Heimatbuch-7

Heimatblätter

(Beilage zur Dillzeitung 15.Juni 1929)

Die Franzosen auf dem Westerwald

(Von Pfarrer Encke aus Sinn)

Als ich noch Pfarrer in Schönbach war, fand ich auf den letzten Blättern eines alten Kirchenbuches folgende Aufzeichnungen des Pfarrers Roth, die ich hier mitteile.

Ich muß hier eines Tages und einer Begebenheit erwähnen, die für mich und den größten Teil unseres Landes die traurigste und unglücklichste war und an welchem Tag ich nicht allein, sondern auch die hiesige Pfarre und die Kapellen des Kirchspiels viel eingebüßt und verloren haben. Der 18. September 1795 war der traurige, unglückliche Tag, an welchem die Franzosen in diese Gegend mit starker Heeresmacht gleich Räuberbanden eindrangen. Getäuscht durch die leeren Proklamationen ihrer Generäle, daß sie nicht als Feinde, sondern als Freunde kämen, nur den Fürsten und Schlössern Krieg und Zerstörung drohten, den Hütten aber Frieden brächten, und nur diejenigen feindselig behandeln würden, welche mit bewaffneter Hand angetroffen würden, getäuscht dadurch und durch die Unwissenheit, daß die Franzosen ihr Versprechen nicht hielten, sahen und hofften viele Einwohner in ihnen Freunde, die Retter und Befreier von dem bisher sie schwer brückenden Joch der Einquartierung kaiserlicher Völker, ja einige wünschten sie sogar und hofften, daß diese Freiheits- und Gleichheitsprediger auch ihnen Freiheit und Gleichheit nach ihrem Sinn bringen würden. Niemand war daher auf Sicherung des Eigentums bedacht, niemand dachte an Plünderung. Ich dachte selbst nicht daran und glaubte es auch nicht. Oft war ich aber doch wegen der gerade damals ruhenden Kirchenkapitalien in Verlegenheit, und wußte nicht, was wohl hierbei am ratsamsten sei. Ich besprach mich deswegen mit den sämtlichen Heimbergern (heutzutage Bürgermeistern) und Kirchenmeistern (heute Kirchenrechner) des Kirchspiels. Ich stellte ihnen meine Besorgnis vor und meinen Entschluß, dem Kirchmeister und Heimberger eine jeden Ortes aber nur einem das einem jeden Ortes zugehörige Kapital zu geben, um solches so gut wie möglich zu verwahren. Sie wollten aber das Geld nicht nehmen und ersuchten mich, es zu behalten und so gut zu verwahren, wie ich könnte. Ich hätte ja, sagten sie, auch nichts zu befürchten. Die fürstliche Landesregierung habe ein Schreiben herumgehen lassen, daß die Franzosen nicht als Feinde, sondern als Freunde kämen. Ich mußte also die Kapitalien hier liegen lassen und behalten, weil sie keiner von ihnen an sich nehmen wollte.
Man sah sicher und getrost der Ankunft der Franzosen entgegen. Ja, alle waren so sicher, daß wenn nicht ein glückliches Ungefähr und noch aufgeweckt hätte aus unserer Sicherheit, nicht allein alle die Kapitalien wären verloren gewesen, sondern ich selbst meines ganzen Vermögens wäre beraubt worden. Der hiesige Amtsjäger (heute Oberförster) war am 17. zu Driedorf. Des Nachmittags kamen die Einwohner von Hohenroth nach Driedorf und zeigten beim Fürstlichen Amt an, daß die Franzosen da wären und plünderten. Der Amtsjäger eilte auf diese schreckliche Nachricht hierher, um die hiesigen Einwohner zu warnen. Aber es war nun gleichsam zu spät, denn in einer Stunde konnten die Franzosen auch schon hier sein. Der Abend war da und noch nichts war von meinen eigentümlichen Sachen verborgen. Meine erste größte Sorge waren die Kirchenkapitalien. Ich ließ den