Heimatbuch-9

Vom Heldentum des deutschen Volkes.

(Aus einem Vortrag) (Sedantag 1917)

Heute jährt sich wieder der Gedenktag der Schlacht von Sedan am 1. September 1870. Niemals werde ich vergessen den Tag, den ich als 13jähriger Knabe damals erlebt habe, als die Siegesnachricht kam, daß das ganze französiche Heer, sein Kaiser an der Spitze, von unseren Truppen unter Moltkes genialer Führung siegreich geschlagen und gefangen in unsere Hände gefallen sei, als die Glocken läuteten, die Fahnen flatterten und die Leute auf der Straße unter freudentränen einander in die Arme fielen! Das war ein weltgeschichtlicher Tag erster Ordnung. Da hatte unser Herrgott Gericht gehalten auf Erden, da schob die Weltgeschichte einen neuen Stuhl zwischen die vier goldenen Stühle, auf denen seither England, Frankreich, Rußland und Oesterreich um den Tisch der höchsten Macht gesessen hatten, und Deutschland nahm Platz unter den führenden Völkern der Erde. Aus dem Zusammenbruch Frankreichs erwuchs das deutsche Reich, erstand der deutsche Kaiser, gewannen wir die uns einst schnöd geraubten deutschen Lande, Elsaß und Lothringen wieder. Eine neue Zeit in Deutschland, vor allem hatten wir wieder Helden, zu denen unser Volk in Dankbarkeit und Verehrung aufschauten, die ihm seine Gegenwart geschaffen hatten und seine Zukunft verbürgten.
Weitschauende Männer haben es damals geweissagt, daß die Lösung von damals keine endgültige sein werde., ein Moltke hat es ausgesprochen, daß die Söhne noch einmal werden verteidigen müssen, was die Väter mit dem Schwert errungen. Niemand könnte sagen, wie lang dieser Kampf dauern werde, und ein Geibel hatte gesungen:

Einst geschieht’s, da ward die Schmach,
seines Volks der Herr zerbrechen,
der auf Leipige Feldern sprach,
wird im Donner wieder sprechen.

Dann, o Deutschland, sei getrost,
dieses ist das erste Zeichen,
daß verbündet West und Ost,
wider dich die Hand sich reichen.

Wenn verbündet Ost und West,
wider dich zum Schwerte fassen,
wisse, daß dich Gott nicht läßt,
so du nicht dich selbst verlassen.

Deinen alten Bruderzwist,
wird das Wetter dann verzehren,
Taten wird zu dieser Frist,
Helden dir die Not gebären,

bis du wieder stark wie sonst,
auf der Stirn der Herrschaft Zeichen,
vor Europas Völkern thronst,
eine Fürstin sondergleichen.
(Und heute 1919?)

