Heimatbuch-13

Klageschrift des Pfarrers Fr. Wilhelm Franckenfeld, 1768

Euren Exellentz, Wohl und Hochedelgebohrenen auch Hochehrwürden muß (ich) hiermit in unterthanigen Gehorsam vorstellen, wie daß nach ausweiß des Pfarrbuchs, ein jede Pferd oder paar Ochsen hiesiges Kirchspiels, den Pfarrer jährlich einen halben Tag ackern oder S.v. = Abkürzung von Salva venia = Mit Erlaubnis zu sagen. Tun sehen muß, wogegen die Leute das Mittagessen bekommen. Da nun dieses Jahr das Pfarrgut, welches (ich) die frey vorhergehande Jahre um die Hälfte des Einkommens verlehnt hatte, und indessen die Leute mir vor den halben Tag mit dem Vieh zu arbeiten nur 9 albus, wie Herr Pfarrer Jüngst sehr gering mit ihnen accordiret, entrichteten, aus Mangel guter Gelegenheit wieder zu mir nehmen müssen, so habe (ich) die Gemeinde Breitscheid durch den Heimberger ansagen lassen, daß sie mir wieder auf der Reihe einen halben Tag, und zwar mit einem paar Ochsen vor jedem Pflug, wie sie mir solches schon 1764, als (ich) das Gut selbsten bauen liesse, gethan haben, ackern müsten. Allein die Gemeinde will gegen alle Billigkeit vor jeden Pflug zwey paar Ochsen spannen, da doch ein jeder, wenn er vor sich selbsten ackert, mit einem paar Ochsen ackert, wogegen ich also noch so viele Leute in die Kost und dagegen nur halb so viel Pflüge bekomme, daß (ich) das Pfarrgut damit nicht bestreiten kann. Da nun solche Beschwehrde bey dieser geringen Pfarrey nicht zu ertragen ist, und nur ein Eygensinn seyn mag, indem doch ein jeder einen halben Tag mit dem Vieh arbeiten muß, so werde (ich) genöthiget diese Ewer Exiellentz Wohl und Hochedelgebotene auch Hochehrwürden geziemend anzuzeigen und Hoch dieselbe unterthänig gehorsamst zu bitten, dem Kirchspiel nachdrücklichste anzubefehlen, daß sie mir mit einem paar Ochsen, wie schon 1764 bey mir geschehen, und auch ein jeder sich selbsten arbeitet, wieder ackern, und zu rechter Hand anfangen und gute Arbeit machen sollen, oder aber von den halben Tag zu ackern, anstatt jene gar zu mäßig accordirten 9 albus, welches H. Pfarrer Jüngst vor sich ohne Nachtheil seiner Successoren (Nachfolger) gethan, mir so viel ein Ackermann anjego von einem halben Tag mit einem paar Ochsen nimmt, nehmlich, ausser der Kost, 15 albus zu bezahlen, damit (ich) davor mir eigene Ackerleute bestellen könne. Welches letzten vielleicht nicht so umständlich vor einen Prediger wäre. Ich muß nun so viel mehr um schleunige Verfügung anhalten, weilen das ackern schon angegangen, und mir sonst ein Theil des Pfarrguts mögte liegen bleiben. Über welchen billigen und genöthigtem Ansuchen gnädiger und Hochgeerigter Willführung mich getröstend in aller Veneration (Ehrerbietung) ersterbe. Ewen Exiellentz Wohl und Hochedelgebohrene auch Hochehrwürden.

Breitscheid 9. April            unterthänig gehorsame Knecht
1768            F.W. Frankenfeld.

Aus Fritz Philippis Erstlingswerkchen.

