Heimatbuch-15

Unsere Schule

  • „Die Hoffnung der Welt liegt in den Kindern“.
  • „Geh fleißig um mit deinen Kindern!
  • Habe Sie Tag und Nacht um dich und liebe sie,
  • Und laß dich lieben einzig schöne Jahre;
  • Denn nur den engen Traum der Kindheit sind
  • Sie dein, nicht länger!“ (Schefer)

„Was du deinen Kindern sagst, beeinflußt sie nicht so sehr, wie der Geist deines Lebens … wie die höchsten Ziele, nach denen du strebst!“

„Kommt, lasst uns unsern Kindern leben!“

Sei bemüht, das Kind in Frieden zu lassen, so selten wie möglich unmittelbar einzugreifen, rohe und unreine Eindrücke zu entfernen, und verwende alle deine Wachsamkeit, alle deine Energie darauf, daß deine eigene Persönlichkeit nur das Leben selbst Erzieher des Kindes werden. (Ellen Keg.)

„Gebt ihnen das Recht, ihr volles persönliches Kinderleben vor einem Vater und einer Mutter (und einem Lehrer!) zu leben, die selbst ein volles persönliches Leben leben.“ (Dieselbe im Jahrhundert des Kindes.)

  • „Und Herze, willst du ganz genesen,
  • Sei selber wahr, sei selber rein!
  • Was wir in Welt und Menschen lesen,
  • Ist nur der eigne Wiederschein? (Fontam)
  • „Daß mein Herz in meinen Kindern hange,
  • daß ihr Glück, mein Glück, ihre Freude, meine Freude sei,
  • das sollten meine Kinder der vom frühen Morgen bis an den späten Abend,
  • in jedem Augenblicke an meiner Stirn sehen,
  • und auf meinen Lippen ahnen.“
  • (Pestalozzi als Weisenvater)
  • „Bebauet wie ihr wollt ein wildes Krähenfeld,
  • führt schöne Häuser auf, erweitert Mauern, Foren,
  • ja legt Fabriken an und häufet Geld auf Geld,
  • ist keine Schule da, so bleibt es wie zu voren.“

Die Gründung unserer Schule fällt in die 1580er Jahre, in die Regierungszeit des trefflichen Großen Johannes des Älteren. Auch von ihm konnte man sagen: „Er hat unser Volk lieb, und die Schule hat er uns erbaut“. Nachdem er die reformierte Kirche in seinem Lande eingeführt hatte, sah er in der Hebung der Volksbildung das beste Mittel, die neue Lehre zu befestigen und zu erhalten. So gründete er 1584 die Hohe Schule zu Herborn und dann mit Hilfe der Kirche auch die Dorfschulen. Diese schöne, aber schwere Aufgabe, die Gründung der Dorfschulen, war dem Pfarrer Zepper von Herborn übertragen worden. Im Jahre 1582 gab derselbe eine Schulordnung heraus, die Bestimmungen traf über die Aufstellung der Schulmeister, die Schulzeit, die Lehrfächer u.s.w. Wenn nun Steubing schreibt, die Schüler auf den Dörfern des Herborner Amtes seien zwischen 1588 und 1594 ins Leben gerufen worden, so ist diese Angabe in dieser allgemeinen Fassung nicht ganz zutreffend, wenigstens nicht für Breitscheid. Denn aus einer Angabe im Jahre 1582 (im Archiv) ist zu entnehmen, daß in diesem Jahre schon des Jugendunterrichts in Breitscheid gedacht wurde. Es ist da die Rede davon, daß ein Kaplan dem Pfarrer Jakob zu Breitscheid zur Seite tritt, „er im predigtampt und underrichtung der jugendt kann jakoben die Handt biete“. Näheres über die Gründung unserer Schule habe ich bis jetzt nicht auftreiben können. Ob Breitscheid von sich aus eine Schule beantragt hat, ist mir nicht bekannt. Ebenso weiß ich nicht, wer zuerst in Breitscheid Schule gehalten hat. Das Archiv in Wiesbaden teilt uns mit, daß über die Gründung unserer Schule nichts Näheres zu finden sei.
Besondere Schulmeister für deutsche Schulen gabs noch nicht. Die Zeppersche Schulordnung sah vor, daß zunächst der Pfarrer die Schule halten solle, wenn sein Predigtamt nicht zu weitläufig sei. Da die Mittel zur Aufstellung ordentlicher Schulmeister meist auch nicht vorhanden seien, sollte das Schulamt mit dem Glockenamt verbunden werden, und von jetzt ab sollten nur solche Glöckner angestellt werden, welche des Schreibens und Lesens kundig seien und neben ihrem Glockenamt dann die Schule bedienen könnten. Vermutlich haben in den ersten Jahrzehnten studierte Schulmeister (Diakonen, Geistliche, Gehilfen des Pfarrers) die Schule in Breitscheid gehalten. Das Pfarrerverzeichnis im alten Dillenburger Archiv führt von 1607 bis 1615 Jakob Sommer als Pfarrer hier auf, während zur selben Zeit doch Hermanny als Pfarrer hier war; wahrscheinlich war dieser Sommer der Gehilfe des Pfarrers, der die Schule hielt. Ein Sommer ist sicher hier gewesen, da ein Sohn von ihm hier geboren war. Nachdem einige Jahrzehnte verflossen waren nach Gründung der Schulen, waren wohl genügend nichtstudierte Schulmeister vorhanden, auch wohl der Unterhalt derselben sicher gestellt, sodaß solche angestellt werden konnten, nachdem sie vom Pfarrer geprüft worden waren. Beide Ämter, Glöckner oder Küsteramt, und Schulamt, sind dann in Breitscheid vereinigt gewesen bis 1822.
Die erste Erwähnung unserer Schule in unsern Kirchenakten geschieht 1609 in der Kastenrechnung. Der Kastenmeister trägt bei den Almosen unter „Außgifft“ ein: „Des Kuhhirten Johann Sommers sohn, so Zur schulen gehet, uff vorbitt des Pastors Zu einem buch gegeben 3 albus 4 pf.“ 1617 heißts in der Kastenrechnung: „Dem Schulmeister zu Medenbach, daß er den Sommer über bey uns gesungen, gegeben 1 Gulden“. Den ersten mit Namen genannten ordentlichen Schulmeister hier führt die Kastenrechnung von 1620 auf. Da heißt es:
„Item dem Schulmeister zu Breitscheid Samuel Herold wegen seines Fleißes Zu sein und seiner Hausfrawen destobesseren Unterhaltung gesteuert 1 Gulden“. Von 1625 bis um 1750 erhielt der Schulmeister hier jährlich 2 Gulden an Barbesoldung aus den Almosenkasten. Während und nach dem 30jährigen Krieg muß es den hiesigen Schulmeister zu Zeiten recht schlecht gegangen haben, weil er nebenher noch mit Almosen unterstützt wurde. 1633: „Der Schulmeister in Breidscheid ins Kindbetth gesteuert 5 Albus“. 1635 erhielt der Schulmeister 2 mal 4 Albus. 1652 heißts: „Dem Schulmeister in seiner Schwachheit gesteuert 10 Albus“. – 1666 und 1668 wird im hiesigen Taufbuch der Schulmeister als hier Peter Wormbser genannt. – Die Einkünfte des Schulmeisters setzten sich im Jahre 1671 wie folgt zusammen: Aus Renten, aus Schulkapitalien (diese waren der Schule zum Teil vermacht worden; so heißt es: „Schneiders Annen tochter geben Jahrs der schule von 10 Gulden, so sie der schuel anno 1670 vermacht, pension 12 Albus“) „Jedes hauß zu Breidscheid gibt Jahrs 4 Albus 4 pf; 27 Häuser tun 5 Gulden 12 pf. – Item der Kastenmeister auß dem Casten 2 Gulden. – hat den halben Kirchhoff: vom Glockenampt bekompt er von jedem hauß ein sechter Korn: (ein Sechter = ½ Meste) Isset mit den leuthen“. (Kostungen im Dorf) So berichtet Pfarrer Ludovici. Derselbe brachte 1687 auch einen neuen Schulmeister her, worüber er selbst folgendes aufgezeichnet hat:
„Anno 1687. Hab ich pastor zum schulmeister angenommen. Joh. Aßman Dieln von medenbach Zum schulmeister alhier, und bin einß worden mit ihm Zu lohn Zwölff gulden: ein malter Korn, und die Suppe bei den leuthen; weil er noch nicht Sufficiens d.h. wohl nicht genügend ausgebildet und ich Viel last vor ihn muß tragen helffen, darumb bekomme isch das übrige an lohn und hatt die Herberg bei mihr“. Im hiesigen ehebuch steht: 1697 „haben J. Erasmus Diehl von Medenbach nstr ludimagister mitt Ursula Stahlen alhier hochzeit gehalten.“ D.h. unser Schulmeiser )