Und so ist es gekommen! Frankreich hatte, wie Bismarck es vorausgesagt hatte, seine Demütigung nie vergessen; seit 46 Jahren rüstete es sich auf den Tag der Rache, 20000 Millionen französisches Gold sind nach Rußland geflossen, um die Millionen dieser Volkskraft gegen uns ins Feld zu stellen, mit seinem alten Erbfeind England hat es sich vertragen, der unser Todfeind geworden ist seit dem Augenblick, da wir ihn im Welthandel zu überflügeln begannen. Heute stehen von den Völkern der Erde 700 Millionen, bis an die Zähne gewappnet, gegen 130 Millionen, um Deutschland und das mit ihm auf Tod und Leben verbündete Donaureich von ihren goldenen Stühlen zu werfen und die Welt unter sich zu teilen.
Seit drei Jahren tobt nun dieser Kampf gegen eine fünffache Uebermacht, unter dessen Dröhnen die alte Erde erzittert und der seinesgleichen nicht hat in der ganzen Menschheitsgeschichte, höchstens daß der 7jährige Krieg, in dem Preußens größter König sich gegen Oesterreich, Rußland, Frankreich und das damalige deutsche Reich zusammen zu wehren hatte, in annähernden Vergleich gezogen werden kann. Riesenhaft ist dieser Kampf eines Volkes, das mit seinen Verbündeten um sein Dasein, sein Recht auf den Erdboden und seiner Kinder Zukunft kämpft; riesenhaft die Kräfte, die eingesetzt werden, riesenhaft die Mittel, die ins Feld geführt werden, riesenhaft die Opfer, die er verschlingt.
Ohne Ueberhebung, aber mit Stolz dürfen wir sagen; Es ist ein Heldentum sondergleichen, das sich in ihm offenbart.
Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von welchen die Hülfe kommt, sagt ein Psalmwort! Ja, hebe deine Augen auf, deutsches Volk, zu den Heldentaten deiner Söhne draußen im Felde. Unsagbar Großes ist geschehen. Denket an den Vormarsch durch Belgien, das auf seine Neutralität pochte, die es hinterlistig gebrochen hatte, den Fall der belgischen und der nordfranzösischen Festungen, die großen täglichen, blutigen aber stets siegreichen Schlachten und Gefechte, mit denen unsere vorwärtsstürmenden Heere den französischen und englischen Feind vor sich hertrieben wie aufgescheuchtes Wild, und die sie beinahe vor die Tore von Paris führten. Denket an die gewaltigen Taten in Ostpreußen. Wie ein gereizter Löwe, den zwei blutlechzende Tiger angefallen haben, mit einem Prankenschlag dem einen das Rückgrat zerschmettert und mit der andern Tatze den andern todwund zu Boden schlägt, so vernichtete unser großer Hindenburg die eine russischen Armee bei Tannenburg und die andere an den masurischen Seen. Es folgte der Feldzug in Südpolen, um die von der Uebermacht schwer bedrängten Oesterreicher zu entlasten und der Sieg bei Lodz, und die Winterschlacht an den masurischen Seen. Im Westen kam der Stellungskrieg an der Aisne und die erste große Schlacht in der Champagne, im Osten der große Durchbruch bei Tarnova-Gorlice, wo der Russe in Galizien aus eienr Stellung nach der andern geworfen wurde, die furchtbaren Karpathenkämpfe in Eis und Schnee, die Ungarn vor seinem Einfall retteten; es kam der Fall der großen gewaltigen Festungen in Polen, es kam Gallipoli, wo wir den Türken halfen, ihre Hauptstadt siegreich zu halten gegen die Land- und Seemacht Englands und Frankreichs. Es kam der serbische Feldzug, in dem unsere Truppen mit den verbündeten Bulgaren das festungsartige Land eroberten