Heimatbuch-2-Vorwort

Dieses „Heimatbuch von Breitscheid“ war meine erste Arbeit auf dem Gebiete der Heimatgeschichte und Volkskunde. Es ist bis jetzt unvollendet geblieben, da ich vor einigen Jahren die „Ortschronik von Breitscheid“ begann, deren Fertigstellung meine nächste Aufgabe bedeutet. Dieses Heimatbuch ist nach Sachgebieten geordnet (der mittlere Teil ist inzwischen in bunter Folge für „Anlagen“ u.s.w. benutzt worden), wenigstens war es so vorgesehen, während die „Ortschronik“ chronologisch angelegt ist. Die letztere soll dann für die Zukunft als eigentliche Chronik fortgeführt werden. Die Ortschronik ist ein größeres, ganz in Leder eingebundenes Buch, das im Staatsarchiv oder in der Bibliothek des Theologischen Seminars zu Herborn aufbewahrt werden wird. Dieses Heimatbuch soll einmal seinen Platz in unserem Gemeindearchiv seinen Platz finden. Hoffentlich ist mir der Himmel gnädig, daß ich beide Bücher noch halbwegs fertig stellen kann. Zur Zeit habe ich wenig Hoffnung, daß es der Fall sein wird. Die Leser bitte ich um Nachsicht für alle meine Arbeiten auf diesem Gebiet. Wer da weiß, unter welchen schwierigen persönlichen Verhältnissen sie zustande gekommen sind, der wird sie auch schon haben. Es fehlte mir am höchsten im gehen, denn es war mir nicht vergönnt, die Stätte der Heimat zu durchwandern, die alten Leute besser auszufragen u.s.w., was alles für eine einwandfreie Arbeit in der Heimatkunde nötig ist. Wem ich zu danken habe für freundliche Unterstützung, darüber hoffe ich mich im Vorwort zur Ortschronik noch aussprechen zu können. Da die beiden Bücher nicht gedruckt werden, und meine Arbeit also mit ihnen untergeht, so bitte ich freundlichst sie zu schonen.
Breitscheid, Oktober 1930. R.K.

„Wohl oft freud ich, was Aug‘ und Herz ergötzte,
doch nie, was meine Heimat mir ersetzte.“

Breitscheid unsere Heimat!

Liegt am oberen Erdbach, der den freundlichen Ostabhang des Westerwaldes durchfließt. Wenn man drei Haufen des Westerwaldes unterscheidet, so ist der tiefgelegene Teil unserer Gemarkung der mittleren Hufe zuzurechnen, weil Obst und Weizen hier noch gut gedeihen, unsere Hub hat allerdings ganz das Gepräge des hohen Westerwaldes. Die Lage unseres Dorfes innerhalb der Gemarkung ist von den Gründern glücklich gewählt. Es liegt wie die Perle in der Austerschale. Auf drei Seiten ist es von Höhen umrahmt. Schützend liegt der Wald auf denselben wie liebender Mütterarme, wie ein voller grüner Kranz, und unwillkürlich fällt uns das Lied ein: „Wer hat dich du schöner Wald aufgebaut so hoch da droben!“ Unter dem Wald dehnen sich die Wiesen, dann die so angelmäßig zum Dorf liegenden fruchtbaren und schönen Felder, deren mit jeder Woche wechselndes Farbenbild uns immer neue Reize enthüllt.

Ich sah das Meeres sturmbewegtes Leben,
ich sah der Alpen schönes Abendglühen,
doch möchte‘ ich über alles loben
der Heimat Bild im Maienblühen.

Nicht minder reizvoll ist das friedliche Bild unserer Heimat im Hochsommer, wenn die goldenen Weizenfelder neben dem Kraftstrotz enden, Krautfelder sanft im Winde wogen. Und wie schön ist es im Herbst, wenn die weißleinene Kartoffelsäcke auf den dunklen Äckern stehend, vom blauen Rauch der „Feuerchen“ umfächelt, den Lohn des Landmanns für saure Arbeit kunden und der im Herbstgold prangende Wald die stille Umrahmung dazu gibt,
während über das alles sich der tiefblaue Himmel spannt! – oder im Winter, wenn die weiße Hülle das mütterliche Land deckt, und die Tannen in Schneemänteln treue Schutzwacht über unser Dorf halten! Ja, es ist dann auch bei uns wie der Dichter singt:

Du schlummerst nun entkleidet,
kein Lamm, kein Schäflein weidet
auf deinen Au’n und Höh’n.
Der Vöglein Lied verstummet
und keine Biene summet,
doch bist du auch im Schlummer schön!

Fragen wir nach besonderen Vorzeichen unserer engeren Heimat, so sind sie wohl in der Verbindung von Heide und Wald in dieser Höhenlage zu sehen. In den tieferen Gegenden unseres Gebirges findet man wohl auch herrlichen Wald, aber die Weite, freie Heide fehlt, und der hohe Westerwald hat wohl auch große Heideflächen, aber wo ist solch ausgedehnter schöner Wald wie bei uns!

