Heimatbuch-25

Inhalt des Gemeinde-Archivs Breitscheid

  • Nr. Zeit Bezeichnung des Aktenstückes
  • 1 1535-1710 Die Belehung mit der Mühlenstruth
  • 2a 1662-1796 Ein Sammelband über die Koppelhut zwischen Breitscheid und Erdbach
  • 2b 1694 Pfarrer Ludovicis Heberegister der Renten und Güldhafer
  • 3 1717 Stockbuch
  • 4 1758 Schlichtung von Grenzirrungen zwischen Breitscheid und Medenbach
  • 5 1733 Herrschaftliche Einnahmen aus Breitscheid
  • 6 1758 Urtheil wegen Mahnung zu Erdbach
  • 7 1766 Allgemeine Verordnung und Belehnung mit Zechen
  • 8 1772 Satzungen über Einzugsgeld (Unterschriften der Gemeindeglieder)
  • 9 1774 Schuldschein des Jost Heinrich Reh
  • 10 1775 Welche Gemeindedienste ein „Gemeins-Mann schuldig ist“.
  • 11 1777 Ablösung der Verpflichtung des Pfarrers den Watz (Eber) zu halten.
  • 12 1778 Rechtsstreit zwischen der Pfarrei und den Gemeinden Breitscheid und Medenbach
  • 13 1780 Allgemeine Verordnung über Garten-, Feld- und Waldfrevel
  • 14 1780 Vertrag zwischen den Gemeinden und dem Feldmesser Schulmeister Thielmann
  • 15 1782 Entscheid der Landesregierung, einen Brennofen in Breitscheid betreffend
  • 16 1783 Über die der Pfarrei „entkommenen Stück“ des Pfarrgut’s
  • 17 1784 Anstellung eines beständigen Kirchen- und Kastenmeisters betreffend
  • 18 1784 Tabelle über eine Häuser, Volks- und Viehzählung
  • 19a 1791-1792 Beihilfe Breitscheids zum Wiederaufbau Donsbachs
  • 19b 1791 Abholzung und Weidegang in den „Erlen betreffend (Später, „Alter Grund“ und „Steingrund“)
  • 19c 1793 Äcker im Rollsbach betreffend
  • 20 1795ff Schuldscheine der Gemeinde wegen der Kriegsschulden. (Unterschriften der Gemeindeglieder)
  • 21a 1798 Eine Rechnung aus Herborn an die Gemeinde, meist aus Anlaß von Einquartierungen
  • 21b 1799 Besprechungsformeln (Büchlein des Joh. Jost Schmidt aus Fesch Haus Nr. 101
  • 22 1803 Eine Verordnung über das Graben des Tons und der Walkernerde
  • 23a 1815 Brandbericht für die Gemeinde Breitscheid
  • 23b 1816 Die Liegenschaften des Joh. Petry (Flurnamen)
  • 24 Um 1818 Summarische Steuerzettel über Liegenschaften und Steurkapitalien
  • 25 1818-1840 Hypothekenbuch, Band 1
  • 26 1820 Akten über die Anlegung der 1. Neuwiese (Alter Grund“)
  • 27 1820 Lagerbuch über die 1. Neuwiese
  • 28 1820 Die Absteinung der Hofgerechtigkeit des Joh. H. Petry (Kirchenschneider)
  • 29 Um 1822 Grundstückskataster (2 Bände)
  • 30 1824 Kaufbrief über den Ankauf des Grasgartens vorm Pfarrhaus seitens der Gemeinde
  • 31 1828 Waldsteuerzettel
  • 31a 1830 Inventarium der Pfarrei Breitscheid (Mobilien)
  • 32 1834 Brandkataster
  • 33a 1834-1890 Revisionsbemerkungen zu den Rechnungen der Gemeinde
  • 33b 1835-1848 Einwohnerlisten aus den Jahren 1835 und 1848
  • 33c 1835-1836 Verkauf der Gemeindebaumschule – Ablösung der Pfarrfrucht- Waldblößen
