Heimatbuch-21

Von den Bodenschätzen unserer Gemarkung

„Heil dir, Sonnwalt, du bist ein gutes Warenlager aus Erdschätzen, Basalt, Braunkohlen, Kalkstein, Ton.“ (Aufgeführt in der Reihenfolge, wie sie von unten nach oben in der Erde geschichtet sind. – Geologisches darüber ist am Anfange des Buches zu lesen).

Kalkstein

Bergsekretär Joh. Phil. Becher schreibt in 1789:

„In und um das hoch gelegene Dorf Breitscheid ist der Kalkstein die verwaltenste Gesteinsart. Er ist an vielen Orten entblößt zu sehen und es wird aus ihm ein guter Kalk gebrannt, der besser wie der Herborner ist, doch aber dem Bieter den Vorzug lassen muß. Der Breitscheider Kalkstein hat einen dichten, splitterigen Bruch, eine rauchgraue und bläulichgraue Farbe, und derjenige, der der Luft ausgesetzt gewesen, außen meistens eine weißgraue Rinde. Astrosten und Mulkelitzen, diese glatt und gerippt, sind die Versteinerung, welche er enthält, und sein Kreditiv, daß ihn das Meers bildet. Hin und wieder sieht man auch Lava-Geschiebe.“ –
Der Kalkstein wurde bis in dieses Jahrzehnt hinein nicht im größerm Maßstab gefördert. Die Steine die im Felde zur Beseitigung der „Layen“ gebrochen wurden, dienten meist zum Wegbau. Die Häfner brannten vor ihrer Ware auch einige Kalksteine, die sie dann zum Weißen der Zimmer verkauften. In den 1860er und 1870er Jahren hatten Kuhlmanns links am „Pfaffekäutschesweg“ eine Kalkbrennerei: den gebrannten Kalk fuhren sie auf die umliegenden Dörfer. Infolge des frühen Todes meines Vaters ging der Betrieb im Jahre 1879 ein. Alte Kalköfen befanden sich links vom Schönbacherweg auf der Höhe und bei der Hühnerkaut. Den aus den vereinzelt liegenden hier und da vorhandenen kleinen Steinbrüchen gewonnenen Kalkstein fuhren die Breitscheider Fuhrleute an die Hütten im Dilltale. In den 1890er Jahren wurden die Steine bei dem Steinbruch des Wilhelm Weyel bei Breitscheid erst zerkleinert und dann ausgeführt. Die neue Zeit hat auch für den Kalkstein die große Wandlung gebracht: seine Gewinnung und Abfuhr im Großen. Im Jahre 1910 und den folgenden Jahren wurde das Gelände am Astrand unserer gemarkung von größeren Gesellschaften aufgetan. Infolge des Krieges hat sich die Tätigkeit in den Steibrüchen verzögert, da es an Arbeitern fehlte und auch die vorgesehene Bahn Haiger-Gusternhain nicht gebaut werden konnte.
Ein „Kalk- und Ziegelbrenner allhier“ mit Namen Weninger wird 1726 im hiesigen Taufbuch genannt. 1735 und 1749 wird im Kirchenbuch der hiesige Ziegler Joh. Henrich Stahl genannt, der im letzterwähnten Jahr starb. 1744 war Wirtschaft auf der „Ziegelhütte“. Vermutlich ist die Ziegelei dort gewesen. Beim Graben für die Brunnenleitung hat man zahlreiche Stücke von Dachziegeln dort gefunden. Demnach schienen Dachziegel dort hergestellt worden zu sein. Der Name „auf der Ziegelhütte“ hat sich bis heute erhalten.

(Zum untenstehendem Aufsatz vom Tongewerbe.)

Wann kam die Häfnerei in unsere Heimat

(Vom Zeitungsabschnitt übersetzt)

Eines der ältesten Handwerke, die Häfnerei, ist auch auf dem Westerwald schon früh nachweisbar. Vor etwa 700 Jahren war es in der Gegend von Montabaur schon einheimisch. So nimmt man gewöhnlich an, daß dieses Handwerk auch bei uns schon sehr lange besteht. Aber dem ist nicht so. Daß es im Jahre 1534 noch keine Häfnereien im Dillenburgischen gab, ist wohl aus der folgenden Nachricht aus der Beilsteiner Kellereirechnung zu schließen. In diesem Jahre war ein Schüsselmacher aus Marburg in Beilstein tätig, um aus dem heimischen Ton mehrere Zentner irdenes Geschirr für die Hofhaltung herzustellen. Auch im Anfang des folgenden Jahrhunderts scheint dieses Handwerk noch ganz bei uns zu fehlen, wie aus der im Jahre 1616 erlassenen Feuerordnung hervorgeht. Diese sehr ausführliche Verordnung zählt alle möglichen Gefahrenquellen für die Entstehung von Feuersbrünsten auf, aber die Brennöfen der Häfner sucht man vergeblich darunter. Erst gegen das Ende des 17. Jahrhunderts tritt der Häfnerberuf in den Kirchenbüchern unserer Gegend auf; in Erdbach und Breitscheid erst nach 1700. Im Jahre 1705 war „der Hafner von Erbach“ Gevatter bei einer Taufe in Medenbach. 1706 wird Markus Bechtum, als erster dieses Namens hier zum erstenmale in einem Breitscheider Kirchenbuch genannt, der an anderer Stelle als „Haffner und Ziegler“ bezeichnet wird. Woher er kam und wann er hierherzog, ist nicht festzustellen. Häfner gab es in Breitscheid, Erdbach, Schönbach, Gusternhain und Herborn. In Breitscheid war das Handwerk weitaus am stärksten vertreten. Seine Blütezeit war hier das 18. und 19. Jahrhundert.

