keiner Kutsche und schlief nicht in weichen Betten. Sonntags und Werktags trug der Sohn Gottes vom Himmel das nämliche billige Zwillchgewand und lag nachts mit dem Haupt auf einem Stein unter einem Wacholderbaum der Heide.
     "Steinhecker, der Hohe Rat is dazumal das geistliche Konsistorium gewest, das den Herrn Christus verurteilt hat."
     Felsbrocken warf der alte Nöll mit seinem Munde.
     "Unn de Herr Christus, kann kaaner siehn, nit aaner? Er giht drauß vorm Dorf über die Viehweid, unn der Wind giht mit'm; kaan Minsch!"

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     Stille, atemlose Stille..... Weiter reckt sich der Alte vornüber, und das grobe Gesicht mit den vergeisterten Augen schaut nach der Vorsteherbank, wo seine Widersacher die Stirn bis aufs Holz ducken.
     "Steinhecker! In der stockdüstern Nacht das Feuerlein, das die Diener des Hohen Rats im Hof zündeten unn daran Petrus sein' Herrn verriet, hot gebrannt mit Holz, was nit mit Sege und Bete aus der Heck' geholt war. Aber de Witwe unn de Waisekind wars gestohle. Von solcherlei Holz heizt der Teufel allweil seine Höll!"
     Also auch vom Lesholz der Gemeinde Steinheck! -
     Die Kommission fuhr ab und schickte einen schriftlichen Bescheid mit einer Pastoralen adhortatio.
     Und der alte Nöll ging in der Nachfolge seines Herrn und Meisters im verschabten Rock und hohen Kirchenhut dort, wo Seinesgleichen hingehörte, nämlich außerhalb der Welt mit dem Wind über die wildwüchsige Wacholderheide. -
     In seiner ganzen verwurzelten Absonderlichkeit zeigte er sich aber in der Kasualrede.
     So tat er einmal ein Pärchen zusammen, das Rotznasengeld bezahlen mußte. Wie vordem die Abfindungssumme genannt wurde, mit der sich ein Minderjähriger die Heiratserlaubnis vor dem gesetzlichen Alter erkaufte.
     Der Alte spielte in Bäffchen und Talar leibhaftig zur Hochzeit auf, so auferbaulich, daß dem Pärchen der Angstschweiß kam.
     Während seine Augen auf keinen Blick die jugendlichen Hochzeiter losließen, fidelte er mit den Händen die erste Geige:
     "Dideldumdei! Dideldumdei! - Heut sein wir lustig. Hei, juchhei!"

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     Aber zum andern Mondviertel kommt der Brummbaß hinten nach. Ganz aus der Tiefe, tief wie der alte Nöll sich bückt, während er die bleichen Gesichter mit den Blicken unverwandt festhält:
     "Hunger unn Kummer!.... Hunger unn Kummer!" Immer schrummt der Brummbaß denselben Ton.
     Und am Ende ist in dem Ehestand die Klarinette mit des Teufels heller Fistelstimme obenauf:
     "Unn alle Jahr e Kind! - Unn alle Jahr e Kind!"
     Hoch in der Luft fingerte der Alte, als handhabe er die silbernen Klappen von des Teufels Instrument.
     Seine Hochzeitspredigt redete noch oftmals aus seinem Grab bei der Kirchenmauer. - "Do saat de alt Nöll."
     Auch wie er den Wildheger aus der Wacholderschweiz begraben hat!
     Der Förster Wildbert lief in Hecke und Heide herum mit Hund und Gewehr, und wenns zur Kirche läutete, mußte er im Wirtshaus hinterm Wacholderschnaps sitzen und seinen Spruch tun: "Die Kirch is kaan Frosch."
     Er meinte, sie hüpfe ihm nicht fort und sei auch noch am nächsten Sonntag anzutreffen, wenn er nach ihr begehre.
     Der starb über Nacht dahin und lag mit glasigen Augen eines morgens im Bett. Und obwohl es einer unternahm, ihm die Augen, die nichts mehr auf der Welt zu sehen hatten, zuzudrücken, standen sie immer wieder auf und starrten wie Brillenglas.
     Ueber drei Tagen zur bestellten Zeit, heulte sein Hund beim Leichenbegängnis wie ein Tier bei Hunger oder grimmiger Kälte.
     Der alte Nöll aber kam nicht.

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     Sie hörten auf mit Läuten, als ihnen der Atem beim Glockenstrang ausging, und läuteten zum zweitenmal, daß die Fenster im Pfarrhaus klangen.
     Aber der Alte war schier taub. Er kam noch immer nicht.
     Und als sie zum drittenmal über Gewalt geläutet hatten, sahen sie sich an, was sie tun wollten.
     Ins Pfarrhaus aber ging keiner, zu forschen, wo der Pfarrer bliebe. Das hätte sich keiner unternommen.
     Und endlich, als alle Winde still waren und selbst der Kirchenhahn Ruhe hatte, kreischte die Tür im Pfarrhaus, und der alte Nöll kam hervor, so gelassen und stetig wie immer.
     Und vor dem Trauerhaus und der Lade nahm er die moosgrüne Sammtkappe ab, wie er immer tat.
     Und ging der Leiche voran nach dem Kirchhof, ohne sich umzusehen, ob sie ihm nachfolge.
     Und als in der Grube das Rumpeln beim Aufstoßen des Sargs vertönte, was jeder mit besonderem Nachhall in den Eingeweiden verspürt,.. drehte der alte Nöll nachdenklich sein Gesicht von dem offenen Grab nach den lebendigen Gesichtern, die rot und fragend aus den schwarzen Kleidern hervorsahen, und fing an.
     Leise, mit gedämpfter Stimme, als halte er ein Zwiegespräch.
     "Steinhecker! Habt Ihr gedacht, de alt Nöll is abgängig, hot e Nickerche gemacht unn wird uff sein alte Tag schlampig im Dienst?.."
     "Naa, Steinhecker"! Mitten aus der Brust quoll die Stimme. Und der Wind von der Heide hing sich dem Greis an den Mantel. So still wars.

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     Tief sog der Alte die Luft in die breite Brust, und seine Stimme wurde laut:
     "Aber hie der!"
     Und noch einmal leiser: "Hie der!"
     Sein ausgestreckter Finger wies in die offene Grube.
     "Hie der Hot gesaat: Die Kirch is kaan Frosch. Drum dacht ich heut, wie ihm zum letzten Mal die Glock geläut hot, etz is'r aach kaan Frosch. Er hüpft dir nit davon.
     Steinhecker......!"
     Wie Donner vom Himmel klang sein Wort.
     Und im Niederland haben sie über den Wacholderpfarrer gelacht:
     "Die Kirch is kaan Frosch." - -
     Er hat gut geackert, der alte Nöll. Ackerfurchen wie Weggräben.

 

 

 

 

 

 

 

156 - ENDE

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zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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