und die letzten Reste des vernichteten serbischen Heeres über die Landesgrenze jagten; es kamen die Kämpfe in den Argonnen und Vogesen und das furchtbare Ringen um Verdun; es kam die zweite große Champagneschlacht, in der der gewaltige Ansturm Frankreichs gebrochen wurde; dann kam der genial angelegte rumänische Feldzug, der unsere Heere in unaufhaltsamen Siegeszug bis an die Mündung der Donau führte, dann im Westen die Versuche des Feindes, unsere Stellung zu durchbrechen, das fürchterliche Ringen an der Somme und wieder in der Champagne, das mit einem völligen Misserfolg endete und jetzt die Höchststeigerung aller Kämpfe, die bis jetzt möglich war, in Flandern und im Artois und neben diesen unsere volle Kraft in Anspruch nehmenden Kämpfen noch den Sieg bei Tarnopol, der ganz Galizien und die Bukowina aus russischer Gewalt befreite – ich frage, wo hat die Welt ähnliches gesehen? Dort drüben fünf Großmächte, die ein Volk nach dem andern auf die Schlachtbank liefern, ihre geschwächten Heere immer durch neues Menschenmaterial ergänzen können, gegen die deutsche Kultur die Völker Asiens und die Schwarzen Afrikas heranführen, für die die halbe Welt die Waffen und die Munition liefert, hier ein Volk, nur auf sich selbst angewiesen, auf seine eigene Kraft und dabei diese Siege; ich frage, wo hat die Welt ein ähnliches Schauspiel gesehen?
Und was hat unsere Marine geleistet? Was unsere Kreuzer, ehe sie der Uebermacht zum Opfer fielen, was eine „Emden“, was die „Möwe“, was unsere Schachtflotte am Gkagerrak, bei dem Angriff auf die englische Ostküste, was vor allem unsere Tauchboote, der Schrecken und das Verderben Englands, brauche ich es zu sagen, daß das ein Heldentum ist, wie es größer kein Volk geleistet hat! Und das habt ihr geleistet, deutsche Brüder, jeder hat dazu das Seine beigetragen, vom obersten Führer bis zum letzten Mann herab, alle, die ihr Leben, ihre Gesundheit, ihr Blut und ihre Kraft eingesetzt haben für Heimat und Vaterland; jeder kann mit Stolz sagen, ich war auch dabei, und kann einmal Kind und Kindeskind erzählen, was er durchgemacht hat in Winterkälte und Sommerhitze, in Hunger und Durst, im Trommelfeuer und im Schützengraben! Freilich, wir wissen’s nur zu wohl, was uns dieses Ringen und Kämpfen gekostet hat; die Blüte unseres Volkes ist gefallen wie reife Aehren vor der Sense des Schnitters; das Vaterland trauert um seine besten Söhne, und wo auch immer in der Welt ihr einsames Grab ist, sie sind unvergessen, ihr letztes Grab ist das Herz unseres Volkes, da leben sie für immer, die Treuen, die Toten! Ehre sei ihnen und ewiger Nachruhm! Wir gedenken auch in warmer Teilnahme derer, die das schwere Los der Gefangenschaft getroffen hat, die die Roheit und die Grausamkeit und die gemeine Rache, an Wehrlosen verübt, über sich ergehen lassen mußten; auch ihr Heldentum, das des stillen und geduldigen Leidens, sei ihnen unvergessen!
