Heimatbuch-16

Ein Gang durch die Gemarkung

Anhand einer Karte aus der Zeit um 1820

Aufklärung der Flurnamen

Die Gärten südlich vom alten Hüttenweg, westlich von Pirers Winkel, heißen „Garten am Amerland“. Der neue Hüttenweg ist noch nicht gebaut. Über dem Hause des jetzigen Försters Thielmann ist ein Weg eingezeichnet, gleichlaufend mit dem Medenbacher Weg, welcher als „Weg am Amerland“ bezeichnet ist. „Amer“ wissen wir nicht recht zu deuten. Sollte es vielleicht eine mundartliche Entstellung von Emmer sein, das eine Getreideart ist. (Spelz, Dinkel). – Der Gusternheiner Weg, der Fahrweg nach Gusternhain führte früher nicht über die „Steinig Gaß“, sondern zunächst den Schönbacher Weg, bog dann bei der heutigen Post rechts ab am Brennofen vorbei (also am späteren „Kleinfrankreich“ entlang), dann überm Dorfe (später „Schwarze Weg“) hin nach dem Gusternhainer Weg und heißt auf der Karte, „die Steinige Gaß“, weil er früher sehr steinig war. Beckers Haus ist das letzte an ihm. Dann folgen Gärten bis hinauf, wo jetzt die unterste Schutzhecke steht; vom Katzenmacher aus geht ein Pfad an der Grenze des Rödgens bis hinauf in den Gusternheiner Weg; dieser Pfad ist genannt; „Pfad nach Gusternhein“. Am Schönbacher Weg ist der Brennofen (bei Hisges Haus) das oberste Gebäude; vom „Kleinen Frankreich“ noch keine Spur. Unten an der Ecke der jetzigen Wilhelmstraße, wo diese auf den Schönbacherweg stößt, steht „Nikolaus Heyde Haus“, dort hatte sich dieser wohl angesiedelt, als er 1782 hierher kam. Auf den Karten ist die Wilhelmstraße erst zur Hälfte bebaut; die obere Hälfte an der Langwies ist Gartenland. Die Erschließung des ersten Petry (Eckhannes) fand 1829 statt, das Haus war damals Eckhaus. – Auf der Ziegelhütte ist bei den Gebäuden eingetragen; „Wirthshaus;“ „Brauhaus“. – Unsere „Gaarden“ sind eingetragen; „Kläsen Gärten“ alter Name dafür, (ein Cleß, Nikolaus) – Im „Thiergarten“ ist an der Südwestseite (jetzt Friedhof) die „Ochsenwies“ eingetragen. Die Nordwestseite heißt „Theis-Wies“ (am Theisborn). Rechts vom Thiergartenpfad oben am Wald ist der „Speters Born“. Im Südosten ist der Thiergarten begrenzt vom Hüttenweg, jetzt der „alte Hüttenweg“ genannt. Er hieß Hüttenweg, weil er nach den Hütten im Dilltal führte. Nördlich vom Hüttenweg liegen die „Erdkauten“, den neuen Hüttenweg gabs noch nicht, dieser wurde 1834 angelegt. – In der „Landstruth“ oben am Wald die „Säugerben“ unter dem „Furth. Jetzt heißt alles „Landstruth“ zwischen dem Hüttenweg und dem Siegweg, aber in der Mitte der Landstruth, oben nach dem Wald zu, steht auf der Karte „Beulige Wieß“, ein hügeliges Gelände, vielleicht soll der Name bühlige, d.h. hügelige Wiese bedeuten, wenn er nicht von dem Familiennamen Beuel stammt, der im 17. und 18. Jahrhundert hier vorkommt.

