Heimatbuch-22

Braunkohlen

Es war einmal in alter, alter Zeit, da war die Urahne Erde jung und hitzig im Blut; gar nicht verständig und sittsam, vielmehr unbändigen Sinns, und konnte ihre Brunst nicht meistern. Damals waren alle Kinder der Erder übermäßig groß und stark aus der ersten unverbrauchten Kraft, und alle Tiere waren Ungeheuer. Auch die Strut war noch nicht an ihrem Platz, sondern ein Urwald war dort; so dicht überdacht und verästelt, daß selbst am Mittag die helle Sonne nicht mit ihren Spießen das Dunkel aus dem Wald jagte. Nur die Zeit war dieselbe damals und heute und ging und kam und brachte Leben und Sterben mit sich. Einmal, niemand weiß die Ursache, überkam die Erde eine jähe wilde Stunde. Sie riß ihr Gewand auf, Feuer brach aus ihrem Leib; flüssig siedend heißes Lebensblut, und flutete über den Urwald auf der Hohen Heide, daß alles Leben darin versank und unterging. Und als das Feuer erkaltete, war ringsum kahle, erschrockene Heide vom Himmel und schwarzes Gestein, das noch heiße Funken sprüht unter dem Schlegel, weil es das geronnene Feuerblut der Erde ist. Und als ein steinern Mal jener Zeit ist die Struht entstanden. Und heute in Urenkelzeiten holt der Bergmann den Urwald aus der Erde als Braunkohlen.“ (Philippi).

Die Braunkohlen wurden früher „unterirdisches Holz“ genannt. Der erste Bericht auf dem Westerwald wurde im Jahre 1585 im Breitscheider Wald „abgesunken.“ Ob der Betrieb damals ein wenig aufgenommen worden ist, und wie lange, darüber sind keine urkundlichen Nachrichten vorhanden. Am wahrscheinlichsten ist, daß es damals bei Versuchen geblieben ist, denn der Holzmangel auf dem Westerwald war zu dieser Zeit noch nicht so groß, daß die Not zur Aufnahme des Betriebs gezwungen hätte. Man wüßte auch nicht recht, was man da in den schwarzbraunen Brocken vor sich hatte. Eine geologische Wissenschaft gabs noch nicht. Der Graf Johann in Dillenburg und sein Kämmerer Erasmus Stöver hielten den Fund ganz richtig für verschüttetes Holz. Der Kämmerer schickte eine Probe davon im Jahre 1595 an den Holzgräv Krüber in Allendorf in Hessen und fragte an, „ob das verschüttet Holz wäre.“ Dieser antwortete: Nein, er und sein gnädiger Herr irrten sich, „sondern es wären Braunkohlen, welche das Dach der Steinkohlen ausmachen, “ sie sollten den Stollen nicht zu hoch anlegen, dann würden sie Steinkohlen antreffen. – Nun fehlen wieder alle Nachrichten bis zum Jahre 1752. Damals verkohlten Köhler unterirdisches Holz im Breitscheider Wald und verkauften den Zain (12 Zentner) für 1 Gulden 36 Kreuzer. In 1752/53 bestand die Grube aus einem Stollen und einem Schacht, welcher auf den Stollen durchschlägig und 8 Lachter breit war. (Ich vermute, daß man überhaupt erst um 1750 den Betrieb auf der Grube bei Breitscheid aufgenommen hat. Um diese Zeit wurden auch die Gruben bei Stockhausen und Lorch angefangen.) Von 1762 bis 1768 wurde wieder ein Stollen getrieben. Wegen des sehr festen Gesteins kam das Lachter auf 100 Gulden zu stehen, und als man den Stollen auf 20 Lachter länge getrieben hatte, traf man doch nur ein schwaches Kohlenflöß sodaß man, nachdem der Stollen noch eine kurze Strecke fortgeführt worden war, die Arbeit enttäuscht wieder einstellte. Die Summe von 2600 Gulden war nutzlos verausgabt worden. (Nach Becher) Offenbar habe man das obere Kohlenflöz getroffen, das eine geringere Mächtigkeit hat als das untere. Die Halde über dem Altstück neben dem Gemeindebaumstück, ist wohl damals aufgeschüttet worden. Nun lag die Grube ganz still. Im Jahre 1779 machte die Dillenburger Regierung bekannt, die Gruben zu Breitscheid hätten seit 1768 still gelegen, wegen Mangel an Holz auf dem Westerwald sei es zu wünschen, saß sie wieder recht in Gang gebracht würden, und auf Ansuchen würde die fürstliche Berg- und Hüttenkommission der Gemeinde oder Einzelpersonen eine ordentliche Belohnung darauf erteilen. Es hatte aber niemand Lust, sich mit den Kohlen belohnen zu lassen. Die früher gemachten Erfahrungen waren nicht ermütigend.

Noch 1789, als Becher seine minerologische Beschreibung herausgab, war der Betrieb noch nicht wieder aufgenommen. Ja, die Grube hat 64 Jahre stillgelegen. Im Juni 1832 nahm eine Gewerkschaft den Betrieb wieder auf. So ist die Grube Ludwigs Zuversicht seit 1838 in Betrieb.
Die Grube „Trieschberg“ hat ein Rabenscheider namens Triesch („Trieschgrub“) entdeckt und angefangen. Als sie durch Kauf an eine englische Gesellschaft überging (um die Mitte des vorigen Jahrhunderts) (etwa 1850) erhielt sie im Volksmund den Namen „Engländergrube“, den sie bis heute behalten hat. Bergamtlich wird die Grube aber „Trieschberg“ genannt. Der Besitzer Gail ließ die Stollenverbindung zwischen „Ludwigs Zuversicht“ und Trieschberg herstellen; man sah nun, daß man in den beiden Gruben dasselbe Kohlenflöß in Abbau hatte. Seit einer Reihe von Jahren liegt die Grube Trieschberg still. Um 1903 kaufte die „Westerwälder Thonindustrie“ die drei Gruben von dem langjährigen Besitzer Aug. Gail in Dillenburg. Etwa 10 Jahre später verkaufte diese die Grube „Ludwig Haas“ alleine wieder für etwa denselben Preis an die Gewerkschaft Weiler.
Die Halde über der Kirche ein hässlicher Fleck im Landschaftsbild war schon in den 1840er Jahren aufgeschüttet. Hoffentlich verschwindet sie mal wieder, ein schöner Garten oder ein Obststück könnte an ihrer Stelle sein. – Der Eingang zur Grube „Ludwigs Zuversicht“ hat im Laufe der Zeit mehrmals gewechselt. Der erste Eingangsstollen lag im Ausflusse des Erdbachs. In den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts befand sich der Eingang zur Grube nördlich davon am Rabenscheider Pfad. Grubenhäuschen und Wege lagen dicht am genannten Pfad.
Die neue Inhaberin der Grube, die Thonindustrie, verlegte den Eingangsstollen wieder weiter nach Süden im Anfange dieses Jahrhunderts. Die Grube in der Langstruth ist die jüngste. Sie wurde im Jahre 1915 von der Gewerkschaft Storch-Schönberg Gosenbach in Angriff genommen.