(Einfache Geschichten)
2. Teil: Rosmarin

1. Die alte Strickersche. (=Luise Georg, geb. im August 1832, gest. im April 1900)

Sie hatte eine rauhe, etwas verschrobene Art, wie es an und für sich bei einem 70 jährigen, alten Jüngferlein, das nie mit einem anderen im Ehejoch zusammen gespannt gewesen, nicht allzu sehr zu verwundern war. Manche Leute im Dorf sagten, die alte Strickersche sei manchmal nicht mehr recht im Kopf, wofür es allerdings in der letzten Zeit, wo sie abgesehen von den herkömmlichen Gebrechen des Alters, noch leidend und bettlägerisch war, einige Anhaltspunkte gab. Wie sollte auch ein Menschenkind nicht etwas wunderlich werden in den Augen der vielen glücklichen und gleichgiltenden Leute, die wie nie die Vereinsamung in der niederdrückenden Form kennen gelernt hatten, wie die alte Strickersche auf ihrem kranken Lager, als sie selbst ihre gewohnte Beschäftigung nicht mehr zum Zeitvertreib hatte. Die Nähmaschine stand nun stille und redete nichts mehr von ihrer früheren Art, wo sie im Schnurren das Rades und im Flicken Auf und Ab der Nadel für die Alte eine liebe Lebens- und Leidensgefährtin gewesen war. Sie schwieg nun schon seit Monaten. Eine Uhr war im Stübchen nicht zu finden, die mit ihrem Tick-Tack Unterhaltung gewährt habe. Nur einige Fliegen summten um den Kopf der Greisin, und die waren ihr lästig; sie scheuchte die Zudringlichen fort mit der Hand. Doch! Eine Unterhaltung hatte die Strickersche noch, die braune zerlesene Bibel auf dem Tisch, die schon halb aus dem Einband gefallen war, gerade wie das Menschenkind auf dem Lager.
Es war kein alltägliches Gesicht, das dort in dem Kissen sich unruhig umher warf. Es hatte feste, ausgeprägte Züge, grobkernig und mit einer lederartig verschrumpften Haut überzogen. Spärliches rotes Haar, in der Mitte glatt gescheitelt und hinten in einen winzigen Knotenüberrest zugeknöpft, bedeckte den Kopf. Sie blickte auch jetzt noch ganz herzhaft in die Welt, aber ihre männerartige rauhe Stimme klang noch recht entschieden. Der Mund war zusammengekniffen und eingefallen. Die Unterlippe, meist vorgestreckt, hatte wohl manchen Faden schon angefeuchtet und abgerissen in all den Jahren von Jugend auf bis jetzt, wo die Zeit nicht mehr fern war, daß ein anderer ihre Brb’fad. Abriß. Aus den ganzen Persönlichen nahte einem etwas von der herben, aber gesunden Westerwaldluft entgegen, in der sie aufgewachsen war und welche sie mir mit einer anderen milderen, aber dunstigeren Luft in den Tälern vertauscht hatte. Noch vor reichlich einem viertel Jahr hatte man sie durchs Dorf humpeln sehen, Mittwochs und Samstags Nachmittag, wenn die Schulglocke zur Strickschule läutete und sie deshin ihre Pflicht rief. Aber sie brauchte es niemand erst zu sagen, das mutete ihr schon jeder an, es wurde ihr der Weg blutsauer, und gar an der Schule die hohe Treppe hinauf noch beschwerlicher als früher. Denn gut war es nie gegangen, weil sie nur ein Bein hatte; das andere war ihr im zwanzigsten Jahre (?schon als Schulkind!) abgenommen worden, und an seine Stelle war ein Gummibein, das einzige Neumodische an ihr, getreten. Aber das konnte trotz aller Kunstfertigkeit ihr das richtige Bein nicht ersetzen, welches aus der Hergotts-Werkstatt gewesen war. Dennoch hatte sie sich immer wieder hingeschleppt, wenn das Glöcklein rief, unterwegs im Backhaus, das meist offen stand, kurze Zeit bei den Leuten ausruhend, die Kuchen bedeckten für den Sonntag oder die Reihe hatten mit dem Brotbachen. Bis sie das letztemal auf dem Heimwege zusammengebrochen war und von einigen Nachbarn heimgeschleppt worden war. (Dieses stimmt nicht!) Seitdem hatte sie ihr Stübchen, meist sogar ihr Bett, nicht verlassen können. Es tuts nicht mehr! An diesen Worten hatte sie selbst die Endsumme ihrer Wahrnehmungen zusammengerechnet. Aber was es sie gekostet, als sie den dicken Strich unter ihr früheres, tätiges Leben gezogen hatte – davon erfuhr niemand etwas. Dem Herrn Pfarrer ließ sie ansagen, die alte Strickersche könne nicht mehr und müsse ihren Dienst abgeben. Am darauffolgenden Montag klopfte es an die Tür, und auf ihr „herein“ trat grüßend der Pfarrer in das niedrige Stübchen und an das Bett der Alten, die sich mühsam etwas aufrichtete in den Kissen und dem Eintretenden die heiße magere Hand reichte. Der Herr Pfarrer war ein Mann in den besten Jahren (Philippi, 30 Jahre alt), dessen freundliches Gesicht sich teilnehmend zu der kranken hinrichtete. Er nahm Platz auf dem einzigen Stuhl im Stübchen. Nun Ließ begann er, ihr wollt Euren Dienst abgeben? Ich muß wohl, Herr Pfarrer, das alte Gestell taugt schon lange nichts mehr. Ja, ja! Nickte dieser bestätigend, es hat auch schon manches Jahr gehalten. Wie alt seid Ihr jetzt? Siebzig Jahr (sie starb im 68. Jahre); der ists Zeit, an den Spruch zu denken: des Menschen Leben währet 70 Jahr, und wenn’s hoch kommt, achtzig. Ganz recht und auch das andere trifft bei Euch zu: ist Mühe und Arbeit gewesen. Ihr habe Euch ordentlich geplagt Euer Leben lang. Wie lange habt Ihr schon die Strickschule im Ort? Das sind schon an die 35 Jahre (in Wirklichkeit etwa 42 Jahre, von 1857 bis 1899), entgegnete, sicherlich erfreut über die Anerkennung, die alte Strickersche . Es ist mir gar arg, wenn ich daran denke, daß ich nimmer hin soll. Aber es muß doch einmal Feierabend sein, Ließ; das ist doch so die Ordnung, die der Herrgott eingesetzt hat! Ja, ja, so ist es; nun es ist auch gut Herr Pfarrer; und ich kann mich auch sonst ganz recht hineinschicken, daß der feierabend bald da ist; aber daran muß sich erst deren gewöhnen. Sie hatte einen Strickstrumpf auf dem Bette liegen, anwelchen sie vorher augenscheinlich gearbeitet hatte. Den fasste sie jetzt an: Ich mache noch immer etwas, so viel ich kann. So ganz auf sie faule Haut will ich mich jetzt noch nicht legen. Aber die Augen nehmen so ab und die Jung wollen auch nicht mehr, wie ich