Heimatbuch-4

Vorwort

Staatliche Zugehörigkeit.

(Wird ganz geändert!)

Die politischen Geschicke Breitscheids sind stets mit den um Herborns verknüpft gewesen. Den ersten Staatlichen Zusammenschluß der Bewohner unserer Gegend brachte das Frankenreich. Es wurden Marken gesetzt und für den König in Besitz genommen. Wann der Herborner Markt gebildet wurde, weiß man nicht. Sie wird 1075 als Herboremarca urkundlich erwähnt. Weil unsere Gegend kein Kloster hatte, die damals die alleinigen Pflanzstätten des Wissens waren, so sind uns weiter keine Urkunden aus dem frühen Mittelalter überliefert worden, und die Geschichte der Herborner Mark liegt sowohl in politischer und kirchlicher Beziehung bis etwa um 1200 fast ganz im Dunkel. In einer Urkunde aus dem Jahre 914, welche die Schenkung der Taufkirche zu Haiger an das Walpurgisstift zu Weilburg betrifft, wird die Herboremarca auch schon nebenbei erwähnt. Ob die Herborner Mark einen kleinen selbstständigen Gau gehört hat oder ein Anhängsel des Großen Niederlahngaues gewesen ist, weiß man nicht genau. (Die Malstätte, wo die Freien Versammlungen und Gericht hielten, soll Ruchelto, das sogenannte „Ritterlo“ bei Hörbach, wo jetzt noch ein Steinring sichtbar ist, gewesen sein. (Der Oberlehungen war in die Grafschaften Stift (Wetten) und Ruchelslo geteilt; letztens bei Niederwalgern.) Vogel war der Ansicht daß die Herborner Mark zum Erdehegau gehört habe. Wagner weist nun den Band 32 der Annalen (1901) nach, daß sich Vogel geirrt hat und daß der Erdehegau östlich von der Herborner Mark in Wetzlarer Gebiet gelegen habe. Der Karte in Schliepfortes Geschichte von Nassau, welche sich auch in unserer Schulbibliothek befindet, ist danach zu berichtigen. Als die Herborner Mark ganz ins Licht der Geschichte tritt, finden wir die schon im Besitze der Nassauer Grafen. Sie soll um 1230 an Nassau gefallen sein. Wie dies geschehen ist, ist bis heute nicht ganz aufgeklärt. Vogel nahm an, daß eine Erbtochter eines Gleiberger Grafen die erbliche Besitzer des Erdehegaus gewesen seien, einen Nassauer Grafen geheiratet habe und daß so auf dem Wege der Vererbung Nassau in den Besitz der Herborner Mark gekommen sei. Vogels Ansicht hatten sich die meisten Geschichtsforscher nach ihm zu eigen gemacht. Wagner weist nun nach, daß die Vogelschen Schlüsse auf falscher Voraussetzung beruhen. Er ist der Ansicht, daß höchstwahrscheinlich der Landgraf von Thüringen, der die Herborner Mark vom Reiche zu Lehen trug, die Nassauer Grafen mit ihr belehnt hat. – Es dauerte aber noch lange, bis sich das Haus Nassau des vollen Besitzes des Herborner Gerichts erfreuen konnte. Denn in unserer Gegend wohnten noch mächtige Adelsgeschlechter, die von Birken, von Dernbach, die auf mancherlei Rechte Anspruch machten. Namentlich machten die von Dernbach, die zwischen Herborn und Herbornseelbach ihre feste Burg hatten, den nassauischen Grafen viel zu schaffen. Auch mit den Adeligen von Wilnsdorf und andere hatten sie Fehden zu bestehen. Zum Schutz der Westerwälder Besitzungen des Hauses Nassau wurde zwischen 1234 und 1250 die Feste Dillenburg bei dem Dorfe Feldbach angelegt. Die Bewohner der umliegenden Dörfer mußten umsonst Hand- und Manndienste dabei leisten. Freilich diente auch wieder die Festung zum Schutze des Landes, und die Bewohner der umliegenden Dörfer haben oft im 30 jährigen Kriege mit ihrer Habe Schutz dort gefunden.
Das die und Schloß Dillenburg auf die Geschichte der Breitscheider in mehr als einer Beziehung von Einfluß gewesen sind, so darf hier noch ein weniges darüber eingeschaltet werden.
Der erste Bau soll in einer Fehde mit den Dernbachern zerstört worden sein. Das Schloß und seine Befestigungsanlagen in der Größe und Stattlichkeit, wie es uns der Meriansche Plan von 1654 vorführt, ist ein Werk mehrerer Jahrhunderte. Die gewaltige Nordmauer, welche noch steht, wurde 1535/36 errichtet. Etwa 130 unterirdische Gewölbe (Kasematten), teilweise in drei Stockwerken übereinander liegend, sollen als Zufluchtsstätten in Kriegszeiten gedient haben.