Diesem Heldentum unseres Volkes im Kampfe draußen steht vollgewichtig zur Seite das Heldentum daheim. Ich rede in erster Linie von dem Heldentum der deutschen Frau! Wunderbare Kräfte der Frauenseele sind zur Entfaltung gekommen im Handeln und im Leiden. Was haben sie geleistet, die Schwestern in den Lazaretten und den Spitälern, im schweren Dienste Tag und Nacht, was hat das Rote Kreuz geschaffen in der Bekleidung und Versorgung unserer Soldaten, in der Fürsorge für ihre Familien, der Linderung der Not. Was hat die deutsche Frau geleistet, die Mutter, die seit Jahren allein den Haushalt und die Erziehung der Kinder leitet, die den Pflug geführt hat und die Ernte eingebracht, was hat erduldet die deutsche Frau, die ihre Gatten, Söhne und Brüder hergegeben hat, und der die Quellen des Glücks und der Lebensfreude verschüttet sind.
Und ein Heldentum der Arbeit und treuer Pflichterfüllung unter immer schwerer werdendem Drucke kenne ich!
Unser Volk ist in diesem Kriege seit drei Jahren angewiesen auf seine eigene Kraft. Alle Zufuhr von außen ist uns abgesperrt. Unseren Feinden stehen bis heute noch die Schätze der Welt zur Verfügung, uns nicht. Wir müssen die Ernährung von 70 Millionen Menschen aus eigener Kraft schaffen. Den Feinden lieferte die halbe Welt den Kriegsbedarf, die Waffen und die Munition, uns nicht. Achtung vor dem deutschen Arbeiter, der unter der Erde und auf der Erde, in den Fabriken und in Bergwerken die Kohle gräbt und das Eisen schmiedet, Achtung vor der treuen Pflicherfüllung in Handel und Wandel, Handwerk und bürgerlichem Leben, die, während Millionen unserer besten und kräftigsten Hände draußen die Waffen führen, das ganze innere Leben eines Volkes durchführen mußten wie früher, nur daß die Pflicht aufs doppelte und dreifache angewachsen war! Das ist auch Heldentum eigenster Art, auch wenn kein Heldenbuch sie nennt und kein eisernes Kreuz sie auszeichnet!
Eisern ist freilich unsere Zeit und Kreuz hat sie uns genug gebracht! Der schmähliche, heimtückische Plan der Engländer unser Volk auszuhungern und uns, die sie militärisch nie besiegen werden, durch die Not daheim auf die Kniee zu zwingen, ist zwar misslungen, aber Not und Elend in ungeahnter Weise haben sie über unser Volk gebracht. Wir entbehren, wie wir das nie in unserem Leben für möglich gehalten haben. Glaubt nicht, daß wir die Not nicht aus eigner Erfahrung kennen und leicht darüber weggehen. Wenn ich an den Gräbern unserer alten Leute stehe, denen die Entbehrung das Mark aus den Knochen gesogen oder das Leid das Herz gebrochen hat, vor den Särgen unserer Kinder, die die Seuche wegrafft bei der mangelnden Ernährung, wenn ich die abgemagerten Gestalten unserer Männer sehe und die verkümmerten Gesichter unserer Frauen, wenn ich die Kinder barfuß laufen sehe, dann geht mir ein Stich durch meine Seele! Ja, wir tragen ein schweres Kreuz, und wir tragen’s wie man hier zu Lande sagt, wie Einer der drei Zentner trägt; wir tragen’s mit zusammengebissenen Zähnen, aber ohne zu klagen, wir tragen’s, weil wir wissen, es muß sein; wir müssen aushalten und wir werden auch aushalten; wenn wir auch diesen Winter noch weiter hungern müssen; in Gottes Namen, so wollen wir hungern, damit unsere Kinder später zu essen haben!
Das ist das Heldentum des deutschen Volkes im Kampfe draußen und daheim, und wenn wir davon reden, dann tun wir’s wahrlich nicht, um damit zu prahlen vor der Welt, wir können’s abwarten, ob die Welt einmal spricht, wie jener neutrale Norweger dieser Tage gesprochen hat: Hut ab vor dem deutschen Volke; wir reden davon mit tiefem Dankgefühl, daß uns solches Heldentum geschenkt wurde, daß unser Volk innerlich geläutert und äußerlich gesegnet aus diesem Krieg hinübergehe in den Frieden!