Erst vermutete ich, einen neuen Schulmeister vor mir zu haben, aber es ist derselbe wie Asmann Diehl, was einwandfrei aus dem Protokoll über die Anstellung seines Nachfolgers 1730 hervorgeht. Asmann ist die Koseform für den Namen Erasmus. Als er Mann geworden war, nannte er sich bald Thielmann. 1707 tritt er zum erstenmale als Thielmann auf. 1704 wurde sein Sohn Johannes geboren. Am Rande des Taufberichtes steht, daß dieser Johannes später Schulmeister hier geworden sei. Dieser schreibt sich, als er erwachsen war, auch Thielmann. So sehen wir, daß Diehl, Thil und Thielmann derselbe Mann ist und daß erst nach 1700 dieser Name hier fest wurde.

Ich habe ausführlicher von der Namenswandlung hier geschrieben, weil der Name Thielmann hier zur Zeit der am zahlreichsten vortretende Familienname ist und weil der Schulmeister Erasmus Thielmann der erste Thielmann hier ist und der Stammvater der meisten jetzt in Breitscheid lebenden Thielmann ist. Eine Linie Thielmann (ab 1797) stammt aus Schönbach. Auch soll nach der mündlichen Überlieferung in Thielmanns Familie am Erdbacherweg der erste Thielmann von Medenbach hierher gekommen sein. Vor der Zeit des Schulmeisters Thielmann tritt der Name Thielmann oder Thil überhaupt noch nicht in unserm ältesten Kirchenbuch auf. Ein Ast von dem Stamm Thielmann ist die Schulmeisterslinie. Das Breitscheider Schulamt ist über 100 Jahre lang von derselben Familie, von Vater, Sohn und Enkel begleitet worden, bis Oswald Thielmann und Robert Thielmann (Luckenbachs) heißt man heute noch „Alteschulmeisters“, ihr Onkel, der in den 1880 er Jahren mit seiner Familie nach Amerika auszog, war der „Schulfritz“. Alteschulmeisters Haus“ war das 1782 erbaute Haus am Tiergarten, links vom Krummen Weg bei dem Brunnen, gegenüber von Dechers Haus (jetzt Reinhard Georg Erben, Fisch.) Direkte Nachkommen in männlicher Linie von diesem Erasmus Thielmann sind: Thielmanns: Rudolf Thielmann, Adolf Thielmann (Martins), Karl Thielmann, Louis Thielmann, Lippse (Paul Thielmann), Förster Heinrich Thielmann, Fraaze (Siegfried Thielmann), Alberte (Albert Thielmann, Schultschulmeisters Hugo Thielmann. – Doch nun genug der Abschweifung.!

Armselig müssen die Schulverhältnisse zu den Zeiten des Erasmus Thielmann noch gewesen sein! „Feldgüter und Hausarbeit“ nahmen im Sommer die Hauptkraft des Schulmeisters in Anspruch. Wahrscheinlich hielt er bloß im Winter Schule und traktierte Sonntags den Katechismus in der Kirche. Heimberger und Geschworene richten 1713 eine Klageschrift gegen Erasmus Thielmann, und nun soll er „das ganze Jahr Schule halten“, das heißt im Sommer täglich morgens eine Stunde. Viel können ja die Kinder nicht gelernt haben. Die Fächer waren Religion, Lesen und Schreiben, das Rechnen war von Anfang nicht dabei. Eine Verordnung aus dem Jahre 1738 besagt, daß die Schulmeister durchweg schlecht schrieben, der Pfarrer solle daher für sie und die Helfer in der Schule eine besondere Schreibstunde ansetzten. Die Kirchenältesten, die im 18. Jahrhundert die Kirchenprotokolle unterschrieben haben, wie Jonas Bechtum und andere haben ihre Namen schlecht geschrieben. Der Lehrstoff wurde noch ganz handwerkmäßig eingedrillt, und weil die Schulmeister bei ihrer mangelhaften Vorbildung keine tiefere Kenntnis der Seelenlehre hatten, so mußte der Stock die Lehrkunst ersetzen. Alle Anweisung über den Lehrstoff erhielten die Schulmeister vom Pfarrer. Sie waren ganz und gar ein Werkzeug der Kirche, und diese Abhängigkeit machte sie auch unfrei im außendienstlichen Leben. Unser Erasmus hob dem Pfarrer Groos die Abendmahlseier auf: der Pfarrer schreibt 1725, er habe bei der ersten Vorbereitung zum heiligen Abendmahl hier den unlöblichen brauch vorgefunden, „daß ihre Gedanken während der Predigt mehr auf die Eier, damit selbige nicht zerbrochen ging gerichtet wären, als auf den Prediger, so habe er angeordnet, daß die Ältesten die Eier aufhöben und ins Pfarrhaus brächten. Er schreibt nun weiter; „Daß Eyer aufheben kann auch durch den schulmeister Verrichtet werden, welcher es dann auch übernommen“.