Kirchenmeister kommen, welcher einen Schlüsel hatte, um aus dem Kästchen das Geld zu nehmen und es zu verstecken. Klugheit gebot uns, nicht alles herauszunehmen, weil es allenthalben kund war, das Geld hier liege. Wir glaubten, ungefähr 40 Gulden seien noch im Kästchen, denn wir hatten in der Angst ein Päckchen, worin das Pfarrkapital von 45 Gulden war, liegen lassen. So war also der Verlust dadurch größer. Das Geld zu vergraben traute ich mich nicht; man hätte können bemerkt werden. Wir steckten’s in den Ofen oben in dem 2. Stockwerk, rechts nach der Wiese. Meine eigenen Sachen verbarg ich teils im Haus, teils in der Scheune unter Holz und Stroh. Alles wegzutun war auch hier nicht ratsam. In der Bestürzung war auch vieles dahin und dorthin gelegt, wo es dem Raub recht ausgesetzt war. Mit Angst und Furcht sah man dem kommenden Tag entgegen. Früh Morgens kamen zuerst Husaren ins Dorf, die sich ganz friedlich stellten, zu dem Heimberger ritten und Heu und Hafer von der Gemeinde forderten. Der Schulmeister Haas ging auch in Heimbergers Haus und kam gleich zu mir und sagte: ich sollte mich nur ja nicht fürchten, die Leute wären gar zu brav und ordentlich. Da die Bauern mit dem Zurechtstellen der Rationen beschäftigt waren und keiner mehr in Heimbergers Haus war, geschah ein Schuß. In dem Augenblick kamen Husaren, Dragoner, Chaffeurs von allen Seiten in das Dorf hereingesprengt. Ein Trupp eilte aufs Pfarrhaus zu und sprangen schon vor der Brücke von ihren Pferden. Mit Angst und Furcht machte ich die Haustür auf und wollte sie freundlich empfangen. Aber ihre erste Anrede war: Montre! (Uhr) Ich gab sie ihnen. Darauf Geld. Ich reichte ihnen meinen Geldbeutel. Ich bot ihnen zu essen und zu trinken an und bat sie, mir meine Sachen zu lassen. Aber keine Antwort. Sie drängten sich in alle Stuben, öffneten Kommoden, Schränke und oben auf meiner Studierstube hatten sie schon mein Schreibpult geöffnet, ehe ich dazu kam und ihnen den Schlüssel dazu geben konnte. Sie rissen alles heraus, zankten sich um das Geld, welches darin lag und warfen Papiere und Bücher auf die Erde. Ich bat, doch diese nicht zu zerreißen. Allein keine Schonung. Nun stand ich da unter einem Haufen wilder Menschen. In dem Augenblick fielen etliche auf die Erde nieder und rissen mir meine silbernen Schuhschnallen ab, andere die Schnallen an den Hosen und durchsuchten meinen ganzen Leib und forderten immer Geld, mit den Säbeln und Pistolen in der Hand. Endlich kam einer aus der Kammer mit meinen Stiefeln in der Hand und forderte das Kirchengeld. Ich weiß, sprach er, daß dessen hier ist. Das Kästchen hatte ich in eine Ecke gestellt. Sie entdeckten’s, und nun kamen sie alle um mich und forderten den Schlüssel dazu. Zum Unglück hatte der Kirchmeister den Schlüssel mitgenommen. Sie drohten, mich zu töten. Da brachte einer eine Axt und schlug es auf; sie nahmen das Geld und warfen Bücher, Obilgationen und Briefschaften in der Stube herum. Dies Geld schien ihren Erwartungen zu wenig zu sein. Geld her! Riefen sie, es ist noch mehr Geld hier, hielten mir den Säbel an den Hals und die Pistole auf die Brust, spannten den Hahn und sagten; Wir schießen, wenn du nicht mehr Geld gibst. Ich sagte ihnen, daß sie alles hätten und bat nur um mein Leben. Sie durchsuchten die Bücherschäfte und da fanden sie nun den vom Kirchmeister Leng zu Erdbach wenige Tage vorher