Fritz Philippi

(Auszug aus der Lebensbeschreibung von Pfarrer Weckerling)

Auch auf den Dichter Fritz Philippi passt das Wort: Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch. Der äußere Eindruck war der eines fröhlichen Menschen. Er lacht gern und beherrschte die ganze Stufenleiter vom feinsten Lächeln bis zum lauten herzlichen, wahrhaft befreienden Lachen. Unfreiwillige Komik konnte ihn aufs höchste belustigen. Durch seine witzige Art konnte er eine ganze Gesellschaft in vergnügte Stimmung bringen. Das alles spiegelt sich auch in seiner Schriftstellerei, die wahre Perlen einen köstlichen Humors enthält. Aber häufiger zieht doch durch seine Werke ein tiefer, oft düsterer Ernst, der sich den Leser manchmal wie eine schwere Last auf die Seele legt. – Eine Lösung dieses Widerspruchs liegt darin, daß der Dichter dem Ernst und der Not des Lebens, wie und wo sie ihm entgegentraten, nicht aus dem Wege ging, sondern sie mutig und wahrhaft zu schildern unternahm. – ein anderer Gegensatz: Philippi konnte im Umgang mit Menschen recht derb sein. Er liebte Kraftausdrücke stärkster Art und stellte gern verblüffende Behauptungen auf, um andere zu necken oder in ein witziges Wortgefecht mit ihnen zu kommen. Im Kreis seiner Familie oder seiner Freunde zeigt er leicht ein Benehmen, das man mit den in Nassau allgemein verständlichen Wörtchen „schroh“ bezeichnet. Er selbst war sich dessen auch wohl bewußt und spricht gelegentlich offen von seinen Schroheiten. Philippi nahm es unwiedersprochen hin, daß im „Wällen Kranz“ (dem Kränzchen in Driedorf) der Heckenröder Pfarrer (Weckerling) zu ihm sagt: „Das Wetter ist heut noch schroher als du“. – Philippi selbst bringt aus dem Protokollbuch des Kränzchens die Bemerkung über ihn (im Hirsekorn). Der Wildendorner Pfarrer Philippi, „verspricht, auch abgesehen von seinem roten Bart, der schrohafte unter den schrohen Kerlen zu werden“. (K.) Und doch war derselbe Mann von einer seltenen Feinheit des Gefühls, von einer Zartheit und Tiefe des Gemüts, wie es seine Werke immer wieder deutlich offenbaren. So müssen wir annehmen, daß die Derbheit dem Dichter nur äußerlich anheftete, und daß sie für ihn gleichsam ein notwendiges Gegengewicht und eine natürliche Reaktion (Gegenwirkung) bildete auf die innere Anspannung bei seiner schöpferischen Tätigkeit.
Von Herzen durchaus gutmütig, war er voll Liebe und Verständnis für alles, was ihm begegnete, es sei Mensch oder Tier oder die unpersönliche Natur. Aber um dieses süße Korn seines Wesens legte sich, oft bewußt und gewollt, eine rauhe Schale. Es ist klar, daß er dadurch auf empfindlichere Naturen leicht abstoßend wirken mußte. – Dazu kommt noch ein dritter Gegensatz. Philippi war ein durchaus offener und ehrlicher Charakter. Er konnte sich vor Gott und Menschen, bildlich gesprochen, ausziehen, und sah gar nicht ein, warum der Mensch sich durch allerhand Künste in ein besseres Licht setzen solle.
Dieser absoluten Wahrhaftigkeit seines Wesens scheint etwas zu widersprechen, das schon in früher Jugend bei ihm bemerkt wurde. Er sagt selbst in seinem „Math. Hirsekorn“: „Schon als Bube konnte ich nichts wortgetreu wiedergeben und nicht, ohne in die Versuchung zu geraten, obwohl ich keinen Vorteil für mich dabei suchte, den Vorfall zu verschnörkeln. Ich war dessentwegen oft beschämt worden und hatte Prügel empfangen. Wenn ich ertappt wurde, stand ich erschrocken meine Verfehlung ein. Aber wie von verbotenen Früchten naschte ich immer wieder am verlogenen Kram. Man sieht hier deutlich, wo der Widerspruch steckt: Philippi, der wahrhaftige Mensch, war zugleich eine Dichternatur, mit blühender Phantasie begabt. Also Wahrhaftig und Dichterisch in einer Person vereint, wobei nicht zu vergessen ist, daß in der Dichtung oft die tiefste letzte Wahrheit liegt.
Fassen wir das alles zusammen, so ergibt sich: Philippi war nicht das, was man eine ausgeglichene Persönlichkeit nennt. Er war es auch nicht in der späteren reiferen Zeit seines Lebens. Etwas Unberechenbares haftete ihm an, man konnte fast sagen, etwas Vulkanisches. Es war das Schöpferische in ihm, das immer wieder überraschte und sich oft plötzlich und gewaltsam an die Oberfläche drängte. Dabei hatte er so wunderbar tiefe, durchdringende Augen, daß man meinte, sein Blick könne einem bis ins Innerste dringen. Wenn er aber seine Augen rollte und blitzen ließ, dann konnte er geradezu schreckhaft aussehen. Das waren dann seine „Tierbändigeraugen“. – Alles in allem: Philippi war eine Persönlichkeit von stärkster Eigenart, ein Original im besten Sinne des Wortes, und man kann bei ihm getrost hineingreifen in sein volles reiches Menschenleben, um immer wieder zu ersehen: Wo ihr parkt, da ists interessant.!
In Wiesbaden am 5.1. 1869 geboren. Der Vater war streng in der Erziehung seiner 6 Kinder; Schlosser, stammte aus Usingen. Die Mutter aus Wiesbaden, eine stille zurückgezogen lebende Frau. Fritz, der 2. von den 5 Jungen, hing sehr an seiner Mutter. Seine Lust zum Fabulieren und sein lebhafte Wesen war ein väterliches Erbe.
