Heimatbuch-8

Die Freiheitsbewegung in 1848

Mag auch auf dem Westerwald die Freisinnigen von der herzoglichen Regierung. Freiheit der Presse, wie freies Verweisrecht, ein neues Wahlgesetz, allgemeine Volksbewaffnung, Religionsfreiheit und anderes die Bauern wussten nicht recht, um was es sich hadelte. Sie wollten „die Verbreitung der Schultheißen, Verweigerung der Steuern, freie Jagd und unbeschränktes Holzungsrecht.“ „Freiheit, Gleichheit, diese Worte entflammten die Gemüter. Viele Besitzlose glaubten, jetzt wäre allen alles gemein, man dürfe jetzt mal bei den reichen Bauern „in die Mühle stellen.“ Zu größeren Ausschreitungen wie auf anderen Dörfern kam es in Breitscheid jedoch nicht, wie der Lehrer Kreuter in der Schulchronik lobend hervorhebt. Aber einige zwangen den Gerichtsvollzieher zur Umkehr, und jegten ihn aus dem Dorfe dem Schönbacher Weg hinauf. Hei, wie der Reißaus nahm und wie sich sein blauer Kittel im Wind blähte! Die johlende Schuljungend hinter ihm her! Die Ungerechtsamen Erwachsenen erhielten später einige Wochen Gefängnis. In Wiesbaden waren vor dem herzoglichen Schlosse am 4. März über 20000 Menschen zusammengestanden auch vom Westerwald waren viele Bauern gekommen. Der Herzog war klug und gab nach, bewilligte alles. Aus Freude über die errungene Freiheit fällten die Breitscheider 4 Fichten im Rollsbach und richteten sie im Dorf bei den Hauptpersonen angebunden auf. Eine Bürgerwehr wurde gebildet. Die Alten hatten den „Nauhäuser“ zum Hauptmann, die Jungen „Hennings Peter.“ Der Säbel des letztern wird noch in der Familie Henning aufbewahrt. Getrommelt wurde auf Olberrods Platz, links vom Haigerweg auf der Höhe. Der Lisfeld schlug die Trommel. „Wer bet weiter zih, der komm, der Lisfeld Schlüt de Tromm“. – Der Schultheiß heißt jetzt Bürgermeister.

Vom Kriege 1870/71

Starben aus Breitscheid den Heldentod fürs Vaterland:

1. Wilhelm Paulus, vermißt bei Wörth
2. Reinhard Kurtz, verwundet bei Sedan, gestorben am 26. Oktober 1871 im Lazarett Erkelenz
3. Alexander Reeh, gefallen bei la Eroix am 12. Januar 1871.