will. Als sie bemerkte, daß der Pfarrer forschend im Zimmer umherblickte fuhr sie fort: Hier dürft Ihr Euch jetzt nicht umschauen! Seitdem ich nicht mehr selber kann, macht mir ein’s von den Kindern etwas Ordnung. Aber das wird doch immer nichts Rechtes. Dennoch sah es peinlich sauber in dem Stübchen aus, sodaß dieses trotz des alten Hausrats und der überall hervortretenden Dürftigkeit einen wohnlichen Eindruck machte. Die Nähmaschine war gar blitzblank geputzt, das besorgte die Alte noch täglich selbst mit ihrer letzten Kraft. Ebenso wie sie auch den großen Rosmarinstock (vorm Fenster) noch selber begoß. Die unverkennbare Dürftigkeit ringsum mochte wohl dem Pfarrer die Frage in den Mund gelegt haben: sagt einmal, Ließ, habt Ihr schon da rüber nachgedacht, wovon Ihr künftig leben wollt? Diese Frage schien der alten Strickersche recht überzwerch zu kommen, sie strich mit ihren langen Fingern die Haare glatt hinter das Ohr, als ob da was in Unordnung gewesen wäre, und antwortete schließlich ausweichend: Es hats noch immer getan. Ich hab noch immer satt gekriegt, und eine alte Weibsperson wie ich, braucht nimmer viel. (Um dem Gespräch eine andere Wende zu geben, lenkt die alte Strickersche es auf das Wetter). Halt, Ließ, so entgeht Ihr mir nicht. Laßt einmal das Wetter wie es ist; es ist jedoch Herrgottswetter. Gerade daran, was nun werden soll mit der alten Strickersche, habe ich heute mit Euch reden wollen. Aber diese schien immer noch nicht geneigt, auf den Text des Pfarrers einzugehen. Sie strich jetzt mit der Hand die Bettdecke glatt und brummte, die Unterlippe noch weiter vorstreckend: Ich bin noch all mein Lebtag nicht verlassen worden und werds wohl auch für die paar letzten Tage nicht werden. Es ist schon mein Spruch gewesen, als ich auf die Pfarr ging: Alle eure Sorge sei Gewiß, der wird auch weiter sorgen! Aber der Herrgott hat schon Werkzeug auf Erden, durch die er seine Sorgen ausrichten will. Underdenen muß man Rede und Antwort stehn, setzte der Pfarrer mit Nachdruck hinzu. Das mußte ihr wohl eingeleuchtet haben, obwohl es sich immer noch etwa wiederhaarig ausnahm, was die Alte aussprach: Die Gemeinde ist mir das letzte Quartal schuldig! (Nun frat der Pfarrer, was sie als Strickersche das Jahr bekäme und was sie an Miete zahle) Davon habt Ihr doch nicht leben können, erst recht nicht im Winter. Es hats noch immer getan. Ich habe all mein Lebtag viel genäht und geflickt für die Leut; Früher, wie ich noch gerast war (d.h. rüstig), kriegte ich 80 Pfennig für den Tag und die Kost. In den letzten Jahren wollt ich das nicht mehr. Da nahm ich noch 30 Pfennig (?50). Aber fügte sie seufzend hinzu, jetzt taugt mein Gestell gar nichts mehr. Mit leisem Kopfschütteln hatte der Pfarrer diese verlegene alte Strickersche angehört welche ein rührender Beweis der Anspruchslosen und völliger Genügsamkeit des greisen Weibleins war. Er mochte an die vielen vielleicht Millionen Menschen denken in der Welt, welche in ihrem täglichen Brot 100 mal besser gestellt und die dennoch viel weniger Zufrieden waren als die Kranke hier auf dem Lager immer gewesen sein mußte, wenn sie Mittags auf ihre gequellten Kartoffeln Salz streute und dünnen Kaffee dazu trank.
Vielleicht hatte der Pfarrer noch außerdem für sich selber etwas dazu gelernt; wenigstens klang es noch herzlicher als vorher aus seinem Munde wie ein Gelöbnis: Und für die Zukunft solls Euch auch nicht an dem Notwendigen fehlen. Darauf könnt Ihr Euch verlassen, Ließ. Er wollte ihre Hand ergreifen, aber ihm ergings, als ob er eine Brennessel angerührt hätte. Es klang fast zornig aus ihrem Munde: Das sage ich Ihnen gleich, Herr Pfarrer, ich will der Gemeinde nicht zur Last sein. Womöglich ins Armenhaus zuletzt noch, die Schande will ich nicht erleben für die wenigen, alten Tage. Hier zitterte ihre Stimme merklich:
Ich habe noch nie nichts genommen und wills auch so halten bis ans End! Mein Quartal will ich und weiter nichts von der Gemeinde! Völlig verdutzt über diese entschiedene Abwehr hatte der Pfarrer zugehört. Wer so sprach, der mußte wohl nach der landläufigen Regel nicht recht bei Groschen sein. Denn jeder Mensch nimmt doch, was er kriegen kann. Dennoch schien der Pfarrer zu einem anderen Schluß zu kommen. Denn es klang nicht einmal ärgerlich aus seinem Munde, sondern war nur eine wohlmeinende Zurechtweisung: Das ist falsche Bescheidenheit von Euch, Ließ, und wenn Ihr darauf beharrt, ist’s Hartköpfigkeit und Unrecht gegen Euch. Wer so lange wie Ihr in Ehren der Gemeinde gedient hat, hat sein gutes Recht auf sein Gnadenbrot; gibt man es doch einem Hunde, geschweige denn einem Menschen. Wenn ich einmal nicht mehr kann, nehme ich doch auch mein Ruhegehalt. So sollt Ihrs auch ansehen, und ich will sorgen, daß was Ihr braucht, Euch als Ruhegehalt von der Gemeinde gegeben wird. Ist’s so recht Ließ? Aber ganz überwunden war die Alte immer noch nicht: Ich kanns nicht fordern, wenn ich nichts dafür arbeite; und ich weiß, wie sie auf jeden Pfennig sind. Leider ist’s so! Doch nun nehmt Vernunft an, Ließ. So versprecht mir wenigstens, daß Ihr mir immer sagen wollt, wenn Ihr etwas braucht und nichts mehr habt. Hier gebt mir die Hand darauf! Unter dem ernsten Blick des Pfarrers, der sich erhoben hatte, brach endlich der Widerstand der alten Strickersche, und zögernd legte sie ihre Hand in die des Pfarrers zum Versprechen. So, und nun: Gott befohlen! Das nächstemal reden wir miteinander von etwas anderem. Ja, Ihr könnt mir ja manchmal etwas predigen, wenn Ihr Zeit habt. Nach der Kirche hin komme ich doch nicht mehr. Und als ihr Besucher Hut und Stock nahm zum Gehen, konnte sie sich doch nicht enthalten, ihm noch auf den Weg zu sagen: Aber das könnt Ihr mir glauben, wenn Ihr nicht gewesen wäret, hätt ich’s nicht versprochen. Schon gut, Ließ, gab dieser lächelnd noch in der Tür zurück. Aber jetzt nur auch Vorgehalten! Gott befohlen!

