Heimatbuch-23

Vulkankatastrophen unserer Heimat

Tertiärer Säugetierfund in einer Braunkohlengrube in Breitscheid

(Bericht vom Sonnabend den 11 Dezember 1937der Dillzeitung, Amtliches Kreisblatt für den Dillkreis)
Wenn wir heutzutage in unsern Zeitungen von Vulkanausbrüchen lesen, so ist das wohl interessant, man ist aber sofort versucht, diese Vorgänge als ureigenste Angelegenheiten einer fernen Welt abzutun, ja man bringt die Heimat nicht einmal entfernt damit in Verbindung.

Das ist ja auch nicht weiter verwunderlich, denn uns ist nichts bekannt, was uns an solche Vorgänge im engeren Umkreise erinnern könnte. Die Sorge um die Ruhe unserer Mutter Erde haben wir nicht kennen gelernt. Friedlich liegen unsere Felder und Wiesen, fast überall grünt und blüht der Boden, und wenn einmal die Erde anfängt zu zittern und zu rumoren, so können wir mit Befriedigung feststellen, daß der Herd dieses Bebens ziemlich weit von uns wegliegt.

So ist das heute. Früher war es anders. Schon in der Devonzeit, vor rund 350000000 Jahren, brodelten rotglühende Lavamassen im Gebiete des Dillkreises, stiegen glühende Fanale in den Nachthimmel empor, schütterte die Erde unter schweren Stößen ihrer aufgewühlten Rinde. Damals lebte noch nicht der Mensch, er hätte auch in jener Hölle nicht bestehen können. Das Leben auf den Festländern war sehr spärlich. Keine hohen Bäume, keine Blumen – nur das Dunkelgrün von Farnen und Bärlappen und anderen primitiven Pflanzen. Dann war jahrmillionenlange Ruhe. Aber in der Tertiärzeit (vor rund 6 Millionen Jahren) begann die Mutter Erde wieder in unserer Gegend zu rumoren. Im Lahn-Dill-Dreieck spieen zahlreiche Vulkane (Leunerburg, Bielerburg, Braunfels u.a.), und über den Westerwald ergossen sich die mächtigen ausgedehnten Basaltdecken. Ueppig grünende und wuchernde Sumpfniederungen, aus denen die Westerwälder Braunkohle entstand, wurden zugedeckt, an vielen Stellen das Leben vernichtet.

Wie es damals in unserer Heimat ausgesehen haben muß, können wir mit großer Wahrscheinlichkeit rekonstruieren, wenn wir die modernen Vorgänge zu Hilfe nehmen. Der Westerwald war eine ausgedehnte Sumpflandschaft. Große Moore, und kleinere Seen erfüllten die Oberfläche des Berglandes, in denen das Leben in jeder Form triumphierte. Fische, Krokodile, Schildkröten, Schalenkrebse, Schnecken, lebten im Wasser und in den Sumpfzypressenwäldern der Uferteile große Säugetiere. Wir finden heute die Reste des Riesenkohlentieres, verschiedener Rhinozerosse und anderer Tiere in der Braunkohle.

Oefter bebte der Boden unter mächtigen Erdbebenstösen. Aus zahlreichen Schloten des Hochlandes und seiner Randgebiete drangen Dampfschwaden in die Luft und im Südosten stand am Horizont die Rauchfahne des Riesenvulkans des Vogelberges. Unter unterirdischem Rollen stieg aus den Schloten eine dichte schwarze geballte Wolke hoch hinauf. Aus der Flanke der Berge brachen weißglühende Lavaströme, deren Farbe sich in tiefes Rot verwandelte und die Wolke, die über dem Krater wogte, ebenfalls rot färbte. Ein gigantisches Spiel von Feuer und Blitzen, von Rauch und Schall. Langsam flossen die glühenden Ströme die Bergflanken hinab und vernichteten alles Leben, das nicht vor ihnen floh. Aschenregen deckten die grünenden Wälder zu, puderten die größeren Bäume ein. Nach dem Ausbruch lag die Gegend in trostloser Oede da. Ueberall Asche, meterhoch. Schlackenbomben, Capilli dazwischen, verbrannte Sträucher, Bäume, schlammige, teigige Gewässer.

Die erstarrten Lavaströme hatten die Sumpfgebiete teils zugedeckt, sie pressten durch ihr Gewicht die Schichten zusammen. So finden wir sie heute in den Braunkohlengruben. In einer angeschnittenen Schicht aus einer Breitscheider Grube fanden sich die Knochenreste eines Riesenkohlentieres, von dem auch Zähne gefunden wurden. In jenen Schichten haben sich auch Knochenreste eines hornlosen Nashornes gefunden, deren Beschaffenheit mit unwiderleglicher Deutlichkeit das Schicksal des Tieres erzählen. Die Knochen sind angekohlt und lagen in einer Sumpfschicht neben Sumpfschnecken und Schalentrümmern von Landschnecken. Daraus ist zu schließen, daß das Tier, von einem Vulkanausbruch überrascht, gerade noch das Ufer eines Sees erreichen konnte, dann aber erschöpft zusammenbrach und von heißen vulkanischen Aschenmassen zugedeckt wurde. Die Knochen (eigentlich die fetthaltigen Schichten derselben) kohlten an. So enthüllt uns heute noch die Braunkohle bei aufmerksamer Beobachtung aller bedeutsamen Fundumstände manche Tragödie jener längst versunkenen Zeiten.

In den folgenden Ruhezeiten bildete sich von neuem Sumpf- und Pflanzenwelt, die Tierwelt wechselte wieder in die alten Gebiete hinüber, und alles wurde wieder wie vordem. Dann kamen neue Eruptionen, neue Zerstörungen und wieder setzte das Leben zum Angriff an. So wechselte das viele Male.

Am Ende der Tertiärzeit war das Klima in unserer Gegend ein halbtropisches Trockenklima. Der Grundwasserspiegel war gefallen und die Kräfte der Verwitterung begannen die Gefilde unsere Heimat zu modellieren. Nichts ist aber wahrzunehmen von unsern Tälern, vielleicht hatte die Dill schon ihr Urbett angedeutet. Reste dieses Urtales der Dill glaubt man gefunden zu haben. Auf weite Strecken hin war unsere Gegend eine einheitliche Hochfläche in etwa 300 Meter Meereshöhe. Ueber sie hinaus erhoben sich nur die erloschenen Vulkankuppen, die auch heute noch der nun zertalten Gegend das Gepräge geben.