52 Jahre hat Erasmus Thielmann Breitscheid gedient als Schulmeister, Kirchendiener und treuer Knecht des Pfarrers. Schon Luther sagt: „Einen fleißigen und treuen Schulmeister kann man nicht genug lohnen, und wenn einer 10 Jahre Schule gehalten hat, mag er mit gutem Gewissen davon ablassen, denn die Arbeit ist groß und man hält sie gering.“ Sovielmehr durfte Erasmus Thielmann nach 52 Jahren Schulmeisterdaseins mit gutem Gewissen die Last auf jüngere Schultern legen! Und der Nachfolger war da. Sein Sohn, der wohl das Schulhandwerk bei ihm gelernt hatte, trat in seine Fußstapfen. Das Presbytorialprotokoll von Pfarrer Fuchs über die Einsetzung seines Nachfolgers Lautet:
„Den 2. Auguste (1739) ward in einem extre Presbyterio zum Breitscheider Schuldiener, nachdem Erasmus Thielmann seinen 52 Jahr verwalteten Schuldienst aufgegeben, dessen sohn, so Bißhero mit vielem ruhm zu Mademühlen schul gehalten, angenommen. Nachdem er Vorhero examiniert worden, ward er befragt, ob er Sein Amt auch treulich verrichten wolle, insbesondere, ob er

  • 1. dem prediger folgen wolle,
  • 2. Kein Kind vor das andere halten,
  • 3. täglich selber lernen,
  • 4. die angeben, so die Kinder nit schicken,
  • 5. die Kinder sonderlich informieren im christentum,
  • 6. in der Kirche Zucht bey der jugend halten,
  • 7. die gehörige Zeit informieren (unterrichten),
  • 8. die Kinder nit ungebührlich straffen,
  • 9. christlich leben und wandeln mit seiner Frau und gantzen Haus.