bezahlten Rezeß von 49 Gulden. Dies reizte ihre Begierde noch mehr. Neue Drohungen. Ganz umringt von wilden Menschen mit Säbeln und Pistolen in der Hand, war ich gleichsam meiner selbst nicht mehr recht bewußt: in steter Todesangst bat ich um nichts, als um mein Leben. Hätte es länger gedauert, ich würde ihnen alles, was ich an Kirchengeld versteckt hatte, sowie meine eigenen Sachen hingereicht haben, nur um mein Leben zu retten. Die Stube war ganz voll von Franzosen. Andere waren in die andern Stuben, Boden, Keller und allenthalben im Haus. Sie forderten Wein. Ich sagte, ich wollte ihn holen, lief die Treppe hinunter zur hinteren Tür hinaus in den Garten. Ich wußte nicht, wo meine Frau mit dem Kind und meiner Schwester hingekommen waren. Sie hatten sich gleich, da sie die Gewalttätigkeit gesehen hatten, womit die Franzosen mich angriffen, in den Hofgarten in die Bohnen versteckt. Die hörten mich kommen und winkten mir. Froh, mich lebend zu sehen, trösteten sie sich wegen allem erlittenen Verlust. Hier nun, in den Bohnen, legten wir uns auf die Erde und erwarteten unser Schicksal. Ganze Haufen zu Pferd und zu Fuß zogen neben dem Garten vorbei ins Pfarrhaus. Man hörte da das Toben, Schlagen und Lärmen im Haus. Wir konnten nicht anders denken, als daß alles verloren sei. Unentdeckt blieben wir da bis den Nachmittag um 3 oder 4 Uhr. Da die Franzosen nichts mehr im Pfarrhaus fanden, machten sie Jagd auf die Bauern. Etliche jungen Burschen liefen, von ihnen verfolgt, durch den Hofgarten neben den Bohnen vorbei. Nun riefen die Franzosen sich einander zu: Il faut bloquer. (Man muß sie einschließen?). Jetzt, sagte ich zu meiner Frau, sind und werden wir entdeckt. Ein Husar und ein Dragoner sprengten auf die Bohnen zu. Wie sie micht sahen, zog der Husar seinen Säbel und hieb nach mir. Alle schreien und baten um mein Leben. Ich sagte: alles ist geraubt; ich habe nichts mehr zu geben. Darauf befahlen sie uns, herauszugehen. Wir mußten gehorchen. Von meiner Frau und Schwester forderten sie Geld, da sie bei mir nichts fanden. Sie gaben ihnen, was sie bei sich gesteckt hatten. Wir mußten mit ihnen aus dem Hofgarten in unsern Garten gehen. Da kamen eine Menge Husaren, Dragoner usw. aus dem Haus. Ein Offizier forderte von mir Geld. Ich zeigte ihm meine leeren Taschen. O für mich, sagte er, nicht Gripp (unverständlicher Ausdruck). Ja, sagte ich, es ist auch bei mir nichts mehr zu grippen. Von ihnen begleitet, gingen wir ins Haus. Welch ein Anblick! Alles Küchengeschirr zerschlagen oder mitgenommen, der Küchenschrank umgeworfen, und das, was sie an Mehl usw. nicht hatten brauchen können, lag auf der Erde. In den Stuben alles umgeworfen, und in den Schränken und Kommoden fanden wir nichts mehr als alte Lappen. Auf meiner Studierstube war alles durcheinander geworfen, kurz, das ganze Haus war verwüstet und rein ausgeplündert, sodaß wir kein Stück Brot zu essen hatten. Appetit hatte man ohnehin nicht. Wer setzten uns beisammen in die Küche auf den Herd. Die Franzosen hatten die Stuben noch inne. Da kam noch ein Trompeter und zwang meine Frau, ihm ihr Halstuch zu geben. Was war zu tun? Wir waren in ihrer Gewalt. Sie gab’s ihm. – Endlich um 6 Uhr verloren sie sich. Der Nachbar Weyel brachte uns etwas Brot und Branntwein. Dies war unser Essen für den ganzen Tag. Und so traurig endete sich der ewig unvergessliche 18. September.