Vom Weltkrieg 1914-1918

Gerne würde der Verfasser hier ein umfassendes Bild vom Wiederspiegeln der großen Ereignisse in der Heimat geben, doch hindern ihn besondere persönliche Verhältnisse daran. Nur weniges ist zu ihm gedrungen und nicht einmal immer das Wesentliche vom Geschehen im Dorf. Wenn das Wenige, das er in zwanglosen Bildern hier wiedergeben kann, zuviel Persönliches enthält, so möge hier der Leser aus den angedeuteten Umständen entschuldigen. (Das folgende wurde in 1918 geschrieben, noch während des Krieges)
Als die Kunde von dem Fürstenmord in Sarajewo (28. Juni) hierherdrang, dachte wohl kaum jemand hier daran, daß daraus ein Krieg entstände. Ich hatte gerade Besuch von einer Freundin von der Nordseeküste. Sie sagte bei der Nachricht; „Das ist gut, daß wir hier auf dem Westerwald sind, hier ist man sicher vor Bomben.“ So dachte wohl kaum jemand an Weiteres. Bauersleute wissen ja in Friedenszeiten wenig oder fast nichts von hohen politischen Dingen. Mehr Eingeweihte hielten aber von Anfang an die Sache für ernst. Schließlich kam es dann auch zum Krieg, der durch Rußlands Mobilmachung und die Beiwohnung unserer Ostgrenze nicht mehr aufzuhalten war.
Welch inhaltschweres furchtbares Wort: Krieg!
Ich kann den Eindruck nie vergessen, den das kleine Wörtchen: „Mobil“, auf mich machte, als es der Polizeidiener am Samstag den 1. August, abends etwa um 6 Uhr, an unserm Hause im Vorbeigehen ausrief. Beim Rathaus fügte er noch hinzu: „Morrn is der irschte Mobilmachungsdog.“ Das Wort „Mobilmachung“ vermag in einem Volk eine ähnliche Wirkung auszuüben wie diejenige, die im Stoß an den Ameisenhaufen in dem selben zur Folge hat. Eine große Erregung bemächtigt sich der Gemüter, am meisten unter denen, die es unmittelbar betrifft. Ein Referist kam gleich darauf zu mir, weinte und sagte: „Die Schwarzen schneiden mir den Hals ab.“ Ich tröstete ihn, soviel ich konnte. Bei seinem Weggange dachte ich: Es ist gut, daß Ihr gar nicht wisst, welch furchtbares ringen das geben wird; in zwei Jahren werden sich die Völker noch in den Haaren liegen. Daß der Krieg vier Jahre und länger dauern könnte, daran dachte wohl niemand. Selbst diejenigen, die der Krieg persönlich zunächst nicht berührte und die von der politischen Lage kein Verständnis hatten, kamen in eine gewisse Unruhe hinein. „Ach du, ach du, so werrn se doch net heher komme“ sagte jemand im Dorf, weil sein Hans und seine Felier in Gefahr waren. Als aber unsere Helden die Heimat draußen mit ihren Leibern jahrelang deckten, da verstockte dieselbe Person ihr Herz wie einst Pharao, wenn er wieder Luft gekriegt hatte, und die sittliche Verpflechtung für die Krieger oder ihre Angehörigen auch etwas zu, fühlte die reiche Frau nicht in sich.
In der allgemeinen Aufregung wurden neben den notwendigen Maßnahmen auch solche getroffen, die bei ruhiger, vernünftiger Überlegung unterblieben wären. Allerlei Sprüche gingen um: in Gießen hätten Feinde Gift in die Wasserleitung gestreut, ein feindliches Automobil sei von Frankfurt aus nach Rußland mit vielem Geld unterwegs, es sei anzunehmen, daß es die Hauptstraßen meide und den Weg auf Nebenstraßen über den Westerwald nähme und dergleichen. Maßnahmen der Dorfpolizei hielten dagegen; Unsere