Veesenmeyer.

Vom bitteren Ende.

(Aus dem Tagebuch des Verfassers.)

Oktober 1918. Es kommt uns immermehr zum Bewußtsein, daß Deutschlands Sache verloren ist. Sollen wir es wirklich glauben? Wir waren zu siegessicher gewesen und durch die lange dürre des Krieges auch lau den Kriegen gegenüber. Jetzt fragen wir uns: Haben wir alles getan, was in unseren Kräften stand? Nun kommt es anders. Lehrer Kegel aus Weisel besuchte mich in den Herbstferien. Er hält einen Zusammenbruch Deutschlands für unmöglich. Er war ja immer ein großer Optimist. (allzeit zuversichtlich) Sage ich mir. Mein Freund der Lehrer Becker in Ohligs, hat mir schon seit vorigem Jahre schwarzseherische Briefe geschrieben: „der schließliche Erfolg wäre auf der Seite wo die meiste Arbeit geleistet würde, also auf der Seite unserer Feinde. Ich schreib ihm im Sommer, der Pessimist (Schwarzseher) sei der einzige Nicht auf dem nichts wachse. – Hutwort: „Der Optimist sei auch Nicht, er schieße ins Kraut (Krhl). Der Gedanke an den alten Fritz, der schließlich doch aus der großen Bedrängnis im 7jährigen Krieg noch siegreich hervorging und das kleine Holland, das seine Freiheit gegen das mächtige Spanien doch erzwang, ließ mich immer noch hoffen, daß wir wenigstens unseren alten Bestand würden behaupten können. Das liegt ja in der Natur der Sache. Man kann nicht jahrelang begeistert sein, wenn die Sache weit draußen geschieht und in der Heimat die Ruhe dahin leben kann. „Pate glaub dies denn jetzt, daß wir verlieren,“ sagt mein 19jähriger Neffe, „die Soldaten wollen nicht mehr.“ Antwort: „Wir brauchen noch nicht zu verlieren; es liegt noch eine Große Kraft im Volke, ihrer müssen wir uns nur bewußt werden und sie der Verteidigung des Vaterlandes dienstbar machen. Auch müssen wir uns mehr unserer tapferen Soldaten annehmen. Wir waren zu siegessicher und sind daher lau geworden. Zum erfolgreichen Kriegführen gehört Begeisterung. Wie kann die Begeisterung in den Herzen unserer Soldaten fortglimmen, wenn sie sehen, daß wir gleichgültig geworden sind und so wenig für sie übrig haben? Es ist ein wohl zu verstehendes und ganz natürliches Gefühl, wenn der Soldat, der die Beobachtung macht, daß wohlhabende Bauern es im Ganzen Jahre kaum einmal fertig bringen, einem armen Soldaten etwas zu schicken, sich fragt: “ Wenn dirs einerlei ist, ob der Feind herein kommt, so ist mirs der ich am wenigsten zu verlieren habe, auch gleichgültig.“ – Tatsche ist dann auch, daß der herrliche Geist der unser Heer in dem ersten Kriegsjahre beseelte zum Teil völlig geschwunden ist. „Wenn ich Gelegenheit hätte zum überlaufen, so tue ich’s, so hatte ihm ein Soldat gesagt, erzählt mein Neffe, daß er mir den Namen nicht nannte, beweist doch, daß er selbst das Unwürdige einer solchen Denkart herausfühlt. Aber eine solche Äußerung sollte uns doch zu denken geben, daß wir an unsere Brust schlagen und sagen: Haben wir in der Heimat alles getan was in unseren Kräften stand, die Front draußen zu stützen? Die überwiegende Mehrzahl wird diese Frage nicht mit einem aufrichtigen „Ja“ beantworten können. Und jetzt kommt es uns durch die Ereignisse der letzten Zeit wieder zum Bewußtsein, daß die Soldaten draußen unsere ureigenste Sache ausfechten. Wie wird’s mit uns in der Heimat, wenn der Feind ehrenvolle Bedingungen für Deutschland ablehnt und es zum Kampf auf Leben und Tod kommt? Wird der Feind am Rhein halt machen oder mit seiner weißen, schwarzen und braunen Meute Deutschland überziehen, bis er in Berlin eingezogen ist? Sollen wir dann flüchten oder im Dorf bleiben? Diese Fragen bewegen uns jetzt. Äußerlich liegt tiefe Stille über unserem Dorf wie während des ganzen Krieges. Alles geht seiner Arbeit nach. Heute, den 28. Oktober ist man noch am Kartoffelausmachen auch Grummet liegt noch draußen. Mancher hat keine Zeit, in die Zeitung zu sehen, aber was die Uhr geschlagen hat, ahnen viele. 10. November 1918 Sonntag. Ich war gespannt auf die Waffenstillstandsbedingungen, an andere Überraschungen dachte ich nicht. Da erzählte mir mein Neffe, daß Umstürzler einem Gusternhainer Soldaten in Gießen das Seitengewehr abgenommen hätten, an Stelle der Kokarde eine rote Quaste an die Mütze geheftet und ihn dann zurück nach Gusternhain geschickt hätten. „Das ist die Revolution!“ sagte ich mir. Dann erfahre ich die Abdankung des Kaisers. War das ein Schlag für uns! „Jetzt braucht der Pfarrer nicht mehr für den Kaiser zu beten,“ sagte ein Bauer. Ein anderer sagte: „Jetzt werden die Pfarrer abgesetzt.“ Die großen Ereignisse sind heute am Sonntag natürlich das Tagesgespräch überall, doch bleibt bei uns auf den Dörfern alles ruhig. Den meisten tuts doch leid, daß wir keinen Kaiser mehr haben. „Ein Oberhaupt muß doch sein!“ sagte meine Mutter zu mir. Der monarchische Gedanke lebt tief im Volke drin, besonders in den Bauern. Jeder weiß auch, daß mit dem neuen deutschen Kaiserreich (seit 1841) der wirtschaftliche Aufschwung verbunden war. Der Kirchenbesuch, unser Pfarrer Weigel, war heute ein wenig besser als gewöhnlich. In solchen Zeiten drängt es die Menschen zur Geselligkeit, man will hören, seine Gefühle austauschen. Thielmanns Bernhard sagt mir heute Nachmittag, man habe dem Pfarrer an der Stimme die Ergriffenheit angemerkt, er habe so „heulerig“ gesprochen. Zwei Breitscheider, die einberufen waren, sind wieder nach Hause gekommen. Man hat sie zurückgeschickt. Der 19jährige Franze Ernst, der vor dem Ausrücken nach der Front stand und von Darmstadt noch einmal heimlich auf Urlaub hierher gereist war, kann nun auch nicht mehr zurück. So schwächen die Umstürzler unsere Front, und der Feind hat den Vorteil von der Revolution in Deutschland. Vielleicht wird in diesen Tagen ja der letzte Schuß an der Westfront verhallen, aber um noch möglichst günstige Friedensbereinigungen zu erlangen, hätte Deutschland jetzt ungedingt ruhig und einig sein müssen. Es muß einem wirklich bange sein um die Zukunft.