Dann kam die Zeit des großen Eises. Ein wichtiger Fundort der damaligen Lebewelt ist der Schuttkegel unterhalb des Wildweiberhäuschens (Wildweiberfelsen) bei Langenaubach. Seine Ablagerungen stammen zum großen Teil aus der letzten Eiszeit, denn in ihnen finden wir zahlreiche Knochenreste der hochnordischen Tierwelt. Das Rentier lebte hier in großen Herden, die nordische Wühlmaus, der Halsbandlemming, der Schneehase, das Moorschneehuhn und andere Eiszeittiere vegetierten auf der eiszeitlichen Tundra.

Da geschah aber drüben in der Eifel etwas, das so große Auswirkungen zeitigte, daß auch unsere Gegend bis Marburg hinaus in deutlich erkennbare Mitleidenschaft gezogen wurde. Das war ungefähr 10000 Jahre vor der Zeitrechnung.

In der Tertiärzeit war schon immer die Eifel der Schauplatz gewaltiger vulkanischer Ergüsse gewesen. Viele, viele Basaltkuppen zeugen noch heute davon. Man weiß aber auch, daß noch in der Eiszeit verschiedene Vulkane des Eifellandes gespieen haben, ja man kann mit Bestimmtheit annehmen, daß sogar der Urmensch unserer Gegend Zeuge jener gewaltigen Vorgänge gewesen ist.

Still und verträumt liegen heute die Eifelmaare da. Himmelblaue Augen der Landschaft nennt sie der Dichter. Ob er wohl ahnt, welche gigantischen Kräfte sich einst in ihnen entluden? Mit gewaltigem Drucke hatten sich damals Gase in dem Schlote zusammengepresst und drückten von unten auf den bereits erstarrten Lavapfropf. Wie bei einer Sektflasche knallte der Pfropfen eines Tages los und die Gesteinsteilchen wurden zu Sand zerstäubt, unter Riesenexplosionen hoch hinauf in die Luft gestoßen. Der Wind bemächtigte sich dieser aschegeladenen Wolken und trug sie weithin über die Gegend. Weite Strecken wurden eingedeckt oder eingepudert – das Ende war eine grauenvolle Oede. Im Laufe der Zeit wurden die leichten Massen weggeweht oder fortgeschwemmt und hielten sich nur an den Osthängen oder in Mulden. Diese Orte bilden heute die Bimssandnester (Dachssande des Volksmundes) unserer Heimat. Am Wildweiberhausfelsen wurden die eiszeitlichen Tierreste von dieser Aschenschicht eingedeckt, sie bildet so einen wertvollen geologischen Zeitmesser, eine geologische Uhr der Heimat.

(Heinzcarl Bender)

Verschiedenes
Sprachliches

(Aufklärung einiger mundartlichen Sprachformen)