Wasserleitung am Gusternhainerweg wurde Tag und Nacht bewacht! In Willingen wurde der Wasserbehälter mit schweren Baumstämmen kreuz und quer dicht verrammt. Als ob dem Fein viel daran gelegen sein könnte, ein Westerwalddörfchen zu vergiften, ausgerechnet Willingen! Um das vermeintliche Automobil abzufangen, standen an den Ausgängen des Dorfes Posten, tagelang! Derselben Straße, die in Burg, Uckersdorf und Medenbach bewacht wurde, gab auch Breitscheid noch Posten am Medenbacher und Gusternhainer Weg. Ein Wagen wurde quer über die Straße gestellt. So verliert selbst die Behörde leicht den Kopf in der allgemeinen Erregung. Deutsche Automobilfahrer kamen in Gefahr totgeschossen zu werden. Als endlich die Behörde bekannt machte, daß kein feindliche Automobil mehr im Land sei, da legte sich der Spuck auf dem Westerwald.
Inzwischen hatten die Krieger ihre wichtigsten Dinge geordnet. Am Bußtag waren fast alle noch einmal in der Kirche. Die meisten waren auf den 4. Mobilmachungstag einberufen. Dann kam das Abschiednehmen, und in den ersten Morgenstunden des 4. Tages fuhren zwei Wagen einen großen Teil der Einberufenen etwa 40 nach Herborn. Sechs Kriegstrauungen fanden im Kirchspiel statt. Ein junges, schönes Paar, in einiger Liebe miteinander verbunden sah ich dicht aneinandergeschmiegt, den Erdbacherweg hinab zur Bahn gehen. An diesen jungen Herzen mochte wohl der Abschied die tiefsten Wunden reißen. Der junge Mann (Bernhard) ist später gefallen, ebenso noch zwei kriegsgetraute Krieger. Einmal kam auf dem Wege zum Bahnhof in Erdbach auch ein Trupp junger Leute aus Gusternhain über Breitscheid. „In der Heimat, in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn!“ hörte ich die hellen Stimmen der Gusternhainer Mädchen singen.
Die Eingezogenen bleiben noch eine Zeitlang in Wetzlar, und die Kriegerfrauen hatten die Freude, ihre Männer noch einigemale dort besuchen zu können. Die Mehrzahl der Breitscheider Krieger wurden der 1. Kompanie des Res. Inf. Kpts. 81 zugeteilt. Sie wurden mit der Bahn über Frankfurt, Bingen, das Nahetal hinaufgebracht, marschierten dann durch Luxemburg nach Frankreich hinein.
Sie machten dann die Marneschlacht mit und den Rückzug. Dann gruben sie sich ein bei Cernay en Dormois und Ville sur Tourbe (zwischen den Rogman und der Champagne, nördlich von St. Menehould.) In der Marneschlacht war bei Hiltz der Pionier Emil Kolb gefallen. Im Stellungskrieg bei Cernay wurde Otto Hisge im Schützengraben durch Granatschuß der Unterschenkel zerschossen. Der vorzügliche Entfernungsschätzer Unteroffizier Karl Bechtum (Bärter, kriegsgetraut) und der Arme Unteroffizier Louis Diehl, allzeit gern bereit zu Patrouillengängen, mußten dort ihr Leben fürs Vaterland lassen. Beiden werden ehrende, anerkennende Zeugnisse von den Vorgesetzten ausgestellt. Der Landwirt Hermann Kolb hat sich bei Cernay einer Anzahl Franzosen, die ihn umringten und totschlagen wollten, tapfer erwehrt.