Alles dieses hat er unter Gottes gnad Versprochen zu halten, worauff ich ihn mit den ältesten zum schulmeister erklärt, und Ihr durchlaucht unterthänigst überschickt ins consistorium, welche auch tags daraufff alß den 3. Augusti eingeladeffen.“
Nachtrag zu Erasmus Thielmann: In einem allgemeinen Bericht über die Zustände im Kirchspiel schreibt Pfarrer Wehler 1704 von der Schule zu Breitscheid und Medenbach: „Die Schulen betreffend, sind selbige mit dem Schulmeister bestellet, welche (ich) bei meinem einzig beydes orts gefunden, so viel (ich) durch eigene Prüfung als anderer urtheil erfahren, sind dieselben fromm, fleißig und bey etwa vorkommenden fehl lehrannehmig, wovon bey fleißigen Schulern in wachsender seligmachen, den erkantniß gute proben und zeugnisse vorhanden. – Were aber zu wünschen, daß eltern ihre Kinder fleißiger zur schule schickten, als gemeiniglich geschieht, damit die selbe nachmals in die zahl der communicanten mit desto besserem gewissen angenommen werden könten, welches aber durch das allzu frühe abziehen von der Schule leider sehr gehindert wird und zu zeitlichen und erdigen verderben derselben ausschlägt, wenn sie in der ungewissheit der Mutter so vielen untugenden aufwachsen.
Dieser Johannes Thielmann war bis 1767 Schulmeister hier. Zu seiner Zeit wurde 1744 die Schule am Kirchenweg gebaut. Es war schon ein besonderes Schulgebäude vorher vorhanden, denn der Pfarrer Fuchs schreibt 1740, daß er mit den Bauern auf „der Schule“ zusammengekommen sei zwecks Besprechung über die schuldigen dienste der Bauern. In der Kirchenrechnung vom Jahre 1661 heißt es: „vo dänne bretter Zu einem tisch uff der schule ..“ – Pfarrer Wehler schreibt 1704: „Es stehen auch gemeiniglich die schulgebäue (in Breitscheid und Medenbach) in solchem stande, daß die Kinder sich kaum des Winters darin vor frost erhalten können, ohn angesehen dieselbe von den gemeinden zu verrichtung gemeiner geschäffte oft selbst gebrauchet, absonderlich bei vorkommenden hochzeiten von üppiger jugend, gebrauch und gewohnheit nach, mit tantzen und springen ruiniert werden.“ (Tanzlustbarkeiten in der Breitscheider Schule und anderen Orten noch 1803) (Der Bericht findet sich im Pfarrarchiv in dem neu gebundenen blauen Heft) (A1). Ferner wird die 1744 erbaute Schule damals die „neue Schule“ genannt. Jetzt heißt sie die alte Schule. Johannes Thielmann wohnte nicht darin.
Im Jahre 1753 heiratete er seine zweite Frau, eine Witwe aus Breitscheid. Von seinem Hochzeitstag ging der Aberglaube wieder im Dorfe um, der sogenannte „Ochselipps“ sagte zu einem namens Schmidt, wenn man dem Schulmeister während seiner Trauung den Schlüssel in einem Türschloß umdrehe und den Namen des Teufels dabei ausspreche, so würde die Ehe unglücklich. Dieser Schmitt hatte das seinem Schwager erzählt und die Sache war bloß erwogen worden, aber sie kam vors Kirchengericht und alle wurden hart bestraft, damit sie dergleichen abergläubisches in Zukunft ließen. Diese Ehe ist aber wirklich eine höchst unglückliche geworden, auch ohne daß den Schulmeister ein neuer Schlüssel während der Trauung umgedreht wurde. Die Frau war ein Hanthippe, der Mann kein Sokrates. 1761 brachte er sie vors Kirchengericht. Das Protokoll darüber, die 12 Anklagepunkte und das, was das Reibeisen antwortet, ist höchst ergötzlich zu lesen. Es würde einem Hans Sachs willkommener Stoff zu seinen derben Schwänken gegeben haben. Wir wollen hier nicht die Familienverhältnisse anderer Menschen einer breiten Öffentlichkeit gegenüber preisgeben, auch wenn sie schon vor 150 Jahren der Auflösung verfallen sind, aber wer einen guten kulturgeschichtlichen Einblick in die damalige Zeit gewinnen will, der lese das Protokoll.
Die Schulverhältnisse waren zu jener Zeit noch nicht wesentlich gebessert gegen früher. Seit 1705 genossen die Schulmeister eine besondere Personalfreiheit. Um 1753 erschien eine Verordnung, des Inhalts, daß sich die Personalfreiheit nicht auf die Führfronen und die Abgabe an Haushühnern und Hafer erstrecke. Sie war den Schulmeistern nur unter der Bedingung zugestanden worden, „daß sie nicht nur die Winterschule, welche von Michaelis angehen und bis zu Ende des Aprilis fortwähren soll täglich ohne einige Versäumnis, sondern auch im Sommer alle Morgen vor oder nach dem Gebet eine Stunde lang, alle aber ohne Unterschied Sonntags 2 Stunden lang Schule halten und alsdann vornehmlich der Kateschismen mit den Kindern regetieren sollen.“
Auf diesen Schulmeister folgte sein Sohn, der ebenfalls Johannes hieß und 1767 von Sinn hierher berufen wurde. Unter ihm stand das hiesige Schulwesen auf besonders niedriger Stufe. Die Schulmeister waren damals noch genötigt, neben der Schule andere Beschäftigung zu suchen, um überhaupt leben zu können. Dieser Johannes betrieb das Häfnerhandwerk. Die Schule war bei ihm Nebensache, wie aus den Protokollen des hiesigen Kirchengerichts zu entnehmen ist. Im Jahre 1773 hatten bei einer Leichenbegleitung die Schüler schlecht gesungen, fünf schienen dem Schulmeister überhaupt nicht gesungen zu haben, weder vor der Tür noch unterwegs, weder beim Grabe, noch in der Kirche. Aus Zorn darüber hatte er sie nachher mit der Rute gehörig vorgenommen. Der Vater des einen Schülers beschwerte sich darüber vorm Kirchengericht wegen allzu großer „Schärfe.“ Dieses konnte aber nicht erkennen, daß der Schulmeister sein Züchtigungsrecht überschritten habe. Bei dieser Gelegenheit packte aber der Vater des Schülers über den Schulmeister einmal tüchtig aus und sagte, der Schulmeister warte seinem Hauswesen, der Häfnerei und Schreinerei (ein von ihm angefertigter Kleiderschrank findet sich noch in der Familie Eichmann hier, die von der Enkelin Thielmanns abstammt.) mehr ab als der Schule, schlafe auch oft während der Schulstunden. Thielmann gab zu, in der Schule an einer Sackuhr gearbeitet zu haben, auch einmal Schnallen gelötet und einen Holzlöffel geschnitzt zu haben. Auch habe er in den 6 Jahren seines hiesigen Dienstes wohl 10 mal und mehr geschlafen. Eine Äußerung, er mache sich überhaupt nicht viel aus der Schule, will er nicht getan haben. Daß er ab und zu in der Schule schlief, verwundert nicht weiter, wenn man hört, daß er oft noch von 11 bis 12 abends arbeitete. Die Arbeit im Brennofen war anstrengend. Wegen eines Streites anläßlich des gemeinsamen Brennofens wurde Thielmann als Zeuge vors Kirchengericht geladen. (1776) In dem Protokoll schreibt Pfarrer Cunz; „Auch hielt zeitiger Prediger im Beyseyn des Ältesten Fesch und Schmit dem Schulmeister seine Pflicht vor und warnte ihn, besonders durchs Häfner-Handwerk ja nichts an seiner Schul zu versäumen, in selbiger auch nicht laß und träg sondern tätig, aufmerksam, treu und fleißig zu seyn, während der Unterweisung keine andere Arbeit vorzunehmen, die Schule lieber zu lange als u kurz zu halten, die Schüler nicht zu wenig buchstabieren oder lesen und nicht nach ihrer Willkühr vom Tisch laufen zu lassen, auch nicht mehr als einen auf einmal hinausgehen zu lassen, und darauf zu sehen, wie sie buchstabierten, liesen und schrieben“ u.s.w.
Die Gemeinde hatte Thielmann bei seiner Anstellung 5 Gulden jährlich in bar zugesichert, sie weigerte sich aber später mehrmals, sie ihm zu geben. 1789 war Thielmann noch Schulmeister hier. Ob er’s bis 1798 war, weiß ich nicht, er starb 1798 an der Auszehrung.
Der Kostumgang im Dorf bestand in Breitscheid schon 1741 nicht mehr. 1780 erschien eine Verordnung des Inhalts, daß die Beköstigung der Schulmeister viel Unzuträglichkeiten mit sich führe; die Gemeindevorsteher sollten darüber vernommen werden, wie sie am füglichsten abzuschaffen sei. Der Lehrer Haas schreibt später in der Schulchronik, daß der Kostumgang der Lehrer in Breitscheid früher als an anderen Orten abgeschafft worden sei. Jedes Haus hatte dafür 1 Meste Gerste an die Schule abzuliefern. Unter Napoleon wurde der Kostumgang überall endgültig beseitigt.
Dem Schulwesen ließ die Regierung zu Dillenburg unter Wilhelm dem 5. alle Aufmerksamkeit zuteil werden. die Prediger sollten sich des schlecht ausgebildeten Schulmeister durch Unterrichtung derselben annehmen. Es wurde darauf gesehen, daß auch das Wohnen in der Schule einige Stunden wöchentlich gehandhabt wurde. Die Pfarrer sollten alle 8 – 14 Tage die Schule besuchen, wer sich unter ihnen besonders der Schule annähme, sollte bei Beförderungen besonders berücksichtigt werden. Schon 1776 war verordnet worden, daß Schulversäumnisse seitens der Schüler allmonatlich zur Bestrafung einzureichen seien. So weit war man damals noch nicht in allen deutschen Ländern!
Mit Johannes Thielmann dem Jüngsten will ich die Reihe der hiesigen Schulmeister schließen, jener nur mangelhaft für dies wichtige Amt vorgebildeten Männer, die den Unterricht nur handwerksmäßig betrieben und daran ganze Kraft des notwendigen Nebenverdienstes wegen nicht der Schule galt.