Nachdem Philippi in Altstadt bei Hachenburg und bei Dietz Vikar gewesen war (zunächst ein Jahr Kandidat in Herborn, dazwischen auch einjährig in Wiesbaden gedient hatte) bekam er im Jahre 1897 seine erste feste Anstellung in Breitscheid, an einer windigen Ecke des hohen Westerwaldes; eine halbe Stunde höher das Filialdorf Rabenscheid, noch rauher und urwüchsicher; etwa 100 m tiefer Medenbach. – Der heitere, gesprächige und impulsive junge Pfarrer erwies sich bald als „gemaaner Mann“, der es (im Gegensatz zu seinem Vorgänger) vortrefflich verstand, den Leuten „die Ansprache zu halten“. Das erwarteten die Bauern von ihrem Pfarrer, sonst hielten sie ihn für stolz. Allerdings gab es auch solche in der Gemeinde, die diese Ansprache nicht begehrten, sondern bald scheu, bald voll Verachtung, jedenfalls aber stumm an dem Pfarrer vorübergingen, ohne ihm die Zeit zu bieten (?) Das waren die „Frommen“ (richtiger, die sogenannten Baptisten, die aus der Kirche ausgetreten waren. „Fromleute, die sich damals noch zur Kirche hielten und nur nachmittags „Versammlung“ in einem Privathaus hatten. Sie bildeten später die „freie evangelische Gemeinde“), die Gemeinschaftsleute. Das Saktiererwesen war längst vom Siegerland auf den Westerwald gedrungen und machte auch dort den Pfarrern große Not. Dennoch übte dies unwillkommene Konkurrenz, wie es Philippi später erfuhr und auch in seinen Erzählungen wiederholt bezeugt hat, einen heilsamen Einfluß auf die „Lohnprediger“, die, wie die Auserwählten behaupteten, lediglich um des Gehaltes willen ihr Amt versahen. Und dieses Gehalt war nach der allgemeinen Meinung der Bauern nicht zu knapp. Der Pfarrer hatte „Geld zu essen“, er wußte gar nicht, wohin mit seinem Reichtum. Dabei herrschten damals auf dem Lande noch die ungünstigsten Besoldungsverhältnisse im Pfarramt, (im Schuldienst aber noch viel mehr), indem ein Teil des Gehaltes durch Holz- und Fruchtlieferung (letztere nur noch in Rabenscheid!), ein anderer durch Verpachtung der Pfarräcker und -wiesen einging oder auch nicht einging. Und wenn die Pächter, die natürlich durchweg ärmere Leute waren, den Pachtzins schuldig blieben, dürfte der Pfarrer noch kein Wörtchen sagen, sonst wurde er als ein heilloser Geizhals verschrieen. (Als später die Kirchenaustritte sich mehrten, drohte auch wohl der eine oder der andere, aus der Kirche auszutreten, wenn er wegen Nichtzahlung des Pachtgeldes gemahnt wurde). Nimmt man dazu, daß diese Westerwalddörfer 2 bis 3 Stunden von jeder größeren Verkehrsstraße entfernt lagen, daß man auch vom Arzt und der Apotheke durch viele Kilometer getrennt und bei den Schneeverwehungen im Winter überhaupt von der Umwelt abgeschlossen war, dazu noch das Fehlen von Fernsprechleitung, Wasserleitung und elektrischem Licht, oft sogar von Bäcker und Metzger, so versteht man den Ausspruch: „Dort oben gehörten überhaupt keine Menschen zu wohnen“. Ja, es war keineswegs ein reines Idyll, solch eine Pfarrstelle auf dem hohen Westerwald. Auch nicht im Hinblick auf die Herde, die der Pfarrer weiden sollte. Philippi lernte bald seine Leute richtig kennen. Sein weltoffener Blick und sein liebevolles Verständnis für alles Menschliche half ihm dabei. Er hatte die Gabe, ganz offen mit den Menschen zu reden, und dadurch entlockte er auch den Verschlossensten manches, das sie so leicht keinem sagten. Und was er als Mann nicht erfuhr, das wurde sein Frauchen gewahren. Denn er war nicht als Junggeselle nach Breitscheid gekommen, sondern hatte der Gemeinde gleich eine Pfarrfrau mitgebracht, und zwar eine, die sich für diese besondere Würde und Aufgabe vortrefflich eignete und bald ein willkommener Gast war in den Häusern, besonders auch bei den Armen und Kranken. (Noch heute, 1943, erinnern sich die Leute noch gern dieser Pfarrfrau, die armen Kranken immer Mittagessen geschickt habe, auch sonst sich als sehr gütig erwies). – Außer von seiner Frau erfuhr der Pfarrer manches aus dem Dorf durch den Verkehr seiner Familie in der „Alten Schule“ am Kirchenweg; mit der Frau des Schumachers Enders, dem „Schulpattchen“ hatten die Pfarrersleute Freundschaft geschlossen seit dem Kranksein deren Tochter, deren sich die Pfarrersleute auf ihrem Sterbelager besonders angenommen hatten. Dann muß in diesem Zusammenhang der Pfarrersfreund August Kuhlmann genannt werden, der „Schlosser-Kuhlmann“ aus der Sauermouseck, den Philippi oft in seinen Büchern als „Hampikers Gottlieb“ erwähnt, den er aber doch zu hoch eingeschätzt hat; er war doch ein etwas beschränkter Mensch. Beim Bau des kirchlichen Vereinshauses hat er sich besonders ins Zeug gelegt, dabei aber seine eigne Wirtschaft vernachlässigt. Seinen einzigen Sohne übergab er vorzeitig Haus und Güter, und es ist ihm noch recht schlecht gegangen. Auf meine Vorstellung bei Philippi, diesem seine Lage schildernd, hat dieser seinem Freund von Wiesbaden aus noch eine Geldunterstützung geschickt.