2. Als die Strickersche noch jung war.

(Dieser Teil der Erzählung ist reine Dichtung. Philippi läßt seine Heldin in der Jugend sehr Schweres erleben.)
So verwunderlich es an und für sich demjenigen vorkommen mochte, der die einsame Greisin jetzt als das Urbild eines alten, absterbenden Menschenkindes auf ihrem Strohsack liegen fand, es hatte dennoch einmal eine Zeit gegeben, wo die alte Strickersche jung war. In jener Zeit schien auch ihr die Sonne heller, da klopfte ihr Herz jugendlich rasch, ihre Hände zitterten noch nicht, selbst bei der schwersten Arbei im Acker und daheim und ihre Füße nahmen auf der steilen Treppe im alten Elternhäuschen zwei und mehr Stufen sprungweise auf einmal. Zwar war sie auch damals nichts weniger als schön von Angesicht gewesen. Die harte Arbeit von Jugend auf ist ein Feind der weichen, sanften Linien der Schönheit und gibt dem Körper wohl kraftvolle, aber eckige Formen, wie sie taugen zur Arbeit, aber nicht für Staat und Firlefanz.
Lippse Ließ hatte schon früh ihre Mutter verloren. Ein schlimmer Husten, welcher sie jahrelang quälte, hatte sie nicht alt werden lassen. Es war jener Husten, der stärker ist als alles Sträuben der Menschen und alle Kunst der Ärzte. Nicht als ob in diesem Falle viel Kunst angewandt worden wäre. Im Dorfe rief man den Arzt nicht allzuerst, und der Ausspruch der Mutter, welcher sich auch auf die Tochter vererbt hatte, lautete von dieser nützlichen Zunft nicht allzu vertrauensvoll: Doktor und Apotheke können doch nichts helfen, und was kommen soll, kommt doch. Desto mehr pflegte man im Vaterhaus der Ließ den anderen, oberen Arzt zu gebrauchen, der immer helfen kann, wenn er auch dem Menschen eines nicht abnimmt, das Sterben.
Zu der Zeit, als die Mutter von der Schweinesucht zum Grabe fortgeholt wurde, war also die alte Strickersche jung gewesen, und das war gut für sie und die Hinterbliebenen. In der Jugend erholt sich ein Bäumlein noch leichter vom Schlag; und der Blick auf die Ihrigen, den Vater und doppelt bedauerndswerten Bruder, lehrte sie ohnedies in der rechten Art um die verstorbene Mutter trauern, indem sie die Last der Pflichten, welche von den Schultern der Sterbenden herabgeglitten war, auf ihren Rücken nahm und davon trug an der Mutter statt. Der Vater war ein Biedermann, und, was noch viel mehr sagen wollte, ein aufrichtiger Christ. Obwohl er nicht zu den dicken Bauern gehörte, war er dennoch zum Kirchenvorsteher gewählt worden und fühlte als solcher außer der Würde auch die Verantwortung dieses Amtes und hielt, vornehmlich unter der Jugend, auf Ordnung und Zucht und konnte auch, wo es Not tat, mit fester Hand zufassen. Die Lippse Ließ war darin ganz die Tochter ihres Vaters und hatte von ihm die entschlossene, kernige Art und den nach oben gerichteten mützigen Sinn geerbt, den zu erproben ihr die nächsten Lebensjahre übergenug Gelegenheit gaben.
Schon zum zweitenmale waren auf dem Grabflügel der Mutter die Blumen gewelkt, als über die achtzehnjärige Ließ ein Tag hereinbrach, dessen Schreckensspuren seitdem unauslöschlich in ihre Seele haften blieben. Bei einem Gewitter schlug der Blitz ins Elternhaus. Während des Löschens des Feuers sprang der geisteskranke Bruder in die Flammen, der Vater will ihn retten, aber beide kommen dabei um. Die Ließ ist nun ganz verwaist und hat auch alle Habe bei dem Brande verloren. Armes Menschenherz, sollte man meinen, du könntest so viel Weh ertragen und müsstest nicht brechen in übergroßem Leid? Und dennoch, du kannst es tragen und brichst nicht zusammen, wenn einer in dir wohnt, der allmächtige Gott.