Unsere Hochheide! „Kein Klang der aufgeregten Zeit drang noch in diese Einsamkeit!“ so könnte man fast auch von ihr rühmen. Sie war auch der besondere Liebling Fritz Philippis, unseres Heimatdichters. In vielen Gedichten hat er sie besungen, er schildert sie auch in seinen Bauerngeschichten, wie z.B. in der Einleitung zu der Erzählung „Als einer nach Heidlug kam“. Oben am Rand liegt die Wildnis der ersten Tage in ungebrochenem Trotz … Die Wolken sind zutraulich zur hohen Heide. Ganz nahe kommen sie herzu. Aber die Heide hat darüber viel dunkle Stunden … wenn sie so hocken und machen keinen Laut. “ Und nun das Aufatmen in Sonn und Licht: “ Dann aber sind das die schönsten Stunden, wo es nirgends auf der ganzen Welt schöner sein kann als auf unserer Heide – wenn die Sonne zur Heide kommt. Denn nicht nur die Wolken, auch die Sonne kommt hier so nahe, so unverhüllt, wie grad aus dem Himmel, daß alles eingetaucht ist in ein trunkenes Lächeln der Verklärung“. – (An anderer Stelle: „Ein grenzenloses Verlassensein hockt auf jedem Stein. Das ist dann die große Stille, so erhaben, wie sie selten zu uns kommt.) Läßt sich ein schöneres Plätzchen denken als hier oben, „Schäfers Sonntagslied“ dem Dichter nachzuempfinden, wenn Wald, Schutzhecken und Wacholder die stummen Zungen der Andacht sind? – Solch stille Einkehr ist Heimkehr und unserem besserem selbst. Wir erkennen: Wie wichtig ist das alles, nur das die Menschen da unten jagen und sich meiden. Wie wenig bedürfen wir doch zu unserm wahren Glück! Nur den Frieden des Herzens, der uns von oben geschenkt wird, wenn wir nicht uns selbst leben, sondern uns liebevoll einstellen zu allem, was lebt. Und drückt uns
ein geheimes Weh? „Vergiß o Menschenseele nicht, daß du Flügel hast“! „Schwinge dich auf aus dem Staube, das dich belastend umgibt, liebe und hoffe, und glaube, daß Gott als Vater dich liebt“. – Neugestärkt an Leib und Seele kehren wir ins Tal zurück, den Kampf des Lebens auf einer höheren Ebene fortsetzend. – (Wie wenigen ists vergönnt wie uns sich in einem Viertelstündchen in solche, erzurne Einsamkeit zu flüchten!)

Und unser Wald! Wir führten schon Eichendorffs Preis des deutschen Waldes oben an; den Meister will es loben, der den schönen Wald so hoch da droben aufgebaut hat. Es ist, als habe ihn unser Wald zu seinem Lied begeistert. „Tief die Welt verworren schallt, oben einsam Rehe grasen“. Und desselben Dichters wunderbares Lied: „O Täler weit, o Höhen“, mit des Mendelssohnschen Melodie ein unvergänglicher Schatz im deutschen Gemütsleben, wie gern lassen wir es in tiefster Seele nachklingen im Hinblick auf unsren Wald!

„Im Walde steht geschrieben ein stilles, ernstes Wort
Von rechtem Tun und Lieben und wars des Menschen Hort…“

Wohl uns, wenn wir die Sprache des Waldes vernehmen und sein Mahnen beherzigen! Ein Ahnen des Göttlichen erfasst uns, ein geheimnisvolles Leben durchflutet uns im feierlichen Schweigen des Waldes wie in einem mächtigen Dom, der zur Andacht einlädt. Die Abendsonne rieselt golden durch die dunklen Tannen – „lebe wohl“ und „Schirm dich Gott, du schöner Wald“! – Und müssen wir die Heimat verlassen und mit ihr auch unseren Wald, die Erinnerung an ihn wird uns in die Fremde begleiten und in dem Gewirre des Lebens aufrichten und jung erhalten:

„Und mitten in dem Leben wird deines Ernste Gewalt
mich Einsamen erheben. So wird mein Herz nicht alt“.

Wie unsere Heide, so war auch unser Wald nicht stumm für Philippi. Er wußte sein Raunen zu deuten; und was es in ihm wandte, hat er in dem tief empfundenen Gedichte „Stumm?“ zum Ausdruck gebracht.

Raunen?

Wer sagt, du wärst stumm, du hoher Wald,
der kennt dich nicht. Verschloss’nen Herzens ging
er taub vorbei und ohne Gegengruß.
Ich hab! O Wald, dich immer noch gehört,
wenn deine weiten Hallen ich betrat.
Ich hörte atmen deine breite Brust.
Ich spürte deinen Odem unentweiht.
Und aus den Wipfeln hört ich reden dich
Vom Stamm zu mir und hin zum Fels und Her,
dein Wort wie Heimatlaut so treu und deutsch.