Ferner verkehrte Philippi viel mit dem Schreinermeister Robert Reeh, am Tiergarten. Bei ihm oder in der „Alten Schule“ wohnten Philippis auch, wenn sie später hier zu Besuch waren.
So fehlte es von Anfang an nicht an Arbeit, wenn auch die Gemeinde nur klein war. Aber auf den Dörfern mußte Kleinarbeit getrieben werden. Das war möglich und wurde auch verlangt (besser: erwartet!) – Trotzdem überkam den jungen Bauernpfarrer schon bald eine innere Unruhe und Unrast. Das viele Neue und Eigenartige, das er erlebte, das ganz andere, das diesen Menschen auf der hohen Heide anhaftete, wirkte so stark auf ihn ein, daß er irgendwie reagieren (sich gegenäußern) mußte auf die Wucht und Fülle der Eindrücke. Und nicht nur die Menschen mit ihrer Arbeit und ihrer Lebensweise waren daran beteiligt, sondern ebenso sehr auch die Natur, die Landschaft, die klimatischen Veränderungen, die Wolken, die einsame Heide und die schweigsamen Wälder. Hier hörte er ein Rauschen in den Lüften und ein geheimnisvolles Raunen ringsum, wie er es bisher noch nicht erlebt hatte. Hier erlebte er Schneeverwehungen, die er früher nicht für möglich gehalten hätte, hier spielte überhaupt das Wetter eine Rolle, wie es dem Großstädter, zumal in dem milden Wiesbadener Klima, noch nie zum Bewusstsein gekommen war.
Aber all diese Eindrücke konnten ihn nur deshalb innerlich so aufwühlen und überwältigen, weil er sie als Dichternatur erlebte. Darum war es eine Notwendigkeit, er mußte das Erlebte aufschreiben, dichterisch gestalten. Dabei fragte er nicht lange: wie soll ich das machen? Er schaute auch nicht ängstlich nach rechts und nach links, wie es etwa andere gemacht hatten, sondern er sah seinen Leuten „aufs Maul“, um zu erfahren wie sie in seinen Geschichten zu reden hatten als richtige redgewachsene Bauern. Er stellte sie fest auf die Beine mit ihrer harten Arbeit, mit ihren Leiden und Freuden, mit ihrem engen Horizont, mit Treu und Glauben, aber auch mit ihren (Aberglauben! K.) Misstrauen, mit ihrer Gutherzigkeit, mit ihrem Eigennutz, ihrem Neid, ihrem Haß. So entstanden keine Salonbauern, sondern echte „Wäller“. Und dazwischen lächelte bald die Sonne, bald heulte der Sturm, bald jagte der „Woost“, immer ein anderes Bild bei aller Gleichartigkeit seit Jahrhunderten und Jahrtausenden. Einen guten Kritiker hatte der Dichter stets zur Hand in seinem Frauchen, das ihn hierbei nie im Stich ließ. Und dazu kam dann die Männerkritik im „Wällerkranz“, dem er zweimal ein literarisches Denkmal gesetzt hat, in dem Buch „Unter den langen Dächern““ und dem Büchlein „Vom Pfarrer Mathias Hirsekorn und seinen Leuten“. Der „Wällerkranz war nur ein kleiner auserlesener Kreis, der im Winter allmonatlich einmal trotz Wind und Wetter stundenlang nach Driedorf pilgerte, um sich dort in der oberen Gaststube des Wirtes und Metzgers K. (oben linkes am Wege nach Mademühlen) zu versammeln. In den Sommermonaten tagte das Kränzchen reihum in den Pfarrhäusern. Dann kam jeder so zahlreich wie nur möglich mit Weib und Kind und Besuch anmarschiert. Das war dann eine rechte Küchenvisitation für die Hausfrau, umsomehr, weil man nie wußte, wie viel Gäste kamen.