  • 33d 1837 Teilweise Ablösung der Pfarrfrucht
  • 34 1841-1855 Hypothekenbuch Band 2
  • 35 1842 Aufstellungsdekret des Schultheißen Joh. Schmidt (Jörge)
  • 36a 1845-1857 Viehhandelsprotokollbuch
  • 36b 1846-1859 Cariularbuch
  • 37 1846 Rechnungen der Gemeinde Breitscheid
  • 38 1878ff Veränderungen im Brandkataster (1848-1871)
  • 39 1853ff Lagerbuch, 7 Bände
  • 40 1851 Stockbuch über sämtliche Gebäude in Breitscheid
  • 41 1857ff Protokollbuch über die Sitzungen des Ortsvorstandes (bis 1886)
  • 42 1856ff Stockbuch, 17 Bände
  • 43 1846ff Hypothekenbuch, Band 3 (1856-1876)
  • 43a 1857-1858 Kirchen-Matrikel (Steuerverzeichnis)
  • 44 1858ff Gewerbesteuerkataster (1858-1860)
  • 45 1859ff Ergänzungshefte zum Gewerbesteuerkataster (1859-1861)
  • 46 1860ff Viehhandelsprotokollbuch (1860-1911)
  • 47 1860 Rechnungen der Gemeinde Breitscheid
  • 48 1861 Brandsteuerkataster
  • 49 1862 Rechnungen der Gemeinde Breitscheid (2 Bände)
  • 50 1867 Gebäudesteuerrolle der Gemeinde Breitscheid
  • 51 1867 Gewerbesteuerkataster (1867-1869)
  • 52 1869 Kommissionsbericht, die Anlegung der Schutzhecke auf der Hub (Stirn) betreffend
  • 53 1871 Klassensteuerrolle
  • 54 1874 Klassensteuerrolle
  • 55 1876 Hypothekenbuch Band 4 (1876-1887)
  • 56a 1878-1879 Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde
  • 56b 1880 Ein Blick ins Dorf
  • 57 1883 Den Verkauf der Tonerde betreffend
  • 58 1884 Bericht des Bürgermeisters über die allgemeinen Verhältnisse in der Gemeinde
  • 59 1885 Ein Vertrag über das Reinigen des Schulzimmers
  • 60 1885-1886 Klassensteuerrolle
  • 61 1887 Hypothekenbuch Band 5 (1887-1904)
  • 62 1888 Protokollbuch der Gemeinde (1888-1899)
  • 63a 1890 Bericht über die wirtschaftliche Lage der Einwohner Breitscheids
  • 63b 1890 Ein Rechtsstreit zwischen Breitscheid und Schubers (um die Walkernerde)
  • 64 1892 Gemeindesteuerliste (1892/1893)
  • 64a 1893 Ablösung der letzten Pfarrfrucht
  • 65 1896 Kaufvertrag über die neu angelegten Wiesen auf der Hube
  • 66 1900 Personenstandsverzeichnis und Gemeindesteuerliste
  • 67a 1906 Staatssteuerliste
  • 67b 1907 Das Schulgut in Breitscheid
  • 68 1909 Personenstandsverzeichnis und Gemeindesteuerliste
  • 69 1914-1920 Personenstandsverzeichnise (Weltkrieg)
  • 70
  • 71
  • 72
  • 73
  • 74 1916 Ein Brief eines Kriegers (Verdun)
  • 74a 1918-1923 Verschiedenes (1. Angersteins Unterschrift, 2. Der gute Archivdirektor (zur Chronik), 3. Einweihung des Kriegerdenkmals
  • 75 1927 Bau der neuen Schule (Grundsteinlegung)
  • 76 1931 Illustriertes Heimatblatt von Breitscheid (Herborner Tageblatt, Beilage)
  • 77 1936-1939 Grubenunglück in Breitscheid, vom Bahnbau Rabenscheid-Breitscheid
  • 78 1881-1922 Protokollbuch für den Gewerbeverein
  • 79 1914-1918 Kriegs-Ehrenchronik (Beilagen: a) Fragebogen dazu, b)Ehrentafel der Krieger