(R.K. in der Dillzeitung 1938)

Vom Ton und seiner Verwertung

Breitscheid zählt heute etwa ein halbes Dutzend Häfner, eine Zahl, die im Erwerbsleben unseres Dorfes nichts besonderes mehr bedeutet. Aber vor dem Bau der Fabrik, vor 1900, war das Häfnergewerbe stark hier vertreten und gab unserm Dorf ein besonderes Gepräge, welche Tatsache es rechtfertigt, daß wir dem alten Gewerbe hier einen größeren Raum gönnen.
Die Kunst, den Ton zu formen und zu brennen, ist eine sehr alte. „Nach dem Schöpfer kommt gleich der Töpfer“, Wir sahen auch oben, daß sich unter den Fundstücken in Steinkammern, die aus der vorchristlichen Zeit herrufen, auch Topfscherben befanden. Aber wer vermöchte zu sagen, wann der Dornröschenschlaf der „weißen Erde“ in Breitscheid ein Ende nahm und der erste Häfner sich hier niederließ? Kein „Brief“, kein Buch will sich finden und uns Kunde geben. War es zu wenig verlockend für die alten, uns von dem Häfnerhandwerk etwas zu berichten, das wohl still und bescheiden seinen Anfang hier nahm und immer im schlichten Kleide daherging? Vor etwa 700 Jahren war die Häfnerei in Elgendorf bei Montabaur schon einheimisch. Die Leute der dortigen Gegend mußten dem Kurfürsten von Trier die Abgaben in Schüsseln leisten, Schüsseln statt Geld geben. Die Häfnerei ist seit etwa 1700 in Breitscheid nachweisbar, womit aber nicht gesagt ist, daß sie nicht schon längere Zeit vorher hier bestanden hat.
Wahrscheinlich ist das Häfnergewerbe erst um 1700 in unsere Gegend gekommen. Auffallend ist freilich, daß in unseren ältesten Kirchenbüchern die Häfnerei, der Stand, nicht erwähnt wird. In den Zivilstandsregistern des 17. Jahrhunderts ist auch selten der Berufsstand des Mannes angegeben. Markus Bechthumb wird 1706 als „Haffner und Ziegler“ angegeben. Im Jahre 1712 schlossen sich die Häfner des Amtes Herborn zu einer Innung zusammen, woraus zu schließen ist, daß das Gewerbe eingesessen und verbreitet war, vermutlich schon geraume Zeit. 1534 ist ein Schüsselmacher aus Marburg in Beilstein tätig und brennt dort manchen Zentner Geschirr für die dortige Hofhaltung, woraus wir wohl entnehmen dürfen, daß in unserer Heimat die Häfnerei noch nicht betrieben wurde. Unter den Ortschaften unserer Gegend, wo Häfnerei getrieben wurde, war Breitscheid das Haupt-Erddorf. Um 1788 hatte Herborn 3 Häfnermeister, Erdbach und Breitscheid zusammen 21. In 1865 waren in Breitscheid 30 selbständige Häfner, in Gusternhain 12 und in Herborn 4. Im Jahre 1786 betrug die gesammte Tonförderung in der Breitscheider und Erdbacher Gemarkung etwa 11000 Zentner, in 1865 wurden etwa 45000 Zentner gegraben, davon in Breitscheid allein 40000 Zentner. In 1786 kostete der Zentner an der Grube 1 ½ Kreuzer, 1865 fast bis zehn Kreuzer. Vor 1900 hatten die Breitscheider Häfner ihren Tonbedarf von der Gemeinde jährlich für 200 Mark gepachtet. Um 1786 wurden in unserer Gegend auch Pfeifen gebacken, in Breitscheid jedoch nicht. Der Lehrer Haas schreibt um 1820 in der Schulchronik: „Auch wird hier die gute, seltene Pfeifenerde gegraben, obgleich noch keine Pfeifenbäckerei hier war“. Die Herborner Pfeifenbäcker bezogen den Ton karrenweise von Breitscheid und Erdbach und zahlten damals für den Karren 45 Kreuzer, in älterer Zeit 15 Kreuzer und 8 Albus.
Es wurden jährlich etwa 150 Karren Pfeifenerde verarbeitet. (Karren = Wagen mit 2 Rädern) (Nach Steubing), In Breitscheid wurde besonders weißer Ton, das sogenannte „Weiß“ im Erdfeld gegraben in dem Gelände am alten Hüttenweg. Das Haupttagefeld war auf der Linde am Schönbacherweg. Das Tonfeld am Schönbacherweg glich einem Vulkangebiet im Kleien, in welchem Krater an Krater liegt, oder einem Trichterfeld im Kampfgebiet des Weltkrieges, ein Beweis dafür, wie unvernünftig das Graben gehandhabt wurde. Die Dillenburger Berg- und Hüttenkommission führte oft Klage über die planlose Art des Tongrabens, am schlimmsten sei es damit in Breitscheid und Erdbach bestellt. Nach Becher sollen im 18. Jahrhundert einige Arbeiter beim Tonhacken ihre Kühnheit und Unvorsichtigkeit mit dem Tode gebüßt haben. Im Sterbeprotokoll unseres Pfarrhauses steht, daß 1781 der 26jährige Joh. Jost Petri von hier auf der Erdkaute totgeblieben sei. Ferner meine ich auch im Totenbuch gelesen zu haben, daß 1837 (?) ein Mann aus Gusternhain hier tödlich auf der Erdkaute verünglückte. In den 1880er Jahren erlebte ich es, daß der Geselle Klein ein Bein beim Tongraben brach. Der Großbetreib der Neuzeit hat in der Sache des Tongrabens gründlich Wandel geschafft.