Die Doh“ (nasal gesprochen; der Trägerbalken durch die Mitte des Hauses), von dehnen hergeleitet, bedeutet eigentlich “ die Decken, das Ausgedehnte, Ausgebreitete. In andern Gegenden wird auch die ganze Decke „Doh“ genannt, bei uns nur der Trägerbalken. Die Sense ist aus der Doh, d.h. aus der Richtung, Spannung.
Der Ern“ (der Hausflur) kommt vom lateinischen area = offener Platz, Tenne. Verwandt sind Ar und Areal (Fläche) (ern). (Da die Aussprache mit unsern gewöhnlichen Lautzeichen nicht genau wiedergegeben werden kann, so hab ich sie in der Wissenschaft üblichen Schreibweise beigefügt.
gibhche“ (gähnen) kommt wahrscheinlich vom englischen to gape (gesprochen gehb) = gähnen, aufsperren. Das Wort haben wir auch in unser gebbchen, d.h. in der Redensart „nach dem Atem oder rasch nach Luft schnappen.
Die Schloht“ (Das in längliche Form zusammengeschlagen Heu, auch eine Reihe zusammengeworfener Kartoffeln). Der Ausdruck kommt von „schlagen“. Er ist wohl auf den Kartoffelacker übertragen worden.
Die Zich“ (Kissenüberzug), meist geschrieben „Zieche“, wird von den Sprachgelehrten hergeleitet vom theca (lateinisch) welches, „Hülle, Decke“ bedeutet und auf einer Wuzel das in der Bedeutung vom setzen, stellen, legen beruht. Die Zich ist also etwas zum Hineinlegen. Mit „Zieche“ verwandt ist „Theke“, der Ladentisch zum Auflegen von Sachen; ferner Hypothek, die Unterlage, der Unterpfand; auch Azetheke soll zur Verwandtschaft gehören. Wer hätte unserer Zich solch vornehm Familienzugehörigkeit zugetraut? Die Zich ist eine Ernennung an die alte, arme Zeit, in der sie auch als Tragsache diente. Die Zich und der Kasten in Häuserrat der armen Leute. In einem Presbyterialprotokoll 1761 „Zippe“ geschrieben.
Der Planner“ (in verächtlichem Sinn für „Wäsche“ gebraucht) ist das Wort „Plunder“.
Der Blauel“ (das Brett zum „Platzen“ der Wäsche) wird hochdeutsch Bleuel geschrieben von bleuen, bleuwen = schlagen. Vergleich auch „Einbleuen“.
Das Barmszeug“ (ein Gewebe aus Leinen und Wolle) soll aus „Barnwendszeut“ (Beiderwandszeug) zusammengezogen sein, weil bede Seiten (Wände) gleich aussehen und nach außen gewandt und getragen werden können.
Die Kob“ (Haferspreu) wird „Kaf“ geschrieben. Mandur, Anzug, Kleid ist das französiche montour.
Das Schmische“ (Halsschmuck) kommt von den französichen chemisette = Hemdchen.
Das Killer“ (kelar) (Hemdkragen) kommt vom lateinischen colane der Hals. Vergleiche das französiche collin, Halsschmuck, und den Koller der Ritterrüstung.
Das Untermetzgen“ ist ein Frauenwams. (Witzchen)
Das Lichthorn“ (Häfnerauge) hat nichts mit „Licht“ und „Horn“ zu tun, sondern heißt richtiger „Lichdorn“, oder „Leichdorn“ von lich = Leib, Haut; also ein Dorn in der Haut.
Der Dobb“ (dob) (Pfanne des Hüftknochens, des Hüftgelenkes) heißt „Topf“, denn die Grundbedeutung von Topf ist „Vertieftes, Ausgehöhltes.“ Davon die Redensart: aus dem Doppf.
Das Gedöpp“ (Getöpp, Getöpf) gehen, d. h. aus dem Zusammenhang herauskommen. Sonst sagt unsere Mundart für Topf „Debbe“.
Die Äbern“ (Augenwimpern oder Augenbrauen) ist aus „Augenbraue“ zusammengezogen.
Der Krammel“ (den Krammel haben = heiser sein) Kehrein deutet das Wort als „Krampf“. Das scheint mir verfehlt. Ich halte das Wort für eine Lautnachahmung; eine treffliche Tremalerei. Passend ist auch, Fröschgeschlorrer für Froschlaich.
Das Geducks“ (leichte Erkältungskrankheit, die häufig auftritt). Das Wort ist wohl abzuleiten von „Duck“, eine alte Form für „dick“, welches Wort noch vereinzelt von alten Breitscheidern gebraucht wird für „häufig, oft,“ z.B. „der Schornsteinfeger kommt auch so dick“. Im Siegerland ist „diche“ für häufig noch immer gebräuchlich. Demnach bedeutet „Geduchs“ wohl die zahlreich verbreitete Erkältungskrankheit.
Der Groppe“ (eiserner Kochtopf) und Griebe (die ausgebratenen Stückchen Speck oder Schmalz) sollen derselben Wortfamilie angehören, ihre älteren Vorfahren haben die Grundbedeutung „rösten“. Unser mundartliches „Keb“ (Mehrzahl Debe oder Kewe) für krustigen Hautausschlag ist auch das Wort „Griebe“, weil die Kruste den Grieben in der Pfanne ähnlich sieht. Daher sagt man auch scherzweise zu einem Kind mit einem solchen Ausschlag am Mund; „Dau seist ‚en Pärrner hinerr de Gräuwe gewest.“
Der Schmant“ (für Michrahm) ist flawischen Ursprungs und heißt im böhmischen smant.
Die Blabs“ (blab) (der Rest Milch im Topf) ist ein zu „bleiben“ gebildetes Hauptwort, die Blab, die Bleibe, das Übrigbleibende.
Die Dung“ (geschmiertes Stück Brot). Die „Dung“ heißt richtiger „Tunk“ noch besser „Getunkt“, denn es ist das Wort höchstwahrscheinlich von „tunken“ abzuleiten, vom Tunken des Brotes in irgendeine geeignete Flüssigkeit, wie Soße, Suppe, unter Honig und dergleichen. Das Wort ist nicht weit verbreitet, tritt auch in den bekannten größeren deutschen Wörterbüchern nicht auf. Eine ausführliche Begründung darüber, daß es vom tunken abzuleiten ist, habe ich aus hessen-nassauischen Wörterbuch nach Warburg gesichtet. In einem Gedicht über „Tischzucht“ aus dem Jahre 1645 fand ich auch die Mahnung: „den Wein ausdünckle nicht!“ und: „das angebissen Duncke auch nicht wieder ein, nicht wie ein Aff umgaff, nicht schmatze wie ein Schwein.“
Die Brutrog“ (hölzerne Vorrichtung zur Aufbewahrung des Brotes). Schütz schreibt Brodraige und Kroh Brotraze von raze = Scheiterhaufen.
Rahl“ (Stange zum Aufhängen der Wäsche) kommt von „ragen“; vergleiche Rahe, die Segelstange, auch das englische Rail = Geländer, Schlagbauten.