Viel verdient haben die Besitzer früher nicht an den Gruben. Erst in diesem Jahrhundert und besonders jetzt in der Kriegszeit nähren sie ihren Mann. Kostet doch der Zentner Kohlen 1918: 1,60 M, 1919: 3 M gegen 1 M vor dem Kriege und 0,35 M vor 30 Jahren.
Die Löhne der Bergleute waren immer knapp und ihr Beruf gefahrvoll. Während der Kriegs- und Revolutionszeit waren die Löhne gut.

Nach 1832 fanden folgende tödliche Unglücksfälle auf den Breitscheider Gruben statt.

Am 20. September 1837 verunglückte auf der Grube Ludwig Haas, der Bergmann J.H. Schmit aus Langenaubach durch Sturz in einen Schacht während des Auswechselns der Zimmerung in demselben. Am 12. August 1843 wurde auf der Grube Ludwig Haas der Bergmann J. Metz aus Langenaubach verschüttet. Am 14. Februar 1845 wurde auf der Grube Ludwigs Zuversicht der Bergmann P. Betz aus Wirges verschüttet. Am 22. November 1852 erstickte auf der Grube Ludwigs Zuversicht der Bergmann J. Krämer aus Medenbach in bösem Wetter in einer Abbaustrecke.

Die Entstehung der Kohlen aus Baumstämmen wird noch vielfach in der Bevölkerung bezweifelt., selbst von Bergleuten, die doch die Holzstruktur noch deutlich wahrnehmen. Wie sollen übrigens die Reste von Pflanzen und Tieren unter die Kohlen gekommen sein, wenn die Erde von Anbeginn so fest und unverändert gewesen ist? Woher anders können diese stammen, als von einer untergegangenen Urwelt? Auf der Halde der Grube Ludwig Haas findet man in dem tonschieferreigen Gestein, das unter den Kohlen lagerte, Pflanzenabdrücke von vielen verschiedenen Arten, hauptsächlich Blattabdrücke. An Tieren fand man Reptilien und Reste von Säugetieren in den Gruben. Bergrat Frohrein berichtet, daß in dem Polierschiefer, der das Ausgehende des Kohlenflößes der Grube „Trieschberg“ bilde, Fröschlarven (Dickköpfe) gefunden worden seien, und in der Grube „Ludwigs Zuversicht“ Reste eines cucedilus und thieretherium Rüiggcri und modere Tiere im Tuff, 25 Fuß tief unter dem Kohlenflöß. Ein Bergmann fand vor zwei Jahren bei der Arbeit das Kugelgelenk eines Hüftknochens eines großen Säugetieres (Durchmesser der Kugel 4 ½ cm) Unser Schäfer meint, der Knochen könne von einem Tier sein von der größe eines Pferdes. Im Braunkohlenton bei Breitscheid und Gusternhain hat man auch häufig die Zähne vom großen Braunkohlentier gefunden, eine Art Schwein so groß wie ein Ochse. (Nassauisches Heimatbuch)

Walkererde

Schon 1780 wurde Walkernerde in der Breitscheider und Medenbacher Gemarkung gegraben. Sie wird als die beste im Bezirk bezeichnet. In unserem Jahrhundert ist die Walkernerdegrube zum Stillstand gekommen, 19… Die getrochnete Walkernerde wurde von den Fuhrleuten an die Bahn gefahren und ging dann nach Köln und Aachen, wo sie zum Walken der Tuche Verwendung fand. Der Zentner Walkernerde kostete in 1786 12 Kreuzer in 1861 30 Kreuzer.
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts fanden Arbeiter in der Walkernerde ein Tierknochengerüst, sie wussten aber den Fund nicht zu schätzen und zerstörten ihn unvorsichtigerweise beim Ausgraben.