1782 hatte der Schulmeister zu Breitscheid folgende Einnahmen: Zinsen von Schulkapital, 12 Gulden, 8 Albus und 51/2 pf. Vom Kasten, 1 Gulden, 18 Albus. An Frucht: wegen Läuten und Uhrstellen von jedem Mann ½ Meste Korn, für die Kost (also nicht mehr Reihumtisch!) 1 Meste Gerste. – Sulze wegen der Gras vom halben Kirchhof und als geb. Breitscheid, dem Gemeindenutzen wie andere. – Abudenzien: Von einer Hochzeit, 5 Albus oder freie Mahlzeit und ein Schnupftuch. Von einer Leiche 2 Albus, 4 pf. Von einer Kindtaufe eine Maaß Bier oder 1 Albus. (Durchschnitt jährlich 15 Albus ) – Genießt die herrschaftliche Personalfreiheit, hat aber als geborener Breitscheider Gemeindelasten wie andere.

Der Inhaber unserer Schulstelle von 1798 bis 1836, Haas, ragt in die neue Zeit hinein und ist als Übergangsmann von den Schulmeistern zu den Lehrern anzusehen. Pfarrer Iousseaume schreibt 1805 (oder 1806) noch „Schulmeister“ Haas und 1806 (oder 1807): der „Lehrer Haas“. Das Wort Schulmeister ist bis heute auf dem Westerwalde lebendig und gebräuchlich geblieben, hat aber hier keinen verächtlichen Beigeschmack. Recht betrachtet, ists auch eine Ehrenbezeichnung: Ein Meister der Schule sein, ein Mann, der seine Sache versteht! Haben doch auch höher gerichtete Berufe, wie Rittmeister, Forstmeister u.a. das Wort „Meister“. Früher hießen die Schulmeister auch Schuldiener. Wieder eine Ehrenbezeichnung, denn was kann es Höheres und Schöneres geben, als der Schule, den Kindern zu dienen und damit dem Ganzen, dem Vaterlande und der Menschheit!
Johann Jost Haas, Sohn des Schulmeisters Haas von Schönbach war in Dillenburg bei dem Lehrer Steup vorgebildet worden, denn Lehrerseminare gabs noch nicht. Er ist der erste Schulmann in Breitscheid, von dem uns persönliche Aufzeichnungen erhalten sind, denn er ist der Gründer unserer Schulchronik, in welcher er von 1817 an berichtet. Er hat sich ihrer tapfer und nach besten Kräften angenommen. Er wußte aber fast gar nichts von der Vergangenheit unserer Schule und schreibt im Eingange der Chronik, Kirche und Schulanstalt seien wohl von gleichem Alter!!
Haas braucht ab 1817 keine „Gemeindelasten“ zu tragen. (Arbeiten für die Gemeinde), er hatte aber teil am „Gemeindenutzen“. 1800 weigert sich die Gemeinde, ihm das Loosholz zu geben. 1804 beschwert sich Haas, daß ihm von einigen Einnahmen die von ihren Häusern zu leistende Abgabe nicht entrichtet wurde. Die Regierung nimmt sich in beiden Fällen seiner an. 1805 besteht eine starke Verbitterung zwischen Haas und dem Dorf, die sich besonders zeigt, als ein Schüler Weyel sich grober Widersetzlichkeit schuldig macht. Die Regierung nimmt den Lehrer entschieden in Schutz. (Archiv Wiesbaden). 1805 hatte Breitscheid freiwillig die Zweckmäßigsten Schulbücher für die Kinder angeschafft und erhielt dafür eine Belobigung vom Konsistorium in Dillenburg. Um 1807 werden in einem Bericht an die Behörde Lehrer und Schüler in Breitscheid und Medenbach gelobt, womit noch nicht viel gesagt ist, man bedenke den Tiefstand der Schule unter dem Vorgänger.
1822 legte Haas das Glöckneramt, also die niederen Küsterdienste, nieder. Er bekam 16 Gulden davon. Er hatte keine Kinder, und die Arbeit damit war ihm zuviel. Der erste neue Glöckner war Johannes Thielmann. – (Keine Abschrift!)
1836 wurde Haas in den Ruhestand versetzt. Pfarrer Schellenberg schreibt in der Kirchenchronik, es wäre auch Zeit gewesen im Interesse der Schule. Haas hat längere Zeit hier im Ruhestande gelebt. – Daß es ihm bei seinem knappen Ruhegehalte kümmerlich gegangen hat, erhellt aus folgendem, was mir unser alter Bürgermeister Petry erzählte: Haas geht den Hüttenweg hinauf und verliert seinen Tabaksbeutel. Der junge Petry kommt ein Stück Wegs hinter ihm her, findet den Beutel und ruft Haas zu:
„Häi Schulmaster, au‘ Tuwaksbeul!“ Auf dem Wege zu ihm öffnet er den Beutel, und was war drin? Getrocknete Kleeblätter!
Der „ahl Hoos“ ist der erste Lehrer, den die mündliche Überlieferung kennt. Beim Ausgang aus der Kirche habe er oft auf der Orgel gespielt: „So loben wir, so leben wir alle Tage“. (Lustiges Soldatenlied.) Ja, unsere Orgel, das Revolutionskind! Ein wenig aufs Weltliche gestimmt in 1798, Meister Dreuth? – Haas starb 1859 im 86. Lebensjahr und liegt hier begraben.
Während der Dienstzeit des Lehrers Haas traten einschneidende Veränderungen im Schulwesen ein. Die dürftige Sommerschule bestand 1808 noch. Es wurde bei uns damals Samstags und Montags Morgens von 7 – 10 unterrichtet. Die übrigen Wochentage waren frei. Die Winterschule, welche täglich gehalten wurde, begann, wenn die Schulblumen (Herbstzeitlose) auf den Wiesen erschienen. Alte Leute erzählten uns, daß Kinder dann hinaus geeilt wären und die Schulblumen zertreten hätten, um noch nicht in die Winterschule zu müssen.
Nach den Befreiungskriegen ging unser Ländchen im größeren Herzogtum Nassau auf, und es nahm nun auch Teil an der großen Neuordnung der Schulverhältnisse, wie sie das nassauische Schuledikt von 1817 in die Wege leitete. Dieses gab der Schule die Grundlage, auf der sie im Wesentlichen heute noch ruht. Die Sommerschule wurde beseitigt, es soll hinfort Sommer und Winter unterrichtet werden in wöchentlich 30 – 32 Stunden; Mittwochs und Samstags Nachmittags frei. Die Schulpflicht soll vom 6. bis 14. Lebensjahr dauern. Für die Mädchen sollen Handarbeitsschule eingerichtet werden. Dem Lehrer wird jedes Nebengewerbe untersagt. Ein besonderes Seminar wurde in Idstein eingerichtet. Dort wurden die jungen Lehrer mit den großen Vorbildern auf dem Gebiete der Erziehung bekannt gemacht. Noch lebte Pestalozzi in der Schweiz. Auch der Seminardirektor von Idstein, Grüner, hatte 3 Monate zu Pestalozzis Füßen gelehrt, auch der Seminarlehrer Diehl, gebürtig von Medenbach, um sich an seiner liebenswarmen Art zu bilden. So wurde es nun freundlicher in den Schulen. Die Regierung beließ nicht alle seitherigen Schulmeister im Dienste. Wer den Anforderungen der neuen Zeit nicht halbwegs genügte, mußte sein Amt niederlegen. Unser Haas schreibt von sich in der Schulchronik; „durch eignes Studium und Fleiß hat sich derselbe hauptsächlich seine Bekanntschaft mit der neuen verbesserten Lehrmethode aneignen müssen“.
Da für die neue Zeit der Schule die Schulchronik besteht, kann ich in der Folge das Persönliche über die Lehrer zurücktreten lassen. Wer eine Chronik recht zu lesen versteht, der hat an den Aufzeichnungen der Schreiber der Schulchronik und dem, was zwischen den Zeilen zu lesen ist, Persönliches genug. Wenn ich früher dem Persönlichem einen weiteren Raum gegeben habe, so geschah es, weil zugleich das Kulturgeschichtliche in diesen Lebensbeschreibungen gegeben werden solle.
Auf Haas folgte Lehrer August Hermanni, der von Liebenscheid hier her kam, von 1836 – 1842. Er gründete 1836 einen Gesangverein, legte auch die Baumschule unterhalb des jetzigen neuen Friedhofes an, die jetzt Privatgrundstück ist. Die Gemeinde überließ ihm in Anerkennung seiner Rührigkeit die Wüstenei unter der Baumschule, die er urbar machte und die seitdem das „Schulgärtchen“ bildet.