(Der Abschnitt über den 7 jährigen Krieg enthält noch einiges über die Zerstörung). Das Schloß war in 1760 nur teilweise von den Franzosen zerstört worden. Die ängstlichen Beamten, die in den Schlossgebäuden wohnten und in einem neuen Kriegsfalle für sich und ihre Habe fürchteten, vermochten den Fürsten zu bewegen, daß er seine Genehmigung zur völligen Schließung der Festung erteilte, die von 1768 an erfolgte. Zur Abtragung der Gebäude und Verschüttung der Kasematten wurden auch wider die dienstpflichtigen Untertanen des Fürstentums Dillenburg zu Frondiensten herangezogen. Von 1872 – 1875 wurde zu Ehren des Großen Oraniens Wilhelm dem Verschwiegenen, der 1533 auf dem Schlosse zu Dillenburg geboren war, der Wilhelmsturm erbaut. (Nach Burges, Schlosszerstörung)
Als das Dorf Herberin, meist früher Herberrn (Herwern sagt heut noch der Volksmund) genannt, im Jahre 1251 zur Stadt erhoben wurde, bekam es Festungsmauern. Gegen die Dernbacher wurde 1323 die Burg Tringenstein erbaut. So war jetzt die Herborner Mark durch die Festungen gesichert. Und als endlich im Jahre 1333 die Dernbacher in einem Vergleich mit den Nassauer Grafen gegen eine Abfindungssumme auf ihre Hoheitsrechte verzichteten, war die otternische Linie des Hauses Nassau (der das Herborner Gericht bei der großen Teilung im Jahre 1255 zugefallen war) ganz, wenn auch nicht ungestört, im Besitze unseres Ländchens. Es würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten, die politischen Geschicke unseres Ländchens im einzelnen Weiter zu verfolgen. Die Hauptbegriffe der Entwicklung sind im folgenden Abschnitt noch gezeichnet.

Zwei große Männer mit einer langen Regierungszeit hintereinander! So war es nicht zu verwundern, daß das Dillenburgische, was die Kultur an Land und Volk betraf, vielfach an der Spitze marschierte. Eine weitere gesegnete Regierungszeit war von 1750 bis 1806 unter Wilhelm den 5. dem Guten. Der Herrscher wohnte in den Niederlanden, und von Westen her wehte ja immer eine freiere Luft. Spielmann sagte von dieser Zeit: “ Das eine steht fest in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kein Land besser als Nassau-Oranien regiert worden.“ Als einen grundgütigen Menschen und weisen Regenten wollen wir auch den letzten Fürsten von Nassau, den Herzog Adolf verzeichnen.
Das äußere Bild unseres Landes ist ein buntschartiges und wechselvolles gewesen. Es war bald groß, bald klein, weil die Regenten nicht ihr Land ungeteilt auf ihren ältesten Sohn vererbten, sondern es unter ihren Söhnen teilten. Am Ende des 16. Jahrhunderts war das ganze Land von Siegen bis Diez unter dem einen Herrscher Johann (Bei der Teilung der Bände 1427). Diesseits und jenseits der keltischen fiel Breydsceyt Johann dem Junggrafen zu. Dem Älteren. Nach seinem Tode wurde es wieder unter seinen fünf Söhnen geteilt, und im 30 jährigen Krieg haben wir es mit vier selbstständigen Bänden zu tun: Nassau-Siegen, Nassau-Dillenburg, Nassau-Hadamar und Nassau-Diez. Bis 1652 war Nassau-Dillenburg Grafschaft, von da ab Fürstentum. 1739 starb die Dillenburger Linie mit dem „schwarzen Christian“ aus, das Land fiel zunächst an Siegen, und als diese Linie 1742 auch ausstarb, mit Siegen an Diez. Von 1743 ab waren die vier eranischen Fürstentümer unter einer Herrschaft vereinigt. Die Zentralregierung war in Dillenburg. Der Herrscher wohnte in Haag in Holland, weil er auch zugleich Statthalter der Niederlande war. Ein regierender Fürst wohnt also in Dillenburg nicht mehr seit 1739. Als Nassau-Oranien im Jahre 1806 dem von Napoleon gegründeten Rheinbund nicht beitrat, verlor es seine Selbständigkeit und wurde dem Großherzogtum Berg (Sitz der Regierung in Düsseldorf) einverleibt. Von 1806 bis 1813 hatten wir eine französische Verwaltung. Bei der Neuordnung der Dinge in 1815 wurden wir mit Südnassau zum Herzogtum Nassau vereinigt; Sitz der Regierung in Wiesbaden, Einteilung des Landes in Ämter; wir gehörten zum Amt Herborn, wie auch vorher. Als im Jahre 1866 der Herzog Adolf in dem Streite zwischen Österreich und Preußen auf die Seite des ersteren trat und Preußen siegte, verlor er sein Land. Wir wurden preußisch, wenn auch ungern. Das Herzogtum Nassau wurde in den preußischen Regierungsbezirk Wiesbaden umgewandelt. Die seitherigen beiden Ämter Herborn und Dillenburg bildeten seit 1884 Dillkreis, und unsere nächste Verwaltungsbehörde kam damals von Herborn nach Dillenburg. die Revolution in 1912 machte Preußen zu einem Volksstaat.