Entwicklung des Dorfes

Wir sahen oben in dem Kapitel „Die Besiedlung unserer Gegend“, daß die ersten Jahrhunderte des Daseins unseres Dorfes in geschichtlichem Dunkel liegen. Erste Erwähnung Breitscheids geschieht in der Schenkungsurkunde des Grafen Heinrichs des Reichen im Jahre 1230 oder 1231, die im Staatsarchiv zu Wiesbaden aufbewahrt wird. Der Graf schenkt darin dem deutschen Orden zum besten des Hospitals zu Jerusalem Abgaben aus 13 freien Dörfern. Darunter befindet sich auch Breitscheid. Dieser Teil der Urkunde lautet; „item suserior Vrefe et Vrefe inferior, Totsheim, Budinscheit et Erdinebach solventes tres marcas ipsius monete, ad omne jus“. Das heißt: die nassauischen Dörfer Ober- und Nieder-Auroff, Dotzheim, Breitscheid und Erdbach zinsen zusammen drei Mark kölnischer Währung (jährlich) und zu allem Recht. Nach diesem kaum mehr als flüchtigen Auftauchen verschwindet der Name unseres Dorfes wieder, um wieder weiterem Dunkel Platz zu machen, bis es im folgenden Jahrhundert merklich heller wird um die Geschichte unseres Dorfes. Wie haben wir uns das alte Breitscheid vorzustellen? Klein, wie alle damaligen Ortschaften des Westerwaldes. Das will ja auch schon der Name besagen. Das „Bed“ sit das niederdeutsche „breit“, das „in“ ist Verkleinerungssilbe. Die Nachsilbe „scheit“ legte man gern Dörfern bei, welche auf bewaldeten Höhenzügen an einer Grenze lagen. Für Breitscheid ist der Naame zutreffend gewählt: das breit angelegte Dorf an der Wasserscheide, auch an einer Grenzlinie, die es nach Norden und Westen vom niederdeutschen Sprachgebiet scheidet. Nach ihrer Lage sind auch unsere Nachbardörfer Langenaubach und Schönbach benannt. Obwohl unser Dorf bei seiner ersten urkundlichen Erwähnung schon 500 Jahre bestanden haben kann, heißt es noch Bredinscheit = Klein-Breitscheid. Die Entwicklung der Dörfer, die Zunahme der Bevölkerung ging im Mittelalter außerordentlich langsam vor sich. Verherende Seuchen, „Nahme und Brand“ in den zahlreichen Fehden hielten die Bevölkerung am Boden.
So können die vielen Dörfer auf dem Westerwald in der Frühzeit ihres Daseins nur aus wenigen Höfen bestaden haben. Und klein haben wir und auch den Anfang einer jeden Siedlung vorzustellen. Der Gründer legte einen Hof an, oder bestenfalls ließ sich eine größere Sippe an dem betreffenden Platze nieder.
Die Wohnungen sind einstöckige, aus Holz und Lehm erbaute Häuser gewesen. (Selbst wenn besseres baumaterial zur Verfügung gestanden hätte, für die „armen Leute“, wie damals die Dorfbewohner im Gegensatz zu den Adeligen auf den Burgen, den strengen und festen Herren, hießen, war es nicht verlockend, dauerhafte Häuser zu bauen, denn in den Fehden wurden die Dörfer zerstört, an ihnen wühlte der rachsüchtige Feind sein Mätzchen, wenn er den großen Herrn treffen wollt.) Welche Ausdehnung Klein-Breitscheid gehabt hat, läßt sich nur vermuten. In altdeutschen Zeiten waren die Bauernhöfe genügend weit auseinander gebaut, aber in den unruhigen Zeiten des Mittelalters dränge man sich auf engerem Raume zu gegenseitigem Schutze zusammen, und so wird sich unser Dorf damals noch ganz innerhalb der mittleren und des nördlichen Bacharmes gehalten haben, in dem Raume zwischen Kirche, Rathaus und Pfarrhaus. Rathaus und Pfarrhaus gabs freilich damals noch nicht. Als Kernpalla unseres Dorfes word gern die Marbach angesehen.
(Was die Urbarmachung in der Gemarkung betrifft, so wird, als Breitscheid zum erstenmale urkundlich erwähnt wird, der größte Teil des Feldes schon gerodet gewesen sein, aber die Hochwiesen gabenes noch nicht, und so dehnte sich der Wald noch bis nahe ans Dorf.)
Die Urkunden, die aus dem 14. Jahrhundert über Breitscheid vorliegen, verbreiten schon mehr Licht über seine Geschichte. 1309 wird der Bau der Kirche erwähnt, und das Dorf darf nun einen eignen Kaplan halten. Vermutlich hat damals die Gemeinde das Pfarrgrundstück im Dorf der Kirche geschenkt. Von dem Rechte einen eignen Geistlichen halten zu dürfen, werden die Breitscheider auch gleich Gebrauch gemacht haben, denn 1349 erwähnen sie in dem Vertrag, den sie mit ihrem Kaplan abschließen, daß schon mancherlei Zweiung und Krieg zwischen ihnen gewesen sei. Ein trotziges, selbstbewusstes Bauerngeschlecht muß es gewesen sein, von der Not der Zeit hell gemacht und wach gehalten. Die reden nicht deutsch mit ihrem Kaplan. Am Eingang des Dorfes stand das Pfarrhaus, das Torhaus; der Kaplan darf es innehaben zu seinem Nutzen, aber wenn Krieg ist, wollen sie darauf sein, und zöge er nicht gerne davon, so wollen sie ihm das Seine davon werfen. Ein Porthaus ist an einem Tore errichtet, und ein Tor läßt auf eine Ummauerung oder Umzäunung schließen. Es soll zwar auch hier oder da ein Dorf gegeben haben mit einer Ringmauer, aber für Breitscheid ist es nicht anzunehmen; es deutet auch keine Spur darauf hin. Aber mit Zäunen waren die Ortschaften umgeben, schon um wilde Tiere abzuhalten, und dann auch, damit der Eingang ins Dorf auf bestimmte Tore beschränkt war, wo die Dorfwache ein Auge auf die nicht immer einwandfreien Zuwanderer haben konnte. Die Bewachung der Dörfer durfte auch in den nun folgenden Jahrhunderten nicht vernachlässigt werden. Noch im 17. und 18. Jahrhundert erschienen zahlreiche Verordnungen darüber wie sich die Dörfer das der Einwohner bedrohenden und beraubenden Gesindels zu erwehren hätten.
Die 8 Bauern, welche den Vertrag mit dem Kaplan 1349 schlossen, können wir wohl als freie Bauern, Vogtleute, ansprechen. Ihre Namen enthält die Urkunde. Breitscheid hatte schon 1309 den neuen Namen Breytscheyt, womit schon rein äußerlich sein Herausgewachsensein aus den kleinen Verhältnissen seiner Frühzeit angedeutet ist.
„Das Heim ist der liebste Fleck auf Eden, und es sollte der Mittelpunkt, wenn auch nicht die Grenze der Neigungen sein“. (Mes. Eddg.)

Breitscheid!