Widd“ (eine gedrehte, biegsame Gerte zum Binden) ist das Wort Wiede, eine Nebenform von Weide (Weidestrauch). Dazu stellt Stücke in seinen Wortsippen auch das Wort „Langweide“, die Verbindungsstange zwischen Vorder- und Hinterwagen. Nach Anden bedeutet „Weid“ schlichthin „Holz“. Der Wiedehopf heißt in unserer Gegend Wißhobch, sein Name bedeutet „Holzhüpfer“. Das Flüsschen „Wied“ auf dem Westerwald soll den Namen auch von der „Wied“ (unserer Widd) haben; darüber die bekannte Sage.
Das Schuttescheusel“ (die Vogelscheuche) heißt nicht Schutzescheusel, wie Philippi in einem seiner Bücher schreibt, sondern „Schotenscheusal“, das Scheusal in den Erbsenschoten.
Der Gord“ (ein Mensch, der außergewöhnlich viel ißt) ist das Wort „Gardist, Gardesoldat“. Vielleicht stammt das Wort in unserer Gegend aus einer Einquartierungszeit, wo die Hausfrauen zu ihrem Schrecken den großen Appetit der Gardisten beobachteten, wie z.B. nach 1813, als die Russen hier waren. „Man meint, du wärst ein Gord, sagt man heute noch zu einem Vielesser. Die gegensätzliche Bedeutung hat das Wort „Spähfräß“. Einer Frau aus Medenbach sagte man im vorigen Jahrhundert folgendes Sprüchlein nach: „Aich koche lauh en koche hort, Wos mei Sau nit frisst, dos frisst mei Gord.“
Der Onnern“ (bei uns der Nachmittag, etwa von 2 bis 6 Uhr, in andern Gegenden die Mittagszeit oder ein bestimmter Platz in der Gemarkung). Das Wort soll vom undern und untarn kommen und „Unterzeit, Zwischenzeit“ bedeuten. Der Kuhhirt „onnert“, d.h. er hält mit seiner Herde Mittagsruhe. Onnern bedeutet also wohl die Zwischenzeit, die Ruhezeit zwischen dem Morgen- und Nachmittagsweidegang. Bei uns hätte dann eine unberechtigte Übertragung des Wortes auf den Nachmittag stattgefunden. Rehorn deutet das Wort von „Ononner (?)“ = Halbschlaf.
Der Weikof“ (Freitrank bei Verlobung oder Güterversteigerung) wird meistens „Weinkauf“ gedeutet. In einer Verordnung der Dillenburger Regierung vom Jahre 1632 gegen Hochzeitsfeierlichkeiten steht: „seiner Kinder Handstreich und Weinkauff“. Das Weintrinken war in früheren Jahrhunderten auf den Westerwald billiger und verbreiteter. Rehorn deutet das Wort „Weinkof“ anders, nämlich als „Freundschaftsgabe“, von wini, der Freund, und gore, geben.
das Howitche“ kommt von „haben“ und ist eine Verkleinerungsform von „Gabe“; es bedeutet: „kleines Vermögen“. Redensart:“Die gift ‚s ganze Honwitche noch furt“.
Der Schlafitch„, jemand am Schlafitch kriegen, soll „Schlafittich“ bedeuten; den Vogel von Schlagfittich nehmen, an den großen Federn nehmen, bedeutet ihn kampfunfähig machen.
aus dem ff„, zum Beispiel: „aus dem ff Schläge kriegen“, ist ein Fachausdruck aus der Musik, ff heißt fortissimo = sehr stark.
Die Däll“ (kleine Vertiefung) ist eine Verkleinerungsform von „Tal“; im englischen bedeutet dell Tal, Schlucht. Dill (der Fluß), in alter Form als „Dylle“ auftretend, bedeutet wohl das Flüsschen, das durch das Tal läuft; „Eine Dill im Kinn haben“, Dille in den Backen haben, gehörte zu den „sieben Schönheiten“.
Der Pat„, der Pate, kommt vom lateinischen pater = Vater. Daraus erhellt schon die hohe Bedeutung, die dem Wort immer beiwohnt. Im 17. Jahrhundert trugen die hiesigen Pfarrer die beiden Gewattern (meist waren es zwei und nicht 6 wie heute!) im Taufbuch ein als compater, d.h. Mit-Vater und commater, d.h. Mit-Mutter, oder als propater, d.h. für den Vater und promater, d.h. für die Mutter. Die Unsitte, sechs Gewatter zu nehmen, hat den Pat und die Goll in ihrer Bedeutung für das Kind entwertet.
Die Goll„, die Patin, ist nicht klar zu deuten. Es ist wohl die Verkürzung aus Godel, spottel und wird meist „Gote“ geschrieben. (In den Dillenburger Intelligenznachrichten fand ich die Mehrzahl: Godeln“). Es wird als eine Koseform angesehen von gotmuoter (Gottmutter), gota, gote, gotte. Wahrscheinlich stecken in dem Wort „Gote“ die Begriffe „Gott und gut“. In der „Gote“ soll dem Kinde die göttliche Liebe zum Ausdruck kommen, sie soll dem Kinde gut sein, ihm die Mutter ersetzen, wenn es nötig wird. Man hat auch so gedeutet: Die gotmuoter soll das Kind Gott in der Taufe darbringen.
Der lade“ für „Vater“ hat auch verschiedenartige Auslegung gefunden. Das Wort ist bei uns im Aussterben begriffen. Nach Hildrich (im Westerwälder Schauinsland) soll es ein uraltes Wort sein, das unsere Urahnen aus Indien mitgebracht haben. „Schon im Sanskrit findet sich das Wort und lautet „Jatala“. Im Indogermanischen ist das „J“ weicher geworden und die Endsilbe fortgefallen. Wir haben schon den „Dede“ von heute. Er ist ein Ausdruck der Zärtlichkeit und gilt allen väterlichen Verwandten, bedeutet also Väterchen, Großväterchen, Onkelchen“. (Hildrich) „Dede“ gehört wahrscheinlich der Kindersprache an und ist ein Lallwort wie auch Mamme, Amme, Babbe u.s.w. Auch im Jüdischen (Tate, Tateleben) und Lateinischen (tata) findet sich das Wort. Hildrich ruft den Westerwälder Jungen zu: „Ihr Westerwälder Bauernbuben, behaltet ja euren „Dede„. Er ist etwas Altehrwürdiges und viel feiner als „Vater“ und „Pape“. Aber diese Wahrung ist ein Strich in die Luft, das Fremdwort „Papa“ verdrängt allmählich das traute Wort „Vater“. Schon habens die, die etwas Feineres, etwas sein wollen, aufgenommen. Ists einmal allgemein verbreitet, so genügts ihnen auch nicht mehr so, und sie werden, wie heute schon überspannte Städter, den Ton auf die Zeitsilbe legen und schließlich beim „Pa“ angelangen. Und wenn der „Papa“ ganz abgenutzt ist, kommt man vielleicht wieder auf den alten „Dade“ zurück.