Kehren wir zur Heimat zurück. Was das Frühjahr 1813 für Preußen war, das ist für ganz Deutschland die 2te Hälfte des Jahres 1917geworden: ein Höhepunkt im nationalen Leben ohne Gleichen! Welche ungeahnten Kräfte werden entfaltet in einem Volke wenn man es einkreist und dann von allen Seiten überfällt! Wir wurden über uns selbst hinaus gehoben. Wer mochte da an sein kleines „Ich“ denken, wenn ihn solch hochgehende Wogen umspülten! In den Nächten drängten sich die freiwilligen zu den Aushebungsstellen. Der Bauer meldet sich nicht freiwillig. Eine Theodor Körner Seele ist er nicht, das ist nicht vorauszusetzen bei ihm. Aber wenn er gerufen wird ist er da, und das Vaterland kann sich auf seine Fäuste verlassen. Während sich das große Geschehen des deutschen Volkes vollzog, vergaß man auch die Werte der Liebe nicht. Im Anfange wurden alle 8 Tage Lebensmittel gesammelt für die Lazarette und die durchfahrenden Truppen. Da wurde gern beigesteuert, auch Geld. Eine Frau in Breitscheid brachte 50 M auf einmal. Im Pfarrhause strickten die jungen Mädchen für die Soldaten. Die Schulkinder sammelten teilweise das Geld für die Wolle dazu. Mit einem Wort: Ein herrlicher Geist beherrschte alle. Die Siege unserer unvergleichlichen Truppen riefen natürlich große Begeisterung in der Heimat hervor. Zum erstenmal läuteten die Glocken nach der großen Schlacht östlich von Metz. Viele Leute liefen auf die Straße, und Stolz und Freude malten sich in ihren Gesichtern. Freilich ist’s keine ungewischte Freude, und ein empfindsames Gemüt gedenkt mit Wehmut der Toten und Verwundeten, die in ihrem Blute liegen. Wos werds ower aach für Leu gekost ho! Rief meine Mutter mir vom Gartenzaun herauf, während unsere 4 Glocken in Kirche und Schule den ersten großen Sieg verkündeten. Und dann kamen wir wochenlang nicht aus dem Siegestaumel heraus. Einmal machten die Schulkinder einen Fackelzug durchs dorf. Auf der Brücke hielt der Lehrer Rinn dann eine kurze Ansprache: Ich dachte: Wozu? Laßt uns erst mal über den Berg sein. Ein Mädchen aus dem Vereinshaus sagte im Hinblick auf den Fackelzug: Unsere Gebete sind es, die uns den Sieg gebracht haben. (Und was sagt dazu der Ausgang des Krieges)
Die großen Siege über die Russen erweckten besonders Begeisterung, und Hindenburg war bald der Mann bei Groß und Klein. Es war rührend für mich, zu sehen, wie bei meinem 4 jährigen Neffen die Augen strahlten, sobald ihm Hindenburg genannt wurde oder er ein Bild von ihm sah. Freudestrahlend verkündete er mir, wenn die Glocken läuten: Pat, der Hindenburg hot honnertdausend Russe defange.
Der Krieg weckt auch in den sonst politisch so teilnahmslosen Bauersleuten ein großes Interesse fürs Weltgeschehen. Vielen genügten nicht mehr unsere Herborner und Dillenburger Lokalblättchen; sie hielten sich größere Zeitungen, auch kauften einige Karten von den Kriegsschauplätzen. Freilich gab es auch wieder andere, die nur wussten, daß Krieg ist. Im Dorf, und auf dem Feld bildeten sich häufig kleine Gruppen, welche die großen Ereignisse besprachen. Ja, wenn unsere Söhne selbst draußen sind, da hat das ein ganz anderes Interesse für uns, was geschieht. Die Vorträge über den Krieg auf dem Gemeindehause wurden mit großem Interesse besucht. Einmal sprach Ernst Becker, ein geborener Breitscheider, der im Gefangenenlager in Klahn Dienst tat, über das Lager in Klahn und über England. Die Gemeindestube war gestopft voll, und auch einige Frauen standen auf dem Gange. Große Heiterkeit erregte es als der vortragende sein Verochen zum Besten gab:

Dein schönes Meer, o Engeland,
durchziehn wir ohne Ruh.
Es bringt dich noch aus Rand und Band,
der schlichte Buchstab U.
H Schiffe hast du mehr als wir,
du alter Sünder du,
doch siehe wie, wir machen dir,
für jedes H ein U.

Die Truppensendungen auf der Bahn sah sich mancher gerne an. Einmal machte auch die Schule deshalb einen Ausflug nach Herborn. Es war gerade eine Truppenüberführung von Belgien nach dem Osten. Auf einem Wagen stand: „Von Namur nach Petersburg“ Die Eindrücke, welche die Schüler bekommen hatten, wurden dann zu einem Aufsatz verwertet, der die Überschrift trug: „Von Namur nach Petersburg.“
Die ersten Gefangenen kamen im Jahre 1915 zur Arbeit auf die Tonindustrie. Es waren Franzosen, darunter auch einige Belgier, etwa 20 Mann. Leibhaftige Franzosen einmal zu sehen, das war für unsere Dorfleute ein besonderes Ereignis. In erwartungsvoller Stimmung standen sie an der Straße, vom Erdbacher Weg bis zum Kirchhof. Endlich hieß es (mittags um 2 Uhr etwa): „Etz komme se!“ Ich begab mich ans Fenster. An der Spitze marschierte unser Förster Heinrich Thielmann, der sie als Wachmann führte, ein anderer Wachposten ging hinter dem Trupp her. Der Gefangenentrupp bot ein buntes Bild. Sie hatten zum Teil noch die alte bunte Uniform, rote weite Hosen, blauen Kittel und das Käppi. Einer sah zu mir herauf, und wir blickten uns beide lange und ernst an, als ob wir sagen wollten: „Ihr seid Menschen, so gut wie wir. Was kann der Einzelne zu dem großen Unglück?“ Sie schritten durch die Menge hindurch, die sich würdig verhielt. Niemand beschimpfte sie. Wie ganz anders hat man unsere Soldaten in Frankreich behandelt! „Boche“ (Bosch) das heißt: „Schmutziger Kerl war das allgemeine Schimpfwort drüben, von Tätlichkeiten und Rohheiten, selbst gegen die bedauernswerten Verwundeten, ganz zu schweigen. Die deutschen wurden als unberechtigte Eindringlinge in Frankreich und Belgien betrachtet!
Die Zahl der Gefangenen schwankte im Laufe der Kriegsjahre zwischen 20 und 110. Einige Russen waren den Bauern zur Hilfe zugeteilt. Einer von ihnen ließ sich in einer Nacht im Herbst 1916 am Seil aus dem Fenster seines Schlafstübchens herab und entfloh; er wurde eingefangen, oder hatte sich selbst wieder gestellt, aber die Familie (Franze Friedrich) wollte ihn nicht mehr. Auch der Napoleon, der als Gehilfe dem Bäcker Wösch zugewiesen war, machte sich eines Tages aus dem Staube. Noch einige weitere Ausreißer gab es; einigen gelang es auch zu entkommen, andere stellten sich freiwillig irgendwo wieder. Im ganzen wurde das Ausreißen nicht zu ernst genommen. Der Russe Michel, der bei einem Bauer war, fühlte sich sehr wohl in Breitscheid. Er wurde krank und in Decken eingehüllt, in einem besonderem Wagen zur Bahn nach Erdbach gefahren. Meine Mutter erzählte mirs, als er vorbeifuhr. Da sagte ich zu ihr: So behutsam und fürsorglich geht man mit unseren Gefangenen in Rußland nicht um. Dabei nennt uns die ganze Welt „Husaren und Barbaren.“
Die lebendige, unmittelbare Verbindung zwischen Kampffront und Heimat stellten die Urlauber dar. In bestimmten Zeitabständen kam jeder in der Kompanie „an die Reihe“, auf Urlaub zu fahren. Wie freudig mochte das Herz der Breitscheider Krieger bewegt sein, wenn sie über „Gassen“ nach langer gefahrvoller Abwesenheit wieder zum erstenmal die heimatlichen Gefilde sahen! Werde ich dich jemals wiedersehen, du traute Heimat?“ hatte gewiß mancher gedacht als er ihr beim Abschied einen letzten Blick zuwarf. Und nun sollte es doch wieder sein! Der Sohn war den Eltern auf Tage wiedergegeben, von neuem geschenkt waren sich die Ehegatten, und die Kinder schauten freudigbänglich zum Vater auf, der verbannt und rau nach Kriegsart nun endlich leibhaftig wieder vor ihnen stand.
Wahre Feiertagsstimmung beseelt den Krieger in den ersten Urlaubstagen.