  • Dies Dörfchen ist mein Heimatland im lieben Westerwald,
  • wo ich’s am allerschönsten fand zum bleibenden Aufenthalt.
  • Und wenn ich auch ins Hessenland einmal verzogen bin,
  • wo ich auch liebe Menschen fand, nach Haus stand doch mein Sinn.
  • Hier lebt man froh und sorgenfrei wie nirgends in der Welt.
  • Mit Arbeit, welcher Art sie sei, ist es hier gut bestellt.
  • Jeder find täglichen Verdienst. Was will man denn noch mehr?
  • Und wer dabei noch richtig tippt, wird bald noch Millionär.
  • Rings grüne Wiesen siehest du und Weiden für das Vieh,
  • und fruchtbar Ackerland dazu. Not kennt der Bauer nie.
  • Dahinter siehest du sodann ringsum die Wälder stolz,
  • sie liefern reichlich jedermann zum Baun und brauen Holz.
  • Auch ist der Reichtum doch recht groß, den man in schwerer Schicht,
  • früh aus der Erde finstrem Schoß bringt an das Tageslicht.
  • Man findet gelb und weißen Ton und grüne Walkernerd,
  • auch Eisenerze grub man schon, und was sind die Kohlen wert?
  • Und wenn du hörst, wie rings in Kreis der Schüsse Donner schallt,
  • bricht man daselbst mit vielem Fleiß Kalkstein und Basalt.
  • Chamott und feuerfeste Stein erfreun sich großer Gunst,
  • und Töpfe, Schüsseln, groß und klein, die mach man hier voll Kunst.
  • So herrscht hier rege Industrie, es blüht der Bauernstand,
  • und bessern Wohlstand findest du nie im ganzen Nassauer Land.
  • Auch die Kultur vermißt man nicht. Auf Fortschritt stets bedacht,
  • hat man im Dorf elektrisch Licht bei Tag und auch bei Nacht.
  • Und käm hierher ein armer Wicht, der nichts fürn Durst sich käuft,
  • verdurstet er doch hier noch nicht, denn die Wasserleitung läuft.
  • Auch legte man vom Dorf nicht weit vorm Krieg den Bahnhof an.
  • Nach jahrelanger Wartezeit kam endlich der – Balkan – an.
  • Und wer daheim das Wasser scheut nach saurem Kobeitschweiß,
  • dem steht die Badeanstalt bereit mit Bädern kalt und heiß.
  • Gemeindesteuern warn früher hier ein unbekanntes Wort,
  • und wer das Dörfchen einmal sah, der wollt nicht wieder fort.
  • Drum hat das Elternhaus ich gewählt zum spätern Aufenthalt,
  • Weil es mir nirgends so gefällt wie in Breitscheid, im Westerwald.
  • Wer liebte denn nicht sein Heimatland, fand nicht die Heimat schön?
  • Ob sie im Tal, am Meeresstrand oder auf Bergeshöhn?
  • Und wärs ein kleines Fleckchen nur, wo meine Wiege stand,
  • es ist und bleibt die Heimatflur das liebste Stückchen Land.
  • Wohin der Fuß auch wandern musst, wohin das Auge schaut,
  • von überall galt doch mein Gruß der Heimat lieb und traut.
  • O Heimat, Heimat, liebster Ort, wie mächtig zog’s mich zu dir fort,
  • aus fremden Land mit ihrem Harm, das Herze müd und matt,
  • eilt ich zu dir. Wie ist so arm, wer keine Heimat hat.
  • Doch ist diese Heimat noch so schön, ist doch kein Bleiben hier,
  • ein jeder muß einst von ihr gehn und Abschied nehmen von ihr.
  • Wohl dem, der früh sein Herz bestellt und Gottes Gnad gewinnt,
  • daß seine Seel in jener Welt auch eine Heimat find.
  • O Heimat überm Sternenzelt, mein Herz zu dir den Weg erwählt!!!

R.M. – L.M.

Der Westerwald

  • Mein lieber, schöner Westerwald! Ob man dich auch verschreit,
  • und singt: „da pfeift der Wind so kalt“,
  • treu als dein Kind ich zu dir halt in gut und schlechter Zeit.
  • Die Wäller, die dein Schooß gebar, sind stark und deutsch geblüt,
  • die Fäuste hart, die Augen klar, doch innig ihr Gemüt.
  • Sind wir auch auf dem Westerwald, der oft geschollen rau und kalt,
  • aber daß hier warme Herzen schlagen, das wird dir mancher Freund schon sagen,
  • der in die Ferne mußte gehen und sagte: Auf frohes Wiedersehen!
  • Wer über unsre Heide geht, hört der Herde Friedgeläut,
  • oder im Winter in kalter Fahrt ein Schneegestöber dräut,
  • dann lieb ich doch den Westerwald und seine gesunden Höhn,
  • ein Rauschen durch die Wälder hallt so traulich und so schön.
  • Wer unsre Höhenluft genießt, das Blut gesund durch die Adern fließt.
  • Wems auf dem Westerwald nicht passt in der Tannenwälder Kraus,
  • der bleibe in dem Nebelpraßt der Täler still zu Haus!!!

Zum Schutze gegen die Weststürme erhielten die alten Häuser bis auf Manneshöhe herabreichende Strohdächer auf der Wetterseite.
„Unter den langen Dächern!“ betitelt Philippi eins seiner Breitscheider Bücher. Auch ein anmutiges Gedichtchen haben ihm die langen Dächer entlockt:

Das Dörflein

  • Wo die kahle, blache Heide,
  • formte eine hohle Hand,
  • hinter einem Wall von Tannen,
  • liegt manch Dörflein hierzuland.
  • Nachbarreich das firste Strohdach,
  • lehnet voneinander fest,
  • daß der Sturm, der wilde Räuber,
  • falle nicht in’s heim’sche Nest.
  • Weißlich vor dem grimmen Unhold,
  • zieht sich’s hingeduckt zur Erd,
  • mit den Dächern bis zum Boden,
  • nach der Wetterseit gekehrt,
  • Daß ihm über’n Rücken fahre,
  • Schadens aller Graus und Braus,
  • und nach vorn die blanken Fenster,
  • blicken weit ins Land hinaus.
  • Menschlein lerne von dem Dörfchen:
  • Kommt ein Sturmwind, schnell geduckt!
  • Und nach vorn mit hellen Augen,
  • in die Welt hinaus geguckt!

(Eingeschrieben von der 2. Tochter des Dichters, Ruth Philippi im Oktober 1920)