Breitscheider Räuber

(Postraub bei Kölschhausen, 1765)

(Das folgende ist ein Auszug aus einem Bericht in den „Herborner Geschichtsblättern“, Jahrgang 1907, von J.H. Hoffmann)
In der Nacht vom 13. zum 14. November 1765 wurde der kurfürstliche Postwagen, der sich auf der Reise von Frankfurt nach Siegen befand, in der Hörre bei Kölschhausen von einer Räuberbande angehalten, „der Postknecht geschlagen, auf die darin sitzenden Personen geschossen, der Jud Liebmann von Herborn verwundet, herausgerissen und mit Schlägen mißhandelt, sodann demselben 7556 Gulden nebst anderen Sachen, dem Kaufmann Zickwolf von Iserlohn über 70 Reichstaler abgenommen, auch ein Ballen goldner Uhren, Tabaksdosen und anderer Kostseligkeiten, dem Kaufmann Majona aus Amsterdeam gehörig, sowie noch verschiedenes Geld und Waren geraubt“. Der Verdacht lenkte sich sofort auf fünf der Täter aus Herborn, Burg und Erdbach. Sie wurden verhaftet, leugneten aber. Da ging die Nachricht beim Gericht ein, daß die gestohlenen Sachen sich in Breitscheid befänden und daß sie in der Nacht vom 20. Januar 1766 von einem Breitscheider nach Liebenscheid gebracht werden sollten. Der Kommissar von Dillenburg begab sich mit einem Kommando Soldaten nach Liebenscheid. In dem Wirtshause dortselbst kam es zur Verhaftung des Breitscheiders. Man durchsuchte ihn und fand bei ihm goldene und silberne Uhren und Dosen, vom Postraube herrührend. Beim Verhör (in Dillenburg) gab er vor, die Sachen von einem Zigeuner erhalten zu haben. „Darauf ward die Schärfe gebraucht und der Gefangene dem Stock untergeben. Er hielt aber eine Tracht Schläge herzhaft aus“, bat jedoch endlich um eine Stunde Bedenkzeit. Nach Ablauf dieser Frist erbot er sich aus Liebe zu Thor-Hoheit, seinen gnädigen Landesfürsten, zu einem aufrichtigen Geständnis. Er gab sofort die Namen sämtlicher Mitglieder der Räuberbande an. Es waren der Jäger Müller und sein Schwager E. von Erdbach, Grün aus Herborn, D. von Burg, die 2 Vorsteher von Breitscheid Kolb und Georg und die beiden Schuks von Herborn. Er selbst nannte sich Johann Heinrich Georg, hab aber mit dem Raub gar nichts zu tun, er solle das Geraubte nur zu Geld machen und sei dazu verleitet worden. Noch in derselben Nacht veranlasste der Kommissar, die Schuldigen in Erdbach, Burg und Herborn auszuheben. Er selbst ging um Mitternacht mit dem Rest der Soldaten nach Breitscheid, um sich der Verdächtigung zu bemächtigen. Diese hatten sich aber bereits auf flüchtigen Fuß gesetzt. Es gelang nur den Kunz in seinem innen besetzten Hause bei seiner Rückkehr zu verhaften. Er konnte gleichfalls nur durch einen gute Tracht Schläge zu einem unvollständigen Geständnis gebracht werden. Bei der Vernehmung und Gegenüberstellung der Angeklagten legten sie ein teilweises Geständnis ab. Alle Angeklagten aber gaben den Johann Heinrich Georg von Breitscheid von der Tat selbst frei. Weil nun der M. leugnete und sich die Angaben in verschiedenen Punkten wiedersprachen, so beschloß die fürstliche Canzlei am 15. Juli 1766, die Angeklagten zur Erkernung der vollen Wahrheit noch peinlich zu befragen, sie zu foltern. M. gab bei der Marter zu, den Schuß in den Wagen getan zu haben, der alte Schuck hielt die ganze Folter aus, ohne Weiteres zu bekennen, und bei den Übrigen kam bei der Marter wenig beträchtliches mehr heraus. Am 11.Oktober 1766 wurde folgendes Urteil gefällt: „Daß das den 15. Juli eröffnete Todesurteil an sämtlich benannten Inquisiten, ihnen zur wohlverdienten Strafe und anderen zum abschreckenden Exempel dargestalt zu vollstrecken sei, daß