“ Nun ward der Traum von hundert wachen Nächten
die Sehnsucht endlos langer Tage wahr.
Ich daheim! – O liebes lichtes Wunder!
Als käm ich aus dem Grabe ist mirs immerdar.
Ich bin daheim! Weiß nun, was Heimat ist.
Mein blondes Söhnlein spielt zu meinen Füßen,
und meines Weibes Liebe geht und sorgt,
mir jede Stunde fühlbar zu versüßen.
(Bruno Großen)

War die Stunde der Ankunft bekannt, so wurde der Krieger natürlich abgeholt. Ich sah, wie ein ganzer Schwarm von Kindern den feldgrauen Wilhelm Enders den Erdbacherweg herauf begleitete. Und überall im Dorf mußten die Krieger mal kurz Rede und Antwort stehen, ehe sie den Fuß über die Schwelle ihres Heimes setzen konnten. Gern zeigten viele dem Krieger, daß sie sich bewußt waren, was ihnen die Heimat zu danken hatte. Manche luden sie zum Essen ein oder zum Glase Bier in der Wirtschaft. Da gabs dann zu erzählen! Auch einige Urlauber besuchten den Ort der stille und treue. Louis Diehl saß bei mir. Viel sprach er nicht. Die lange Ungewissheit, ob er je wieder aus dem grausigen Kriege heimkehren werde, lag deutend auf ihm. Er hat uns auch nicht wieder gesehen. Er meldete sich immer freiwillig auf Patrouille, draußen auf vorgeschobenem Posten wurde er durch Kopfschuß getötet. Die Heimat wird ihm seine Treue nicht vergessen. – Dann der Louis Lehr, (Wie hasse ich den französischen Namen Louis gerade in diesem Zusammenhang) unser Barbier. Jedesmal besuchte er mich auf Urlaub. Allzeit gut aufgelegt, kamen keine düsteren Todesahnungen an ihn heran. Ein Telegramm rief ihn ans Sterbelager seiner Mutter. Er kam zu spät – auf dem Friedhof konnte er sie noch mal sehen. Seinen letzten Urlaub hatte er, als die Schlacht an der Somme tobte. Wie herzlich drückte er noch seine 2 jährige Elli an sich, als er Abschied von mir nahm. Er wußte, daß er jetzt gerade in die Hölle an der Somme hineinmusste. Aber keine Verzagtheit, kein sinken der Stimmung! Schon nach wenigen Tagen fiel er bei Huedeburt. Er ist eigentlich auch zu den „Freiwilligen“ zu zählen. Denn ursprünglich den Schippern zugeteilt, meldete er sich freiwillig zur Infanterie. Seine Opferbereitschaft soll ihm nicht vergessen werden!
Auch den Seminaristen Willy Kolb vom Hüttenweg sah ich jedesmal bei mir, wenn er auf Urlaub war. In Flandern hatte er schwere Kämpfe mitgemacht, Herbst 1917sollte er als die Kämpfe im Winter ruhten, einen Offizierkursus mitmachen. Da war er in bester Stimmung bei mir. Hinter ihm die Gefahr und vor ihm Ruhe und die Aussicht, Offizier zu werden. Nach Beendigung des Kurses im Frühjahr hatte er noch einen etwa 15 tägigen Urlaub. Da war die zuversichtliche Stimmung wieder auf dem Nullpunkt. In Flandern hatte er genug des grausigen Spiels gesehen. Nun sollte er wieder hinein. Auch ihn sollte ich nicht wiedersehen. Als Vizefeldwebel fiel er im Juni 1918 an der Spitze eines Zuges. Seine Mutter, so stolz auf den Seminaristen, konnte sich gar nicht beruhigen Und der 21 jährige Karl Brandenburger!
Als ich ihn so jung mit seinen treuen Augen da vor mir sitzen sah, dachte ich: Wie schade wärs doch, wenn ihm etwas passierte! Auch er mußte sofrüh ins Gras beißen. – Der Spengler Karl Petry, ein Vetter und Altersgenosse von mir, mußte trotz seiner 38 Jahre schon bald nach Kriegsausbruch zur Garde einrücken. Auf Urlaub ist er nicht gekommen aber ich sah ihn vor seinem Auszuge noch einmal bei mir. Keine Spur von Angst oder irgendwelcher Gedrücktheit des Gemüts war bei ihm zu entdecken. „Die Russen sind schon zu weit vorgedrungen,“ sagte er mir. Da war es doch das selbstverständlichste Ding von der Welt für ihn, daß die jungen Männer, die Fäuste dafür haben, sie hinauswerfen. Wozu also unmännlich weich werden. So verschieden sind die Naturen! Einer brach am Mobilmachungstage bei mir in Weinen aus, andere blieben kaltblütig, gehen fort ins Furchtbarste hinein und kein Rühren dringt an ihr Herz; kaum, daß sie den Angehörigen die Hand zum Abschied reichen. Unser Spengler warf nun zwar
nicht die Russen hinaus, aber bei Ypern ging er furchtlos ins englische Feuer. Er schrieb mir: „Wie manches Stück Eisen ist schon an mir vorbeigeflogen.“ Seinen Angehörigen schrieb er: sie müßten jetzt durchfechten, sonst hätten unsere Kinder (er hatte 5 Jungen daheim) noch einmal den Krieg. Als Krankenträger ist er am 18. 4. verwundet worden und zwölf Tage darauf gestorben, am 30. April 1915.
Wie gerne würde ich jedem der gefallenen Breitscheider Helden hier einen besonderen Kranz winden, aber es fehlt mir alles dazu. Allzugroß ist auch ihre Zahl. Sie wäre noch größer, wenn nicht von Sommer 1917 an die Krieger der älteren Jahrgänge fast alle reklamiert gewesen wären. Am Totenfeste 1918 hingen die Breitscheider Mädchen 26 Kränze zum ehrenden Gedächtnis der Gefallenen un der Kirche auf.