Hermanni wurde von hier nach seiner Vaterstadt Haiger versetzt. Sein Nachfolger wurde Johannes Reuter, gebürtig aus Merkenbach, 1842 bis 1879, also fast 37 Jahre Lehrer hier, bis 1865 allein, dann wurde die zweite Schulstelle errichtet und mit einem Lehrgehilfen besetzt. Reiters Lehrerleben in der Zeit der Freiheitsbestrebungen des deutschen Volkes und er Gegenwirkung seitens Regierung und Kirche gegen dieselben ist bezeichnend für diesen Zeitraum, es mögen darum, meine Ausführungen in der Ortschronik ergänzend, hier noch einige Einzelheiten folgen. Ein frommes und der Obrigkeit willig untertanes Geschlecht sollte erzogen werden, und Kreuter stellte hohe Anforderungen an sich und seine Schüler. Er blieb Junggeselle, und seine ganze Kraft galt der Schule. Kein Rad lockte damals noch den Lehrer in die Ferne, kein Radio verflachte ihn zu Hause. So war er gesammelt (konzentriert) auf das, was er sollte, und seine Schüler erlebten auch noch nicht die Leistungen der Schule, von Einseitigkeiten abgesehen, auf verhältnismäßig Hoher Stufe. In der einklassigen Schule mußten die Kinder viel schriftlich beschäftigt werden, mindestens drei Schiefersteine hatten die älteren Schüler in Gebrauch; man wundert sich heute über die gute Schrift der alten Leute und ihre Sicherheit in der Rechtschreibung. Auf dem Gebiete des Religionsunterrichts predigte man damals dem Worte: Viel Stoff hilft viel! Während echte Religiosität doch ein inneres Erleben ist, das eigentlich gar nicht erlernt werden könne, sondern nur zu erfahren ist. Die Kinder der Oberstufe mußten damals zweimal sonntäglich in die Kirche gehen. Der Lehrer forderte von ihnen schriftlichen Bericht über die Hauptpredigt: den Text, den „Hauptsatz“, die „Teile“ und die Hauptgedanken der Predigt. So lag sogar noch Sonntags ein Druck auf dem Kindergemüt. Die Religionsstunde, die erste morgens, dehnt sich oft bei Kreuter bis 11 Uhr aus. Viel gab es auswendig zu lernen; Nicht bloß die biblische Geschichte, sondern ein ebenso umfangreiches Buch über die Kirchengeschichte! Dazu die vielen Lieder und Sprüche. In der Konfirmandenstunde mußten die Schüler auch gut aufpassen, weil sie alles nachher schriftlich in ein Büchlein eintragen mußten.
Eine Überfütterung mit religiösen Lehrstoffen führt aber (leicht) zu Übersättigung. Daß heute die weltliche Schule von vielen gefordert wird, ist zum Teil auch eine Gegenwirkung gegen die Übertreibung von damals. Das Weltgeschehen vollzieht sich immer in Wellenlinien. Nachmittags dauert die Schule bis 4 Uhr, erst auch darüber. Dann waren auch die Kleinen dabei, und die obersten Schüler waren die Helfer bei den Kleinen; Kreuter hatte ja oft über 130 Schüler! Urscheln Emma erzählt mir, daß Kunze Luwis es beim Helfen viel gepetzt und gekratzt habe. Eigentliche Pausen wie auch Turn- oder Spielstunden während des Schulunterrichts gab es damals nicht. War die Schule aus, dann harrte zu Hause wieder allerlei Arbeit neben den Hausaufgaben auf die Kinder, wie Kohlräbenputzen und -stoßen u.s.w. Beim Lehrer Weber in Uckersdorf (1850er Jahre) war das Schlittenfahren verboten. Übertreter des Verbots bekamen den Rücken mit dem Geißelstiel verbläut.
Ernst Herr, geb. 1856 zu Schönbach, 1878 hierher versetzt, versah nach der Pensionierung des Lehrers Kreuter, 1879, die erste Stelle jahrelang mit, sodaß er allein über 130 Schüler – 1882 waren es 139! – zu betreuen hatte. 1883 wurde der fleißige und pflichtreue junge Mann vom Lehrgehilfen zum Lehrer befördert und ihm die hiesige Schulstelle übertragen, die er bis 1886 bekleidete. Obwohl er erst 8 Jahre hier amtierte, klingt sein Name heute noch warm und dankbar in den Herzen der Breitscheider nach. Auch nachdem ihm die Bürde des Berufes erleichtert worden war, galt seine ganze Kraft der Schule. Seiner vorbildlichen Lehrertätigkeit ist auch die Anerkennung seitens der vorgesetzten Behörde nicht versagt geblieben. Er wurde später in Schierstein zum Rektor ernannt, obwohl er die damals noch vorgeschriebene Rektorprüfung nicht abgelegt hatte. 1926 schrieb ich von ihm: Nun steht er an der Grenze des biblischen Alters in einer Rüstigkeit, wie man sie bei seinem von Jugend auf Armes schwächlichen Körper nicht erwartet hätte. Aber an ihm haben wir ein Beispiel, wie edles Menschentum, das sich in Pflichterfüllung, Müßigkeit, Gedankenreinheit und Liebe zu den Menschen offenbart, und dessen Träger in Gemeinschaft mit dem Urgrund alles Seines steht, ein lange Leben und einen lichten Lebensabend zum Erbe und zum Lohn hat. Der Liebende und dienende wird grünen wie ein Palmbaum, und wenn er gleich alt wird, wird er dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein. Im Jahre 1928 ist er dann, ohne ein Krankenlager erdulden zu müssen, sanft an einem Schlaganfall entschlafen, sodaß wir nicht mehr die Freude haben sollten, ihn, der uns noch jedes Jahr hier oben besuchte, bei der Einweihung unserer Schule hier begrüßen zu können. – Zu seinem 70. Geburtstag hatten wir ihm ein mit vielen Unterschriften ehemaliger Schüler versehenes Glückwunschschreiben gesandt, auch sein ehemaliger Schüler, Lehrer Wilhelm Becker in Ohligs. Dem Antwortschreiben an den Letzteren entnehmen wir folgenden Rückblick auf seine hiesige Tätigkeit; „Die aufrichtigen Erweise dauernder Liebe und Treue meiner ehemaligen Schüler in Breitscheid sind mir ein Grund herzlicher Freude, erfüllen mich aber auch mit einer gewissen Wehmut und Beschämung, weil ich so wenig Anspruch auf so viel dankbare Liebe habe. Ich stand als junger, unerfahrener Lehrer in Breitscheid der nur eine dürftige Berufsausbildung mit ins Amt gebracht hatte; Fortbildungskurse und Arbeitsgemeinschaften für Lehrer gab es damals noch nicht. So ließ meine pädagogische Weisheit und meine fachmännische Tätigkeit viel zu wünschen übrig. Der wir trotzdem verliehene Einfluß beruhte in meinem Idealismus, der, von der Liebe zu den Kindern und dem Gefühl der Hoheit meines Berufes getragen, mir die Schularbeit zur Herzenssache machte. Dazu aber kam der fördernde Einfluß des Hauses. War er auch nicht überall vorhanden, und, wo er wirkte, nicht überall gleich stark, so herrschte doch in vielen Häusern neben guter Zucht und Sitte ein ernstes, höheres Streben das sich vielfach auch in christlicher Gesinnung und guten Grundsätzen kundgab und so die Kinder zum Guten anleitete und die Autorität ihres Lehrers erhöhte. Im großen und ganzen waren es unverdorbene und brave Kinderherzen, die das Arbeitsfeld bildeten und viele verständige, treue Eltern waren die Mitarbeiter. So stand es damals in Breitscheid. – Heute (1926) sind die Bedingungen für die Jugenderziehung wohl fast überall nicht so günstig. Unser Volksleben neigt zu sehr zur Veräußerlichung, unter der das Familienleben und die Kindererziehung leiden. Jedenfalls ist die Schularbeit wenigstens nach ihrer erziehlichen Seite schwieriger geworden. Gerade deshalb ist aber auch ein starker erziehlicher Einfluß der Schule nötiger dann je, und dieser wird wohl noch in den leiblichen ethischen und pädagogischen Wahrheiten seine kräftigste Stütze finden. Auch ein jetzt stärkere betonte Erziehung zur Heimatliebe, die vor allem in der Liebe zu ihren Bewohnern gipfeln sollten, ist geeignet, recht anredelnd zu wirken.“