Erste urkundliche Erwähnung von Breitscheid und Erdbach

August Becker gibt in seinen „Beiträgen zur Siedelungskunde des hohen Westerwaldes“ als Jahr des ersten Auftretens der beiden Dörfer Breitscheid und Erdbach 1190 an. Das ist ein Irrtum. Die Urkunde des Staatsarchives Wiesbaden, welche hier in Frage kommt, nämlich die Schenkungsurkunde des nassauischen Grafen Heinrichs des Reichen über eine Zuwendung an den deutschen Orden, ist zwar ohne Zeitangabe, gehört aber ihrem Inhalt und ihren äußern Merkmalen noch in die Jahre 1230/31. Graf Ruprecht war um diese Zeit von der gemeinschaftlichen Regierung mit seinem Bruder Hech. zurückgetreten und hatte sich in den deutschen Orden aufnehmen lassen. Heinrich war nun Alleinherrscher über die sich von Rhein bis zur Sieg ausdehnenden nassauischen Gebietsteile. Ohnehin frommen Hütejungen huldigend, überließ er nunmehr, auch gleichsam als Abfindung und Mitgift für seinen Bruder, dem deutschen Orden zum Besten seines Hospitals zu Jerusalem die Einkünfte aus 13 freien Dörfern seiner Grafschaft. Darunter befanden sich auch Breitscheid und Erdbach. – Die einzigen aus der Herborner Mark. – Der Eingang unserer Urkunde, die in lateinischer Sprache abgefasst ist, lautet in deutscher Übersetzung: “ Heinrich, von Gottes Gnaden Graf von Nassau, entbietet allen Christergebenen Heil in allen Heil. Ihr in eurer Gesamtheit sollt hiermit erfahren, daß wir zur Ehre des allmächtigen Gottes und seiner ruhmreichen Gebärerin einige freie Dörfer nach freiem Ermessen übergeben haben zugleich auch für den Anteil unsers Bruder Robert mit allem Recht und mit allen ihren Frondiensten für immer dem Hospital der heiligen Jungfrau Maria des deutschen Ordens zu Jerusalem, nämlich Frickhofen usw. “ Nun folgt die gruppenweise Aufführung der Dörfer und was jede Gruppe jährlich in Kölner Münze zu entrichten hat. Der unsere Dörfer betreffende Abschnitt lautet wörtlich: „item supreior Vrefe et Vrefe inferior, Totsheim, Budinscheit et Erdinebach, solventes tres marcas ipsius monete, ad omne jus, auf deutsch: ferner ziehen Ober- und Niederaueroff, Dotzheim, Breitscheid und Erdbach zusammen drei Mark desselben Geldes zu allem Recht. – Da Graf Heinrich im Jahre 1231 auch die Herborner Kirche dem deutschen Orden schenkte, so leisteten unsere Dörfer jetzt zweifach Abgaben an ihn: als weltliche Gemeinden und als Glieder der Herborner Kirche. (Dieses Kapitel wurde gedruckt in „Oranein-Nassau“ I,5)

Zur Siedlungskunde der Heimat
Wann können die Ortsgründungen erfolgt sein?

Wer danach ringt, daß ihm die Vergangenheit der Heimat zum Erlebnis werde, der möchte auch gern über die Anfänge ihrer Geschichte unterrichtet sein, über die Zeit und die näheren Umstände ihrer Besiedelung. Aber wir sind nicht so glücklich, bezüglich der Dörfer unserer Gegend etwas Sicheres darüber zu wissen. Die ersten Jahrhunderte ihres Daseins liegen im geschichtslosem Dunkel; keine Urkunde gibt uns Aufschluß über dies Frühzeit. Doch sind die Geschichtsforscher nicht ohne jeglichen Anhalt, wenn sie die Zeit der Gründung der Ortschaften aufzuhellen suchen. Wo urkundliche Nachrichten fehlen, da leistet oft die Sprachforschung der Geschichtswissenschaft gute Dienste. So hat man mit Hilfe der Ortsnamen den Schleier zu lüften versucht, der über den dunklen Anfängen der Ortsgründungen liegt. Professor W. Arnold, der Altmeister auf diesem Gebiete, hat in seinem Buche: „Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme“ (Marburg 1875) die Gründungsperioden unterschieden, davon jede mehrere Jahrhunderte umfasst. Die erste beginnt noch in der vorchristlichen Zeit, und die jüngste weißt noch in unser Jahrtausend hinein. Sehen wir nun zu, welche Brosamen von der eingehenden Arbeit Arnolds, der das Hessenland zum Mittelpunkt hat, für unsere Heimat abfallen, wobei auch die Ergebnisse anderer Forscher Berücksichtigung finden sollen.
Vergleichen wir die Namen der Orte, welche unmittelbar an der Dill liegen, mit denen der abseits liegenden Ortschaften, so finden wir, daß sie anderer Art sind als die letzteren. Wir haben es bei ihnen entweder mit einfachen Namensformen zu tun, wie Scheld, Sinn, oder doch mit zusammengesetzten Wörtern, welche ein deutliches, heute noch verständliches Grundwort haben. Dieses ist abgefallen in Haiger, dessen alte Form bei der ersten urkundlichen Erwähnung in 776 (nach Vogel) Heigerche oder Haigach lautet. Endung eche = Wasser; oder das Grundwort ist unverständlich, wie in „Herwern“ (geschrieben 1231 Herboren), in welcher Form die Mundart des Volkes das Wort richtiger bewahrt als das 1305 zuerst auftretende „Herborn“, bei dessen Bildung wohl die Annahme waltete, ein Born, vielleicht eine Heilquelle, könnte die Veranlassung zur Namensgebung gewesen sein. (so vermutet auch Textor von Haiger 1617, der Name Herborn sei eine Verkürzung von „Herbergbronn“) Es liegen also hier Namen vor, die sich merklich von den übrigen der Gegend abheben und wegen ihrer altertümlichen Form auf ein Hohes Alter schließen lassen. Würden es uns aber die Namen nicht verraten, so würde uns die einfache Überlegung, daß in einer Gegend das offene Land an den Flussmündungen doch zuerst besiedelt worden ist, zu demselben Ergebnis führen. Hier haben wir also die ältesten Siedlungen der Heimat vor uns, deren Anfänge vermutlich noch in den ersten Jahrhunderten vor Christi Geburt liegen. Archivwalter Dr. Wagner sagte in seinem Aufsatz „Aus Herborns Frühzeit“, er würde sich nicht wundern, wenn bei Grabungen in und um Herborn Reste aus der Latinerzeit zutage treten würden, die auf eine Ansiedlung in vorgermanischer (keltischer) Zeit schließen ließen.