Der Deupinker“ (jugendlicher Taugenichts, Unhold) ist eine Verunstaltung des Wortes „Diebhenker“.
Schworm“ (Wasserdampf) heißt „Schwaden“ nicht Schwarm.
Der Heraach“ wird gerne mit Hähenrauch ins Hochdeutsche übertragen, weil der Rauch von den großen Moorbränden hoch am Himmel hinzieht; das Wort wird aber in der amtlichen Rechtschreibung nicht Höhenrauch sondern „Herauch“ geschrieben, niederdeutsch auch Heirauch, d.h. Trockenrauch, von hei – dürr.
Der Keraach“ (die Schwärze der Weißbinder) wird „Kienrauch“ geschrieben, auch „Kienruß“.
Der Rosp“ (die rosb) (rauhe Feile) heißt „Raspel“.
Trumm“ oder Tromm, heißt Bruchstück; ein Acker, der in der Mitte zu geteilt worden ist, ist getrummt, geteilt worden; vergleiche „Trümmer“ = kleine Stücke, ferner das mundartliche
der Trompäl“ das ist etwas Geringes; Redensart: etwas für einen Trompel verkaufen; auch
Die Trommsäge“ (Trummsäge) hängt damit zusammen. Der Baumstamm wird damit getrummt, geteilt.
Das Aduch“ (der mit Steinen gefüllte Abzugskanal). Dieses Wort wird in verschiedenen Formen hochdeutsch wiedergegeben. In einem hiesigen Kirchenbuch steht dafür 1764: “ Antauche“, ebenso in den Dillenburger Intelligenznachrichten von 1789. Weigand schreibt „Andeuchklk“, Kehrein „Abteich, andere „Abdeich. Dr. Berthold vom Hessen- Nassauischen Wörterbuch in Marburg schreibt mit (wie auch Herr Kopper), daß es vom lateinischen aquae ductus komme, d,h. Wasserleitung, von aqua, das Wasser, und ducere, führen.
Der Hehlt“ (der held) (der Abfall beim Getreidereinigen außer beim Hafer, wo er „Kob“ heißt). Ich vermute, daß das Wort zur Wortfamilie „hehlen“ gehört. Hehlen bedeutet, bedecken, verbergen. Mit „hehlt“ wird der Boden bedeckt beim Streuen im Stall und bei Glatteis. Noch einige zur Verwandtschaft gehörende Wörter seien angefügt. Die Wurzel von „hehlen“ heißt hel = bergen. „Hel“ hieß die Göttin der Unterwelt, der Hölle, welch letzteres der Aufenthaltsort der Toten war. Hel war auch als die Erdmutter, die Beschützerin des Hauses, dessen Mittelpunkt der Herd, die Feuerstätte war. Einen Kochherd gabs in früherer Zeit nicht; da wurde der Kessel an eine über dem Feuer befindliche Zahnstange gehängt. In einer alten Breitscheider Kirchenrechnung aus dem 17. Jahrhundert fand ich aufgezeichnet, daß fürs Pfarrhaus eine „Hel“ angeschafft worden sei. Auch unser mundartliches „helinge“ = heimlich hat die Bedeutung „verborgen“. Es macht keine Schwierigkeit, mit dem Wort „Hehlt“, den Ausgangspunkt unserer Betrachtung, den Begriff hehlen, bergen, in Verbindung zu bringen.
Der Plusch“ (ungeordnetes großes Strohbündel) wird „Bausch“ geschrieben. Vergleiche die Redensart: „in Bausch und Bogen“.
Der Schab“ (Bündel Stroh) heißt hochdeutsch „Schaub“ und ist zu „schieben“ gebildet. Ein Strohbund ist etwas „Zusammengeschobenes“. Zu dieser Familie gehört auch „Holzschuppen“, ein Raum, in welchem Holz geschoben wird.
Das Lingsel“ heißt „Längsel“, das gelängte Strohseil.
Die Raaf“ (die raf) (die Leiter im Stall, die das Futter hält) heißt „Raufe“, weil das Futter durch die sprossen gerupft wird, rupfen ist ruckmäßiges, verstärktes Raufen. Haarapper = Heurupfer.
Der Sorkessel“ (der große Waschkessel) heißt, „Siedkessel“ von „sieden“. Zu „sieden“ ist auch der „Sudder“ in der Pfeipe gebildet. Das im Siedkessel gekochte Häcksel heißt „Sen“ in unserer Mundart, das bedeutet, Saäde:
die Schmick“ und Schmitz haben zum Grundwort: „schmeißen“. (Schmik, der Faden aus Hanf an der Untergeisel, und Schmitz, der rasch und kräftig gemachte Strich).
Die Schloof“ (die slöf) (das Treppgestell für den Pflug) ist das Wort „Schleife“, weil der Pflug darauf geschleift wird.
die Kissel“ (Es macht Kissel, d.h. Hagel) heißt, Kiesel, weil die Hagelkörner die Form von Kieselsteinen haben. Wenn „Kissel“ die geschärfte Form von „Kiesel“ ist, so darf diesem entsprechend geschlossen werden, daß „Kiß“ das Wort „Kies“ ist. Der Kiß ist ein Querbrett am Wagenrumpf. Das Kiesbrett muß benutzt werden, wenn Kies oder Sand gefahren wird. Aus andern Gegenden, wo Kies gefahren wird, mag das Wort zu uns gekommen sein. In dem Wort „Backeskiß“ Backhauskies, haben wir unzweifelhaft eine Begriffsübertragung vom „Wagenkies“, denn der „Backeskiß“, Backhauskies hat dieselbe Form (Trapez) wie der Wagenkies, nur umgekehrt.
Die Hurd“ (eine der beiden Wagenleitern) ist die alt- und mittelhochdeutsche Form (hurd) des Wortes „Hürde“ bewahrt. „Hürde“ bedeutet eigentlich „Flechtwerk aus Reisern“; bei den „Pferchhürden“ und dem „Hürdchen“ zum Dörren von „Schnitzen“ ist diese Bedeutung deutlicher erkennbar. Die beiden Wagenleitern zusammen heißen die „Heer“, d.h. die Hürden. Der Hürdenbaum wird mittelst der „Leeschekinge“ an den „Rungen“ befestigt. Das Wort Kinge heißt Rine. Für „Leesch“ glaube ich bei Kehrein die Form (Liesch oder Liehs) gefunden zu haben. In den Wörterbüchern tritt das Wort „Lünse“ auf, das auf die indogermanische Wurzel zurückgeht und den Ochsnagel bedeutet, der das Herauslösen des Rades aus der Achse verhindert. Für dieses hochdeutsche „Lünse“ (den Achsnagel) sagen die Breitscheider „Luche“. In der ersten Silbe lu hat unsere Mundart also die alte Wurzel für „lösen“ erhalten. Das „che“ scheint die Verkleinerungssilbe zu sein: das Lünchen. (Leesche = hochdeutsch Leuchst =mittelhochdeutsch Lüchse, Lüchse = mittelhochdeutsch lune = Ochsnagel).