(In Hinsicht auf das Tongraben hatte die fürstliche Berg- und Hüttenkommission am „23. Jenner 1786“ nach den Dillenburger Intelligenz Nachrichten von 1786 folgende Verordnung erlassen: „Damit Ordnung bei dem Thongraben eingeführt und der Thon sicher und wirtschaftlich gewonnen und der seitherigen großen Unordnungen gesteuert werde, bei deren längeren Fortwähren der Eingang der Thongruben ohnvermeidlich gewesen seyn würde, ist beschlossen worden, daß diese Gruben für die Zukunft in Rechnung der Landesherrschaft betrieben werden sollen.“ Es soll dies in Herborn, Breitscheid, Schönbach und Erdbach „öffentlich bekannt“ gemacht werden, „damit sich jedermann des Thongrabens ohne Unterschied enthalte, es sey Walker-, Pfeifen- oder Häfnerthon, sondern sich jeder, wer ein oder der anderen Gattung benöthigt, sich bei dem besonders dazu verpflichteten Schichtmeister und Steiger, Heimberger Kolb zu Breitscheid und Bergmann Post zu Erdbach melde, die jeden mit dem nötigen Thon versehen werden. Das Fahren des Thons bleibt nach dem Herkommen der Gemeidne überlassen, in deren Gemarkung der Thon geben wird…!!)
Das ausgedehnde Häfnergewerbe brachte uns allerlei fahrendes Volk ins Dorf, vom ärmsten, Kiezemann, dessen Barschaft nur so weit reichte, daß er seine Kieze mit Ramschwaren, die ein „Sprüngelchen“ hatten, füllen mußte, bis zu den wohlhabenden Handelsleuten, die im sauberen, mit wohlgepflegten Pferden bespannten Planwagen die „Ware“ hier holten. Alle wurden „Kiezeleu“ genannt. Auch auf Eseln wurde die Ware geholt. Der „Hundsjung“ kam in meiner Jugendzeit regelmäßig nach „Bechtums Haus“, um im Hundewägelchen seinen Bedarf an Handelswaren zu holen. Zu den untersten Sorten der „Kiezleu“ gehörten die „Meckeser“, darunter die „Fröhlichen“. Unter „Meckeser“ versteht man heute einen Lump, einen heruntergekommenen Mensch.
Philippi wirft in seinem Roman „Weiße Erde“ Meckeser und Zigeuner in einen Topf. Meckeser sind keine Zigeuner. Der Name „Meckeser“ ist verschieden zu deuten versucht worden. Wie die „Holzeser“ aus Holzhausen sind, so sollen nach Rehorn („Der Westerwald“) die Meckeser aus Meckhausen stammen, einem Dorf im Berleburgischen. (Sacherns Deutung wird für falsch gehalten. Das Wort „Meckes“ soll jüdischen Ursprungs sein, vom hebräischen makar = verkaufen.) Die „Fröhlichen“ (vom Familiennamen „Fröhlich“) beehrten unser Dorf mit ihren Besuchen in den Jahrzehnten um die letzte Jahrhundertwende. Sie hielten, auf der „Brück“ am Pfarrgarten. „Fröhlichs Bethge“ war die charakteristische Person unter diesen. Eine echte Germanengestalt mit blauen Augen und hellem Haar; ihren „Wirschekopp“ zu pflegen, dazu nahm sie sich keine Zeit, Fröhlichs Bette war ein stachliches Gewächs, vor der dem tapfersten Manne das Widerwort entfiel (Philippi). Keine Schrubbsach an den Planken war vor ihr sicher. Treibens unsere Kleinen im Hause zu doll, so sagt man wohl: „Man meint, man wär unter den Fröhlichen“. So leben sie fort unter uns. – Von allem, was uns umgibt, geht ein Einfluß auf uns aus, der ja nicht zahlenmäßig messbar ist. Aber er ist vorhanden. Irgenwie hat der Verkehr mit solchen Leuten, ja ihr bloßes dasein im Dorf, doch auf die Breitscheider abgefärbt. Das ist auch schon früher erkannt worden. Unsere Kirchenchronik schreibt 1836: „Der tägliche Umgang mit den sogenannten Meckesern, oder Geschirrhändlern, Menschen der verworfensten Art, wirkt sehr nachteilig.“
Bis um die letzte Jahrhunderwende wurde das Häfnerhandwert hier in der althergebrachten einfachen Art betrieben. Um bessere Ware allmählich hier zu erzielen, wurde der Häfner Richard Weyel um das Jahr 1896 aus einer Stiftung, welche der Kreisausschuß zu vergeben hatte, auf drei Jahre zur Ausbildung nach Höhr-Grenzhausen geschickt. In seiner Werkstatt am Gusternhainerweg (rechts, am Bache) fertigte er dann feinere Tonwaren an, die auch guten Absatz fand. Weyel, der auch den Zeichenunterricht auf der hiesigen Gewerbeschule erteilte, ist leider ein Opfer des Krieges geworden. Die übrigen Häfner blieben im Großen und Ganzen bei der gewohnten Weise und so ist die Absicht, das hiesige Häfnergewerbe auf einen höheren Stand zu bringen, nur zum Teil erreicht worden. Wäre das Gewerbe hier im alten Umfange bestehen geblieben, so hätte wohl schließlich der Mangel an Absatzgelegenheiten die Häfner genötigt, den Wettbewerb mit der besseren Werbung der Ware, dem Steingut, Porzellan, Emaille