Auch der Ortsname Sinn deutet auf eine Ansiedlung in dieser ältesten Zeit, wenn ihn Arnold richtig deutet. Er leitet ihn ab von sinitle – Weide, verwandt mit Senne = Viehtrift, Rinderweide, heute noch in Form, Sennhütte, die Senne (bei Paderborn). Aus dem alten deutschen Sinide für Senne mag dann Sejide (wie Seine 1270 zuerst urkundlich auftritt), danach Sinde (in den folgenden Jahrhunderten) und durch weitere Vorkürzung Sinn entstanden sein. Unser Ortsname wäre demnach der Bodenbenutzung entlehrt und diese in die altgermanische Zeit zurück, in der die Weidewirtschaft noch vorherrschte. Wiesen gab es damals bei uns noch nicht, und die Weiden lagen an den Flussläufen, weil das Höher liegende Land noch mit Wald bedeckt war.
August Becker stellt in seinen „Beiträgen zur Siedelungskunde des Hohen Westerwaldes“ auch Amdorf zu den ältesten Siedlungen an der Dill, weil es beim ersten urkundlichen Auftreten (1345) eine alte Endung in seinem Namen hat; Amberfe. Es ist jedoch Vorsicht geboten bei der Einreihung einzelner Orte in bestimmte Siedlungsklassen, besonders wenn sie, wie es hier der Fall ist, abseits der übrigen Orte dieser Periode liegen. Denn es sind auch schon veraltet Namen vereinzelt noch in der folgenden Gründungszeit verwandt worden. Ich vermute bei Amdorf folgende Zusammenhänge: Amdorf liegt in einem Seitenteile der Dill und ist wahrscheinlich mit den andern Dörfern in diesen Nebentälern entstanden. Während diese meist die Endung -bach im Namen haben, die um die Mitte des 1. Jahrhundert das alte affe (Wasser) verdrängte, nannte der Gründer Amdorfs das Dorf nach dem vorbeifließenden Bache, der schon immer Ammeroff hieß. Und Bach und Dorf hat der Volksmund bis heute Ammeroff geheißen; er bewahrt die ursprüngliche Form. Die Endung -off (heute noch in „Elsoff“) ist das alte affer, das auch zu fe und pfe (heute noch in „Vautzhe“ erhalten) ja zu bloßem pf abgeschnitten und verkürzt wurde. So sind die Formen Ammeroff, Ambarfe, Ammeroph (1347) und Amoeffe (Limburger Chronik) immer der gleiche Name für unser Dorf. Das Volk behielt sein Ammeroff bei. In der Häuserrolle des Amt Herborn aus dem Jahre 1606 findet sich die Form „Ammerot“. Der eine Name erscheint schon in der … Chronik von 1617 in der Form „Ambdorff“. Es ist hier, wie auch bei „Herborn“ eine willkürliche Umdeutschung erfolgt. Der erste Schreiber des neuen Namens, wohl eine fremde Amtsperson, verstand die Endung „off“ nicht, die ihn da mundartlich entgegentönte, er deutete sie als -dorf und schrieb statt Ammerbach oder Amerbach – Amdorf. So kam es zu dem „Amdorf“. Ja auch der Bach wurde nun in sinnwidriger Weise umgetauft, und Amdorf liegt nun am – Amdorf.
Mit Amdorf befinden wir uns schon in neuen Siedelungsgebiet. Hier haben die Orte zusammengesetzte Namensformen mit deutlichen, der heutigen Sprache noch angehörenden Grundwörtern. Wir stehen jüngeren Siedlungen gegenüber, solchen der zweiten Periode. Arnold rechnet diese vom 5. bis 8. Jahrhundert; spätere Forscher (z.B. Kätelbou) sind geneigt, sie auch schon früher beginnen zu lassen. Wir dürfen aber annehmen, daß die weitere Besiedelung unserer Gegend in größerem Ausmaße erst nach der Völkerwanderung erfolgt ist, als die Franken, Herren des Landes geworden waren (um 500). Erst jetzt wurde durch die politische Beruhigung die Sesshaftwerdung der Bewohner möglich, die in planmäßiger Ortsgründungen ihren Niederschlag fand. Jedem Volksstamm war nun sein Besitz gesichert, die Verteilung des Landes begann. „zu einer Zeit im 6., 7. oder 8. Jahrhundert“, wie Wagner annimmt, ist dann die Herborner Mark als ein bestimmt abgegrenztes Gebiet gebildet und für den fränkischen König in Beschlag genommen worden. Der Amtsbau derselben hat dann viele Jahrhunderte gedauert. An Hand der Ortsnamen können wir eine gewisse Ordnung darin festhalten. Für uns gehören, wie ein Blick auf die Karte lehrt, die -bach Siedlungen (mit der Endung – Bach im Namen) zu den ältesten der zweiten Periode. Denn es ist kein Zweifel, daß das der Dill am nächsten liegende Land zuerst urbar gemacht worden ist. Auf der rechten Seite des Flusses, die uns hier nur beschäftigen soll finden wir, mit Ausnahme von Uckersdorf, zunächst lauter -bach Dörfer. Ob nun eine Schar Chatten sich auf den Wanderungen nach Westen dauernd hier niedergelassen hat, oder ob in einer Zeit, in der die Bevölkerung zunahm, größere Auswanderungen aber nicht mehr in Frage kamen, von den alten Sitzen an der Dill, hauptsachlich vom Mutterdorf Herborn aus, nach und nach die Rodharke zur weiteren Besiedelung des Landes bis an den Fuß des Gebirges vorgetragen worden ist: jedenfalls haben wir es hier mit Ortsgründungen eines bestimmten Zeitabschnittes zu tun, aber mit dem, in welchem die Endung -bach bei der Namensgebung üblich war. Tatkräftig betrieben die Markgenossen den inneren Ausbau der Mark, und das fränkische Staatswesen gab die Zuversicht und die Möglichkeit dazu. So entstanden, in einem Bogen um Herborn herumliegend, die Orte Fleisbach (1238 Abplpach), Merkenbach (Mauckinbach), Hörbach, Schönbach, Erdbach, Medenbach, Donsbach, Feldbach, und in der Fortsetzung in der Haigermark Langenaubach und Flammersbach.