das Sillschit“ (das schwebende Querholz an der Wage hinter dem Zugtier) heißt „Sielscheit“. „Siel“ sit eine Nebenform von „Seil“. Am Sielscheit werden die Siele, die Zugseile, befestigt. Die Redensart im Hochdeutschen „in den Sielen sterben“ will sagen: bei der Arbeit sterben, wie das Tier in den Zugseilen.
Der Speß“ (Greifhölzer am Hafergestell) ist eine Form von „Spieß“. Speß heißt auch bei uns ein langes, spitzes Stück Holz. Speß und Spieß kommen von „Spitz“.
Die Bled“ (Das Querholz am Rechen mit den Zinken) im südlichen Nassau, „Blod“ gesprochen; mein Freund Kornrektor Becker meint, es bedeute „Blatt“. (Ich vermute aber, daß es das englischen blade ist, welches Klinge bedeutet. Die Klinge ist der Hauptteil am Messer, der Teil am Säbel, mit welchem geschlagen wird. Auch die Bled am Rechen ist der wichtigste Teil, mit welchem schlagende Bewegungen ausgeführt werden). Auf dem hohen Westerwald heißt auch der verbreiterte Teil des Schöpflöffels „Bled“, was wider mehr auf „Blatt“ hinweißt, denn „Blatt“, „platt“ und „breit“ sind verwandte Begriffe.
Das Riester“ (Streichbrett am Pflug). Grimm vermutet, daß dieses Wort im weiteren Sinne „Werkzeug zum Reuten“ (Reuden) bedeutet. Das Wort „Riester“ scheint nun weiter auf den Flicklappen an der Seite des Schuhes übertragen worden zu sein wegen der Form des Lederstückes und der Art der Anhaftung (an der Seite). „Riester“ soll ein mit der Nachsilbe tro gebildetes Hauptwort sein, althochdeutsch rioster, riostra, dessen Stamm auch in „roden“ und „reuten“ steckt.
Har“ (Zuruf an das Zugvieh, wenn es zu dem Manne kommen soll) ist das Wort „Her“. Bei Wiesbaden sagt man in der Mundart früher fast immer „Har“, bei uns nur in diesem Falle.
Hoit“ (Zuruf ans Vieh, wenn’s vom Fahrer weggehen soll) (nach rechts) heißt richtiger „hott“ und bedeutet eigentlich „vorwärtsgehen“, von dem Worte „hotten“ d. h. vorankommen. Ich vermute, daß unser „hottern“ (sich wieder machen) auch dieses „hotten“ ist. Das kranke Hinkel „hottert sich wieder“, d. h. es wird wieder besser, kommt vorwärts.
Hir“ in der Bedeutung von klein, dünn, schmal, soll das Wort „Hehr“ sein.
schroh“ (hässlich, gerstig) schreibt Graf Johann V. von Dillenburg in seinem Testament um 1500 „schrau“; er sagt, er habe des Kloster Kappel nur in einer „arme, schraue Art“ bauen können. Das Wort ist in verschiedener Form weitverbreitet. (im Englischen, Holländischen, Bayrischen u.s.w.); die Grundbedeutung soll „mager“ sein. Alles Magere ist ja meist auch unschön.
gest“ ist die Kuh, wenn sie ein Jahr nicht gekalbt hat, also wenig ergiebig an Milch ist. Die „Geest“ bezeichnet im Norden Deutschlands das trockene, unfruchtbare Land. Ich stelle die beiden Werte zusammen, denn unschwer läßt sich nach Form und Begriffsinhalt ein nahes, verwandtschaftliches Verhältnis erkennen. 1572, beim Bau der Festung Dillenburg mußte ein Wagen aus den Oberwesterwälder Kirchspiel mit „vier guten güsten Pferden“ bespannt sein.
raddkahl“ heißt nicht etwa „ratten kahl“ sondern radical, d.h. gründlich, von der Wurzel aus.
scheier“ (z.B. scheier Milch) ist das Wort „schier“ in der Bedeutung „rein“, „klar“, unvermischt.
absch und awig“ (verkehrt, linkisch) haben in sich den Begriff „ab“, etwas vom Gewöhnlichen Abstehendes, Abweichendes. Ein Acker liegt auf der „awig Seit“, d.h. auf der Nordseite, abgewandt von Licht und Sonne. Ein „äbscher Knoche“ ist ein verkehrter Mensch.
lomm„, richtiger „lumm“, ist eine Nebenform von „lahm“ und bedeutet, schlaff, locker, z.B. der Arm eines Kranken fählt sich „lomm“ an. Alte Kartoffeln sind „lomm“. Von diesem „lumm“ kommt auch „Lümmel“, ein lockerer leichtfertiger Mensch. Für „lahm“ selbst sagt unsere Mundart „lohm“.
dasig“ (ch wie in ich gesprochen) heißt teigig (von Teig), ist „dahig“, wenn sich über dem Horizont eine lange, dünne Wolkenschicht hinzieht.
Es amert“ sich etwas nicht, d.h. vereinbart sich nicht miteinander.
klowe“ (etwas dick aufschmieren) heißt „kleiben“. An den Schuhen hängt der „dicke -klowe-.
Item“ ist das lateinische idem = derselbe, desgleichen, ferner. Es war früher bei Aufzählungen gleicher Art, allgemein gebräuchlich. Die Breitscheider Volkssprache hat daraus ein Hauptwort gebildet. Ein „Item“ ist hier ein Gründstück. Bilden zwei Nummern des Grundbuchs einen Acker, so sagen die Leute: „es sind zwei Item“.
Der Pähl“ (Die Bettdecke, mit Federn gefüllt) ist das Wort Pfuhl. („Urahne, gebickt, sitzt hinter dem Ofen im Pfuhl“)
affentierlich„, z.B. in der Redensart: „Das ist mir zu affentierlich“, heißt beschämend, schimpflich, vom französichen affront = Schande, Beschimpfung …
groforsch“ (selbstbewusst, kräftig) ist das französiche pro force = mit Kraft.
Louis“ ist auch französich; der schöne, deutsche Name dafür ist Ludwig. Ein deutscher Junge, ein Westerwälder Junge sollte nicht Louis genannt werden. Louis heißen auch die Zuhälter in den Großstätten. (Das mag den Leuten den Appetit an dem Namen verderben.)
die Horgäns“ ( Graugänse, Schneegänse) hat höchstwahrscheinlich mit „Hor“ – Haar nichts zu tun, obwohl die haarähnlichen Federn der Tiere am Nacken darauf schließen könnten. Das „Hor“ ist vermutlich verderben aus „Hal“. „Halgans“ sagt man im Taunus; dieses „Hal“ soll eine Verkürzung aus „Hagel“ sein, weil die Tiere auch Schneegänse heißen und „Hagelgänse“ sich dann auch auf die Wetterankündigung beziehen würde. Daß versucht worden ist, das „Hal“ auch anders zu deuten, will ich nur hier streifen. Die obige Auslegung ist die verbreitetste. Die bei uns in der Kartoffelernte mit großem Geschrei in der Form eines V durchziehenden Vögel sind meist Kraniche. Am 26. Oktober 1926 fand ein Junge auf der Linde einen abgestürzten Kranich, über dessen Größe sich die Leute sehr verwunderten.