„Wer mutig für sein Vaterland gefallen,
der baut sich selbst ein ewig Monument.
Im treuen Herzen seiner Landesbrüder;
Und dies Gebäude stürzt kein Sturmwind nieder.“

Wie sind die Helden gefallen und die Streitbaren „umgekommen!“ Gaile Karl starb im Lazarett am Thyphus, Hisges Karl ertrank beim Übergang über die Donau nach Serbien, Philippse Ernst (Bechtum) starb den qualvollen Tod an Gasvergiftung, andere wurden von Granaten zerrissen, verschüttet oder von Kugeln tödlich verwundet. Wer kann es im Einzelnen wissen, wie ihre Todesart war, welche Gedanken sie noch gehabt haben im Angesicht des Todes, wie groß die Sehnsucht war nach den Lieben in der Heimat und ihrer helfenden Hand! Leisegang und Sanders Emil (Stehl) waren reklamiert, erkrankten aber dann hier infolge der vorhergegengenen Anstrengungen im Krieg und starben bei ihren Lieben. Martins (Otto Thielmann) hatte die schweren Kämpfe in den Karpaten mitgemacht, wurde später reklamiert, es entwickelte sich die Schwindsucht bei ihm. Er starb Juli 1919. Die 2 erstgenannten, dazu Robert Kolb und Müllers Reinhold (Klaas), der wohl auch Krieger war, aber gesund und kräftig zurückkehrte und an einer raschen Krankheit starb, die mit dem Kriege nicht in Verbindung stand, diese ruhen auf dem Ehrenplatze unseres Friedhofs. Auf den Wunsch des Otto Thielmann ist dieser neben seiner Mutter, Martins Mile, die infolge der aufopfernden Pflege des Sohnes 8 Tage vor ihm der Grippe erlag, begraben worden. Bei geöffneten Fenstern hörte er noch die schönen Gesänge der Gemeinschaftsleute am Sarge der geliebten Mutter. Ei hat diese Frau für ihre 3 Jungen schön gelebt und gesorgt! Das Schwert ging durch ihre Seele, als sie sah, daß ihr Otto nicht mehr aufkam. Aber auch größtes Glück einer Kriegermutter hat sie erfahren dürfen. Von ihrem Robert, der in Rußland gefangen war, hatte sie lange keine Nachricht erhalten. Wie wird’s ihm gehen! Wird er noch leben oder vielleicht auf scheußliche Weise umgebracht worden sein? Diese Gedanken bewegten täglich das Mutterherz. Da – es war an einem Januarabend 1919- kommt ihre „Mitschwieger“ „Jörge Anna“. „Der Robert ist in Erdbach!“ Das will Jörge Anna der Mutter so allmählich beibringen, damit Robert nicht plötzlich auf der Türe erscheint und der Mutter unvermutet um den Hals fällt. Das Glück, das diese Nachricht im Mutterherzen auslöst, wog alle ausgestandenen Muttersorgen wieder auf. – Einige Wochen später erzählte mir die Mutter dann einiges von den Erlebnissen ihres Sohnes. Er hat einen verwundeten Finger gehabt und niemand hat sich darum gekümmert. Der Verband ist schwarz vor Schmutz gewesen. So steht er in einer Ortschaft, verlassen, zerlumpt. Da winkt ihm eine gebildete Frau: „Deutscher komm mal herein!“ Sie verbindet ihm den Finger und läßt ihn täglich wiederkommen. Auf die Frage Roberts was er ihr schuldig sei, wehrt sie ab und deutet mit dem Finger nach oben: Gott würde sie dafür belohnen. Später ist Robert bei einem Bauer in der Nähe des Schwarzen Meeres gewesen, bei dem er es gut hatte. Der Bauer hat ihn zu sich ins Bett genommen, wenn die Kosaken nach ihm suchten, und diesen gesagt, das wäre sein Sohn. Robert ist dann heimlich mit einem Trupp Deutscher aus Rußland entflohen. – So hat die Mutter noch Aufschluß bekommen über die lange, ungewisse Zeit der Gefangenschaft ihres Sohnes. Wo man einer Kriegermutter Lorbeeren streut, da muß auch für die Witwe Auguste Kolb ein schönes Zweiglein fallen. Ihre beiden jüngsten herzensguten Söhne standen in der Blüte ihrer Jugend dafür, der eine fiel bei Heiltz, der Robert starb im Lazarett zu Frankfurt, wo ihn die Mutter an seinem Sterbelager besuchte. „Mutter, halte mir ein bisschen den Kopf!“ bat er in seinen großen Schmerzen. Wie muß es einer Mutter durchs Herz schneiden, wenn sie dann nicht helfen kann! Wie erwähnt, wurde er hier begraben. Der älteste, noch allein übriggebliebene Sohn Ernst ist Kriegsinvalide. Er hat nachher das Sägegatter am Giebel seines Hauses (Orthmanns angelegt und 1929 das Gatter auf dem Zimmerplatz bei der Mühle. Und im Jahre … den Sägeplatz am Siegweg (Medenbacher Weg). Eine schwere Prüfung für die Mutter! Aber sie hat in der Religion Trost und Aufrichtung gefunden.
„Vergiß, mein Volk, die treuen Toten nicht!“ Aber sei auch stets dessen eingedenk, was du den heimgekehrten Kriegern schuldig bist.“ Ihnen hat es die Heimat zu danken, daß sie in dem Kriegsgewitter, das den Erdball erschütterte, unversehrt geblieben ist. Soll ich von ihren Toten im einzelnen reden? Ich kann es nicht; ich weiß zu wenig und müsste es auf die Gefahr hin , anderes, vielleicht noch größeres Heldentum, zurückzusetzen. Als ich das Verstehende schon geschrieben hatte, hörte ich etwas aus unserem Dorf über merkwürdiges Betragen von einem Mädchen und einem Jungen, einem Krieger gegenüber, worüber ich kaum meinen Ohren traute. Es ist ja alles möglich. „Undank ist der Welt Lohn.“ So wars schon immer auf der Welt. Man kann nur Mitleid haben mit den jungen Leuten, die sich so hässlich dem Krieger gegenüber benahmen. Sie wissen nicht, was sie tun.