Bei diesen Ortsnamen treten die nach Personen genannten ganz zurück, wenn überhaupt solche unter ihnen vorkommen. Wir ersehen daraus, daß es Tochterdörfer der Markgenossenschaft sind, gegründet von den noch freien Märkern in einer Zeit, in der das Herrentum sich noch nicht besonders entwickelt hatte.
Die meisten dieser Namen sind in Anknüpfung an die Bodenverhältnisse gewählt worden. Hörbach und Medenbach sind vielleicht nach sumpfigem Land genannt. Medenbach heißt in der Volkssprache Märebach, vielleicht von mar, merre, meri, vom lateinischen mare, hier Sumpf von einer Quelle, die nicht abfließen kann. Bei Dorheim in Hessen heißt ein Bach Merre, bei Dillenburg gabs einen Hof Merborren, bei Gladenbach einen Ort Merbach. Bei dem Ortsnamen Schönbach vermutet man ohne weiteres, er wolle zum Ausdruck bringen, daß das Dorf an einem schönen Bache oder schön am Bache gelegen sei. Allein Arnold, der noch annahm, daß die Ortsnamen die auch in Hessen vorkommen, von hessischen Siedlern aus ihrem Stammland mitgebracht worden seien, sagte zu Schönbach „Kreis Kirchheim:“ kein schöner, sondern ein kurzer Bach, zu ahdscene – kurz, klein: Vogel bringt für unser Schönbach die alte Form Söchminbai. – Auch bei dem Namen Erdbach ist eine einfache Deutung naheliegend: er ist gegeben nach dem vorbeifließenden Bache, der so genannt ist, weil er zwischen Breitscheid und Erdbach eine Wegstrecke von etwa 25 Minuten unter der Erde fließt. Diese Erklärung fand ich nachträglich auch bei Vogel, (Beschreibung S. 50). Schliepfakes Ableitung des Namens Erdbach von Aar, Ahodt, wie auch der bei Burg von links in die Dill mündenten Bach heißt, ist verfehlt. – Bei Langenaubach will der Name andeuten, daß es langgestreckt am Aubach liegt. Das Bestimmungswort muß es aber erst später erhalten haben; im Volksmund wird es heute noch meißt nur Aubach genannt. – Waldaubach, (nach Vogel anfangs auch nur Ubach geschrieben). Hoch droben an demselben Bache, ist vielleicht ein Nachzügler zu dieser Namensgruppe, das Wald kann bedeuten, daß das Dorf im Wald angelegt worden ist, wahrscheinlicher aber ist, daß es besagen will, daß der Ort auf dem „Wald“ nämlich dem Westerwald liegt. Als Westerwald galt in früherer Zeit nur der Hohe Westerwald, Langenaubach lag nicht darin. Textor sagt auch 1617 noch von Driedorf, daß hier der Westerwald anfange. Für die Talbewohner am östlichen Fuße des Hohen Westerwaldes, z.B. die Uckersdorfer, ist heute noch der Hohe Westerwald, einfach „Wald“ genannt, der Westerwald; wer von dort stammt ist „vom Wald“.
Es liegt die Annahme nahe, daß die Ansiedler nun zumeißt im Nahbachtale als einem größeren Seitentale der Dill weiter vorgedrungen sind. Hier tritt aus in Guntersdorf auch die Endung -dorf entgegen, die noch zur zweiten Periode zählt. Die Gründungen auf -dorf waren – im Gegensatz zu -hof – meißt gemeinschaftliche Siedlungen, die häufig nach dem Familienhaupt der Sippe oder nach dem Grundherrn, hier nach einem Gunther, benannt wurden. Weiter hinauf finden wir um Driedorf die Orte Seilhofen, Münchhausen, Arborn und Heiligenborn, die nach den Namensendungen auch noch zur zweiten Siedlungsperiode zu rechnen sind. Das diese Grundwörter aber vereinzelt hier auftreten und die Orte in hoher, unwirtschaftlicher Gegend liegen, können sie auch in der folgenden Periode gegründet worden sein, die mit der christlichen Zeit beginnt. Jedenfalls kann Münchhausen (wie auch Mengerskirchen) erst entstanden sein, als das Christentum Verbreitung gefunden hatte, denn es ist nach einem Mönch benannt. Es ist immer zu beachten, daß die Namensendung allein nicht über das Alter eines Ortes entscheidet. Nur wenn man neben den Namen und den Daten der allgemeinen Geschichte auch die geographische Lage eines Ortes in Betracht zieht, kann man zu einigermaßen gesicherten Ergebnissen gelangen. August Becker hat unseres Erachtens nach in seiner oben erwähnten Doktor-Dissertation (1912) das Letztere, die Topographie, nicht genügend beachtet. So bläßt er auch alle Orte auf -scheid in der zweiten Periode. Doch siehe die Lage Rabenscheids auf freier Hochfläche! Hier siedelt man sich mit am letzten an. Zur Zeit … des Großen (um 800) mögen nur wenige junge Siedlungen auf unseren Höhen bestanden haben, Rabenscheid höchstwahrscheinlich noch nicht, Breitscheid, geschützter und tiefer liegend, vielleicht, vielleicht auch nicht.