Die Kapitalien, welche von Peter L. zu Möhrendorf ad 45 Gulden, 27 Albus, 7 Heller.
Der vom gewesenen Kirchmeister Johannes Leng zu Erdbach den 13. September dieses Jahres bezahlte Rezek ad 49 Gulden.
Zwei Sterbgefälle, der Schule zu Erdbach gehörig, von Georg Eppighausen ad 16 Gulden.
Ein der Kapelle Roth zugehöriges Kapital von 17 Gulden 10 Albus.
Zwei der Kapelle Guntersdorf zugehörige Kapitalien von 9 Gulden 6 Albus und 11 Gulden 27 Albus, 6 Heller.
Der Kirche dahier noch gehörig 24 Albus.
Zusammen 150 Gulden 5 Albus 5 Heller.

Ich habe alsbald dieses Unglück und den dadurch entstandenen großen Verlust dem Fürstlichen Consistoria berichtet, und mir ist darauf der Auftrag gnädig erteilt worden, diese geraubten Kapitalien überhaupt und bei jeder Rechnung besonders als von den Franzosen geraubt in Ausgabe zu bringen und gehörigen Orts abzuschreiben.
Im Jahr 1796 bin ich wieder zweimal von den Franzosen geplündert worden, nämlich im Juni und Juli. Alles, was ich im Haus von Kleidungsstücken und Lebensmittel hatte, wurde mir genommen, selbst die noch oben auf den Balken in der Scheuer verborgene Kleidung. Das Bettwerk wurde aufgeschnitten, das Tuch von den gepolsterten Stühlen abgerissen, der Hausrat entzweigeschlagen und die Kühe fortgeführt. Da sie nach den Leuten schossen, so floh alles. Einen ganzen Tag habe ich allein in einem leinenen Kittel und einer Kappe im alten Berg hinter einem Strauch gelegen in dem schrecklichen Regen. Ich konnte von da alle die Greuel sehen und hören, die im Dorf verübt wurden. Des Abends kam ich wieder heim in das Haus, worin kein Mensch mehr war. Im Haus war alles ausgeleert. Ich fand nichts zu essen, nichts zu trinken. Ich ging in den Stall – auch die Kühe waren fort. Keinen Menschen im Dorf sah ich. Endlich kam Licht in die Schule. Ich ging dahin und fand Männer, Weiber und Kinder in der Schulstube. Sie waren froh, daß ich wieder da war, denn sie hatten geglaubt, ich wäre totgeschossen worden. Ich war ganz durchnässt, hatte aber keine Kleider zum Wechslen. Ich mußte mich dann so aufs Stroh legen. In der Nacht waren meine Kühe von selbst wiedergekommen und den Franzosen entlaufen. J.b hatte nichts anderes mehr von Kleidungsstücken, als eine alte zerrissene Biewesch. Im Haus hatte ich auch nichts zu essen. Die Magd wollte auch nicht im Haus bleiben. Meine Frau und Kinder waren, ehe die Franzosen kamen, nach Herborn gegangen. Alle, welche noch Vieh hatten, trieben’s mit dem meinigen in den Breitscheider Wald. Und da hier weder Mensch noch Vieh sicher war, gingen viele Einwohner von hier und ich mit ihnen nach Breitscheid. Endlich sind einige zum General nach Herborn gegangen und als ich ihn um eine Garde ersucht hatte und diese nun hier war, kamen wir alle wieder zurück. Gott bewahre uns vor solchem Elend.

Schönbach, im Jahre 1798

Roth, Pfarrer

So lautete der treuherzige Bericht des damaligen Pfarrers Roth, der aus Siegen stammte und von 1789 bis 1809 Pfarrer von Schönbach war. Unter ihm ist 1792 das jetzige Pfarrhaus erbaut worden. Alle aber, die wir diesen Bericht lesen, ziehen allerlei Gedanken durchs Herz und als schönstes und höchstes Ziel des Völker- und Menschlebens tritt uns die alte Sehnsucht und Hoffnung vor Augen, an deren Verwirklichung es sich zu arbeiten lohnt:
Friede auf Erden!

Altnassau-dillenburgische Aerzte und Naturforscher

Von Studiendirektor G. Becker – Dillenburg

Auch aus dem Pflanzenreich finden sich zahlreiche Hinweise auf Fundstellen aus der nächsten Umgebung. Wo der stärkste und häufigste Wechsel verschiedenen Mineralien in einem Bezirk vorkommt, da muß man auch größtem Reichtum an Pflanzenarten finden, und glaubt darauf im ländlichen Teile des Amtes Dillenburg und im Amte Herborn, insbesondere in den Kirchspielen Schönbach, Breitscheid und in der Gegend um Langenaubach durch einen siebenfachen mineralischen Wechsel des Untergrundes den besonderen Reichtum an seltenen Pflanzen zurückführen zu müssen. Erwähnt werden im einzelnen folgende: das gemeine Tännelkraut, eine weibliche Ehrenpreisart; das rosa rote Gänseblumchen (Maßliebchen) wächst allenthalben auf den Wiesen um Herborn; die knollige Sonnenblume, eine Art der indischen oder peruanischen Sonnenblume und die Artischoken unter der Erde, die auch jetzt bei uns überall angebaut und gegessen werden, die Pflanz hieß früher bei uns Erdapfel und war in Deutschland früher bekannt als die Kartoffel, die außen roten und innen weißen Erdäpfel wurden an Stelle von Trüffeln, die man nicht kannte, als Mittel zur Entfachung der Liebeslust gegessen; der Waldmeister wächst hier in Massen auf den sehr pflanzenreichen Steinernberg, (Steinringsberg bei Hörbach) oder die Steinkammern bei Erdbach; die Haselnuß, die im Weserwald in großen Mengen vorkommt; der Schneeballstrauch, er hieß früher kleiner Mälbaum und steht in den Vorhölzern der Waldungen in Hecken und Sträuchern; die Quittenmispel; die Zwetsche, die früher bei uns noch nicht zu Hause war; die Saubohne, gab es hier schon um 1600; An Nadelgehölzen: die Fichte oder Kiefer, gewöhnlich Rottanne genannt;