Auch bei den Sommerkränzchen wurde streng darauf gehalten, daß man sich einige Stunden mit ernsten Dingen beschäftigte. Daß dabei auch die holde Weiblichkeit gern zuhörte und ihre Meinung äußerte, war selbstverständlich. War das Wetter geeignet, dann tagte man im Pfarrgarten, oder an einem schönen Plätzchen im Wald und auf der Heide. Trotzdem lautete das einstimmige Urteil der Männer die Winterkränzchen sind doch am schönsten! Hier war man ganz unter sich, hier herrschte ein rauher, aber herzlicher Ton und vor allem rückhaltlose Offenheit. Kein Wunder, daß Philippi sich in dieser Männerrunde des Wällerkranzes von Anfang an äußerst wohl fühlte, und daß er darin seine treuesten Freunde fand fürs ganze Leben. (Pfarrer Weckerling gehörte als Nenderrother Pfarrer auch dazu.) Sie waren es auch, die seine dichterischen Erzeugnisse als erstes Publikum hören und beurteilen durften. Andererseits vernahm er von den Freunden auch manches feine Stücklein aus ihren Gemeinden und Familien, das er später denkbar verwertete. – Was unseren Freund als Schriftsteller besonders bekannt und beliebt machte, das waren seine drei Westerwaldbücher „Hasselbach und Wildendorn“, “ Unter den langen Dächern“ und „Von der Erde und vom Menschen“. Ich bin stolz darauf, daß ich zu den beiden letzten mit Westerwaldmotiven den Buchschmuck liefern durfte. Übrigens stecht in diesen Geschichten viel mehr dichterische Erfindung als man denkt. Dafür als Beispiel die feine Erzählung „das Heidekreuz“, die mit dem Satz beginnt:
„Ich dachte: ich will von einer großen Tat schreiben“. Der Dichter las uns im Kränzchen das Manuskript vor und gestand: „als ich diesen Satz hinschrieb, wußte ich noch nicht, was für eine Tat das sein würde“. So erfand er eine solche Tat, und wie überzeugend hat er sie erzählt! Ganz sicher hat es auch den „Landwolf“, oder das „Borntier“ und ähnliche Gestalten, so wie sie im Buch stehen, in Wirklichkeit nicht gegeben. – Man hat bei den Westerwälder Bauerngeschichten den eigenartig rauhen, fast holprigen Stil beanstandet. Und es läßt sich nicht leugnen, daß die Erzählungsweise hier nicht glatt und elegant ist. Aber wenn sie es wäre, würde sie dann zur Schilderung der Wäller Bauern passen, die selbst in ihrer Sprachweise so unbeholfen und wortkarg sind?
Was die Westerwaldbücher Philippis noch besonders auszeichnet, ist das wunderbare Naturgefühl, das in ihnen lebt und webt. Wie ist da alles, der Wald, die Heide, die Wolken, der Wind, Sonnenschein und Regen, Schnee und Eis nicht beschrieben, sondern beseelt! Die ganze Natur ist nicht nur Hintergrund oder Kulisse, sie scheint vielmehr bewußt teilzunehmen an den Geschicken der Menschen, oder aufzutreten als handelnde Person. Diese bewundernswerte Kunst des Dichters findet sich auch später in allen seinen Werken, aber schon hier in ihrem Anfang zeigt sie sich in einer Vollendung, wie wir sie nur bei unsern ganz großen Lyrikern finden.
Gerade die drei Westerwaldbände haben dem Dichter viele Freunde gewonnen, ja sie waren bahnbrechend für ihn und seine Schriftstellerei. Und heute noch, nach fast 50 Jahren, ist es so, daß in den Hausbüchereien, auch wenn sonst nichts von Philippis Werken zu finden ist, doch seine Westerwälder Novellen in irgendeiner Ausgabe vorhanden sind und auch gelesen werden. – Schlimm wars dagegen, als diese „Lügengeschichten“ in der Gemeinde des Dichters zuerst bekannt wurden. Groß war die Entrüstung über dieses „Verbrechen“ ihres Pfarrers. Da hatte man nun sein richtiges Bild, wie er mit Lügen umging und das, was er bei den Leuten heimtückisch erlauscht hatte, mit Hohn und Spott vor aller Welt ausbreitete. Aber konnten diese ganz unliterarischen Menschen anders, als ihren Pfarrer missverstehen? Doch auch dieser Aufruhr legte sich allmählich, und die „kochende Volksseele“ beruhigte sich. Viel trug in Rabenscheid der Lehrer dazu bei, indem er die Leute abends auf die Schule bestellte und ihnen das Buch in ruhiger verständlicher Art auslegte. Aber ein großes Misstrauen blieb doch gegen den Pfarrer, der imstande war, jeden einzelnen und sogar das ganze Dorf in aller Öffentlichkeit zu blamieren.