Im einzelnen diene für diesen Zeitraum noch folgendes: Seilhofen, mundartlich Sallwe genannt, tritt 1398 als Seglloben auf. „Sallwe“ ist vermutlich verkürzt und entstellt aus Salhube; Hube und Hof sind verwandte Begriffe; „Seilhofen“ ist wahrscheinlich die verkehrte Umdeutschung von Salhofen und Seglloben, diegenige von Selhofen; Selhue ist gleichbedeutend mit Salhube. Salhube bedeutet Fronhube, Hof eines Herrn, der durch dessen Leibeigene bewirtschaftet wurde; er war oft der Haupthof, zu welchen die umliegenden Höfe der Hörigen und Leibeigenen Dienste und Abgaben zu leisten schuldig waren. „Diese Fronhuben kommen überall im Lande vor und waren in den Hauden des Kaisers, des Adols, der Freien und der Kirche“ (Vogel, S. 146). Es ist möglich, daß Seilhofen aus einem solchen Fronhof entstanden ist. – Heiligenborn ist nach einem Born genannt, der wegen seiner Heilkraft als heiliger Born bezeichnet wurde. Limburg hatte Gerechtsame dort, daher erfahren wir auch in der Limburger Chronik des 14. Jahrhunderts etwas über ihn. Es heißt da: „Dreimal im Jahr hatte ein Herr zu Limpurg ein recht, zum Heiligenborn zu herbergen mit 12 persohnen, beritten oder ohnberitten, bewapfnet oder ohnbewapnet; man mußte immer (denen in Heiligenborn) das gutlich tun und darzu geben 5 trinkpennigen“. – Arborn, mundartlich Allwern, hat die alte Form Arbude. – Eine Erklärung für „Driedorf“ bringt Textor: es bedeute Dreidorf, weil es aus drei Dörfchen entstanden sei. –
Die Ortschaften auf -scheid finden sich im allgemeinen da, wo sich etwas scheidet, wo Grenzen verlaufen. Es trifft dies auch bei uns zu. Breitscheid, Rabenscheid und Liebenscheid lagen an der Grenze des alten Haigergaues (Liebenscheid im Gau); ferner gehören sie dem Teil des Gebirges an, wo die höchsten Erhebungen sind, die die Wasser nach Osten und Westen scheiden (zur Lahn und zur Sieg), und endlich verläuft zwischen ihnen eine Sprachgrenze, die sogenannte dat und Watgrenze. (In Breitscheid sagt man „das“ und „was“ für das und was, in Rabenscheid dagegen „dat“ und „wat“.) So sind die Namen der Dörfer, was ihr Grundwort betrifft, zutreffend gewählt. Bei Breitscheid gilt dies auch für das Bestimmungswort, es will wohl die breite Lage in dem weiten Hochtal andeuten. Rabenscheid ist vielleicht nach einem Rhabanus wie Liebenscheid nach einem Leopold (1341 Lisboltscheid). Breitscheid tritt zuerst 1230/31 als „Bredinscheit“ auf in Verbindung mit „Erdinbach“ (Erdbach); das „in“ ist wahrscheinlich die Verkleinerungssilbe, denn die Orte waren jahrhunderelang noch klein und bestand nur aus wenigen Höfen.
Im allgemeinen ist anzunehmen, daß die Ortsgründungen auf den Höhen des Westerwaldes geraume Zeit nach denen der tiefer gelegenen Täler erfolgt sind. Höhensiedlungen sind meist Spätsiedlungen. Es war nicht verlockend, sich weiter hinauf anzusiedeln; das Waldgebiet mit seinen unwirtschaftlichen Klima schreckte ab. Es wurde erst ganz besiedelt, als der Bevölkerungszuwachs dazu zwang. Dies geschah in der dritten und letzten Siedlungsperiode, die vom 8. oder 9. bis zum 13. Jahrhundert gerechnet wird. Sie wird für uns gezeichnet durch die Ortsnamen auf -berg, -roth, -hain, -mühlen, -stein und -burg. Daß hier oben viele nach Personen benannte Orte auftreten, (Nedneroth, Mademühlen, Gusternhain, Rabenscheid usw) sagt uns auch, daß sie in jüngerer Zeit entstanden sind, nämlich als das Lehnswesen in Blüte stand. Der niedere Adel ließ auf dem ihm verliehenen Grundbesitz Rodungen durch Unfreie feststellen. Als die Orte dann ins Licht der Geschichte traten, finden wir ab und zu bei der ersten urkundlichen Erwähnung einen Ritter und Leibeigene genannt. Die älteren Gerichte Herborn und Haiger, in seiner Zeit ausgebaut, sind anscheinend freier geblieben. Die Haigermark wird 1048 Besitzung der freien Männer genannt.