Der Liwecker“ (Lerche) und Lerche sind verschiedene Formen desselben Wortes.
Der Marklof“ (Häher) heißt, Markwolf, Grenzwolf.
Der Sprih“ für Star kommt wahrscheinlich von den spruhenden, gesprengelten Gefieder. Geyer schreibt „Sprehn“.
Der Gähling“ (Gelbling) ist der Goldammer.
Rotbrüstchen“ heißt das Rotkehlchen.
Der Giwick“ ist das Waldkäuzchen. Abergläubische Leute glauben immer noch, es würde jemand sterben, wenn er in der Nähe eines Hauses ruft, wo er sich dem Licht genähert hat.
Der Gombert“ So nannte man auf dem Westerwald einen Hahn, welcher anstatt der Sichelfedern im Schwanz nur eine Art Haube trägt, was in Indogermanischen „Kumpfe“ heißt. Damit hängt dann auch das Eigenschaftswort „gombig“ zusammen, das soviel wie stumpf, abgerundet bedeutet“. (Hildrichs) Ob nicht die Deutungen Hildrichs doch zu gewagt erscheinen?
Die Ratz“ (Iltis) ist eine Nebenform von „Ratte“. Redensarten: „Der schläft wie ‚n Ratz“. „Etz seiste verratzt“ (d.h. verloren).
Der Molterof“ (Maulwurf) bedeutet „Molterwurf“, eigentlich Molter (d.h. feine, geriebene Erde) herauswerfende. Das Wort „Molter“ begegnet uns auch in der Mühle. Es ist der Teil des gemahlenen Getreides, den der Müller von der gelieferten Frucht als Lohn fürs Mahlen für sich zurückbehält.
Die Hamelmaus“ (Hausgrille) heißt das Tier wohl deshalb, weil es in unserm Heim ist, daher auch „Heimchen“.
Die Hutch“ ist die Kröte, von hutchen = herumkriegen, herumliegen (z.B. auch es hutcht jemenand hinter den Ofen).
Die Unk(e)“ ist bei uns die glatte Natter. Die eigentlichen Unke ist eine Kröte. Die Blindschleiche wird hier „Schlange“ geheißen und verfolgt, als habe man eine giftige Schlang und nicht ein nützliches Tier vor sich. Außer der Blindschleiche wird noch manches andere Tier ohne Grund verfolgt aus reiner Unwissenheit. Der Große Naturforscher Tschudi schreibt: „Wüßten es unsere Landbewohner, welche Wohltäter wir an diesen Ungeziefere Vertilgern haben, sie würden dieselben sorgfältig schonen“. Wir haben hier keine giftige Schlange, also kann man die Tiere in Ruhe lassen. Auch die „Hutch“ und den „gelben Schneider“. Diese Tiere hat die mutterlose Natur, weil sie sich nicht schnell fortbewegen können, zum Schutz gegen ihre Feinde mit Drüsen ausgestattet, welche ätzenden Schleim enthalten. Der Ätzstoff des „gelben Schneiders“ tötet Vögel und andere kleinere Tiere, dem Menschen ist er unschädlich. Noch harmloser ist der Saft, den die Kröte ausspritzt. Beide Tiere aber sind, wie auch die Blindschleiche, für den Gärtner sehr nützliche Tiere.
Die Schießotter“ ist die Eidechse. Vom raschen Dahinschießen.
gelber Schneider“ ist der Feuersalamander, die gewöhnlichen Molche die „Viergebeinsel“, der Tausendfüßler heißt „Hundergebeinsel“. Der „Kellerasel“ wird Kellerassel geschrieben; Assel bedeutet aber auch Esel, vom lateinischen asinus. Die Kaulquappen heißen „Viehköpfe“, die Froscheier „Froschgeschlorrer“.
Hollexe“ sind Hornissen. Ein Schwären (Geschwär) kann einem „hollexen“, er kann einem peinigen, wie der Stich einer Hornisse. Die Waben der Bienen, Hummeln u.s.w. heißen „Rose“. Davon „benrosig“, d.h. bienenrosig, bienenwabig (z.B. für holzige, löcherige Kohlraben). Die Ameisen heißen „Seigmetze“ von „seigen“.
Die Wasserhex“ ist die Wasserjungfer; der „Heckebock“ ist die Zecke oder der Holzbock (setzt sich in der Achselhöhle fest und saugt sich dort dich voll Blut).
Äbch“ ist wahrscheinlich eine Zusammenzeihung von Eppich. (Eine volkstümliche Deutung von Efeu ist „Ewig = Heu eine Doldenpflanze)
Der Burnkrist“ ist die Brunnenkresse, von französich cresson = Salatpflanze.
Die Käsblume“ heißt das Wiesenschaumkraut bei uns.
Die Bolzenblume“ (Trollblume) heißt die Blume, weil sie so stark wie ein Bolzen (bolzenstark) in die Höhe steht. (Kugelranunkel)
Hohlewieder“ ist die „schopfige Kauzblume“, von den alten Leuten als Heilpflanze gesammelt.
Sommertürchen“ heißt der Huflattich im Felde mit den gelben Korbblüten, als Frühlingsblume, die den Eingang in die warme Jahreszeit, das Sommerhalbjahr anzeigt.
Wolbeern“ (Heidelbeeren) schreibt Kehrein „Waldberren“, auch die Aussprache des Wortes im Siegerland deutet (deutlicher) auf „Waldbeeren“. Herr Kappers – Wiesbaden, (ein eifriger Mitarbeiter am Hessen-Nassauischen Wörterbuch), schreibt mir eine andere Auslegung. „Wobbeer“ laute im südlichen Nassau „Molber“, d.h. „Maulbeere“, bei uns seien die verwandten Anlaute W und M vertauscht worden. „Maulbbre“ sei entstanden aus dem lateinischen morcun (Maulbeere), das im Althochdeutschen mit peri zusammengesetzt worden sei.
Rombeeren“ heißen bei uns Himbeeren. Eine Verkürzung des Wortes „Brombeeren“. Die eigentlichen Brombeeren heißen hier „schwarze Rombirn“.
Krohfuß“ (gemeine Hahnenfuß) soll auch Kehrein „Drähenfuß“ bedeuten.
Der Durt“ im Getreidefeld ist der Taumellobch.
Die Schno“ Mehrzahl: Schnore, die Haferrispen, soll nach Stieler und Weigand mit „schneiden“ verwandt sein, was Grimm nicht als zweifelsfrei ansieht. Als hochdeutsch erscheint „Schnat“ und „Schnade“.