Doch es sollte sich noch Schlimmeres ereignen, das den Seelsorger und den Dichter gleicherweise traurig machte. In sein weltabgewandtes Reich brach von außen her der Lärm und die Geldgier, Industrie und Verkehr, Eisenbahn (-vorbereitungen) der Fabrik (1900). Wie das alles kam, und was für Menschen in den stillen Dörfern auftauchten, wie die Ereignisse, durch der Parteien Gunst und Haß verwirrt, sich abspielten, nicht immer zum Heil der Dorfbewohner, und wie auch der Pfarrer bald den Zorn seiner Gemeinde (? K.), bald den des herrischen und misstrauischen Fabrikbesitzers auf sich zog, das ist alles genau, fast chronologisch (? K), erzählt in dem Roman „Weiße Erde“ (1913 erschienen), 1921 in der neuen Auflage „Erdrecht“ genannt.
Dieser Roman darf als Abschluß (? 1924 erschien „Hirsekorn“) und zugleich als der Höhepunkt der Westerwaldgeschichten bezeichnet werden. Er zeigt die Vorzüge der Philippischen Erzählungskunst in Menschenschilderung und Naturbetrachtung in noch verstärkter und verfeinerter Form.
(Diez) Sieben Jahre hatten die Pfarrersleute in Breitscheid zugebracht. Auch in dem abgelegenen Weltwinkel war die Zeit eilig verflogen; aber nun war es genug. Der Drang nach neuem, nach einer Veränderung im Beruf, der ihm auf dem Westerwald keine neuen Aufgaben mehr zu stellen schien, machte sich immer deutlicher bemerkbar. Auch mochten die unerfreulichen Ereignisse der letzten Jahre ein Wort mitsprechen. – Da kam gerade zur rechten Zeit ein Ruf aus Diez an der Lahn, daß die Gemeinde von St. Peter ihren ehemaligen Vikar als Pfarrer haben wollte. Sein getreuer Nachbar, der Hasselbächer (Pfarrer Emde in Schönbach, K.), dem er die Sache vortrug, sagte ihm offen, wenn auch mit schweren Herzen: „Wildling, in dir meldet sich der Städter; die Stille hat ihr Werk an dir getan. Du bist zu dir selber gekommen. Nun ist deine Zeit hier oben um“. – Philippi wurde, aus großer Konkurrenz heraus, einstimmig von der St. Petersgemeinde gewählt, doch unter der Bedingung, daß er sich verpflichte, die Petersleute nicht ins Buch zu bringen. „Das versprach ich leichten Herzens, schreibt Philippi im zweiten „Hirsekorn“ dazu, denn ich ahnte schon, daß ich den Stoff zu meinen künftigen Schreibübungen in einer anderen vermauerten und vergötterten Welt (Zuchthaus in Diez) finden würde.“

Philippis erste „Lügengeschichte“

Als Philippi im Jahre 1897 seine Westerwälder Pfarrstelle bezog, rundeten sich gerade vier Jahrzehnte, seitdem die Strickschule daselbst von der Jungfer Luise G. betreut worden war. Jeden Mittwoch- und Samstagnachmittag humpelte sie noch mühsam zur Schule. Die Strickschule war von entscheidender Bedeutung in ihrem Leben gewesen. Denn schon als Schülerin derselben hatte sie einen Unfall erlitten, der bestimmend für ihren weiteren Lebensgang wurde. Das Läuten zur „Alten Schule“ geschah damals in der Kirche. Zur Strickschule läuteten sich die Mädchen gern selbst. Sie liefen den Kirchenweg hinauf, eins wollte vor dem andern sein. Dabei fiel „Fuchse Luwis“ so unglücklich, daß ihr infolge falscher Behandlung seitens des Driedorfer Baders später ein Bein unter dem Knie abgenommen werden mußte. Sie erhielt dann ein „Stützelbein“. Um sich den Lebensunterhalt erwerben zu können, ließ man sie das Nähen erlernen. Im Alter von 25 Jahren übertrug ihr die Gemeinde die Strickschule. Die letzten zwölf Jahre ihres Lebens wohnte sie in meinem Elternhaus, und ich habe sie in freundlicher Erinnerung: „Aus der ganzen Persönlichkeit wehte einem etwas von der herben, aber gesunden Westerwaldluft entgegen.“ Ihre Lebensgeschichte war ein rührender Beweis von Fleiß, Gottvertrauen und Genügsamkeit, so daß es ihr nie am Notwendigsten fürs Leben fehlte, solange sie arbeitsfähig war. Doch in den letzten Monaten ihrer irdischen Wanderschaft war sie „schlapprig“ und kam nun doch in Not. Der junge Pfarrer aber nahm sich ihrer an und besuchte sie oft. Er gewann bald den Eindruck, daß er eine verschämte Arme vor sich habe. Die Nähmaschine, die der alten Strickersche eine liebe Lebensgefährtin gewesen war, stand nun still. Doch vor dem Fenster grünte noch der alte Rosmarinstock, ihre Lieblingspflanze. Davon sollten einmal die Träger der Toten ein Zweiglein im Munde tragen. Auf dem Tisch „die braune zerlesene Bibel, die schon halb aus dem Einband gefallen war, gerade wie das Menschenkind auf dem Lager.“ Als nun der Pfarrer der Greisin zu einer kleinen Unterstützung seitens der Gemeinde verhelfen will, begegnet er einem Widerstande, der ihn in Erstaunen setzt. „`s hots noch immer gedo“, entgegnete sie ihm, Gott würde ihr auch weiter helfen. Sie will nur ihr letztes Quartal haben und weiter nichts. Doch endlich willigte sie ein und erhielt nun ein Ruhegehalt von monatlich 3 Mark zugebilligt, ganzen drei Mark, wofür die Gemeinde noch die Anwartschaft auf die geringe Hinterlassenschaft der Bedachten hatte.