Meine Schulzeit!

(1807-1808)

  • Gar oft ich noch an meine Schulzeit denke,
  • und den Sinn auf meine Lehrer lenke,
  • der erste war Herr Lehrer Kegel,
  • er war freundlich und gut, mir gegenüber kein Flegel.
  • Er war noch jung, von Schönbach gekommen,
  • und hat sich von hier eine Frau genommen.
  • 4 Jahre hab gleich vor ihm gesessen.
  • Das Lernen ist mir gottlob nicht schwer gewesen,
  • nur das Singen fiel mit anfangs schwer,
  • denn der Lehrer ging leise hinter uns her,
  • ob er auch falsche Töne hör.
  • Kam er mir nah, schwieg ich verlegen,
  • und tat nur meinen Mund bewegen.
  • Als ich seine Lieder kapiert, da hab ich mich nicht mehr scheniert,
  • da sang ich allein mit frohem Mut: Was frag ich viel nach Geld und Gut!
  • Im 5. Schuljahr gings eine Treppe hinauf,
  • oben zum älteren Lehrer Knauf,
  • der schlug bei den Faulenzern fester drauf.
  • Er tat dann mal in die Hand nur spucken,
  • und der Bedauernswerte mußte sich ducken.
  • Herr Knauf fasste sich dann den Riemen,
  • und es gab leider manche Striemen.
  • Es sind dabei manche Tränen geflossen.
  • Zum Glück hab ich von ihm keine Hiebe genossen,
  • hab lieber gelesen, geschrieben und gelernt,
  • dann blieb ich von seinen Riemen entfernt.
  • Bei aller Strenge war er mir gut.
  • Strafe ja auch nur die Faulen treffen tut.
  • Dann zog Herr Knauf von Breitscheid fort,
  • nach Dillenburg, unsrer Kreishauptstadt,
  • und ein Lehrer Schäfer zog hier ein,
  • mit seiner Familie, die war nicht klein,
  • 2 Töchter und noch 7 Jungen,
  • trotzdem hat er gern gesungen,
  • und lernte aus uns das ganze Liederbuch,
  • von vorn bis hinten, das waren genug.
  • „Droben stehet die Kapelle“, war sein Lieblingslied,
  • das gaben wir ihm auch zum Abschied noch mit,
  • als letzten Gesang am Abschiedstag,
  • woran ich noch rührend denken mag.
  • Er tat dann noch einmal das Dorf umgehn,
  • und sagte auch mir noch einmal: Auf Wiedersehn!
  • Fast 10 Jahre lang war er wohl hier,
  • ging gern spazieren im ganzen Revier,
  • im Wald und Feld, durch Wiesen und Rain,
  • sein kleiner Waldmann mußte stets mit ihm sein.
  • In der Schule tat er selten schlagen,
  • sondern lieber den Faulen ein Verslein sagen,
  • zum Beispiel: die Moos, die hat immer nichts los,
  • die Hisge, die weis ja nun e bische,
  • aber bei der Stahl ists oben kahl!
  • Das hat mich immer sehr interessiert,
  • und deshalb hab ich auch das Reimen probiert!
  • (von L.M. geb. W. 1897-1903)