und Aluminiumwaren durch Herstellung einer leichteren, gefälligeren Ware aufzunehmen und sich der ringsum fortgeschrittenen Kulturentwicklung anzupassen. Der Bau der Fabrik enthob sie dieser Notwendigkeit. Denn jetzt wanderten viele Häfner dahin ab, die Zahl der Häfnermeister sank im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts von etwa 32 auf 6 bis 7. Rasch entschlossen sich die freien, selbstständigen Meister Fabrikarbeiter zu werden. Das Neue lockte, und vor allem das reichlicher und so regelmäßig fallende Geld. Mancher hat seinen Entschluß bereut, als es zu spät war, als die Fabrikarbeit die zum großen Teile noch ungesünder war als die Häfnerei, seine Gesundheit zerrüttet hatte und ihn einen frühen Grabe entgegenführte. Die Tongräber hatten noch das bessere Teil erwählt. Sie sonnten sich von vorne in dem großen Licht und versenkten sich nicht die Schwingen.
Phipippi war gerade Pfarrer hier, als das Neue heraufzog. Sonst so hellfreudigen Sinnes, sah er das Eindrigen der Großindustrei in unser stilles Dorf mit Kuffenden Augen an. Er sah sich gleich vor der Fragestellung: Wie bewahre ich meine Gemeindeglieder davor, daß sie an der neuen, so unvermittelt in ihr Dorf hereinbrechenden Welt innerlich zerbrechen? Sein Amt legte ihm Zurückhaltung auf. Aber er beobachtete, sah das Ringen des langen Schornsteins mit dem alten Dorfgeist, und als seine Hände frei waren, schrieb er in seinem neuen Wirkungsort 1926 den Roman „Weiße Erde“ und schrieb sich darin alles von der Seele, was ihn die ganzen Jahre hier schon bedrückt hatte. Die Betrachtungen, die er allein dem alten Häfnerhandwerk widmet, mögen hier auszugsweise eine Stelle finden zum Abschluß meiner Ausführungen. „Alles Land, was die Struth überschaut, heißt Erdbäckerland. Sonnwalt ist das Erddorf auf der hohen Heide, darin die Erdbäcker wohnen. So sagt die alte Zeit einstimmig. Lange war in Sonnwalt eine sonderliche Verrichtung der Hände einheimisch: die weiße Erde, den Töpferton, mit den Händen zu kneten und zu formen. Wo sind heute die Erdbäcker von Sonnwalt? Sie sind eilends aufgestanden aus ihrer Werkstatt, der Erdstube, in der sie Meister waren bei knappem Brot, und sind Tongräber geworden; Tagelöhner des langen Schornsteines. – Uralt schon ist im Dorf der Mund, der von Erde spricht, und jeher ist der weiße Ton gemeint, der unter Tag und Rasen liegt überm Dorf im weiten Bogen. Und das älteste Recht im Erddorf ist das Erdrecht, auch Herrenrecht geheißen, ein vergilbtes Pergament im Kasten der Gemeindestube. Bis auf den Tag des langen Schornsteins hatte alles seine uralte Richtigkeit in der Erdedörfler Welt, die Tongräber wissen es. Als Kinder betraten sie auf dem Arm der Mutter die Erdstube des Vaters und sahen mit runden Augen den Mann mit den überkrusteten weißen Kleidern und nackten Armen und Füßen an der Drehscheibe sitzen, das runde Tischlein zwischen den Knien. Das Kind hüpfte und der Ton tänzelt zwischen den flinken Fingern des Vaters empor und richtete sich kreisend auf zu eigenem Wesen, das er empfing vom Menschenwillen. – Und die Zeit schaute zu. Unmerklich sah sie die Stunde herbei, wo der alte Häfner schwerfällig aufstand, die Hände an den Hosen wischte und zur Tür hinausging zum Feierabend, um allgemach mit etlichem Zögern eine andere Erdstube aufzusuchen, ein Stockwerk tiefer, im Umkreis des kleinen Kirchleins, wo es an Nachbarschaft nicht mangelte. – Er konnte gehen. An des Vaters Platz saß der Sohn mit demselben krummen Rücken, denselben aufmerksam verkniffenen Augen und bartfreien Lippen. Gesicht um Gesicht kam und ging in unterschiedsloser Weise das Geschlecht der Erdbäcker. – Bis auf den Tag des langen Schornsteins! Nun saß von vierzig Meistern (?) knapp noch ein halbes Dutzend an der Scheibe. Die andern hörten auf den grellen Pfipp des größten Mauls, das sich in Sonnwalt vernehmen läßt. Und alle meinten, er solle ihnen wohl tun und keinem schaden, daß sie von Väterart leichtlich forthüpften, wie Spatzen nach einem neuen Futterplatz. Und keiner kümmerte sich, was wohl die Toten dazu sagten, die auch noch ein Wort mitreden im Tun der Enkel, heimlich und unhörbar.“ – Wem anders als Philipp Weidhaas lag die neue Welt auf wie ein Berg? Soweit Philippi.
„Sorge nicht um das, was kommen wird. Weine nicht um das, was vergeht. Aber sorge, dich selbst nicht zu verlieren, und weine, wenn du dahin treibst im Sturme der Zeit, ohne den Himmel in dir zu tragen“. (Schleiermacher)