3. Rosmarin

Nun bot sich ein weitläufiger Verwandter, der alte Stieler, ein wohlhabender Bauer, zum Vormund der Ließ an. Aber niemand im Dorf nahm an, daß es aus Mitleid mit dem armen Mädchen geschehe, denn dieser Mann galt für einen habsüchtigen Menschen, der nur seinen Vorteil dabei im Auge hatte: Sie soll ihm die Magd sparen! Er war dazu ein Haustyrann und vertrug sich nicht mit seinen zwei Söhnen. Steit und Unfriede war infolgedessen im Hause wie böses Geld, das immer wieder kommt! Nur die Ließ bangte sich nicht vor dem Alten. Rot Haar und Ebenholz wachsen auf keinem guten Boden, knurrte er einmal, als sie an feeht blieb. Fürchte Gott, dann brauchst du keine Angst vor den Menschen zu haben, nach diesem Spruch handelte das junge Mädchen. Als sich nun zwischen ihm und dem jüngeren der beiden Söhne eine tiefe Neigung anbahnte, die zur Heirat führen sollte, da verlor der Alte ganz die Fassung: er warf das Bettelmensch die Treppe hinunter, daß es ein Bein brach. Dahin kann es kommen, wenn der Mammon die Menschen an Seile hat und sie mit seiner Geißel, Geiz und Habsucht, auf den Markt des Elends treibt. Die Ließ bekam ein neues Obdach, wo hin sie auch ihr Stöckchen Rosmarin mitnahm. Das hatte sie gewartet und gepflegt wie ihren Augapfel, um sich einmal davon den Hochzeitskranz zu binden an ihrem Ehrentage. Wieder stand sie nun am Grabe aller ihrer Hoffnungen. Und da ihr Bein durch den Bader unsachgemäß behandelt worden war, mußte es ihr abgenommen werden. (Was ihr Bein betraf so war der wahre Sachverhalt dieser: Als Schulmädchen hatte sie sich beim Schlittenfahren das Bein verletzt. Da es zu stark verbunden worden war, war es abgestorben und mußte darum unter dem Knie abgenommen werden.) Die Ließ war nun ein Krüppel fürs Leben. Ihr Rosmarinstöckchen am Fenster hatte sich zwar unterdessen prächtig entfaltet, aber einen Hochzeitskranz machte die Ließ ihr Lebtag nicht davon.