11. November. Heute kommt die Nachricht vom Abschluß des Waffenstillstandes. Der Klavierhändler Magnus aus Herborn besucht mich. Er zieht ein Sonderblatt aus der Tasche, das die Bedingungen enthält. Er liest vor. Ich erschrecke und schlage die Hände zusammen. Es kommt immer trauriger von Punkt zu Punkt. Mein Besuch bringt auch noch die Nachricht, der Kaiser sei in Holland. Wie mags ihm heute zumute sein? Trüb der Himmel, trüb die Herzen. Jetzt hat der Kaiser Muße, darüber nachzudenken, was es mit seinen mittelalterlichen Vorstellungen von seinen Gottesgnadentum in Wirklichkeit auf sich hatte. Wilson und Scheidemann nahmen sich vor, ihn zu stürzen, und sein Thron fällt zusammen wie ein Kartenhaus. 22 Kronen fallen aufs Pflaster, und niemand will sie aufheben.

13. November. Vereinzelt kommen Breitscheider Soldaten an, sie erzählen von der Aufregung und Schießerei in Berlin, die Eisenbahnzüge seien furchtbar überfüllt gewesen. Ich lese von der Bewegung im Reich und sehe, daß sich die Revolution fast überall ruhig vollzieht, und ich denke dabei, daß es gut war, daß wir eine straff organisierte Sozialdemokratie hatten. Die Behörden waren überall so klug, einen Widerstand zu leisten, sonst hätte es furchtbares Durcheinander und Elend gegeben, weil unsere Ernährung in den großen Städten nur bei Aufrechterhaltung des Verkehrs und der Ordnung einigermaßen gesichert ist, daß sich große Erregung der Gemüter in Stadt und Land bemächtigt hat ist zu verstehen. Meine frühere Kostfrau in Frankfurt schreibt mir, daß sie in großer Aufregung waren und Plünderungen befürchteten (sie bewohnen ein Landhaus vor der Stadt). Der Arbeiter- und Soldatenrat in Frankfurt richtet einen Aufruf an die ländliche Bevölkerung, die Zufuhr von Lebensmitteln nach den großen Städten weiter wie seither aufrecht zu erhalten. Bei Eintreten von Mangel an Lebensmitteln würde Anarchie ausbrechen, bewaffnete Russen würden sich aufs Land verziehen, sich gewaltsam die Vorräte aneignen und Mord und Brand seien die Begleiter. Also in Stadt und Land Grund zur Besorgnis. Und wird unser Heer in der kurzen Frist geordnet zurückfluten?

14. November. Vorgesternabend fanden in Herborn und Dillenburg Volksversammlungen statt, die der Arbeiter und Soldatenrat dieser Städte öffentlich einberufen hatte. Sie sollen zwar einen ruhigen, aber doch ziemlich kläglichen Verlauf genommen haben. Ein Lehrer aus Dillenburg besuchte mich heute. Er erzählt, daß auch der Landrat der Versammlung in Dillenburg beigewohnt habe. Auch nur Schuhmacher habe gesprochen. Einige ganz ungeeignete Elemente seien dann in den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt worden. Und diese sollen nun vorläufig die Macht haben und unsere Geschicke mitbestimmen helfen! Man darf die Sachen nicht zu schwer nehmen. In solch hoch kritischen Zeiten muß man die Linke gewähren lassen, damit die äußere Ordnung aufrecht erhalten bleibt. Der Leben eines Volkes kommt früher oder später doch wieder in die ihnen eigenen Schwingungen.

Heute Nachmittag fliegt ein Flieger von Westen her ziemlich niedrig über unser Dorf. Ein Vorbote von unserem zurückkommenden Heer. Im Laufe des Novembers kehrten vereinzelt Breitscheider Krieger heim und schlupften still und unvermutet in ihr heimisches Nest. Keine Ehrenpforte für sie, kein öffentlicher Empfang. Wie ganz anders hatten wir uns ihre Rückkehr gedacht!

Vom Heeresrückzug November und Dezember 1918

24. November. Totensonntag. Heller Sonnentag. Die Breitscheider Jugend geht über Gusternhain aufs „Alte Feld“ um Truppen vorbeifahren zu sehen. Es sind nur Lastautos zu sehen.

28. November. Wieder laufen Schuljungen und junge Mädchen aufs „Alte Feld“. Mein 9jähriger Neffe berichtet, daß er 903 Reiter gesehen habe. Einer habe einen Abstecher nach Willingen gemacht, um seine Mutter mal zu sehen.