Aus der Franzosenzeit

Von R. Kuhlmann – Breitscheid

Die Mitteilungen des Herrn Pfarrers Encke in den „Heimatblättern“ über die Einfälle der Franzosen in Schönbach in den Jahren 1795/96 veranlassen mich, dem Leserkreis weiteres aus de Franzosenzeit unserer Gegend, besonders des Nachbardorfes Breitscheid, zu erzählen, wobei unter „Franzosenzeit“ auch die in die Revolutionskriege folgende Zeit, die napoleonische, mit inbegriffen sein möge.
In Breitscheid hat uns niemand eine so anschauliche Schilderung der damaligen Ereignisse in der Heimat hinterlassen, wie diejenige des Pfarrer Roth in Schönbach von 1798. Nur folgende Notizen fand ich in unserem Pfarrhaus, die darauf Bezug nehmen. Am 18. Juli 1796 erläßt der Inspektor Bollpracht von Dillenburg ein Rundschreiben an die Prediger und rüge darin, daß mehrere die Bettagspredigten noch nicht an ihn eingesandt hätten; er fährt dann wörtlich fort: „Selbst die Kriegsunruhen können im Grunde keinen von Ihnen entschuldigen, da es wenigstens bis zum 6. Juni an den meisten Orten ganz ruhig war, und da auch nach dem ersten Einfall die Franzosen und ihrem Zurückmarsch wieder eine völlige Ruhe von beinahe 14 Tagen eintrat.“
Acht Tage später schreibt der Konsistorialrat v. Bierbrauer folgendes an die Prediger: „Es ist dahier vorgekommen, daß bei dem Einmarsch der Franzosen verschiedene Prediger ihre Gemeinde verlassen, ohne eingene Noth oder demnächst gethane Anzeige sich außer Landes begeben und da lange verweilet, dadurch dann den ihnen anberaumten Kirchspielen nicht behörig vor- (gestanden) und in dem Fall der Roth nicht, wie einige andere rühmlichst gethan haben, pflichtmäßig mit Rath und That beigestanden, und wol gar mir verursacht haben, daß von denen Kriegsvölkern übler wie sonst gewirtschaftet worden ist.“ Die Prediger, die es betrifft, werden dann ersucht, ihr Verhalten zu rechtfertigen. (Der geschichtliche Hintergrund der Vorgänge in der Heimat war kurz folgender: Am 4. Juni waren in der Schlacht bei Altenkirchen die kaiserlichen von den Franzosen unter General Kleber geschlagen und danach bis zur Lahn zurückgedrängt worden. Nun rückte Erzherzog Karl heran und schlug Kleber bei Wetzlar, sodaß die Franzosen auf der ganzen Linie zum Rückzug bis über Altenkirchen hinaus gezwungen wurden. Da der Erzherzog nun nach Süddeutschland abzog und nur einen Teil seiner Truppen zurückließ, stürmten im Juli die Franzosen wieder vor, diesmal bis in die Wetterau. Der Schönbacher Pfarrer erwähnt auch, daß er im Juni und Juli von 1796 geplündert worden sein.) Gewitzigt durch die Erfahrungen des Vorjahres waren die abgelegten und ruhenden Kapitalien der Kirche zu Breitscheid „aus Furcht der Plünderung den 19ten März 1798 an die Fürstliche Rentkammer zu 3 Prozent verlehnet“ worden.
Die Orte an und in der Nähe der Frankfurter und der Leipziger Straße (Rother Chaussee) waren besonders gefährdet, als sich im Wechsel des Kriegsglückes die Feinde zwischen Altenkirchen und Wetzlar gegenseitig hin- und herjagten. Der Pfarrer auf der Neukirch mußte im Hemd flüchten. Die Willinger sollen in den Breitscheider Wald geflohen sein. Eine Frau kam dort nieder. Als das Wetter sich verzogen hatte, und die Familie wieder ihr Heim aufsuchte, stürmten die Kinder vor großem Hunger den Tischkasten, aber es war kein Brot mehr darin. Im Stall alles leer, nur ein Kinderkleidchen hing an der Raufe. In Hohenroth widerstand ein schwerer Kasten aus Eichenholz den Angriffen der Franzosen, und die Axthiebe daran hielten bis auf die neueste Zeit den Nachkommenden eine stumme Predigt von den damaligen Bedrängnissen der Heimat. Auch Plünderungen in Gusternhain. Eine Frau daselbst erzählte davon ihren Enkeln: „Aich schwaßt (von schwätzen) französisch bet dem Franzus: Strump (Strumpf) mei net dei!“ Und damit hatte sie deutsch mit ihm geredet. In Rabenscheid erzählt man, daß die Franzosen einmal ihr Lager oberhalb Waldaubach an der hohen Straße aufgeschlagen hatten und von da aus allerlei Räubereien in Rabenscheid verübten. Einmal nahmen sie mehrere Pferde mit. Der Heimberger Schneider eilte ihnen nach und erhielt sein Pferd wirklich wieder zurück, aber die anderen blieben verloren.