Westerwälder Thonindustrie

Zeitungsbericht vom 30. Mai 1936 aus der Dill-Zeitung, Sonderausgabe

Die Schreinerei liefert zu diesem Zweck vielgestaltige Holzformen, entsprechend der Mannigfaltigkeit des Verwendungszwecks der Chamottesteine. Diese sind vor allem unentbehrlich für die Stahlwerks- und Gießereibetriebe, für den Lokomotiv- und Ofenbau, für Elektrizitäts- und Großkraftwerke, für Zement- und Kalkwerke sowie für die keramische Industrie.
Nachdem die Formlinge unter Nutzung der natürlichen Ofenwärme gut angetrocknet sind, werden sie in zwei mit Generatorengas geheizte Öfen, einen Gasring- und einen Gaskammerofen eingesetzt, der sie bei der außerordentlichen hohen Temperatut von 1380 Grad zu Chamottesteinen brennt. Zur Kontrolle des Hitzegrads bedient man sich auch hier der schon erwähnten Segerigel. Die zum Einsetzen der Formlinge in jeder Ofenkammer vorhandenen Türen werden vor dem Anbeizen vermauert. Durch ein kleines Guckfensterchen kann man den Vorgang im Inneren des Ofens beobachten, doch muß man zum Schutze der Augen noch eine dunkle Scheibe auflegen, so blendend ist die Weißglut des brennenden Braunkohlengases. Eine wahre Hölle ist das! Die eigentliche Brenndauer beträgt 24 Stunden, doch vergehen zwischen Einsatz und Aussatz rund 12 Tage, um die allmähliche Erwärmung bezw. Abkühlung der Formlinge zu gewährleisten. Ohne Beobachtung dieser Methode würde das Fertigfabrikat nicht die Eigenschaften aufweisen, die ihm zu seinem weitverbreiteten Ruf verholfen haben: hohe Feuerfestigkeit mit später Druckerweichung, große Temperaturwechselbeständigkeit und große Schlackenfestigkeit, Vorzüge die im übrigen der chemischen Reinheit des Rohstoffes zu danken sind. Neben dem geformten Chamottestein erstreckt sich die Produktion auch auf Chamottemörtel, sowie auf Ton, der in grubenfeuchtem, in getrocknetem oder gemahlenem Zustand abgegeben wird. Der Ton findet in gereinigtem Zustand neuerdings auch in steigendem Maße für die Aluminiumherstellung Verwendung, anstelle von Bauxit, das aus dem Ausland kaum noch bezogen werden kann.
Ueber Mangel an Absatz kann sich die Westerwälder Thonindustrie nicht beklagen, denn die Nachfrage nach ihren Erzeugnissen wächst von Jahr zu Jahr. Arbeitstäglich werden über 100 Tonnen Halb- und Fertigfabrikate auf dem Wege über die sechs Kilometer lange Drahtseilbahn in Niederdresselndorf verladen. In dieser Beziehung dürfte indessen in absehbarer Zeit ein grundlegender Wandel eintreten, denn der Weiterbau der Eisenbahnlinie Haiger-Rabenscheid nach Breitscheid, der jetzt im Gange ist, bringt der Tonwarenindustrie des östlichen Westerwaldes endlich den langersehnten Bahnanschluß. Länger als 30 Jahre hat der Seniorchef der Westerwälder Thonindustrie, der heute 79 jährige Dr. Heinrich Schick um diese Bahn gekämpt, deren Errichtung auf sein Betreiben schon im Jahre 1911 durch den damaligen Preußischen Landtag beschlossen wurde. So glauben wir an das Ende unserer Betrachtung den Wunsch stellen zu sollen, daß es Dr. Schick vergönnt sein möchte, die Fertigstellung der Bahn zu erleben, und sich des Genusses der neuen Verkehrsverbindung, von der der östliche Westerwald einen wirtschaftlichen Aufschwung erhoffen darf, sich recht lange zu erfreuen.

Dillenburger „Heimatblätter“ vom 15.5.1931 (4. Jahrgang Nr. 9)

„Der Westerwälder Mäckes“

(Zu dem gleichnamigen Artikel von Dr. Heiler in Nr. 7 von 1931)