Joh. Ph. Müller, Heinrich Schuck und Joh. Jakob Schuck durch des Rad von oben her, mit dem Herzstoß anzufangen; die übrigen Inquisiten, Joh. Grün, Wilhelm E., Gottfried D. und Joh. Frantz (von Breitscheid) mit dem Schwerte zum Tode zubringen und danach die samtlichen Delinquenten-Körper auf das Rad zu flechten und sie also hierzu zu verdammen. Von Rechts wegen. Müller von Erdbach gelang es, sich aus großer Höhe im Gefängnis herabzulassen und zu entkommen. Von den übrigen Verurteilten ist das Urteil am 23. Juni 1767 auf dem Archivplatz zu Dillenburg im Angesicht einer großen Menge von Zuschauern, die von allen Seiten herbeigestürmt waren, vollstreckt worden. Unmittelbar nach der Hinrichtung hielt der Oberkonsistorialrat Schepp eine Rede an das umstehende Volk, die also begann: „Mein Herz ist erschrocken und meine Knie zittern wegen dem blutigen und fürchterlichen Auftritt, den wir mit Augen angesehen haben, und ich kann mir leicht vorstellen, daß gleich starke Empfindungen von Mitleid, Betrübnis und Schrecken eure Seelen erfüllt haben“ u.s.w. (Soweit der von mir gekürzte Bericht des J.H. Hoffmann.) Aus anderen Quellen kann ich noch einiges hinzufügen. Unser nachmaliger Pfarrer Kunz war damals Vikar in Dillenburg; in dieser Eigenschaft versah er die Seelsorge an den Gefangenen. In seinem Tagebuch, welches aufbewahrt, schreibt er von dem Schreckensbild auf dem Archivplatz: „Mitleid, Grauen und Schrecken werden von neuem rege durch eine blutige Schaubühne, die sich meinen Gedanken wieder eröffnet. Zehn hiesiger Untertanen, von denen die meisten hier aus Breitscheid waren (?), wo ich dieses schreibe, hatten den Postwagen beraubet. Sechs, welche gleich anfangs ergriffen worden, waren verurtheilet, daß sie theils sollten geköpfet, theils geradbrecht und hiernächst ihre Köpfe sollten auf Pfälen geschlagen, die Körper aber auf Räder geflochten werden. Sieben Wochen vor der Vollstreckung des Todesurtheils mußte ich sie im Gefängnis in meiner Reihe, mit der ich den Anfang machen mußte, erst noch in der Religion unterrichten, auf den Tod bereiten und hernach zum Blutgerüst hinaus führen helfen“. Der 1767 hier in Breitscheid amtierende Pfarrer Frankenfeld war auch Seelsorger des Joh. Krantz. Ihm gegenüber hat der Verbrecher die Bitte ausgesprochen, er möge sich seiner zurückbleibenden Mutter und Frau annehmen. (Die Famile Krantz war seit 1724 in Breitscheid ansässig). (Johannes Krantz war wohl in Breitscheid geboren (1732), aber sein Vater stammte von Nenderroth und war 1744 Kuhhirt hier).
1766 wird in einem hiesigen Kirchenbuch der wegen des Postraubs entwichene Phil. Kolb genannt, auch soll Peter Lang deshalb entwichen sein. Die Angehörien des Joh. Heinrich Georg wurden vom Presbyterium ermahnet, sich ja zu prüfen, ob sie auch würdig zum Genuß des heiligen Abendmahls seien und nicht etwa Gestohlenes aus dem Postraub verheimlichen.
Einige Wochen nach der Tat, als sich die Verbrecher noch der Freiheit erfreuten, führten Joh. Krantz und Phil. Kolb, wie einem Presbyterialprotokoll zu entnehmen ist, auf dem Christkindchesmarkt in Herborn ein ausschweifendes Leben. Sie schickten ihre eigenen Frauen heim und trieben sich mit andern Breitscheider Weibern in Herborn herum, besoffen sich an Wein und schlugen sich dann auf dem Heimweg. Phil. Kolb schlug Feschen Frau so mit dem Stock, daß sie zusammenstürzte und „ein dick Maul“ davontrug. Er bleibe dann besoffen auf dem Amdorfer Berg liegen, so daß Joh. Krantz zurückgehen und ihn holen mußte. Ein betrübendes Zeitbild! Wir sehen, daß es doch viel besser geworden ist.