Die Zeit der napoleonischen Kriege hatte die Westerwälder noch ärmer gemacht. Große, schöne Gebäude entstanden nicht und die vorhandenen verwahrlosten sehr.
In den Jahren 1825 und 1827 fanden zwei größere Brände im Dorfe statt. Die Schulchronik berichtet darüber folgendes: „Am 26. August 1825, morgens zwischen 2 und 3 Uhr brach in den Scheunen des Johannes Henrich Schmidt und Johann Henrich Uhl plötzlich Feuer aus; die wütende Flamme ergriff bald alle umstehenden Gebäude, und das ganze Dorf war in großer Gefahr. Aber bei der herrschenden Windesstille glückte es den von allen Seiten und Orten zur Hülfe herbeigeeilten, dem Feuer Einhalt zu tun und die Gefahr abzuwenden. Es verbrannten 13 Wohnhäuser, 14 Scheunen, 4 Stück Rindvieh und fast alle Hausgeräte nebst Futtervorräten und Früchten. Über die Ursache des Brandes ist man in Ungewissen. Am 4. September hielt der Herr Pfarrer Westerburg die Brandpredigt.
Am 22. August 1827 morgens 10 Uhr brach abermals Feuer in dem Wohnhause des Johannes Georg aus, wodurch 16 Häuser und 13 Scheunen nebst Stallungen in kurzer Zeit ein Raub der Flammen wurden. Durch einen sehr starken Nordwind war dem Umsichgreifen der Feuersflammen kaum Einhalt zu tun. Über die Ursache des Brandes ist man im Ungewissen. Am 2. September desselben Jahres wurde die Brandpredigt von Herrn Pfarrer Westerburg dahier auf der Langwiese gehalten.
Soweit die Schulchronik. (Die damals fünfjährige Kuhlmanns Kerstin hat uns später erzählt, daß sie im Hemd aus dem Hause geflüchtet wäre.) Der zuerst erwähnte Brand in 1825 ist bezüglich seiner Entstehung erst viele Jahre nachher aufgeklärt worden. Der Brand war in dem Hause hinter Kuhlmanns Haus, neben dem jetzigen Schumanns Haus entstanden. Der Besitzer des Hauses hatte den Brand selbst angelegt. Wegen Verschuldung sollte er gepfändet oder sein Haus verkauft werden, und dem wollte er sich entziehen. Seine Frau bezichtigte ihn später in einem Streite selbst der Schuld in Gegenwart des im Hause arbeitenden Häfnergesellen.
Es war gut, daß im Jahre 1774 die Brandkasse gegründet worden war; denn nun konnten die Häuser wieder aufgebaut werden. Es entstanden jetzt die großen, geräumigen Bauernhäuser des Dorfes (wie Binnersch Haus an der Nordstraße, Kuhlmanns Haus, Uhls Peters Haus, Franze Haus u.s.w.) ganz nüchtern in der Bauart, ohne Verzierungen im Balkenwerk. Der einzige Schmuck waren die Auskehlungen im Holzwerk der Zimmerdecke und die schönen Haustüren. Letztere waren jetzt senkrecht geteilt, mit kunstvollen Schnitzereien versehen und meist grün angestrichen. Die Außentreppe bestand noch aus unbehauenen Platten aus Natursteinen, mit welchen auch die Küche belegt war. Der Stall war meist zur Hälfte in der Erde, die Dächer mit Schiefer bedeckt. Heute nach 90 Jahren, ist schon manches an diesen Häusern erneuert und verbessert worden. Aber die „Tellerbank“ an der Wand unter der Decke der Wohnstube war doch ein Schmuck und praktisch zugleich. Man hätte sie nicht so pietätlos abreißen sollen.
Am Erdbacherweg stand bis um 1830 nur das obere Kuhlmanns Haus. Die Nordseite waren Gärten, die Südseite Wiesen. Die Südseite ist erst im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts bebaut worden. Um 1830/40 entstanden auch die ersten Häuser im „Kleinen Frankreich“. Ein kleines Frankreich hat auch Schönbach und Straßburg im Elsaß. Vielleicht haben Soldaten den Namen, der in Straßburg einen alten armen Stadtteil bezeichnet, hierher verpflanzt. Nun ist das Bahnhofsgebäude dorthin gebaut worden, und „die Letzten werden die Ersten sein.“
1840 hatte Breitscheid 103 Häuser, 173 Familien und 598 Einwohner. Anfangs der 1840er Jahre wurde Stohlches Haus (Bürgermeister Georg) als erstes Haus auf diesem Platze gebaut. (Östliche Hälfte der Lückstraße).
1846 wurde das jetzige Pfarrhaus errichtet. Das alte Pfarrhaus stand an der Stelle der jetzigen Pfarrscheuer; Der Pfarrgarten an der Pfarrwiese erhielt 1868 den jetzigen eisernen Zaun. Das Holz zum Bau des Pfarrhauses soll aus dem Schwarzwald stammen und in Flößen den Rhein herabgeführt worden sein. In der Südmauer, welche den Pfarrhof nach der Straße (nach Schäfers Haus zu) abschließt, soll eine Flasche mit Schriftstücken und dergleichen für spätere Geschlechter eingemauert sein. Die Scheuer (Stall, Brauhaus) der Pfarrei (wahrscheinlich die auf der Pfarrwiese jetzt Eingang zum Mühlplatz) wurde um 1831 auf Abbruch verkauft. (Pfarrarchiv)
Der Saustall des alten Pfarrhofes wurde in den 1860er Jahren im „Kleinen Frankreich“ wieder aufgeschlagen und bildete das Breitscheider Armenhaus. Das war sicherlich kein Beschluß im christlichen Geiste. Das neue Pfarrhaus ein Palast unter Hütten – fürs Armenhaus war der Saustall des alten noch gut genug! Auch Philippi versäumt nicht, in der Erzählung „der Eierschuster“ in seinem Buche „Hasselbach und Wildendorn“ dies Geschehnis festzunageln. Gewiß, als Stall von besserer Herkunft war er geräumiger als andere seiner Art und zukünftige Leser sollen nicht wähnen, wir hätten unsere Armen gar zu menschenunwürdig untergebracht. Es wurden noch an dem ersten Teil kleine Räume angebaut.
Alleinstehenden Personen oder Paare haben ausreichend Platz, aber Kinderreichen Familien sollte mans nicht zumuten, dort zu wohnen. Als Obdachlosenherberge – ja, als solche kann man die Räume auch in Zukunft noch gelten lassen; aber seine Armen würdig unterbringen, sollte für unser aufblühendes Dorf doch eine Ehrensache sein. Der gegenwärtige Weltkrieg vernichte so viel junge heranwachsende Kraft, daß es der Gesamtheit noch viel mehr als bisher zur Pflicht wird, namentlich kinderreiche arme Familien zu unterstützen, daß sich die Kinder zu gesunden, arbeitsfähigen und arbeitsfreudigen Menschen entwickeln können. (Bau des neuen Armenhauses 1925).
Zu erstreben ist aber ein gesellschaftlicher Zustand, in welchem jeder ausreichend an den Gütern der Erde beteiligt ist, sodaß keine Armenhäuser mehr nötig sind. Wünschen wir unserem Dorf, daß es niemals ein Armenhaus zu bauen braucht. Armenhäuser gabs früher überhaupt nicht. Auf Anregung der Behörde gab sich im Jahre 1805 der hiesige Pfarrer Jousseaume große Mühe, daß es in Breitscheid und Medenbach zu einem solchen käme. Aber die Gemeinden lehnten ab. Sie versprachen aber, für ihre Armen zu sorgen und nicht zu dulden, daß sie auswärts bettelten und anderen Gemeinden beschwerlich fielen. Solche Armen gibt’s ja gar nicht mehr bei uns.

Das Gemeindehaus als erstes im Dorfe, wurde 1858 gebaut. Bis dahin hatte der Bürgermeister, vor 1848 der Schultheiß das Amtszimmer in seinem Hause. An der Stelle des Gemeindehauses war von 1851 – 1857 die Gemeindebaumschule. Der freie Platz, der nach Westen zu übrig blieb, wurde in den 1880er Jahren als Turnplatz für die Schule mit Turngeräten versehen und 1896 zum Bauplatz für die neugegründete Molkerei hergegeben. Es war beabsichtigt, in dem neuen Gemeindehaus die beiden Gemeindebacköfen des Dorfes zu vereinigen. Aber die zwei Backöfen nebeneinander vertrugen sich nicht, es wollte nicht recht „ziehen“, und so beließ man den alten Backofen in der Hißtergasse und verlegte nur den einen in der alten Schule ins Rathaus. Der Raum für den Histergässer Backofen wurde dann als die zweite Spritze (1789 hatte Breitscheid eine Spritze) angeschafft wurde, 1868, zum Spritzhaus bestimmt.