Das Erlebnis in dem Stübchen der alten Strickersche bewegte Philippi, den Sohn der Weltkurstadt, derart, daß es die Dichternatur in ihm weckte. „Die knorrigen Menschengewächse dort oben“, so bekennt er später, „ließen mir keine Ruhe, bis ich sie mir vom Leibe geschrieben hatte.“ Es war seine Art, und er ist ihr auch später treu geblieben, daß er sich für solche Menschenschicksale besonders erwärmte. „Ist das nicht ein Heldenleben, das hier zur Neige geht?“ So sagte er sich. Er will nun die alte Strickersche verherrlichen, sie als Vorbild den allzu vielen Unzufriedenen vor Augen führen, die es wahrlich leichter haben im Leben. Eine Heldin will er schildern, die in ihrer entschlossenen kernigen Art und ihrem nach oben gerichteten mutigen Sinn ein schweres Schicksal musterhaft meistert.
Es ist des Dichters gutes Recht, die Gestalten seiner Werke so zu formen, wie es der Zweck erfordert, den er mit seiner Dichtung verfolgt. So läßt Philippi hier die Strickersche an denkbar schweren Erlebnissen gehärtet werden für den Daseinskampf. Unversehens entschwindet ihm der Boden der Wirklichkeit unter den Füßen. Und in dem Bestreben, seine Erzählung spannend für den Leser zu gestalten, trägt er die Farben zu dick auf. Er läßt z.B. seine Heldin schon früh die Mutter verlieren und mit 18 Jahren einen furchtbaren Schreckenstag erleben: Bei einem Gewitter schlägt der Blitz ins Elternhaus ein, der geisteskranke Bruder springt in die Flammen, der Vater will ihn retten, und beide kommen dabei um. Dann läßt der Dichter die Waise zu ihrem Vormund, einem reichen Bauern, kommen, der sie ausnutzt. Und als sich zwischen ihr und einem Sohn des Bauers ein ernstes Liebesverhältnis anbahnt, wirft der Alte „das Bettelmensch“ die Treppe hinab, daß sie ein Bein bricht. Das war alles rein erfunden. Die Bauern horchten beim Lesen der Erzählung auf. Das alles soll „Fuchse Luwis“ erlebt haben? Davon ist ihnen ja gar nichts bekannt. Ihr Sinn fürs Wirkliche und Wahre war beleidigt, ihr Pfarrer hatte eine „Lügengeschichte“ geschrieben.
Und an den Stellen von „Rosmarin“, so hieß der Titel der Erzählung, wo der Dichter wirklichkeitsgetreue Schilderungen gab, wie z.B. von dem Aeußeren der alten Strickersche, nahmen seine Getreuen auch Anstoß, ja, hier wussten sie es: „Sie hatte eine rauhe, etwas verschrobene Art, ihr Gesicht hatte feste, ausgeprägte Züge“ nein, daß läßt meine Verehrung für meine treue Hausgenossin von ehemals doch nicht zu, ganz hierherzusetzen, wie Philippi ihr Bild nun weiter, „scheinbürlich“ wie sie war, gezeichnet hat. Das Büchlein erschien 1899 im Verlag Weidenbach, Dillenburg, noch zu Lebzeiten der Strickersche. Man hat ihr nicht davon erzählt. Hätte sie aber davon erfahren, so wäre dem Pfarrer ein strenger Blick unter ihren buschigen Augenbrauen heraus sicher gewesen und mit der Seelsorge wäre es vorbei gewesen. Der Bruder der Strickersche, welcher Polizeidiener, Nachtwächter und Balgtreter an der Orgel war, war empört über das Büchlein und schrieb dem Pfarrer: „Hiermit kündige ich den Orgelbalg.“ Befremden erregte auch die gewiß harmlose Art, wie der Dichter an das Gebrechen seiner Heldin rührte: „Das Gummibein konnte ihr das richtige Bein nicht ersetzen, welches aus der Herrgotts-Werkstatt gewesen war.“ „Dos baßt sich net fir `n Pärrner, su ze schreiwe!“, so äußerte sich mir gegenüber damals eine Frau aus der „Versammlung“.