Die Orgel

Eine Probe in Breitscheider Mundart.

(Das Gedicht ist gedichtet von dem Lehrer Klaas in Herbornseelbach, gedruckt 1840 im Dillenburger Wochenblatt in der Mundart von Herbornseelbach; in Breitscheider Mundart hier leicht verändert.)

Drei Bauern unterhalten sich:
R.: „Mei, sar emol, hot kaaner naut vernomme?

`s murre Peife aus der Orgel raus sei‘ komme!
Suball dr vierig Schullmaster nur ofing droff ze greife,
Dr huurt mr gleich su klaane, klaane Pfeife;
Dee Zeit der ower fort is komme,
Dr hiert mr immer licke tromme.“

W.:“Aich ho gehuurt, der hätt der klaane betgenomme.“
R.: „Do mißt mr gleich noh seih en mißt de Lächer zehln,

Do häht mrsch jo, woivill der klaane fähle.
Doss wär noch prächtig raus zekriege.“

W.:“Ei, lohß! Der dicke hirrt mr so noch besser innerm Singe“.
R.:“Woss bräucht mr owwer innerm Singe doss ze hiern?

Wer richtig singe kann, der werrd sich doch o’s Spilln net kihrn.
Der Spiller spillt noh seine Note, ganz strack aus;
In aaner Silb sing aich de owwer dreimol `noff,
en nobb en hochsmol newenaus.
Wann aich dr reecht em Schuß sei berrem Singe,
Dr konn‘ zwelf Orgeln maich vo‘ meiner Weis‘ net bringe.
Zoum singe bräucht‘ mr goo ka‘ Orgel,
Do richt‘ mr sich noh seiner a’je Gorgel.
Wer kann doss aach verlange vo‘ nem Bauern,
Doss der do off doss Spilln noch ihrscht soll lauern.
Beim O’fang en beim Ausgang do hiern aichs owwer gern,
Wann nur recht dolle Stickelcher `robb gerapelt werrn.
Spillt nu ez dr Schulmaster a‘ azigmol de Kehraus,
aich wette druff, `s määcht ka‘ Mench de ihrscht ze Dihr naus;
Doch weil mr gor ka‘ Fratzestick von froiher manchmol hirt,
Drom läuft mr etz zr Dihr `naus, su hurtig mr geschmiert.“

W.: „Gih, mach dich bei gescheute Leu nur et zoum Lache,

Dr Orjeln hot mr jo dochnet im Basse ruff ze mache!“

R.: „Dau host ganz reecht! Su is dr mir e Fall bekannt,

(mei Ellern ho‘ mr aach de Platz mol genannt).
Dr hot dr Orgelist de Schnaps su gern geroche,
Daß ma(n) ehmol als dr Pärrner en dr Preerig drüwer hot gesproche.
Mei‘ Orgelist, dr sich mol getroffe hot gefiehlt,
Dr hot sich kurz besonn‘ un hurtig droff gespielt.
„Wer niemals einen Rausch gehabt, der ist kein braver Mann.“
Dergleiche Sache sei jo doch `n Sinn en aach `n Schann“.

(Treffend sind hier einige Züge der Wesensart der Landbevölkerung wiedergegeben: Der eine Bauer ist misstrauisch, er vermutet, der Schulmeister habe die Pfeifen mitgenommen; der andere singt in der Kirche aus Leibeskräften, daß man noch nachträglich um seine Halsadern fürchten muß, und der dritte gibt dem richtigen Empfinden des Volkes Ausdruck, daß „Fratzelieder“ und Gassenhauer nicht auf die Orgel gehören.)

Ein Willkomm der Eisenbahn.