Leider ist beim Bau des Gemeindehauses die Schreibstube des Bürgermeisters zu klein ausgefallen. Mit einer Entwicklung des Dorfes hat der Schöpfer des Bauplatzes offenbar nicht gerechnet. Erweiterungsbauten 1919 auf der ersten Molkerei. Schieferbeschlag und neues Schieferdach auf dem Ganzen.

Die „Lück“ wurde allmählich weiter nach Osten ausgebaut. Die letzten Holzhäuser am Hüttenweg entstanden in den 1870er Jahren. Der Name „Hüttenweg“ ist gegeben, weil er nach den Hütten im Dilltal führt (Haiger-Dillenburg), wohin Holzkohlen geliefert wurden.

Der alte Hüttenweg war die erste und einzige Fuhrstraße nach dem Wald. Die letzte Brennofenhütte an ihr stand an der Stelle des letzten Hauses links am Krummen Weg (einstöckiges Haus, über dem Haus des jetzigen Bürgermeisters Thielmann.) Der alte Hüttenweg fängt aber erst an der Bergheck an; ob an ihm, außerhalb des Dorfes, Brennofenhütten waren, ist jedoch zu bezweifeln. Die „erdern Ware“ wurde auf Brettern auf der Schulter zum Ofen getragen, und die Hütten wurden möglichst nahe, also im oder am Dorfe gebaut. So ist es also nicht sicher, ob der Hüttenweg von den Hütten der Häfner oder von Hütten anderer Art den Namen hat.
Woher wohl der nordöstliche Teil des Dorfes „die Lück“ heißt? Vielleicht daher: Bis weit ins vorige Jahrhundert war der östliche Teil der Lückstraße noch unbebaut, am Hüttenweg war überhaupt noch kein Haus. Dagegen standen unten am Medenbacherweg bis Rehches Haus Häuser. Hinter diesen Häusern konnte der „Hessenwind“ frei herein ins Dorf blasen; es war eine richtige „Windlück“.

Die Nordseite des Dorfes, da wo sich Krummer Weg und Alter Hüttenweg zusammenstoßen, heißt Bärscheck, das bedeutet Bärseck oder Barshecke, von dem Bären, den eine Famile eine zeitlang hatte. (Anmerkung von Wilhelm Becker).

Eine besondere Bedeutung erhielt der im vorigen Abschnitt erwähnte Dorfteil „die Lück“ durch den Bau der neuen Schule 1880. Bei der Besprechung dieser bedeutungsvollen Änderung soll hier von den Schulgebäuden des Dorfes einmal im Zusammenhang die Rede sein:
Die alte Schule links vom Kirchenweg wurde 1744 erbaut. Vor dieser Zeit war auch schon eine Schule im Dorf. Seit 1820, in welchem Jahre sie im Inneren anders eingerichtet wurde, wohnte auch der Lehrer darin. 1849 wurde sie für 2700 Mark an den Schuhmacher Enders verkauft, da ihre Räume für die Schule nicht mehr ausreichten. Als Bauplatz für eine neue Schule kaufte man einen Garten mit einer Scheune in der Lück für 2775 Mark. Im Jahre 1880 wurde mit dem Bau der neuen Schule begonnen und am 31. Oktober 1881 war die Einweihung des Gebäudes. Recht vornehm ragte nun der stolze, hohe Bau mit seinen zierlichen, braun gestrichenen Balkenwerk und seinem schlanken Glockentürmchen über die eng um ihn herumstehenden Bauernhäuser hinaus. Fremde, die sich dem Dorfe nähern, halten ihn gar für eine zweite Kirche. Aber bald zeigte es sich, daß die ganze Bauart nicht für Westerwälder Wetter geschaffen war. Etwas Gediegenes und Dauerhaftes hatte man mit der neuen Schule nicht hingestellt. Einen ausführlichen Bericht des Lehrers Herr über die Einweihung enthält die Schulchronik. Die neue Schule kostete 35000 Mark. In dem großen Stein in der südöstlichen Grundmauer sind Schriftstücke eingemauert.
Es war auch ein Fehler, die neue Schule auf diesen engen Raum zu stellen. Der Schulhof war zu klein zum Spielplatz; die herumtollende Jugend ergoß sich in den Pausen in die anliegenden Straßen und wurde eine Plage für die Nachbarschaft. Als später das Bauernhaus vor der Schule feil wurde, hatte die Gemeinde Gelegenheit es auf Abbruch zu kaufen, und so der Schule einen größeren Hof zu verschaffen und sie dem Blicke frei darzubieten. Das Eingehen auf diese Anregung konnte wohl von den Machthabern des Dorfes erwartet werden, aber der Kenner der Verhältnisse erwartete es nicht. Der Sohn eines mächtigen Mannes im Dorf war Kaufliebhaber, und überdies machen konservativ gerichtete Bauersläute so etwas nicht. Zu derselben Zeit ließ der Oberbürgermeister Adickes in Frankfurt ganze Häuserblöcke in der Altstadt abbrechen für eine neue Straße und gab Millionen dafür aus. Viele schimpften damals, und heute danken ihm alle für seinen Wagemut und seinen weiten Blick.
Seit Errichtung der dritten Schulstelle (1909) dient auch der Rathaussaal wieder als Schulzimmer. Nach der Errichtung der 4ten Stelle wurde der Warteraum im Bahnhofsgebäude von der Gemeinde gemietet für die Kleinen.