Breitscheid ist nachweislich seit etwa 1700 der Hauptsitz des Häfnergewerbes in den Siedlungen des Ostabhanges des Westerwaldes gewesen. Während es heute nur vier selbständige Häfnermeister zählt, hatte es deren im vorigen Jahrhundert, vor dem Einzug der „Westerwälder Tonindustrie“ hier, über 30. So kam es mit den Mäckesern in Berührung, mehr als erwünscht war. Von allen Seiten zog das fahrende Volk der Hausierer mit „erdern War“ dem Erddorf zu, wenn die Häfner „austaten“, ihre Brennöfen leerten. Diese Geschirrhändler hießen allesamt hier Handels- oder Kiezenleute („Kiezeleu“, ob sie nun ihre Ware in einer Kieze (Kiepe) holten, oder sich des Eselskarrens, des Hundewägelchens, oder des mit Pferden bespannten Planwagens bedienten. Ab und zu belegte man sie insgesamt auch wohl mal mit dem Namen „Mäckeser“ („jetzt kommen die Mäckeser!“), doch verstand man sonst unter dieser Bezeichnung nur den Auswurf unter diesen Händlern, die unterste Sorte der Kiezeleute. Denn es gab ja auch ordentliche und rechtschaffende Leute unter ihnen. Die Nichtwürdigkeit, das häufig mit Trunksucht gepaarte diebische, zänkliche und rauflustige Wesen gehörte als wesentliches Merkmal zum Begriff „Mäckes“ bei uns. Nach Dr. Heiler soll nun dieser Ausdruck im eigentlichen Sinne den Hausierer bezeichnen, „der nur mit Lumpen und Irdenware“ handelt. Es ist möglich, daß ursprünglich das Wort „Mäckes“ den herumziehenden Geschirrhändler an sich bezeichnet und noch keinen anrüchigen Sinn gehabt hat, und daß sich dann der Begriff allmählich zu der jetzigen Bedeutung gewandelt hat; gerade das Gewerbe der Kiezenleute bot ja den günstigsten Boden für die Entstehung des Mäckestums im üblen Sinne. Bei uns haftet schon lange dem Wort „Mäckes“ der heutige Makel an, wie uns eine Auslassung unserer Kirchenchronik vom Jahre 1836 belehrt, in der die Rede ist von „den sogenannten Meckesern oder Geschirrhändlern, Menschen der verworfensten Art“. – Die Verbindung vom Lumpenhandel und Handel mit Irdengeschirr kennen wir hier nicht. Auch werden die Lumpenhändler, wie die Kiezenleute, nicht als solche zu den Mäckesern gezählt. Kaum, daß überhaupt noch Mäckeser der alten Sorte auftauchen. Die früheren Kennzeichnungen, wie „Nomandenvolk ohne Heimat“, die „in wilder Ehe leben“, trafen schon nicht mehr zu bei dem Völklein, das wir um die letzte Jahrhundertwende als Mäckeser kennen lernten. Nur in einem lebt die alte, rohe Art noch fort: in dem Schimpfwort „Mäckes!“, das zu den schwersten zählt, die im Schwange sind, und uns ahnen läßt, mit welchem Inhalt es früher belastet war.
Nicht „mit Recht“ ist das Hessen-Nassauische Wörterbuch der Ansicht Philippis beigetreten, die er in seinem „Matthias Hirsekorn“ zum Ausdruck bringt: Die Herumzieher mit Irdenware hätten „Mäckeser oder Heidenleute“ geheißen. Auf dem Westerwald wird scharf unterschieden zwischen „Haareleu“ (den Zigeunern) und Mäckesern; niemals werden Zigeuner Mäckeser genannt, so sehr sich auch früher ihre Lebensweise glich. Auch in seinem Roman „Weiße Erde“ legt Philippi denselben Irrtum fest, wenn er das Eintreffen der „Fröhlichen“ (Geschirrhändler) in unserm Dorf wie folgt beschreibt: „Mit einmal hörte es sich leibhaftig an, als sei der Feind mit wildem Kriegsgeschrei ins Dorf eingebrochen… Das waren aber nur die Mäckeser, Haareleu genannt, was soviel wie Heidenleute besagt.“ Philippis Bücher dürfen nur mit Vorsicht kulturgeschichtlich ausgewertet werden. Er war eben Dichter, und wer das Flügelroß reitet, läßt der Phantasie freies Spiel. Was Philippi, von 1897-1904 Pfarrer in Breitscheid, hauptsächlich hierin zur Veranschaulichung diente, war eine Familie vom hohen Westerwald, die in gewissen Zeitabständen hier ihre Ware holte, auch manchmal am Pfarrgarten mit ihren Zeltwagen hielt. Er nennt ja selbst die Sippe in seinen weiteren Ausführungen: „Und an der Spitze des Zugs, die braune Knochenhand am Pferdezaum, schritt die Hauptmännin der Mäckeser. Fröhlichs Bette (richtiger: Bettche = Koseform für Elisabeth) war’s, ein stachliches Gewächs, vor der dem tapfersten Mann das Widerwort entfiel.“ „Fröhlichs Bettche“, die hier besonders Gezeichnete und uns allen noch in lebhafter Erinnerung, hatte nicht nur einen gut christlichen Namen, wie auch ihr Bruder „Hannespeter“, sondern auch helles Haar und blaue Augen nach echter Germanen- und nicht Zigeunerart. Ueberdies: Zigeuner bleiben Zigeuner, ein unstetes, fremdes Element im deutschen Land, Mäckesersippen aber bestehen aus Volksgenossen mit festem Wohnsitz, die sich der anständigen Bevölkerung allmählich wieder eingliedern, wenn die Ursache und Voraussetzung für ihre Entgleisung, die leichtsinnige Charakterveranlagung, in ihnen nicht mehr vorherrscht. Wir sagten übrigens schon oben, daß das alte, rüde Mäckestum im Aussterben begriffen sei. Mit der neuen Zeit, die mit Riesenschritten im neuen Jahrhundert auf dem Westerwalde einzog, änderten sich die Verhältnisse, unter denen seine Entwicklung früher nur möglich war. Das im einzelnen nachzuweisen, müssen wir uns hier versagen. So ist es, wie in vielem, auch hierin besser geworden. Das darf einmal festgestellt und betont werden, angesichts der Neigung der Menschen, die „gute, alte Zeit“ gegen die heutige auszuspielen, die unsrige in Grund und Boden zu verdammen und für ihre Segnungen blind zu sein. R. Kuhlmann, Breitscheid.