Auch in Breitscheid ist noch vieles über diese Zeit im Gedächtnis des Volkes lebendig. Die Heimsuchungen des Westerwaldes durch die Franzosen waren eben so schwerer Art, daß sie so leicht nicht vergessen, sondern von Geschlecht zu Geschlecht weitererzählt wurden mit der Mahnung: „Bittet Gott, daß kein Feidsvolk ins Land kommt!“ Was die Breitscheider Ueberlieferungen uns nun zu berichten wissen, läßt uns über den Zeitpunkt der Geschehnisse im Unklaren. Das Volk verlegt sie ganz naturgemäß alle in die napoleonische Zeit, unsere eigentliche Franzosenzeit (1806 -1813). Napoleon, der Gewaltige, haftet in seinem Gedächnis, und um ihn rankt es dann alles, was auf die Franzosen in diesem ganzen Zeitraum zurückgeht. Wir müssen aber die nachfolgend aufgeführten Ereignisse in der Hauptsache in die Zeit der Revolutionskriege, die 1790er Jahre, verlegen, besonders die schlimmsten darunter, die den zuchtlosen Banden der dem Hexenkessel drüben in Frankreich entstiegenen Revolutionsheere am ehesten zugemutet werden können, dann unter Napoleons Regiment waren doch im allgemeinen geordnete Verhältnisse, in denen die Führer die Truppen mehr in der Hand hatten. Aber auch da sind böse Erfahrungen nicht ausgeblieben. Wir führen im fogenden die Berichte im Zusammenhange an, da wir auch nicht wissen können, wie sie auf die beiden Zeitabschnitte zu verteilen sind. Nur das, was sicher der napoleonischen Zeit angehört, möge dort seinen Platz finden.
In einem Breitscheider Pfarrbuch heißt es in 1810, „in den unruhigen Kriegsperioden 1795 und 1796, da man flüchtete“, ist wahrscheinlich ein gewisses Pfarrbuch abhanden gekommen. Von einer solchen Flucht erzählt uns auch unser Bürgermeister Petri, der von der Ziegelhütte stammte. Sein Vater, der Johannes Anton, damals noch jung, hat seinen Kindern viel von den Ereignissen in ihrem Hause, einem Wirtshaus erzählt. In den 1793er Jahren, als er noch ein Junge war, rückten einst französische Truppen von Schönbach aus an. Von der Höhe des Schönbacher Weges sahen sie, wie die Breitscheider in Scharen auf der anderen Seite des Dorfes dem Walde zueilten. Unser Johannes Anton war zurückgeblieben; am Eingang des Hofes der Ziegelhütte stehend, fragten ihn die eingerückten Franzosen; „Wie heißt hier die Dorf?“ Er antwortete: „Breitscheid“! Darauf sie: „Nein, nicht Breitscheid, sondern Leutscheut!“ Wie diese „Leute“ zu scheuen waren, das zeigten sie eben auf dieser Zeigelhütte bei dieser oder anderer Gelegenheit. Sie suchten von dem Wirt allerlei zu erpressen, stießen ihn mit dem Kopf an die Dohen (Trägerbalken), daß ihm das Blut aus Mund und Nase floß. Ein andermal warfen sie ihn in den Teig im Backtrog, um ungehinderter plündern zu können. Der Frau des Hauses raubten sie 1700 Gulden aus der Schürze, als sie über den Hof ging und im Begriffe war, das Geld draußen in Sicherheit zu bringen, weil es im Geheimfach ihres Kleiderschrankes nicht mehr sicher war; in Schatese Kalkofen am Schönbacher Weg verteilten sie dann den Raub unter sich. Die Familie Petry hoffte nach dem 70er Kriege, als wir wieder oben waren, auf Ersatz des Geldes, aber es kam nicht dazu.