Im Jahre 1884 hatte unsere Gegend aus Anlaß des Manövers vom XI. Armeekorps mehrere Wochen dauernde große Einquartierungen von Truppen aller Waffengattungen. Ein außerordentliches Ereignis für die damals noch vom Weltverkehr sehr abgelegene Westerwaldecke!
1888 und 1892 dürften sich die Westerwälder des gleichen Besuches erfreuen. In 1888 wurde das Sedanfest in Breitstrut von Zivil und Militär gemeinsam bei Spiel und Tanz gefeiert.
Im Jahre 1891 wurde die Wirtschaft Schumann (Besitzer stammt aus Herborn) östlich vom Gemeindehaus gebaut. Im 18. Jahrhundert (1744) und dem Anfang des vorigen Jahrhunderts war Wirtschaft und Brauerei auf der Ziegelhütte. (das Brauhaus steht noch heute). In den 1830er Jahren hatte der Steiger Zeiler Wirtschaft im jetzigen Henningshaus. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hatten Kuhlmanns am Erdbacherweg Wirtschaft, Krämerei, Bäckerei und Branntweinbrennerei (im Nebenhause).
Hennings Peter am Medenbacher Weg rechts, hatte Wirtschaft und Krämerei. Hennings, nördlich vom Rathaus, hatten Wirtschaft und Krämerei bis Ausbruch des Weltkrieges. Ein Henning hatte die Tochter des Steigers und Wirtes Zeiler geheiratet. Als sich im Jahre 1874 der große Betrieb in Kuhlmanns Haus durch den Tod des Besitzers (meines Großvaters) auflöste, baute der nachherige Bürgermeister Bechtum sein Haus im Jahre 1875 am Medenbacherweg und errichtete Wirtschaft und Bäckerei darin. Von 1875-1891 hatte Breitscheid die beiden Wirtschaften Henning und Bechtum, dann kam, wie oben erwähnt, 1891 die Gastwirtschaft und Metzgerei Schumann hinzu. Die Wirtschaft Bechtum (Binners) ging 1918 durch Kauf an Karl Herborn aus Arborn für 20000 Mark über. Alle Wirtschaften und öffentlichen Gebäude befanden sich in der „Obergaß“. Instinktiv drängte alles mehr zur Sonnenseite. Die zukünftige Ausbreitung des Dorfes wird noch mehr nach dieser Seite zu erfolgen haben. Die alten Leute, die sich in der Histergaß angesiedelt haben, haben damit einen Fehler begangen; „wo die Sonne nicht hinkommt, da kommt der Arzt hin“. Die Leute bauten sich am liebsten an, wo die Bauplätze am billigsten waren. Die Bebauung muß in der Hauptsache eine Sorge der Gemeindebehörde sein. Der Bebauungsplan muß schon für längere Zeit im voraus festgelegt sein.

1890 bekam Breitscheid eine Posthilfstelle und einige Zeit darauf Fernsprechleitung nach Herborn. Philippi schreibt in „Weiße Erde“: „Ganz Sonnwalt (Breitscheid) stand mit den Händen in den Hosen, die Weiber die Hände unter der Schürze und sahen zu (nämlich bei der Errichtung der Telefonstangen). Das ist Dichtung. So hinterwäldlerisch waren die Breitscheider doch nicht mehr. Privatanschlüsse sind jetzt in Erwägung (1919). In den 1890er Jahren hatte Breitscheid 133 Häuser und etwa 870 Einwohner.

Die im Jahre 1896 gegründete Molkereigenossenschaft erbaute im Jahre 1899 das große Gebäude an der Pfarrwiese für Molkerei und Mühle. (Der überragende oberste Stock ist im Sommer 1919 aufgesetzt worden). Die alte Molkerei am Rathaus wurde dann das Verkaufslokal des neugegründeten Konsumvereins (der um Mitte 1915 wieder einging). Im Jahre 1912 wurde der Molkereibetrieb wieder eingestellt. Die Verhältnisse, die seinerzeit zur Gründung der Molkerei geführt hatten, hatten sich geändert. Der Bauer fand hier im Dorf zu einem höheren Preise Absatz für Milch und Butter. Es fehlte auch am nötigen Zusammenhalt; mancher Genosse hatte sich abgesondert und butterte wieder für sich. Die Hauszentrifugen sind meist während des Krieges angeschafft worden.

Vom Bau der Fabrik und dem großen Rückgange des Häfnergewerbes ist einiges beim Kapitel „Ton“ zu lesen. Da durch den Einzug der Großindustrie um 1900 nun Arbeitsgelegenheit hierhergekommen war, machte sich auch das Bedürfnis nach Vergrößerung des Dorfes geltend. Es entstanden nun im Laufe dieses Jahrhunderts die massiven Häuser. Die Backsteine kommen mit der Seilbahn von Dresselndorf. Diese Beförderung war billiger. Ehe die Seilbahn bestand vor 1899, mußten die Backsteine von den Breitscheider Fuhrleuten von Herborn herbeigeschafft worden. Der Fuhrlohn betrug 18 Mark, also ebensoviel wie der Preis der Backsteine am Ofen in Herborn.

Die Häuser an der Südseite des Erdbacherwegs sind in ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts entstanden. Auch die Häuser am Hüttenweg über den Fachwerkhäusern gehören dem neuen Jahrhundert an. Zur Zeit ist das Haus des Försters Thielmann, links am Hüttenweg das oberste. Am Erdbacherweg sind Immels Haus (1903) und das Vereinshaus (1908) die untersten. Der Medenbacherweg hat die Häuser Weber und Deubel hinzu erhalten. Das deubelsche Haus (1913) an der Ecke vom Pfaffenkäutchesweg ist vom Bauverein des Dillkreises erbaut worden. Es ist das erste Haus, abgesehen vom Wohnhaus der Fabrik, das einen feineren Baustil aufweist.

Als die Erdbacher Bahn gebaut wurde, gab sich Breitscheid große Mühe, sie zu bekommen (über Medenbach). Der damalige Landrat war aber mehr für Erdbach und den Steinbruchbesitzer Wurmbach, und seinen Ruinen gab den Ausschlag. Den Bemühungen von Dr. Schick, dem Fabrikherrn hier, gelang es nun, den Bau der Bahn Haiger- Gusternhain (als Teilstrecke der Linie Haiger- Driedorf- Ruhrgrund – Ulmtal- Bahn) zu erreichen.
Im Jahre 1913 wurde das Bahnhofsgebäude gebaut, der Bahnbau konnte nach dem Kriege noch nicht fortgesetzt weden. 1917 hatte Breitscheid etwa 160 Häuser und 1016 Einwohner. 1919: 1074 Einwohner.