Die „Sinner Mistfahrt.“

Aus dem Frkf. Volksblatt

Oktober 1941, unterzeichnet W. Sole., Herborn die beneidenswerte Kunst des Sinners, seinen Festen eine besondere Note zu verleihen, greift weit in das 15. und 16. Jahrhundert zurück, als die „Sinner Mistfahrt“ ein Ereignis war, das seines gleichen suchte. Aus den angrenzenden Gebieten strömten die Scharen der Neugierigen herbei, um den närrischsten Tanz, den Sitte und Brauchtum jemals hervorgebracht, beizuwohnen. Der erste Sonntag im Oktober, der traditionelle Kirmestag, war gleichzeitig die „Mistfahrt“ wie dem „Räubertanz“ vorbehalten. Schon zum Räuberzanz, der der eigentlichen Mistfahrt vorausging, erschien das ganze Dorf in Lumpen und sonstiger unmöglicher Kleidung gehüllt. Zwanzig Burschen stellen sich gegeneinander in zwei Reihen auf. Neunzehn Mädchen tanzten hintereinander die Reihen durch, reichten dem Erkorenen huldvoll die Hand, bis der Zwanzigste, der „Räuber“ übrigblieb. Dieser hatte Sechs Kreuzer an die Musikantenkasse zu entrichten, welche im Anschluß an die „Mistfahrt“ mit den Dorfpfeifern gemeinsam verjubelt wurden. Dieser Räubertag zog sich mit Unterbrechungen bis gegen 6 Uhr des Nachmittages hin. Um diese Zeit ertönte das Hornsignal zur Mistfahrt, und das Ganze Dorf vom Kinde bis zur Urahne ordnete sich paarweise zum Zuge. Der Bursche, der die meisten Kreuzer durch seinen Räubertitel verlor, galt als Vortänzer des geisterhaften, endlosen Zuges, und jede seiner Bewegungen war durch die Teilnehmer der Mistfahrt bei Kreuzerstraßen nachzutanzen. Nach neuerlichem Hornstoß begann der merkwürdige Tanz. Durch Miststätten, Dunggruben, Jauchetümpel, Stallungen und Kotlachen bewegte sich die seltsame Prozession vorwärts, angetrieben von eigens für diesen Zwecke einstudierten Weisen der Musik, die unmittelbar hinter dem Vortänzer folgte. Kein Haus blieb von der Fahrt verschont; über Mauern, Zäune und Hecken ging der tolle Wirbel unter dem brausenden Juhgeschrei der Zuschauer hinweg. Zu den besonderen Aufgaben des Vortänzers gehörte es, den gefüllten „Pullschobber“ (Pfuhlschöpfer) immer wieder über die Neugierigen, die die Fahrt flankierten, auszuschütten. Je tiefer die nimmermüden Beine in den Morast einsanken, umso ausgelassener wurde die Stimmung. Erst bei Einbruch der Dunkelheit bewegte sich die Spitze des über und über mit Unrat bedeckten Zuges an den Ausgangspunkt zurück. Ein drittes Hornsignal kündete das Ende der Fahrt, und johlend schob der ganze Spuk nach allen Seiten den heimischen Penaten zu, wo Kübel und Bottiche bereitstanden zum erfrischenden Bade. Gegen acht Uhr begann nun endlich der hergebrachte Kirmestag beim Kirmeswirt, und im gleichen Maße, wie nun endlich das Feiertagsgewand zu seinem Rechte kam, lag noch lange der Nachhall über die gelungene Mistfahrt über dem ausgelassenen Kirmesvolk. – Um die ursächlichen Zusammenhänge der Sinner Mistfahrt zu ergrunden, wird ein Blick in die Zeit der Religionskriege, als (Jean) Johann Bockold aus Leyden seine Büßerzüge gründete, wohl am ehesten den Schleier über dieser wunderlichen Sitte lüften. Diese Büßer zogen in wahllosen Haufen durch deutsches Land unter Geißelungen und allen nur erdenkbaren Kasteiungen. Sie schlugen sich mit Ketten, zerrissen ihre Kleider und beschmierten Gesicht und Körper mit Blut, Kot und Lehm, um auf diese Weise ihr elends, „Sündenleben“ für das Fegefeuer vorzubereiten. Es ist anzunehmen, daß der urwüchsige Sinner in seiner noch heute anerkannten Spottsucht diese Büßerzüge in seiner „Mistfahrt“ ironisierte (verhöhnen und verspotten wollte), führten doch diese Herden ein alles andere als gottgefälliges Leben. Die Annahme, daß ein solcher loser Haufe in unserem Gebiet sein Wesen getrieben hat, dürfte durch die „Sinner Mistfahrt“ wohl begründet sein. – Wann die letzte Fahrt in Sinn stattgefunden hat, ist nicht mehr zu ergründen. Das Erwachen aus mittelalterlicher Dunkelheit hat auch hier dazu geführt, daß sich das gesunde Volksempfinden Dingen zuwandte, die über dem Schmutz der Straße und in weniger übelm Geruche stehen.
(Der Sprachgebrauch in Breitscheid kennt auch die „Sinner Mistfahrt“, aber in ganz anderer Bedeutung. Siehe darüber den nächsten Beitrag!)