  • An dem Weltkrieg nahmen Teil
  • Hausnummer lfd. Nummer Name
  • 1. 1 Eugen Thielmann
  • 2. 2. Karl Kuhlmann
  • 4. 3. Louis Diehl
  • 5. 4. Karl Henning
  • 6. 5. Emil Lupp
  • 6. 6. Heinrich Leonhard
  • 6a. 7. Louis Brandenburger
  • 6a. 8. Fritz Brandenburger
  • 6a. 9. Karl Brandenburger
  • 6b. 10. Karl Henn
  • 6b. 11. Fritz Dachsler
  • 8. 12. Otto Hisge
  • 8. 13. Karl Hisge
  • 8. 14. Willy Paulick
  • 8. 15. Peter Severin
  • 9. 16. Ferdinand Thielmann
  • 12. 17. Wilhelm Schreiner
  • 13. 18. Adolf Klaas
  • 15. 19. Emil Georg
  • 15. 20 Louis R. Thielmann
  • 18. 21. Wilhelm Bernhardt
  • 20. 22. Hermann Hinter
  • 24. 23. Emil Petry
  • 26. 24. Peter Erl
  • 28. 25. Wilhelm Klös
  • 29. 26. Emil Kahl
  • 31. 27. Wilhelm Emil Petry
  • 32. 28 Adolf Schmidt
  • 33. 29. Adolf Kuhlmann
  • 33. 30. Hermann Kuhlmann
  • 34. 31. Karl R. Thomas
  • 35. 32. Hermann Bott
  • 36. 33. Ernst Kolb
  • 36. 34. Emil Kolb
  • 36. 35. Robert Kolb
  • 37. 36. Georg Wasch
  • 38. 37. Fritz Kuhn
  • 40. 38. Ernst Zeiler
  • 41. 39. Karl R. Thielmann
  • 44. 40. Alfred Petry
  • 44. 41. Karl Petry
  • 44. 42. Ernst Petry
  • 46. 43. Richard Weyel
  • 46. 44. Ernst Hisge
  • 48. 45. Ernst Weyel
  • 50. 46. Heinrich Schlicht
  • 50. 47. Wilhelm Schlicht
  • 50. 48. Karl Schlicht
  • 50. 49. Louis Lehr
  • 52. 50. Johann Meier
  • 52. 51. Hans Karl
  • 52. 52. Konrad Karl
  • 53. 53. Johannes Hoos
  • 53. 54. Willy Hisge
  • 55. 55. Karl Gail
  • 55. 56. Ernst E. Petry
  • 56. 57. Heinrich Enners
  • 57. 58. Karl Enners
  • 57. 59. Emil Gail
  • 59. 60. Albert Ritterbusch
  • 61. 61. Theodor Kahl
  • 61. 62. Karl Bechtum
  • 62. 63. Emil Hisge
  • 63. 64. Heinrich Holländer
  • 65. 65. August Hinstock
  • 66. 66. Heinrich Klös
  • 68. 67. Willy Georg
  • 68. 68. Karl Georg
  • 69. 69. Emil Weyel
  • 70. 70. Fritz Donsbach
  • 71. 71. Louis Kuhlmann
  • 75. 72. Albert Arnold
  • 75. 73. Robert Hisge
  • 76. 74. Wilhelm Enders
  • 76. 75. Ernst Klaas
  • 77. 76. Adolf Philipp Peter
  • 79. 77. Karl Stahl
  • 81. 78. Emil Reeh
  • 82. 79. Otto Lehr
  • 83. 80. Ernst Kolb
  • 85. 81. Ferdinand Bechtum
  • 86. 82. Christian Quirmbach
  • 87. 83. Karl Kessler
  • 88. 84. Ernst Weyel
  • 88. 85. Wilhelm Dienst
  • 89. 86. Robert Mügel
  • 90. 87. Emil Arnold
  • 91. 88. Theodor Göbel
  • 92. 89. Wilhelm Georg
  • 92. 90. Ferdinand Paulus
  • 17. 91. Theodor Thielmann
  • 93. 92. Richard Georg
  • 93. 93. Ernst Georg
  • 93. 94. Albert Georg
  • 94. 95. Ferdinand Thielmann
  • 100. 96. Karl Schmidt
  • 100. 97. Emil Kahl
  • 101. 98. Johannes Sommer
  • 103. 99. Ernst Henning
  • 104. 100. Ernst Bechtum
  • 104. 101. Louis Bechtum
  • 104. 102. Albert Bechtum
  • 105. 103. Karl Stahl
  • 106. 104. Friedrich Wilhelm Weyel
  • 110. 105. Robert Henning
  • 111. 106. Emil Moos
  • 112. 107. Robert Thielmann
  • 112. 108. Otto Thielmann
  • 112. 109. Emil Thielmann
  • 112. 110. Emil Henning
  • 116. 111. Theodor Lauer
  • 118. 112. Karl Petry
  • 120. 113. Robert Bechtum
  • 120. 114. Otto Bechtum
  • 122. 115. Adolf Thielmann
  • 124. 116. Karl Rud. Thielmann
  • 124. 117. Karl Leisegang
  • 124. 118. Eduard Pfaff
  • 124. 119. Willy Lehr
  • 124. 120. Karl Peuser
  • 124. 121. Robert Weyel
  • 126. 122. Hermann Käpple
  • 126. 123. Robert Thielmann
  • 127. 124. Hermann Benner
  • 127. 125. Moritz Benner
  • 127. 126. Fridolin Benner
  • 129. 127. Ernst Kolb
  • 129. 128. Willy Kolb
  • 130. 129. Alfred Jung
  • 131. 130. Albert Thenert
  • 131. 131. Heinrich Weber
  • 133. 132. Wilhelm Christian Rinn
  • 134. 133. Otto Klaas
  • 134. 134. Reinhold Klaas
  • 134. 135. Willy Klaas
  • 135. 136. Hermann Kolb
  • 136. 137. Otto Kolb
  • 136. 138. Karl Schwehn
  • 139. 139. Otto Kolb
  • 139. 140. Alfred Michel
  • 138. 141. Emil August Weyel
  • 140. 142. Reinhold Gail
  • 141. 143. Emil Petry
  • 142. 144. Albert Thielmann
  • 143. 145. Willy Schumann
  • 147. 146. Hermann Lupp
  • 147. 147. Bernhard Lupp
  • 148. 148. Reinhold Thielmann
  • 149. 149. Willy Hild
  • 151. 150. Gustav Kolb
  • 151. 151. Hermann Schmidt
  • 81. 152. Robert Petry

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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