Und wenn ich lauschte, ward es still in mir.
Wie deuchte, ob an deinem Saume stünd.
Ein Gutes, das mir nahm die Eichenlast.
Vom Menschentreiben ruhte aus mein Herz.
Und dann verstand ich meiner Väter Brauch,
die in dem heil’gen dort der Andacht Opferstein.

Wir war es dann, als wär ich stammverwandt
dir, Hochwald, von dem gleichen Gotte Hand;
Und sollt‘ mit dir die beiden Arme Hoch
Zum Himmelsdom aufrecken im Gebet.
Und wenn’s dann wuschend klang ob meinem Haupt,
ging mir ein Heil’ger Schauer durch die Brust,
O Wald, als wärs bei uns der Herre Gott.

Bewohner der freien Heide sind besonders begnadet. So friedlich schön auch unsere in enge Tälchen gebetteten Nachbardörfer liegen, wir tauschen nicht mit ihnen, wir fühlen uns freier und leichter in unserem Hochland. „Nur auf den Bergen wohnt die Freiheit!“

Wieviel reizende Plätzchen gibt es in unserer Gemarkung! Sollen wir einzelne nennen? Wem sie Heimatland ist, wo ihm also einst die reinsten Freuden, die Kinderfreuden, erblühten, wo es die Weiden auf dem Schuh losklopfte zu den Pfeifen und Hupen, wo es die Schnäjelshäuschen, die Hummelsnester und die Steckchen zum Ostergärtchen, die Blumen, Erdbeeren, Himbeeren und Nüsse suchte, wo es als Bauernkind in Feld, Wiese und Wald arbeitete und an Rainen, Bäumen und Büschen mit den Spinnen das Mahl hielt oder müde den Buckel ins Gras streckte in die Wolken schaute, – dem sind unzählige Flächen lieb und teuer und der Erinnerung geweiht.

In festliche Stimmung versetzt uns ein „Spaziergang“ (Wie würde ihn Schiller erlebt haben!) an den Höhenrändern entlang, wo unsere Hochwiesen sich zutraulich an den Wald lehnen. Eine Bank am „Grünen Wieschen“ lädt uns zur Rast ein, und nun sind wir Zuschauer in einem herrlichen Amphitheater. „O Erd, o Sonne, o Glück, o Luft!“ Zu unseren Füßen der bunte Wiesenteppich, unten das Dorf als die Arena, der Schauplatz des Lebens des Menschen, denen die Umwelt in ihrer Fülle und Schönheit zu dienen bestimmt ist. (Mögen sie alle ihre Rolle gut spielen!)

Wie hingeträumt liegt das Dorf mit seinem alten Kirchlein, freundlich von Obstpflanzungen durchsetzt und umkränzt, und im weiteren Kreise nachbarlich umruht von der friedlichen Flur. An und auf der Höhe dann die dunklen Streifen der Schutzhecken und des Hochwaldes, die das Grün der Wiesen und Weiden in anmutigem Wechsel unterbrechen und gegen den blauen Himmel abgrenzen.

Und wandern wir weiter nach Pfaffenhain, so weitet sich der Blick in die Ferne über die in bläulichen Dunste liegenden Berge des Hinterlandes und der Gegend von Wetzlar, ja, einige Minuten von der Ecke aus, Dorfwerts zu, bei den Sandgräben, sieht man bei klarer Luft durch eine Einsattelung in der Gegend von Roth die Gebäude auf dem großen Feldberg im Taunus. Drüben von Hermannsroth aus, wo in den letzten Jahrzehnten ein Aussichtsturm stand, wieder ein anderes Bild, doch nicht minder großartig, über das Dorf hin wie auch in die Ferne.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wir wissen es wohl. Wir kennen auch die Gegenseite, die Unbilder der Witterung in einem langen Winter, das späte Frühjahr und die Beschwerlichkeiten auf dem Felde, wenn früh ein kalter und nasser Herbst eintritt. Aber wir werten alle diese Misshelligkeiten als Gegensätze, die notwendig sind, um unser Glück um so größer werden zu lassen. Denn das Schöne, Angenehme und Beglückende wird ja nur durch das Bestehen seines Gegensatzes erkannt und empfunden. Je trotziger die Gebärden des Winters, desto größer die Sehnsucht nach dem Frühling und die Freude, die das Erfüllen bringt – im Wonnemonat Mai! Und gäbe es das Wohlbehagen des Bauern hinterm warmen Ofen im Dezember ohne sein vorheriges Mühen und Ringen mit den Elementen?

Breitscheid, du unsere Heimat! Auf jeden Fall schätzen und lieben wir dich und wärest Du „Wüste und Hütte!“

„Und wärs ein ödes Fleckchen nur,
Wo einst die Wiege stand,
Es ist und bleibt die Heimatflur,
das liebste Stückchen Land…
O Heimat, die mein Glück umschließt,
Sei mir stets tausendmal gegrüßt!“
(Allgemeines Lied: Im schönsten Wiesengrunde)

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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