Auch eine „Sinner Mistfahrt“

Im Jahre 1880, als Breitscheid seine neue Schule baute (die „in der Lück“), lieferte der hiesige Fuhrmann J.H. Petry ((Haus Nr. 31, gestorben 1894) die Kalksteine dazu an. Die Steine, die dabei übrig waren, fuhr er auf die Sinner Hütte, die er schon seit Jahren mit Kalksteinen versorgte. Daneben betrieb der Mann auch seine kleine Landwirtschaft. Nun wollte er eines Tages auch einen Wagen voll Mist in das Feld fahren (die sogenannte „Höll“), das an den Medenbacher Weg grenzte, der nach Herborn führte. Als er nun in den Feldweg nach rechts hätte einbiegen müssen, fuhr er in „Ungedanken“ die gewohnte Hauptstraße weiter. Erst im Tale wurde der Irrtum entdeckt, als man in Medenbach oder Uckersdorf auf die ungewohnte Ladung aufmerksam wurde. Was nun tun? Der Fuhrmann hielt es fürs beste, den Mist wieder Heim zu fahren. Er nahm aber nun den Weg von Uckersdorf über Amdorf und Schönbach zurück. Von Schönbach aus ist der Weg besonders steil, sodaß wohl vorsperren nötig geworden ist. Doch endlich sieht der Hof in Breitscheid das Gefährt in derselben Verfassung wieder, wie es ihn vor Stunden verlassen hat. Eine weite, beschwerliche Fahrt war nutzlos unternommen worden, und der Fuhrmann brauchte, dem Sprichwort gemäß, nicht für den Spott zu sorgen. – Seitdem bezeichnet man in Breitscheid und anderen Orten der Umgebung eine Fahrt, die „weit hennerim“ geht und allerlei Widerwärtigkeiten mit sich bringt, mit dem Ausdruck „Sinner Mistfahrt“.
(Diese Vorstellung des Sachverhaltes habe ich von dem ehemaligen Häfner Albert Thielmann, der sie als Junge in der Werkstatt seines Vaters (dem „Bäuchen“) von den Häfnergesellen gehört hat. Eine im Jahre 1866 geborene und noch lebende Tochter des Fuhrmanns erinnert sich auch noch, in ihrer Jugend gehört zu haben, daß ihr Vater einmal einen Wagen voll Mist ins Feld gefahren und wieder nach Hause gebracht habe. Von der Fahrt nach Sinn aber wußte sie nichts.) Breitscheid, den 13.1.1942 R.K.

Im Westerwald stritt man sich um Heu

Eine Begebenheit um 1500. – einer wollte den Riesen Goilath spielen.
(Von einem Zeitungsausschnitt übersetzt)

In der älteren Zeit waren die Gemarkungen der Dörfer der ehemaligen Herborner Mark noch nicht genau abgegrenzt. Dies gab Veranlassung zu mancherlei Streitigkeiten. Im Jahre 1499 kam es zu einem interessanten Zusammenstoß zwischen den Dörfern Breitscheid und Gusternhain. Die Bauern des letzteren Dorfes hatten auf einem Grenzstreifen einen Platz mit Strohwischen „bestieft“, um Heu darauf zu erzielen, was ihen aber die Breitscheider nicht zustanden. Als nun die Gusternhainer „mit geweren und gewaltiger Hand“ auch zum Mähen dieses Platzes schreiten und die von Breitscheid dessen inne werden, melden diese es ihrem Schultheißen in Herborn. Der kommment eilends mit etwa 150 Mann heraufgezogen, doch bereit, möglichst auf friedlichem Wege die Einigung zwischen den streitenden Parteien herbeizuführen („gütlichst zu bitden“).
Als die Gusternhainer das Aufgebot sehen, hören sie zwar „ihres mehens“ auf, treten aber „hinder sich“, schlagen die Glocke zum Sturm und schreien „Biande!“ (Bianden als nassauisches Besitztum im Titel des Grafen. Es soll hier bedeuten: „Hilfe, die Nassau- Dillenburger sind da!“ Die Gusternhainer waren damals als Angehörige des Amtes Driedorf hessiche Untertanen).
Die Nassauischen bleiben nun ruhig stehen, „haben sich (so!) wenders nichts bekümmert.“ Die Driedorfischen tun ein Gleiches, und so stehen sie einander gegenüber. Da erscheint auch einer aus dem Haufen der Driedorfischen, der die Rolle des Riesen Goliath übernehmen will: „doch so ist enner üß dem ampt Driedorff mit enme spieße vnd zu perde kommen Rennen vnder die Nassauische haet sie vbel (übel) vnd boeßlich geschulten, faste (sehr) hochlich Ein (ihnen) gefloechet.“ Und da er den Schultheißen von Herborn nicht mehr unter seinen Gegnern sieht, wird er immer dreister, schilt und flucht weiter, was das Zeug hält. Das erregt den Zorn der Nassauischen derart, daß sie nach ihm werfen und schießen und einer ihn durch ein Bein schießt, „doch das Ihme nichts schadet.“
Die Kunde von dem Vorfall kommt bald nach Dillenburg. Der Graf weilt gerade auswärts. Sein Rentmeister befürchtet jedoch, die Sache könne für Dillenburg unangenehme Folgen, („verat und nachfolge“) haben. Man will es aber doch mit dem mächtigeren Hessen nicht verderben. Darum setzt sich der Rentmeister auf sein Pferd und reitet nach Marburg, um bei der hessischen Regierung günstiges Wetter für seine Leute zu schaffen. Auch der Schultheiß von Driedorf erschien dort, um für die hessischen Untertanen einzutreten. Auf beiden Seiten bestand der gute Wille, den Streit auf friedlichem Wege beizulegen. Auch in Marburg war der Landesherr nicht anwesend. Der Hofmeister aber hat „mit viel gueten worten vnd erpietung geantwort, wie er wols truwelich (treulich) anprengen.“
Nach seiner Rückkehr von Marburg besichtigte der Rentmeister den Platz „vnd das mehen“ und fand, daß die Gusternhainer nicht berechtigt waren, dort zu mähen. Er berichtet dann dem Grafen über den Sachverhalt und empfiehlt ihm, weil das Heu noch auf Hausten steht („diene das Hauw uff Husten stehen“sie, es so stehen zu lassen bis „zum Dage vnd ußtrage“ (d.h. bis zum Verhandlungstage, an wilchem die Sache an Ort und Stelle ausgetragen werde).
Der Bericht des Rentmeisters, der dieser Veröffentlichung zugrunde lag, befindet sich im Staatsarchiv zu Wiesbaden. Ueber den Ausgang des Rechtsstreits ist nichts bekannt, da weitere Akten nicht vorhanden sind.

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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