Die Erklärung der Ortsnamen dieser Periode bietet kaum noch Schwierigkeiten, was auch auf das verhältnismäßig junge Alter der Siedlungen hinweist. Auf den Bergen hat man gerodet und dem Wald neues Bauland abgerungen. So entstand Roth und später weiter oben Hohenroth, das zum Unterschied von ersterem sein Bestimmungsort im Namen erhielt; ferner Rodenberg, Odersberg, Heisterberg, welch letzterer Name dem Wald entlehnt ist (Heister-junge Buche, in Breitscheid heißt ein Walddistrikt „Buchheistern“). – In Rodenrod kommt 1255 eine ritterlichen Familie von Rodenrode vor (Vogel). – Nenderoth in der Kalenberger Karte wird unter allen Dörfern hier oben zuerst urkundlich genannt, schon 993; eine Freifrau und Leibeigene treten auf. – Der Name Mademühlen (1234 Malbodemülen) deutet an, daß das Dorf jüngeren Ursprungs ist, denn es kann sich hier nur um eine Wassermühle handeln, und solche wurden erst vom 12. Jahrhundert ab häufiger. – Auch Gusternhain ist seiner Namensendung noch ein jüngeres Dorf, das Wahrscheinlich erst in unserem Jahrtausend entstanden ist. Die Endung han oder hain ist aus hagen hervorgegangen. Soweit die -hagen – Orte größere herrschaftliche Siedlungen waren, erfreuten sie sich besonderer Freiheiten, das sogenannte Hagenmahls. Gusternhain als kleines Gebiet hat höchstwahrscheinlich diese Vorrechte nicht besessen. Wäre es ein eigentlicher Hagen gewesen, so hätte sich sein Gebiet später noch durch festbestimmte Grenzen vor den Nachbardörfern ausgezeichnet, was aber nicht der Fall war. – Beilstein ist im Anschluß an die Burg entstanden, welche vermutlich im 12. Jahrhundert von den Herren von Bilstein errichtet wurde. „Bil“ ist die mittelhochdeutsche Form von Beil in der Bedeutung von „spalten“. Die fünftreutigen Basaltsteine der Beilsteiner Leg (im Walde am Wege nach Greifenstein zu), die wie gespaltene Steine aussehen, oder der Burgfelsen selbst, haben wahrscheinlich den Namen Beilstein, der auch sonst oft vorkommt, von Ort und Stelle entflehen lassen. Die alte Kirche befand sich in dem viel älteren Wallendorf. – Als jüngste Siedlung im Kreis ist wohl Dillenburg anzusehen. Während das Ursprungsfest allen an uns vorrübergezogenen Orte sich im Dunkel des Mittelalters verliert, liegt die Entstehung und Entwicklung Dillenburgs in den großen Linien klar vor uns. Um 1240 legte Graf Heinrich der Reiche zur Befestigung der jungen nassauischen Herrschaft in der Gemarkung des Dorfes Feldbach eine Burg an der Dill an. Am Fuße des Burgbergs entstanden zunächst in der Marbach die Häuser für die Burgmannen, dann folgte nach und nach die weitere Besiedlung des Feldes, und etwa 100 Jahre nach der Gründung der Feste konnten Dillenburg schon Stadtrechte verliehen werden. Heute ist es die größte Stadt der Heimat, unsere Kreisstadt. „Die Letzten werden die Ersten sein!“
Hier sei auch die ausgegangenen Orte, in der Siedlungskunde Wüstungen genannt, kurz gedacht. Sie passen sich, was ihre Namen betrifft, den übrigen Ortschaften der Gegend an. Bei Herborn lag ein Dörfchen (nach Vogel ein Hof), Staudt geheißen, auch ein einfacher, schwer verständlicher Name. Die Limburger Chronik erwähnt den Ort 1489: „Um diese Zeit ist wohl Herborn aus einem Dörflein Staud genannt, herkomen ein man, andreas Staud von Herborn „schultheiß zu Els worden“) – In der Umgebung Driedorfs haben noch etwa 7 Dörfchen bestanden, die wieder ausgegangen sind. Diese hatten alle zusammengesetzte, also jüngere Namen auf -dorf, -feld, -hausen, -wiesen; neu tritt auf die Endung -gefäß als einzige ihrer Art in unserer Heimat. Ein Richweingefeß, das 1398 bei Seilhofen vorkommt. Ein Herr mit Namen Richwein (Reichwein) machte sich hier ansässig. In Hessen kommt die Endung -gefäß häufiger vor; die Orte liegen meist in hohen Waldgegenden. – Es ist nicht zufällig, daß die meisten ausgegangenen Orte auf den Höhen lagen. Sie gehörten der jüngsten Siedlungsperiode an. Es waren letzte gewagte Siedlungsversuche, die sich in der Folge nicht bewährten; Boden und Klima rechtfertigten das Vertrauen nicht. Wurden die Orte dann in einer Fehde zerstört, dann unterblieb der Wiederaufbau. In anderen Fällen mögen die Bewohner von unglücklich gewählten Siedlungen nach benachbarten Orten in besserer Lage übergesiedelt sein, wenn ihre Häuser, die ja damals ohnehin nicht viel Wert hatten, abgängig waren. Auch verheerende Seuchen verursachten das Eingehen von Ortschaften. Von Königswiesen bei Münchhausen berichtet Vogel, daß es kurz vor 1835 an der Pest ausgestorben sei. Die meisten Dörfer gingen wohl „von selber aus, wie ein Licht ausgeht, weil ihm die Nahrung fehlt.“ (Richl) So auch „Rutzese; Rutzhausen, das zwischen Rabenscheid und Willingen lag. Es war das jüngste ausgegangene Dorf unserer Gegend. Ein Anfang des vorigen Jahrhunderts geborener Waldaubacher hat seinen Enkeln erzählt, daß er sich noch erinnere, gesehen zu haben, wie die Leute von Rutzhausen durch Waldaubach nach Driedorf zur Kirche gegangen seien.