Zur Eröffnung der Teilstrecke Rabenscheid-Breitscheid (13.5.1939)

Endlicht ist’s Wirklichkeit geworden. Breitscheid hat Eisenbahn. Daß damit eine alte Sehnsucht in Erfüllung geht, beweißt ein harmloser Scherz junger Burschen in den 1880er Jahren. Am Tage nach Weihnachten machten sie einmal „blau“. Wie die Zeit totschlagen? Krauskopfs Adolf von Rabenscheid schlägt vor: „Ei mr wonn alt de Eiseboh abstache!“ Johlend wird zugestimmt. Bald stehen schon die Pfähle entlang des alten Hüttenweges. Bärschekers Haus, wo der Kuhhirt wohnt, bildet ein Hindernis. Poldernd dringen die Burschen hinein. Barscheckers Anne macht nun große Augen, als sie ihr klarmachen, sie steckten die Eisenbahn ab und müßten sie nun gerade über ihr Bett legen.

Bei der abgeschiedenen Lage Breitscheids

Bei der abgeschiedenen Lage Breitscheids und seinen reichen Bodenschätzen wäre ein Anschluß an die Bahn des Dilltals von großer Bedeutung für das Dorf und auch in den 1880er Jahren wurde der ernsthafte Versuch unternommen, die Bahn zu erhalten. Es ging von den Gailschen Kohlenzechen (Ludwigs Zuversicht und Ludwig Haas) aus. Große Mühe um die Sache machte sich der Obersteiger Becker in Verbindung mit dem alten Bürgermeister Bechtum. Beide Herren würden einmal in der Gelegenheit vorstellig bei der Eisenbahndirektion Köln. Die damals noch zuständig war für die Dillbahn. Becker war mehr für den Anschluß Breitscheids in Haiger als in Herborn, weil diese Linie technisch leichter möglich war und auch die Grube und die Steinbrüche des Aubachtals berücksichtigen. Gegen Ende der 1880 er Jahre wurde die Bahn von Haiger nach Breitscheid abgesteckt, in der Hauptsache so, wie sie nun, 50 Jahre später auch ausgeführt worden ist, ein Tunnel war aber nicht vorgesehen, sondern die Umgehung des Bergrückens weiter östlich.
Die Verbindung mit dem hochindustriellen Siegerland begünstigend, wäre diese Linie damals von größerer Bedeutung für Breitscheid gewesen als heute, da auch viele Arbeiter von hier dort tätig waren; sie wäre auch dem damals noch stark hier vertretenen, aber schwer um sein Bestehen eingehenden Häfnerhandwerk sehr zugute gekommen. Auch der Stadt Haiger hätte sie ohne Zweifel einen merklichen Aufschwung gebracht, da sie den lebhaften Geschäftsverkehr Breitscheids von seinem Mutterorte Herborn sicher etwas abgezogen und mehr nach Haiger gelenkt hätte.
Die Entwicklung ging aber zunächst einen anderen weg. Für die Bahnverwaltung war die Westerwaldquerbahn vordringlicher. Da wurde der Bau der Strecke Herborn- Westerburg beschlossen. Es galt nun für Breitscheid, in diese Linie über Uckersdorf und Medenbach einbezogen zu werden. Die Hauptindustrie an der Bahn war jetzt die im Jahre 1899 hier gegründete „Westerwälder Tonindustrie“. Die Bahnbehörde hätte auch gerne den bedeutenden Ort Breitscheid „mitgenommen“, was schon daraus hervorging, daß sie im Anfange unseres Jahrhunderts zur Klärung der Angelegenheit hier einen Verhandlungstermin abhielt. Zugleich bewarb sich aber auch Erdbach um die Bahn. Den guten persönlichen Beziehungen des Besitzers der dortigen Steinbrüche zu einem der maßgebenden Herren soll es dann zuzuschreiben gewesen sein, daß die Entscheidung zugunsten Erdbachs ausfiel. Die Bahnstrecke Herborn-Rennerod wurde im Jahre 1906 eröffnet.
Breitscheid gab aber die Hoffnung, selbst Anschluß ans Bahnnetz zu finden, nicht auf und wandte sich nun wieder seiner ersten Liebe zu, der Bahn nach Haiger. Im Jahre 1908 beschloß der Vorstand des hiesigen Gewerbevereins, dessen Vorsitzender der Direktor der „Westerwälder Thonindustrie“ war, bei der Generalversammlung in Dillenburg zu beantragen. Der Zentralvorstand des Gewerbevereins möge „für das Bahnprojekt Haiger- Weilburg eintreten“. Drei Jahre später genehmigte der Landtag den Bau der Bahn von Haiger über Driedorf und Beilstein durch das Ulmtal. Das Bahnhofsgebäude in Breitscheid wurde 1913 errichtet. Die Tatsache, daß es bis heute seiner Bestimmung nicht übergeben werden konnte, bezeugt die große Not, in die das Vaterland gekommen war. Der Krieg mit seinen verheerenden Folgen verhinderte die Ausführung des Bahnprojekts. Der oft von neuem belebten Hoffnung folgte immer wieder die Enttäuschung. Das verarmte Deutschland konnte sich den Bau einer Bahn, deren Rentabilität so sehr in Frage gestellt war, nicht leisten. Endlich wurde der Bau der Strecke Haiger-Gusternhain beschlossen. Die Teilstrecke Haiger- Rabenscheid wurde am 14. Dezember 1926 dem Verkehr übergeben. So wäre alle von den verschiedensten Seiten geleistete Arbeit zur Verwirklichung des Planes schließlich doch „verlorne Liebesmüh“ gewesen, wenn nicht der gewaltige Umschwung durch das dritte Reich gekommen wäre. Am 5. März 1936 geschah der erste Spatensich, und schon im folgenden Monat wurde mit dem Bau des Tunnels gegonnen. Die Aufschrift auf dem Spruchband am Eingang desselben: „daß wir hier bauen verdanken wir dem Führer“! verdient für alle Zukunft in den Annalen der Geschichte des Bahnbaus festgehalten zu werden.