Nun enthielt unsere Erzählung auch eine Stelle, wo der Gemeinde der Vorwurf der Härte einer armen Witwe gegenüber gemacht wurde. Auch dieser Einzelfall war erdichtet, wenn auch kennzeichnend für die Haltung, die früher oft in der Armenpflege der Dörfler eingenommen wurde.
Solche vermeintliche Verfehlungen des Dichters trübten aber den Blick der Bauersleute für die Lichtseiten der Erzählung, wo vorbildliches Verhalten der Dorfleute rühmlich hervorgehoben wurde. War da nicht der Ueberzeugung Ausdruck gegeben worden, daß das Gute der Dorfgemeinschaft doch die Schattenseiten überwog. Z.B. in der Form gegenseitiger Hilfsbereitschaft? „Mangel hatte die Strickersche nicht, und gute Leut fand sie jederzeit, welche ihr aushalfen aus Gefälligkeit ohne viele Worte, in dem Gemeingefühl, wie es die gleiche Lage und das wohlbekannte Zusammenleben von selber herausbildet als einen Vorzug enger und kleiner Verhältnisse.“ Sie bekam ihre Kartoffeln billig, und das halbe Klafter Holz, ihren Brand für den Winter, dot ihr keiner herab bei der Holzversteigerung, wenn es hieß, es wäre für Fuchse Luwis, und zum „kurz machen“ des Holzes fand sich auch stets einer. (Sie bezahlte es aber doch.) Hinterließ nicht die ganze Erzählung „Rosmarin“ den Eindruck, daß es im Grunde die Freude an seinen Dorfleuten war und die Wertschätzung für sie, die ihrem Pfarrer die Dichtung eingegeben hatte? Und war sie nicht ein Anlaß für alle Dorfgenossen, stolz darauf zu sein, daß der Dichter eines der Geringsten unter ihnen eines Heldenliedes gewürdigt hatte, das in den Hochgesang ausklang: „Ehre den Tapferen, die ihr Leben ließen fürs Vaterland auf blutiger Walstatt! Aber vielleicht noch größer ist das unerkannte und stille Heldentum, das keine andere Waffe hat, als Dulden und Leiden, und das ein leidbeschwertes Menschenleben, welches von Tausenden weggeworfen würde im Ueberdruß und in Verzweiflung, aufnimmt mit dem inneren Mut, der Seele: dennoch, trotzt die Welt kein Ehrenkreuz und setzt ihm kein prunkendes Denkmal; aber der da droben spricht über ihn: „Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freunden und bringen ihre Gaben!“
„Rosmarin“, du Erstling unter den vielen Werken Philippis, so anspruchslos und harmlos du auch in Erscheinung trittst, ein Schatten fällt von dir auf die Laufbahn dieses Dichters; du offenbarst schon ganz seine Eigenart und läßt darum erahnen, welche Aufnahme eine weitere dichterische Betätigung dieses Pfarrers in seiner Gemeinde finden wird. R. K.

Fritz Philippi und seine Westerwaldgemeinde

Zum 10. Todestage des Dichters am 20. Februar 1943

Am 20. Februar jährt sich zum zehnten Male der Todestag des Dichters Fritz Philippi, der um die Jahrhunderwende in Breitscheid als Pfarrer amtiert hat. Philippi hat sich in die deutsche Literaturgeschichte eingeschrieben, seine Lyrik und seine Westerwälder Erzählungen wurden von dem bekannten Literarhistoriker Adolf Bartels als wertvoller Beitrag zur Erstärkung des deutschen Volkstums gewürdigt. Dem Gedächtnis Philippis ist im wesentlichen die heutige Folge unserer Heimatblätter gewidmet, in der unser heimatkundlicher Mitarbeiter Reinhold Kuhlmann, Breitscheid mit feinfühliger Feder ein aufschlussreiches, aus enger persönlicher Verbundenheit mit Philippi erwachsenes Bild vom Leben und Schaffen des Dichters zeichnet, der in seinen Schriften dem Westerwald ein bleibendes Denkmal gesetzt.

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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