4. Wie sie, die alte Strickersche wurde.

Die Ließ bekam nun ein hölzernes Stützbein und wurde Nähmädchen. Allerdings keins nach dem Muster städtischer Ansprüche. Aber das wurde auch von ihrer Kundschaft nicht verlangt. Auf übermäßig schlanke Taillen schwor hierzuland niemand, ein glatter Rock und eine ebensolche Bluse, höchstens an der Achsel ein Schleifchen zum Zeichen, daß man der Gefallsucht wenigstens den kleinen Finger reichte, so war es Herkommen und Brauch von Mutterzeiten her, gerade so wie bei den Männern der blaue Kittel noch in Ehren gehalten wurde. Dabei nun fand die Ließ ihr ausreichendes tägliches Brot. In ihrem Stübchen lag meist ein ganzer Haufe von ausbesserungsbedürftigen Kleidungsstücken, die helfende und bessernde Hand der Ließ wurde reichlich begehrt, wenn auch nicht ebenso reichlich Belohnt. Nach einiger Zeit hatte sie den für ihre Verhältnisse großen Schritt getan und die erste Nähmaschine ins Dorf gebracht, als ihre künstliche Gehilfin. Mit dieser (unter dem Arm) gings dann reihum zu den Häusern, wo Kleidervorräte genug waren (Hemden- oder Hosenbrast), und wenn sie wieder von dannen zog, war in dem Hause auf einge Zeit wieder alles Heil und ganz. Wenigstens was auß dem Leibe war. Alles heil und ganz zu flicken, vermochte sie freilich nicht, obwohl sie dort, wo es nötig war, kein Blatt vor den Mund nahm und auch auf andere Schäden bei ihrer Kundschaft hinwies. Wo es ein Loch gegeben hatte im Eheglück oder der Geiz einer Hausfrau aus dem Ärmel herausschaute, oder eine Nacht aufgegangen war zwischen Eltern und Kindern, in all diesen Fällen, die so betrachtet, ja auch in ihr Handwerk fielen, hatte die Ließ eine eigne beherzte Art, frei von der Leber wegzureden, auch wo diese Art von Unterhaltung nicht gleich Gegenliebe fand. Aber die Ließ trug nichts aus dem Hause und hielt einen Mund über das, was im Nachbarhause vorgefallen war. Und wenn einer versuchte ihr die Zunge zu lösen über einen unliebsamen Vorfall beim Nachbar, wies sie den Tadler darauf hin, wie vor seiner eignen Tür noch mancher Schmutz nicht weggekehrt sei und an ihm selbst so manches Loch noch nicht geflickt. In dieser Weise und Art verstrich manches Jährlein im Leben der Ließ. Man trifft manchmal im Leben Menschen an, an denen scheint der Flug der Zeit spurlos vorüberzugehen, so konnte auch, wer nach zehn, zwanzig, dreißig und mehr Jahren ins Dorf kam, immer noch zur bestimmten Stunde die Alte ihren Weg zur Schule nehmen sehen, höchstens etwas tiefer gebückt über den Krückstock und etwas langsamer humpelnd, um Kinder und Enkel ihrer ersten Schülerinnen zu unterweisen. Aber daran zeigt es sich doch einmal: die Zeit kennt keine Ausnahmen und ihr Gedächtnis wird nicht altersschwach, daß sie vergäße, einem Menschenkind die Uhr zu schlagen zum Feierabend. Auch für Lippse Ließ kam diese Stunde nach langen, langen Jahren, und die Welt ging dann ihren Gang weiter im Dorfe und in der Strickschule, nachdem es aus- und abgemacht war. Die alte Strickersche kann nicht mehr!
Solange die Ließ die Strickschule versehen und für die Leute nähen konnte, drückte ihr Erdenbündel als gewohnte Last nicht sonderlich mehr. Mangel hatte sie nicht, und gute Leute fand sie jederzeit, welche ihr aushalfen aus Gefälligkeit ohne viele Worte in dem Gemeingefühl, wie es die gleiche Lage und das wohlbekannte Zusammenleben von selber herausbildet als einen Vorzug enger und kleiner Verhältnisse. Sie bekam ihre Kartoffeln billig; und das halbe Klafter Holz, ihren Brand für den Winter, bot ihr keiner herab bei der Holzversteigerung, wenn es hieß, es wäre für die Lippse Ließ, und zum kurz machen des Holzes fand sich auch stets einer. (Sie bezahlte es aber doch.) (Als die Strickersche nun nichts mehr verdienen konnte, brachten ihr gutherzige Menschen ab und zu eine Beisteuer zur Befriedigung ihrer geringen Bedürfnisse. Aber es ging doch sehr kanpp bei ihr her. Als nun die Tochter ihrer Wirtsleute auf dem Vorplatz hörte,wie sie betete, Gott möge ihr doch eine Gabe schicken, da ging sie zum Bürgermeister, damit die Gemeinde sie unterstütze. Sie fügte aber hinzu, die Fuchse Lumis, wie sie im Dorf genannt wurde, dürfe es nicht erfahren, daß diese Fürsprache für sie geschehen sei, denn sie ließ sich bis zuletzt nicht gerne etwas schenken, das den Anschein einer Armenunterstützung haben könnte. Nun erhielt die Strickersche eine kleine Beihilfe von der Gemeinde, wofür diese dann Anspruch auf die kleine Hinterlassenschaft hatte. Die hatte wohl noch zwei Gebrüder im Dorf, aber diese kümmerten sich nicht um ihre Schwester, weil keine größere Erbschaft zu erwarten war. Hören wir nun den Dichter weiter, wie er in ganz freier Weise das letzte Kapitle einer Heldin gestaltet.)