Die Schmäle“ (Grasart) heißt „Schmiele“, wohl zu „schmal“ gebildet.
Der Kihl“ (Gemüse) heißt Kohl; Kihlgärtchen = Kohlgärtchen.
Die Rommel“ (Dickwurz) ist eine Entstellung von „Runkel“ „Runkelrübe“. Runkel soll verwandt sein mit Ranken und soll wie dieses das Große, Massige ausdrücken. Ein „Ranken“ Brot ist ein großes Stück. Auch der Name der Stadt Runkel soll dieselbe Bedeutung haben. Das Runkeler Schloß macht auch besonders den Eindruck des Massigen. Für Runkelrübe steht in den Dillenburger Intelligenznachrichten von 1789 „Ranger“. Auch der Name „Dickwurz“ betont die Dicke und Stärke des Knollengewächses.
Die Gommer“ für Gurke ist wahrscheinlich eine Verunstaltung des lateinischen Wortes für Gurke.
Ketchesblum“ heißt der Löwenzahn bei uns, Kettenblume, weil die Kinder aus dem Schaft Ketten winden; auch „Saunelke“, von den milchigen Saft, also Saumilch.
Das Wäselämmche“ ist das Maßliebchen.
Grummet“ bedeutet „Grünmehd“, aus gruon mat entstanden; das grüne, junge Gras zum Unterschied von dem reifen Gras, das das Heu liefert. Heu, mundartlich „Haa“ kommt von „Hauen“, das abgehauene Gras. Heu wird in einer Urkunde von 1499 „Hauw“ geschrieben. „O diwyl das Hauw uff Hussen stehet“.
Die Grorl“ (die Gabel am Rechenstiel) wird „Gratel“ geschrieben, wenn Kehrein recht hat mit seiner Ableitung von „graten“, das im bayrischen soviel bedeuten soll wie „die Beine gespreizt stellen“.
Das Schlorrerfaß“ (Wetzsteinbehälter) heißt richtiger Schlotterfaß, von dem Schlottern, dem Hin- und Herfallen des Wetzsteins. Vergleiche: die Knie schlotterten ihm.
Die Hott“ (Hulde der Haselnuß) heißt „Hütte“.
Das Sülwin“ oder Selbin soll nach Kluge „Sahlband“ geschrieben werden. Damit bezeichnet man den Randstreifen an einem Stück Tuch. Übertragen ist die Bedeutung auf das Randstück an Kuchen; noch ein Acker am Rand wird wohl „Sälbinstück“ genannt. Möglich, daß das Wort doch mit „Ende“ zusammenhängt (neudeutsch „In“). Andere Formen für das Wort sind Selbende, Selfende.
Die Bull“ für Gosse, Straßenrinne, ist das Wort „Bolle“ und bedeutet Vertiefung; Vergeleich: Das Kleid bollt sich.
galern“ sich galern kommt von geil, d.h. lustig sein, übermütig; sich galern d.h. aus Übermut und Geilheit sich balgen und necken.
Das Krampholz“ (gebogenes Holz zum Aufhängen des Schachtviehs) kommt wohl von Krampe und Haken. Im übertragenen Sinn bezeichnet man hier mit Kramb einen Menschen, der sich bei einer Arbeit steifbockig und schlecht anstellt.
Die Buckse“ für Hose kommt von „Bock“, bockslederne Hose. Das Loch in der Hose heißt bei uns „Blick“ (die Blick) weil durch dasselbe das Hemd blickt.
Die Bridsch“ (Der Absatz bei der Treppenwendung) ist das englischen Wort bridge, für Brücke.
Der Stautzweck“ sonst auch Stutzweck genannt, ist heute bei uns in Abgang gekommen. Um 1888 erhielten ihn die Kinder in Breitscheid noch oft als Patengeschenk. Er hatte die Länge und die Breite eines langen Brotleibes, war an beiden Enden zugespitzt. Nach Spielmann klärt sich der Name etwa in folgender Weise auf. Der Grenzbegang war in früherer Zeit eine wichtige Angelegenheit. In manchen Gegenden wurden die Schulkinder in Begleitung der Lehrer mitgenommen, damit sie die Grenze der Gemarkung kennen lernten. Um sie auf wichtige Marksteine aufmerksam zu machen, wurden ihnen dort die Köpfe aneinander oder leicht an den Markstein gestoßen, „gestutzt“. Dann erhielten sie zum Andenken und zur Belohnung eine Anweisung, einen „Denkzettel“, zum Empfang des sogenannten Stutzwecke“.
Noch einige mundartliche Ausdrücke: gimmern = schwingen, hauptsächlich nach stoßen an einem Gegenstand gebraucht, z.B. der ganze Arm gimmert mir, so habe ich mich gestoßen.
gnolbch“ (dumpfes) einen Krug, Topf u.s.w. an einen Gegenstand stoßen im Vorbeigehen, ohne daß er zerbricht.
pärds“ oft aus und einlaufen, z.B. die Kinder in der Stube.
triwelieren“ = treiben („Triwelegen doch net immer vor mir“).
stompch“ mit der Faust einen Menschen anstoßen.
hicheln“ = das Wiehern des Pferdes.
oiwern“ (geschlossen) aufrühren, z.B. in einem Eimer, oser den Kaffee in der Kanne „uffoiwern“.
Klunk“ = Krug
dotze“ = Vogelnest ausheben.
motze“ (geschlossen, auch dotze) = schmollen, dickköpfig sein.
lonze(n)“ = schlafen, ein bisschen leicht schlafen, nodem aich e bißche gelonzt ho, da gihts werrer.
korme“ = klagen, der Kormer.
dimmeln en demeln“ = gehen lassen wie es will, „deu häste alles dimmlen en demeln“.
rimpeln“ = etwas schlecht nähen, flicken; das Gerimpel.
holwern„, ein leichtes Heulen der Kinder: „was holwerscht dau als immer!“
alweich“ sich einfältig, flabbchig stellen; „stell dich net su o.“ Der Flabsch, ein Mensch, der sich so stellt.
lungkeln“ aufschmiegen bei kleinen Kindern, um etwas zu ruhen (Su, lunkel dau dich hibsch!“).
Gemotzel“ dicke Bepackung: „was host dau fir n‘ Gemotzel im de Hals!“
munke(n)“ etwas trocken und mühsam essen: „aisch ho naut ze trinke, aich muß mei Dunge troi munke“.
Schlampich“ ein unordentliches, unsauberes weibliches Wesen.
Wembch“ eine dicke Frau; „su `n dicke“ Wembch.“
trischake(n)“ das vieh misshandeln.
lärrern“ (ledern), das Fell gerben, misshandeln: „wos lerrerscht dau su o‘ dien Vejh!“
laustern“ (lauschen) „etz lauster!“ = hire zu!
Ein „Munds“ geben = einen Kuß geben.
Getrattel“ viele kleine dinge derselben Art, z.B. Äpfel: “ Das Getrattel kann mer net all blecke“ (pflücken).

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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