29. November. Die ersten Truppen in Breitscheid! Vormittags zieht eine Trainkolonne durchs Dorf, teils den Medenbacher, teils den Erdbacher Weg hinab. Die Leute laufen zusammen. Ein ungewohntes Bild im stillen Dorfleben, daher der besondere Reiz, der von ihnen ausgeht. 2 Uhr Nachmittags kommt der Train an, der in Breitscheid Rast machen will, 39 Wagen. Sie fahren auf der Pfarrwiese auf. Jeder Wagen hat 2 kleine Pferde vor, weiße, schwarze, braune oder gelbe. Breitscheider Schuljungen waren dem Zug entgegengegangen und saßen auf dem Bock neben den Fahrern. Der Erdbacher Weg am Pfarrgarten stand voller Menschen. Die Soldaten wurden freundlich aufgenommen und bewirtet. Nun war wieder Leben im Dorf. „In der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn“ tönts abends zu mir herüber. Abfahrt der Truppe am 30. morgens 7 Uhr im Morgengrauen über Medenbach nach Marburg zu. Nach dem Einzug der Soldaten wurde das Rathaus bekränzt. Am 29. abends zwischen 10 und 11 Uhr kam noch Artillerie ins Dorf. Kanonen und Wagen standen von der alten Schule am Kirchenweg bis an den Schulweg zur Schule in der Lück. – Am 30. nachmittags kamen noch weitere Garde-Fußartillerie hinzu. Die Kanonen hatten sie größtenteils zurücklassen müssen. Sie waren bei Remagen über den Rhein gezogen, dann über Altenkirchen, Neukirch hierher.

1.Dezember. Abfahrt der am 29ten gekommenen Artillerie.

2.Dezember. Pferdebesichtigung am Erdbacherweg, der Pfarrwiese entlang. Ich überschaue die lange Reihe vom Fenster aus. Aussehen und Haltung der Pferde reden eine stumme Sprache von dem Schweren, was die Tiere hinter sich haben. Als sie in der ersten Nacht nicht alle untergebracht werden konnten, sagte ein Soldat in Schumanns Wirtschaft, es sei doch nicht recht von den Leuten, daß sie die Tiere zum Teil draußen in der Kälte stehen ließen, wenn sie wüssten, was diese Pferde geleistet hätten im Krieg, würden sie den Hut vor ihnen ziehen. Abzug dieser am 30.11. angekommenen Artillerie am 3. 12. Einige Pferde bleiben als ausgemustert zurück. Die Ortsbehörde versteigert sie zu 20 M, zu 40M, je nachdem. Ein Bauer kaufte ein Pferd für 52 M, das ¾ Jahr später 6000 M Wert war. Im Bereiche unserer Gemarkung sind etwa 9 Pferde gefallen. Einer von unseren drei Artilleristen entließ sich selbst am Nachmittage vorher. Meldete es aber doch dem Hauptmann. Dieter: „Nun, wie Sie wollen.“ Es waren darunter 2 Berliner; verständige ältere Leute. Man muß im Umgang mit unseren Soldaten immer schon den Bildungsgrad bewundern. Die vier Kriegsjahre haben ihr Wissen erweitert, ihr Urteil geschärft. Der vorzeitige Ausreißer verkaufte Decken und andere Ausrüstungsgegenstände und steckte das Geld ein. So werden die dem Reiche gehörigen Sachen zum Teil verschleudert und niemand, weder der Verkäufer noch der Käufer machte sich ein Gewissen daraus. Ja, einige Soldaten sind derart gewissenlos, daß sie in der Nacht den im Frost stehenden Pferden die Decken nahmen und verkaufen. Abgesehen von diesen Einzelfällen machen die Soldaten sonst einen guten Eindruck. Alles geht in Ordnung her. Ein Unteroffizier, dem ich meine Verwunderung darüber aussprach, sagte mir: „Ja, die Ordnung halten wir von uns aus aufrecht, vom Soldatenrat , der aus 1 Offizier, 1 Unteroffizier und 2 Gemeinen besteht.“ Die Soldaten sehen selbst ein, daß Ordnung sein muß, (besonders würde im gegenwärtigen Zeitpunkt ein regelloses Auseinanderfluten die Heimat in große Gefahr bringen.) Sie wollen sich gern den Notwendigkeiten fügen, nur Schikane dulden sie nicht mehr. Hindenburg folgen sie nun wieder lieber, nachdem sie gesehen haben, daß er das Vaterland auch jetzt in seiner ernstesten Stunde nicht im Stich läßt.