Da lag sie nun, siebzig Jahre alt, und sie fühlte es in allen Gliedern, es war ihr letztes Lager. Sie schaute vom Bette zum Fenster hin, wo ihr Rosmarinstock stand, der auch in letzter Zeit sein Alter zu spüren schien, trotzdem es schon der dritte Ableger des ersten war. Und durch das Fenster beobachtete die Alte die Tage über den Baum im Vorgärtchen, sie hatte ja nun Zeit dazu, dort hatte sie gesehen, wie das Laub am Baum sich gelb und rot und braun färbte, und der Herbstwind war hineingefahren und hatte es losgerissen von den Zweigen und hatte sein Spiel mit den Blättern gehabt und sie aufwirbelnd in die Höhe geworfen und wieder gegen das Fenster und dann sie niederfallen lassen zur Erde hin. Du bist Erde, murmelte die Alte drinnen, und sollst wieder zur Erde werden. In ihr Zimmer trat nun öfter am Tag das achtzehnjärige Paulinchen, die Tochter ihrer Hausleute. Diese tat der alten Strickersche die letzten Liebesdienste und begoß den Rosmarinstock. Oft sogar zweimal jetzt am Tage, damit er noch da ist, wenn sie mich holen. Auch die Tageslosung der Brüdergemeinde mußte das Paulinchen aufschlagen und vorlesen. So lag die alte Strickersche und wartete, wie sie selber sagte, auf den Tod. Dieser Gedanke beschäftigte sie viel und durchaus nicht in schmerzlicher Weise. Das könnt ihr mir glauben, ich sterbe gern, sagte die Ließ zum Pfarrer, welcher manchmal noch in ihr Stübchen trat, und der Herr Pfarrer sagte damals an der Haustür zu den Wirtsleuten, von der alten Strickersche glaube er, daß dieses Wort ihr ernst sei. Wie manch einer konnte sie darum beneiden! Es wurde in diesem Jahre früh Winter. Über Nacht hatte sich eine weiße Decke über die Felder weithin gebreitet, für die Natur ein Zeichen, daß es Zeit sei zum Schlafen und Ruhen. Paulinchen mußte die Ließ aus dem Bette heben und zum Stuhl am Fenster hintragen. Dort sah sie dem Spiel der Schneeflocken eine Zeit lang zu, betupfte den Boden ihres Rosmarinstockes, ob er noch Feuchtigkeit genug habe und fuhr mit zitternder Hand über seine Zweige, als wäre er ein verständiges Wesen. Siehst du, Paulinchen, nun dauerts nimmer lang, und ich habe nun doch kein lang Lager gehabt. Dann müde werdend, ließ sie sich wieder ins Bett tragen und verlangte von ihrer Pflegerin, sie solle ihr die Lade öffnen, die unter dem Bett stand und dort das herausnehmen, was zuunterst läge. Es war ein Hemd, ihr Leichenhemd, welches sie schon vor manchem Jahre verfertigt hatte. Leg mir’s unter das Kopfkissen, sagte sie, nachdem sie es betastet und geprüft hatte, und wenn die Stunde vorüber ist, zieht ihr mirs an. Wirst doch nicht weinen, Kind, mach doch so kein Werk! Unterbrach sie sich, das junge Mädchen fast vorwurfsvoll anblickend, dem die hellen Tränen über die runden Wangen liefen. Von meinem Rosmarin dort sollen sie sich ihr Sträußchen nehmen fürs Tragen. Sie meinte damit die Leichenträger, welche der Gewohnheit nach einen Zweig des Stark duftenden Rosmarin im Munde trugen. Darauf verabschiedete sie das Paulinchen und reichte ihm, was sonst nicht geschah, bedeutsam die Hand. Zur Mittagszeit trat das Mädchen wieder in die Stube und fand die Kranke regungslos mit gefalteten Händen da liegen; die Augen waren starr zur Decke gerichtet, und die Unterlippe hing noch tiefer herunter als gewöhnlich: die Stunde war da, der alten Strickersche ihr Leichenhemd anzuziehen. Am dritten Tage trug man sie hinaus im Schneegestöber nach dem Kirchhof, und jeder Träger hatte im Mund ein Zweiglein Rosmarin.
Ehre den Tapferen, die ihr Leben ließen fürs Vaterland auf blutiger Wahlstatt! Aber vielleicht noch größer ist das unerkannte und stille Heldentum, das keine andere Waffe hat als dulden und Leiden, und das ein leidbeschwertes Menschenleben, welches von Tausenden weggeworfen würde, im Überdruß und in Verzweiflung aufnimmt mit den inneren Mut der Seele: dennoch, trotz alledem, in Gottes Namen. Einem solchen stillen Heldentum gibt die Welt kein Ehrenkranz und keinen Orden und setzt ihm kein prunkendes Denkmal; aber der da droben spricht über ihren: Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Rosmarin