Von November 1904 bis 2. April 1905 hatte Breitscheid keinen Pfarrer, sondern der Schönbacher Pfarrer Encke kam den Winter über mit seinen langen Stiefeln durch den Schnee herauf und hielt hier Kirche und mit uns Konfirmandenstunde. Inzwischen hatten sich 4 Pfarrer nach Breitscheid gemeldet: Bernhard, Klinker, Schmidt und Müller. So hielten sie der Reihe nach ihre Probepredigten. Der Kirchenvorstand hatte diesmal das Wahlrecht und wählte einstimmig den 2., jungen Pfarrer Friedrich Klinker aus Werfen bei Osnabrück. Sein Vater war dort Lehrer und wie ich später durch Klingers erfahren habe, ist auch unser bekannter Kirchenpresident Nymöller, der auch schon paar Mal und neulich wieder mal in unsrer Kirche predigte, in der selben Schule in Werfen geboren wie Pfarrer Klinker. Unser neuer Pfarrer kam als verlobter Junggeselle hierher und wurde am 2. April 1905 hier eingeführt. Am nächsten Sonntag den 9.4.starb meine liebe Mutter. Sie war seine 1. Beerdigung hier. Am 2. Ostertag, den 24. 4. war schon unsere Prüfung und am 30. 4. unsere Konfirmation. Im Juni heiratete unser Pfarrer und brachte seine ernste und doch freundliche, schöne Frau mit aus Witten an der Ruhr. Es sind ihnen hier 2 Töchter geboren, von denen die älteste jetzt bei Siegen wohnt und die 2. beim Bombenangriff in Westhafen gestorben ist. Pfarrer Klinker hatte sich wohl aus Liebe zu seiner Braut auf den Westerwald gemeldet, weil ihr der Gesundheit halber Höhenluft verordnet worden war und diese Hoffnung hat sie nicht getäuscht. Sie ist oft mit ihrem Mann nach Rabenscheid und Medenbach und in Wald und Feld spazieren gegangen durch die frische Westerwaldluft und hat hier völlige Heilung und Gesundheit gefunden. Nach 6 ½ jähriger Amtszeit hier zogen Klinkers am 24. August 1911 von hier nach Schöller im Rheinland nach Wunsch ihrer beiderseitig so weit entfernten Eltern. Trotzdem beide Klinkers ein liebreiches, freundliches Wesen an sich hatten allen Breitscheidern gegenüber, machte ihm die Treulosigkeit so vieler gegen die Kirche das Amt hier sehr schwer, weshalb er sich auch zum Weggang entschloß, so schwer ihnen beiden doch der Abschied wurde. Ihre Verbindung und Briefwechsel mit ihrer seiner Gemeinde ist in den 47 Jahren bis heute erhalten und wie oft und gern sind sie im Urlaub wiedergekommen. Am Karfreitag 1954 waren sie noch 1 mal hier und auf den Friedhof, den er in 1905 eingeweiht hatte mit dem jungen Reiner Gail. Zum letzten Mal sah er sich seine Kirche noch 1 mal an und ist am 20. Juni 1955 im Alter von 77 Jahren gestorben. Frau Pfarrer Klinker ist noch gesund und liest noch gern die Gemeindeblättchen und Nachrichten aus Breitscheid, die sie sich gewünscht.

Zum Abschied von Pfarrer Klinker am 20. August 1911

  • Wo wär wohl heut ein Konfirmand, der nicht gedächt der Zeiten,
  • die so geführt von deiner Hand, mit dir erlebt in Freuden?
  • Wir danken dir, du lieber Hirt, du hast uns einst hinaufgeführt,
  • und fast uns allen mitgegeben ein Leitwort für das ganze Leben.
  • Als einst du hier das erste Grab der Mutter eingeweiht,
  • hast du zum Denkspruch mir erwählt aus Liebe und Mitleid.
  • „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, weine nicht, ich bin dein Gott.
  • Ich stärke dich, ich helfe dir auch. Ich erhalte dich in der Not!“ Joh. 41.10.
  • Und nun, Herr Pfarrer, willst du gehen und uns als Weise lassen?
  • Wir sollen hier dich nicht mehr sehn? Das können wir nicht fassen!
  • Manch Träne rinnt, manch Aug ist feucht und alles wie im Traum uns deucht,
  • daß du willst ziehen von uns fort nach Schöller, einen fremden Ort.
  • Zwar hast du hier ein schweres Amt in diesen letzten Jahren,
  • wo Undank und Uneinigkeit du reichlich hast erfahren.
  • Denn leicht ists für den Hirten nicht, wenn seine Herd ihm Treue bricht,
  • die, wenn so läßt die Glocken schallen, dann ihre eignen Wege wallen.
  • Doch treu hast du dein Amt getan, ob manches dich betrübet,
  • geduldig, sanft und freundlich hast du dennoch uns geliebet.
  • Du teilst des Dorfes Freud und Leid, hast manches Grab hier eingeweiht.
  • Die Spur von dir wird nicht vergehn, auch wir dich nicht wieder sehn.
  • Doch wenn du ziehst von uns hinaus, wo fremde Glocken läuten,
  • strahl dir all Abend überm Haus ein Stern, der soll bedeuten:
  • Es gibt noch Treu und Dankbarkeit, dem war wie du sein Tun geweiht,
  • der Jugend Zucht, der Alten Lehr, dein bleibet Dank und Ruhm und Ehr.
  • An diesem Stern erfreue dich bis in die fernsten Zeiten.
  • Gottewig zum Lohn Euch gnädiglich auf Euren Wegen leiten,
  • Wie es verspricht der heilge Geist: „Wer hier die Seelen unterweist,
  • zur Tugend und zur Ewigkeit, den würd ich segnen allezeit.“
  • Was deine Konfirmandenschar als Abschiedswunsch dir bringet dar,
  • das möge dir erfüllet werden. Ich schließ es in die Bitte ein:
  • „O Gott, beschütz uns unsern Hirten, laß auch die Seinen glücklich sein!!!
  • Nun lasst ihm noch ein Lied erklingen.
  • Den Scheidenden mög alles recht gelingen.
  • „Zieht in Frieden Eure Pfade,
  • mit Euch des großen Gottes Gande“!!!

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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