In Aelberte Haus misshandelten die Unholde einen alten Mann, sodaß Hilfe aus den Nachbarhäusern geholt werden mußte. Das Dienstmädchen von der Ziegelhütte, das in dem jetzt abgebrochenen alten Nickels Haus etwas zu tun hatte, hielten französiche Soldaten dort zurück. Als es ausblieb, forschte man nach und sah durchs Fenster, wie etwa sechs Franzosen das Mädchen auf dem Tische liegen hatten und festhielten. Drei handfeste Männer, darunter der Bruder des Mädchens, drangen nun, mit Hacken und dergleichen bewaffnet, ein und verjagten sie. Die Franzosen nahmen Reißaus durchs Fenster, fassten aber draußen wieder Mut und drangen nun auf die Verteidiger des Mädchens ein. Diese flüchteten auf den Speicher und ließen die Falltüre nieder. Die Franzosen druchstachen diese, die Breitscheider aber konnten sich durchs Dachfenster retten. Sie entflohen dann in den Wald, wo sie sich drei Wochen versteckt halten mußten: ihre Angehörigen brachten ihnen heimlich das Essen.In Stahl’s Haus am Gusternhainerweg fingen zwei Franzosen Fangball mit dem Säugling im Hause durchs niedrige Fenster; die verzweifelnde Mutter fleht sie an, es zu unterlassen, umsonst! Von meiner Großmutter hörten wir, ein Franzose habe in Webers Haus (am Katzenweiher) ein Kind in der Wiege aufgespießt und auf der Spitze des Säbels herausgetragen; Die Leute im Dorf seien fast alle in den Wald geflüchtet gewesen. Daß solche Scheußlichkeiten eine tiefgehende Erbitterung schufen, die sich bei unbeherrschten Leuten zu Rachetaten ähnlicher Art auswirkte, sobald sich Gelegenheit dazu bot, ist zu begreifen. Im Jahre 1838 fügte Pfarrvikar Schellenberg, um den Charakter der Breitscheider ins rechte Licht zu setzen, unseren Pfarrakten ein Schriftstück folgenden Inhalts bei: „In den siebenzehnhundertneunziger Jahren haben die Breitscheider und ein fremder Häfnergeselle Namens Michel mehrere Fanzosen, nachdem die Breitscheider dieselben ihres Geldes beraubt hatten, in und vor dem Orte Breitscheid zum Theil in Schweineställen, zum Theil auf der Straße erwürgt oder todt geschlagen und dann in der Waldecke gen Gusternhain zu unter die Erde verscharrt. Solches theilte mir mit der pensionierte Schullehrer Justus Haas in Breitscheid.“ Soweit Vikar Schellenberg. Welche Schandtaten aber die Franzosen begangen hatten, davon sagt er nichts; es diente hier nicht seinem Zwecke. Kein Zorn ohne Ursache!
Ein Bericht etwas heiterer Art möge hier den Beschluß bilden. Dieser Fall ist natürlich ganz ins Reich der Fabel zu verweisen. Ich bringen ihn nur seiner Absonderlichkeit wegen und um zu zeigen, wie bei manchen Dörfler längst für übewunden geglaubte Wahnvorstellungen noch munter fortbestehen. Mein Gewährsmann ist völlig überzeugt davon, daß es sich um eine wirkliche Begebenheit handelt. Seine Großmutter hat ihm erzählt: Einst in der Franzosenzeit erschien französische Reiterei auf Hermannsroth, der Höhe südlich von Breitscheid. Darob große Angst im Dorf. Aber einer war darin, der „aut konnt“, nämlich hexen. Er stellte die Pferde der Franzosen, bannte sie, daß sie zwei Tage nicht von der Stelle konnten trotz Fluchens und Wetterns der Reiter. Als sie dann nachher, aufs höchst erbost, ins Dorf rückten, erging es den Leuten nicht gut, besonders aber bekam der Heimberger ihren Unmut zu spüren. Wie schade, daß man vor dem Ausbruch des Weltkrieges in Deutschland nicht mehr hexen konnte! Die feindlichen Heere zwei Tage auf der Grenze festgebannt – und der Krieg war gewonnen!