(Gedicht über die „alte Strickersche“ Luise Georg von Fritz Philippi)

  • Dank‘ dir, du junges, frisches Blut!
  • Das hat gar wohl gethan,
  • Daß an der alten Jungfer Thür,
  • Dein Finger klopfte an.
  • Im Alter krank und einsam sei
  • Und der Gemein‘ zur Last,
  • Nicht selbst verdienen mehr sein Brot,
  • Trägt allzuschwer sich fast.
  • Doch ließ mich an die siebzig Jahr
  • Der eine nicht im Stich;
  • Der wird auch, denk ich, bis an’s End
  • Nicht mehr verlassen mich.
  • Reich mir weil du nun wieder gehst,
  • Noch erst den Rosmarin
  • Dort drüben auf der Fensterbank;
  • Schon lange pflantz‘ ich ihn.
  • Daß, wenn die Träger kommen bald
  • Und tragen mich hinaus,
  • Der Rosmarin, die Totenblum‘,
  • Sei gleich zur Hand im Haus.
  • Nimm dier – das Einz’ge was ich hab –
  • Dies Zweiglein von mir hin
  • Und pflanze dir’s daheim mit Fleiß
  • Als deinen Rosmarin.
  • Und hast du einmal einen Schatz
  • Und folgst ihm zum Altar,
  • Nimm ihm davon den Hochzeitsstrauß
  • Und auch für dich in’s Haar.
  • Vielleicht, daß dir mein Rosmarin
  • Noch heimlich bringet Glück.
  • Leb wohl! und hast du wieder Zeit,
  • Komm‘ noch einmal zurück!

Den Rosmarinstrauch hatte sie immer am Fenster stehen. Sie wohnte in Kuhlmanns Haus. Zimmer jetzt nicht mehr vorhanden, befand sich rechts vom Ern wo jetzt der Stall ist.

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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