Haben die Geschichtsforscher alle Wüstungen festgehalten und verzeichnet? Es scheint nicht so. Denn nirgends findet man das Dörfchen Rollsbach erwähnt. , das im Rollsbachtale, ¼ Stunde südöstlich von Erdbach, über den Steinkammern, gelegen haben soll. In Erdbach sowohl wie in Breitscheid weiß die Überlieferung um dies Dörfchen. „Dort unten im Rollsbach hat ein Dorf gelegen,“ so wird es den Breitscheider Kindern von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, wenn sie auf Liebstein arbeiten. Vor etwa 50 Jahren wollen die Breitscheider Bauern beim Ackern im Rollsbach noch auf Mauerreste der Häuser gestoßen sein. Und beim Graben der Rösche im Tonfeld am Schönbacher Weg um 1900 fanden die Arbeiter hölzerne Rohre einer Wasserleitung, die nach Liebstein und Rollsbach zugerichtet war. Auffallenderweise wird aber in keiner Urkunde des Staatsarchives des Dörfchens Erwähnung getan. Sollte es vielleicht das 1349 in unserer Urkunde vom 22. Februar vorkommende „Obern-Erpach“ sein? Über die Zeit, wann das Dorf ausgegangen sei, besagt die Überlieferung nichts. Der Kirchenschneider wollte wissen, daß es am Schlucken ausgestorben sei. Am Schlucken!
Alte Sagen über die Gründung der Dörfer – können sie großen Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben? Und doch sei eine aus Erdbach hier aufgenommen, weil sie das bestätigt, was aus den vorstehenden Ausführungen hervorging, nämlich daß Breitscheid jünger ist als Erdbach und daß seine Gründung vom Osten aus erfolgt ist als letztes Dorf der Herborner Mark. (Hessensiedlung?) In beiden Dörfern, wenn auch verschieden lautend, ist die Sage lebendig. Der alte Jäger von Erdbach, Pfeifers Jakob, suchte man Zweifel zu beschwichtigen und hielt mit großer Hartwürdigkeit an ihr fest, die Hand klatschend an sein Bein schlagend: „Jo, ‚s is doch wuhr!“ Wer konnte wiederstehen! Jakob Georg erzählte: Erdbach wurde von zwei Brüdern gegründet, von denen einer verheiratet war. Als nun der ledige, ein Schäfer, eines Tages mit seinen Schafen über Gassen kam und die besser zum Ackerbau geeignete Breitscheider Gegend sah, beschloß er, sich hier oben anzusiedeln. Wieder nach Erdbach zurück gekommen, teilte er seinem Bruder sein Vorhaben mit und fügte hinzu, das Ackerland in Erdbach wolle er ihm ganz lassen, da er jetzt schöneres da oben erhalte, aber die Wiesen unterhalb Erdbachs wolle er zur Hälfte behalten. Mein Gewährsmann setzte hinzu, daher komme es auch, daß später, noch bis in die neueste Zeit, die Breitscheider in der Erdbacher Gemarkung so viele Wiesen gehabt hätten. So sei nun Breitscheid gegründet worden und gewissermaßen als Ableger von Erdbach anzusehen. (Daß die Breitscheider in Erdbach viele Wiesen besaßen ist wahr, läßt sich aber aus der Tatsache erklären, daß es in der älteren Zeit nur in den feuchten Niederungen an den Gewässern Wiesen gab; Breitscheid besaß nur seine „Wiesen“ unter dem Dorf und war genötigt, in Erdbach noch Wiesen zu erwerben.) – In Breitscheid wird die Sage wie folgt erzählt: Zur Zeit einer großen Pest starb Breitscheid einmal ganz aus und Erdbach bis auf zwei Brüder, einen dummen und einen gescheiten. Der dumme bleib in Erdbach, und der Gescheite ging nach Breitscheid. (Natürlich nimmt Breitscheid den Gescheiten für sich in Anspruch).

Wie viele Breitscheid gibt es?

Im Regierungsbezirk Wiesbaden nur unser Dorf; aber auf dem Westerwald gibt es noch drei andere Breitscheid: Breitscheid bei Hamm und Sieg (Kreis Altenkirchen), Breitscheid bei Waldbreitbach, Kreis Neuwied und Breitscheid bei Puderbach (zwischen Puderbach und Petersbach, ein kleines Dörfchen). Ferner ist ein Breitscheid bei Bachwech (Kreis St. Goar) und bei Mülheim an der Ruhr; letzteres bestehe aus einzelnen, zerstreut liegenden Höfen. Das Ortsverzeichnis der Reichspost nennt noch Breitscheid bei Selbeck. Wo dieses liegt, weiß ich nicht. Nach Arnold gibt es auch ein Breitscheid bei Adenau in der Eifel. Das Postbuch führt dies aber nicht auf. – (Unter den 4 Breitscheid auf dem Westerwald ist unser Dorf das größte).

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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