Am 28. Juni 1916 war der große Fabrikbrand. Das Herborner Tageblatt berichtet darüber folgendes:
„Breitscheid, den 29. Juni. Von einem verheerenden Feuer wurde gestern abend die Fabrik der Breitscheider Tonindustrei heimgesucht. Das ganze Werk bis aufs Direktorenhaus, einige Schuppen und das Kesselhaus, ist den Flammen zum Opfer gefallen. Um 8 ½ Uhr explodierte aus unbekannter Ursache ein Brennofen für Chamottesteine, und bald darauf war das ganze Werk wie in ein Flammenmeer getaucht. Der Fernsprecher kündete den Nachbarorten das Unglück, und bald darauf waren die Feuerwehren der näheren und weiteren Umgegend auf dem Brandplatze versammelt und wetteiferten miteinander um des Feuers Herr zu werden. Ihrer unermüdlichen Arbeit ist es auch zu danken, daß unser Ort selbst, in den die Funken regneten, vor Schaden bewahrt blieb.
Unsere Einwohnerschaft die ein solches Feuer noch nicht gesehen haben dürfte, bewährte sich vorzüglich. Die Großen und die Kleinen, die Alten und die Jungen griffen tüchtig mit zu und waren bis in die Morgenstunden, in denen jede Gefahr als beseitigt gelten durfte, tätig. Schwere Rauchwolken wälzten sich bei fast völliger Windstille weithin über unsere Wälder. So ist nun der schöne, der Neuzeit entsprechend eingerichtete Ort, des Feuers Macht zum Stillstand gekommen und etwa 100 Arbeiter sind brotlos geworden.“
Die letzte Bemerkung, daß 100 Arbeiter brotlos geworden seien, stimmte glücklicherweise nicht. Sofort wurden die Aufräumungsarbeiten und danach der Aufbau begonnen. Die Mauern waren ja auch stehen geblieben. Niemand verlor Arbeit und Brot.

Was die Verschönerung im Inneren des Dorfes betrifft, so wurden 1909 die Bäche in Kanalrohre gelegt; seit 1902 hatte man die Hochdruckwasserleitung. Um 1909 wurden auch die Straßenrinnen zum erstenmal gepflastert. Auf behördlichen Zwang hin wurden die Mistkauten zementiert.

Den kräftigen Sprung in der Entwicklung während seines ganzen daseins hat unser Dorf in den letzten 25 Jahren gemacht. Worin liegen die Ursachen zu diesem ungewöhnlichen Aufschwung? Die 1862 eröffnete Hauptbahn Gießen – Deutz hatte wohl unsere Gegend dem großen Verkehrsstrom etwas näher gebracht und damit einerseits die Lebensbedürfnisse gesteigert, andererseits Gelegenheit zum Erwerb und zur Beschaffung von Kulturerzeugnissen etwas erleichtert; auch war der günstige Ausgang des Krieges 1870/71, die Einigung und das Aufblühen Deutschlands unserm Heimatdorfe in bescheidenem Maße zugute gekommen. Aber man muß trotzdem sagen, daß die Leute in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts noch recht arm gelebt haben. Die Ärmeren mußten sich oft genug mit trockenem Brot und schwarzem Kaffee begnügen.
Oft hatte man wochenlang kein Fleisch, dazu rissiges und schimmeliges Brot. Die Eier trugen wir für 4 ½ und 5 Pfennig zum Krämer. Der „Butterjung“ von Willingen gab hier in den 80er Jahren meist nur 7 ½ Groschen fürs Pfund Butter. Auf den Einwand, es wäre doch zu wenig, sagte er: „Ja, mih kann aich net gee.“ Aber die paar Buttergroschen reichten wenigstens für „Kaffee, Fetts und Salz.“ (Fetts ist die Bezeichnung für Schuhfett und Rüböl aufs Licht in der Leuchte.) Der Bauer löste zu wenig für sein Vieh. Einen „Lippe“ (einjähriger, geschnittener Ochse) verkaute man für 18 Taler. In den 90er Jahren war es schon besser. Die Wogen des allgemeinen Aufschwungs in Deutschland schlugen nun auch an die Höhen des Westerwaldes, und eine kräftige Welle spülte uns um die Jahrhundertwende die Großindustrie hierher, die (wie schon früher erwähnt) nicht nur dem Arbeiter, sondern auch dem Bauern ein reichliches Einkommen brachte. Der genossenschaftliche Zusammenschluß der Bauern, 1892, (Spar- und Darlehenskasse, Molkereigenossenschaft, Konsum und dergleichen) trug gleichzeitig wesentlich zur Förderung des wirtschaftlichen Wohlstandes bei. Mit der Erhöhung des Zolles für ausländisches Vieh (1902) stieg auch der Preis des inländischen naturgemäß bedeutend in die Höhe. Der Bauer erhielt so seine wohlverdiente Entlohnung.
Einen weiteren Fortschritt bracht die 1906 eröffnete Bahn Herborn-Westerburg. Wir traten damit noch mehr aus unserer Abgeschlossenheit heraus. Die Welt kam zu uns herauf. Als weiterer Grund des wirtschaftlichen Fortschritts muß der große Geländeverkauf im Osten der Gemarkung in 1910 und den folgenden Jahren genannt werden. Ein Geldstrom ergoß sich infolgedessen ins Dorf, der manches Bauern Schulden hinwegspülte. Dieser Umsatz der Äcker in Geld ist aber in Wirklichkeit kein Gewinn fürs Dorf, er ist vielmehr auf der Verlustseite zu buchen. Das wird erst die Zukunft offenbaren, wenn die Bauern die verkauften Äcker, die sie jetzt noch (zum Teil gegen Pacht) in Benutzung haben, einmal wirklich verloren haben. Der Breitscheider Heimatboden wird fremde Kapitalisten reich machen, und der Bauernstand, das Rückgrat des Staates und das Quellbecken für die Volksgesundheit, kann in Zukunft kleinere Scheunen hier bauen. Überdies haben die Bauern ihre Äcker viel zu billig verkauft, ganz abgesehen von der Geldentwertung, die inzwischen der Krieg gebracht hat.
Oberflächlich betrachtet, scheint auch der Weltkrieg den Wohlstand unseres Dorfes vermehrt zu haben. Bauer, Arbeiter, Gewerbetreibende, Kaufleute. Auch alle Handarbeiter und Handelstreibende haben guten Verdienst. Mancher, dem es vor dem Kriege gerade nicht zum Rosigsten ging, hat sich gesund gemacht, seine Schulden (in Geld gemacht) mit lumpigen Papiergeld abgetragen. Miete brauchen die meisten nicht zu zahlen, so zehren sie zum Teil von der Arbeit der Väter und Großväter. Aber es wird schon noch anders kommen. Denn den Weltkrieg verloren zu haben, das bedeutet doch einen gewaltigen Aderlaß am Volkswohlstand, der früher oder später auch in den entlegensten Dörfern sich zeigen wird. Noch ist Flut auf den Dörfern in 1920. Die Ebbe wird mit Naturnotwendigkeit folgen. Laßt erst einmal alle die Abgaben kommen, und baut einmal ein Haus, dann wird’s auch zum Bewußtsein kommen;
Der Krieg mit seinen Folgen hat alle, die nicht Wucherer sind (von dieser Spezies des homo sopcens gibt es auch in Breitscheid einige Prachtexemplare) ärmer gemacht, worüber den Tieferblickenden auch der gegenwärtig vorhandene Wohlstand nicht täuschen kann.

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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