Wir heißen die Bahn willkommen, wenn wir auch sagen dürfen, daß sie uns nicht mehr „rauschig macht von der neuen Zeit“. Diese kam mit Riesenschritten schon seit der letzten Jahrhundertwende herauf in unser Hochland. Unsere Freude um die Bahn ist, auch nicht ungetrübt. Wertvolles Wiesenland ging verloren, und das schöne Landschaftsbild erlitt einige Einbußen. Darüber wollen wir aber nicht den Segen übersehen, den uns die Bahn bringt. Jede neue Linie, die den Westerwald erschließt, trägt mit dazu bei, die in der Erde schlummernden Schätze zu haben, und zu verwerten. So schafft sie Verdienstmöglichkieten, die das „Land der armen Leute“ immer mehr zu einem bloßen historischen Begriff werden lassen. Auch erwarten wir, daß der Bahnanschluß nun Verbilligung der Lebenshaltung für uns zur Folge hat, da die einzuführenden Waren und Materialien nun leichter auf unsere Höhen kommen. Die neue Bahnlinie begünstigt auch den Verkehr nach Westdeutschland und dem Siegerland. Auch dürfte sie den Fremdenverkehr für unser Dorf beleben, ja Breitscheid vielleicht, wo die günstigsten Bedingungen dafür vorliegen, zu einem vielbesuchten Luftkurort werden lassen. Es bietet jetzt schon ein lohnendes Ausflugsziel für die Bewohner des Dilltals. Die Bahn führt vom Fuße des Gebirges auf die mittlere Stufe, das nahe an den Ostrand des Hohen Westerwaldes, eine Gegend herben Charakters und doch eigenartiger Schönheit, die Philippi oft in seinen Dichtungen begeistert geprießen hat. So schildert er z.B. seine ersten Eindrücke von ihr wie folgt: „Allenthalben diese frische Farbenpracht! Der Westerwald trug durchaus Hochgebirgscharakter. So überschwänglich und unmittelbar in Herbigkeit des Leides und in lauter Frohsinn hatte sich mir die Natur noch nicht gezeigt. Himmel und Erde waren hier unberührt, wie von Uranfang unter sich und stürmten auf den Menschen überredend ein, daß ich wie benommen war“. Möge die neue Bahn Heimat und Vaterland zum Segen gereichen!

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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