3. Dezember. Viele Truppen ziehen durch nach Erdbach und Medenbach zu: Infanterie und Artillerie. Die Artillerie zum Teil im Laufschritt. Kraft ist noch da, die Infanterie wird von Musik begleitet, stramm im Schritt geht es nach den Weisen des Marsches bis ans Gemeindehaus, dann in die Quartiere.

Am 4.und 5. Dezember steigert sich noch die Zahl der durchziehenden Truppen, Infanterie und Artillerie. Die Infanterie am 5. Dezember hatte wieder Musikbegleitung. Ein Breitscheider Mädchen teilt eine Schürze voll Äpfel aus an die Infanteristen, die nach Erdbach weiterziehen. Die Musik bleibt beim Gemeindehaus und spielt den Breitscheidern noch einige Stücke, einen schönen Walzer, den Hohenfriedberger Marsch, wieder einen Walzer, dann eine lustige Polka. „Herr Major, bleiben Sie bei uns,“ bittet jemand. Ja, das wollten sie auch. Dann kein Befehl zum Weiterziehen, und als von neuem Infanterien singend am Pfarrhaus vorbeikam, schlossen sie sich dieser an und zogen nach Medenbach ab, die Breitscheider Jungwelt noch ein Stück im Taktschritt mit.

6. Dezember. Wieder Truppendurchzüge. Bayern mit blauweißen Bändchen an der Mütze ziehen den Erdbacherweg hinab. Im Vorbeimarsch spielt die Musik den Hohenfriedberger Marsch. Neue Einquartierung.

7. Dezember. Ruhetag

8. Dezember. Sonntag. Morgens ziehen Truppen durch nach Medenbach. Die Musik spielt das Lied: „Im Krug zum grünen Kranze.“

Am 11. Dezember hielt ein Hauptmann vor dem Abmarsch noch eine kurze Rede auf der Pfarrwiese an die Artilleristen. Noch 30 km wollten sie heute fahren, dann würden sie entlassen, es solle daher noch jeder seine Pflicht tun bis zum Schlusse, wie auch seither. Ein Teil der Fahrer blieb noch hier. Sie schliefen in den Häusern und kochten sich in den Häusern oder Gärten selbst. Die durchziehenden Truppen führten ihre fahrbaren Küchen mit sich, und in gewissen Abständen erschien immer die rauchende Gulaschkanone. Und gut zu kochen gabs! Ich schaue von oben in einen Wagen und sehe 2 geschlachtete Ochsen daliegen. Andere, denen dies Schicksal noch harrt, bilden den Schluß des Bataillons. An Fleisch kein Mangel! Ich sagte zu meiner Mutter: “ Es ist eine wohlweisliche Absicht dabei: man will die Soldaten bei guter Laune erhalten, daß keiner vorzeitig die Truppe verläßt und sich aufs Betteln und Plündern verlegt.“ So ist es denn auch viel sittsamer und geordneter hergegangen, als wir erwarteten. Das Verhältnis zu den Dorfleuten bleib im allgemeinen ein freundliches. Doch war nicht zu erkennen, daß bei manchem Wirt mit der Zeit das Wohlwollen für den Vaterlandsverteidiger nachließ. Die ersten Truppen kamen ins Bett, die folgenden aufs Strohlager in die Stube, die letzten schliefen auf dem Heuboden oder gar im Stall. Die meisten Soldaten machten auch gar keinen Anspruch auf ein Bett, weil sie dasselbe nicht bevölkern wollten mit den kleinen Plagegeistern, die sich bei ihnen einquartiert hatten. Die ersten Pferde standen in der Scheune im Heu bis an die Knie, die letzten bewegten vor Hunger die Scheuerleiter. Aber zu verstehen wars von dem Bauer, daß er seine knappen Heuvorräte geschont haben wollte. Und zu verstehen wars von dem Artilleristen, wenn er dann nachts fütterte und ganze Wallen Heu herabwälzte. Wenn die Pferde die schweren Wagen 30 km weit bergauf und bergab, bewegen sollen, müssen sie etwas in den Rippen haben. Am 1. Weihnachtsmorgen zogen die letzten Truppen ab.

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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