Mit dem Abflauen der Revolution drüben in Frankreich lenkte das kriegerischen Leben, soweit es die Zivilbevölkerung berührte, zwar geordnetere Bahnen, aber die Durchmärsche und Einquartierungen und die damit verbundenen Lieferungen an die feindlichen Truppen, sowie die vom Feinde auferlegten und erpressten besonderen Kriegsgelder, ließen unsere Ureltern weiter nach dem Drucke des Krieges erseufzen. Da die Gemeinderechnungen unseres Dorfes nicht erhalten geblieben sind, kann ich mit Belegen darüber aus unserer Gemeinde nicht dienen. Ein Hinweis auf Einquartierungen findet sich in unseren Pfarrakten. Am 1. August 1798 fragt unser Pfarrer beim Amtmann in Herborn an, ob ihm bei den bevorstehenden französischen Einquartierungen die Gemeinde nichts zu Vergüten habe. Er dürfe sich, wie bisher noch immer geschehen, keiner Verschonung schmeicheln. Der Amtmann antwortet: Bei unständigen, starken Einquartierungen können herrschaftliche Bediente, Professoren und Prediger so wenn als andere Einwohner davon verschont bleiben; sie können auch keine Vergütung dafür verlangen, „wenn nicht der Einquartierte ein General oder wenigstens Obrist ist, der eine förmliche öffentliche Tafel hält, so auf Gemeindekosten veranstaltet werden muß. Ist die Einquartierung von längerer Dauer, so muß auch die Bepflegung anderer Offiziere auf öffentliche Kosten geschehen.“
Die Gemeinde Schönbach bewahrt noch einen Schuldschein auf, den sie im Jahre 1798 ausgestellt hat. Sie lieh „zu Bezahlung der Kriegskosten von dem Herrn Stadt-Leutnant und Handelsmann Johann Gottfried Rückert zu Herborn 2000 Gulden.“ Sämtliche 47 Ortsbürger mußten den Schuldschein unterschreiben. Wie schwer mag es den kleinen Leuten geworden sein, sich für eine solche für sie so hoch erscheinende Summe mitzuverbürgen! Am 2.. September 1800 beschloß die Fürstliche Landesregierung, „daß zur Abtragung der von dem Französich – batavischen Obergeneral Augereau zu Höchst von den hiesigen Fürstlichen Landen geforderten und sofort abgetragen werden müssenden außerordentlich starken Kontribution die gesamten Fürstliche Bediente, Zivil, Militär und Geislichen Standes, alle Professoren und sonstige Schulverwandte zwey Procent von ihrer jährlichen Besoldung entrichten, auch die Handels- und Kaufleuthe, Fabrikanten, Kapitalisten, Pächter großer herrschaftlichen und anderer Höfe in gleichem Behältniß von ihrem jählichen Gewinn beytragen sollen.“ Die Beträge waren alsbald ohne Anstand an die Generalkriegskasse in Dillenburg einzuschicken. Auf die Pfarrer im Dillenburgischen entfielen insgesamt rund 200 Gulden, auf einen im Durchschnitt über 10 Gulden.
Der Friede von Luneville (1801), so schmählich er für Deutschland auch ausfiel, brachte doch unseren traurigen Zeitabschnitt in einem gewissen Abschluß. Er hatte aber auch unseres Fürsten Schicksal besiegelt: Seine Erbstatthalterschaft in Holland war endgültig abgetan. Nun suchte er Zuflucht in seinen nassauischen Landen und kam so zum erstenmale nach Dillenburg. So glaubte im folgenden Frühjahr Konsistorialrat v. Bierbrauer das Ergebnis des letzen Jahres also ziehen zu können: „Seit dem letzten Bettage hat sich auch die Lage der Welt und unseres Vaterlandes, besonders durch den allgemeinen Frieden und durch die glückliche Ankunft unseres theuersten Landesfürsten in unserer Mitte, theilhaft verändert und ist um vieles glücklicher geworden.“ Unter „Vaterland“ verstand er Nassau-Oranien. Das Deutsche Reich war ja zu einem leeren Begriff geworden. Schwerere Prüfungen sollten noch für Gesamtdeutschland nötig sein, um bei den Deutschen das Nationalbewusstsein neu zu entwickeln, daß sie den Begriff „Vaterland“ wieder tiefer und weiter fassten, und empfänglich wurden für Arndts Mahnruf: „Das ganze Deutschland soll es sein!“ Diese Prüfungen kamen durch Napoleon. Schon war sein Stern im Aufsteigen begriffen. Noch vier Jahre, und auch unser Ländchen wurde in den Strudel der Zeitereignisse mit hineingerissen. Es wurde über sieben Jahre lang ein Untertanenland Frankreichs. Diese Franzosenzeit soll in einer weiteren Ablichtung in den Kreis unserer Betrachtungen gezogen werden.

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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