Heimatbuch-11

Vom Kirchengebäude

Ohne Zweifel hat Breitscheid auch schon ein Gotteshaus gehabt ehe es einen eigenen Christlichen hatte. Welcher Art dieses Kirchlein gewesen ist, können wir nicht wissen. In den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeit in unserer Gegend waren die Kirchen noch aus Holz gebaut. Für die uns dunkle Zeit kommt ein Zeitraum von mehreren hundert Jahren in Betracht, der vor 1309 liegt. Unser jetziges Kirchengebäude ist nicht von einheitlichem Gepräge, weil es ein Werk verschiedener Jahrhunderte ist. Sein ältester Teil ist das Chor, der Turm. Mächtige Mauern mit kleinen Fenstern geben diesem Teil einen festungswertigen Charakter. Diese Bauart läßt vermuten, daß die alte Kapelle als Wehrkirche erbaut worden ist, die den Breitscheidern in der Not der Fehdenzeit eine Zufluchtsstätte sein sollte. In der Tat stoßen wir bei der Ergründung der Bauzeit auf die unruhige Zeit der Fehden, auf das Jahr 1309. In unserer Urkunde aus diesem Jahr wird der Bau der Kapelle (structura capelle) beiläufig erwähnt. In der Urkunde ist nur von einem „thorn“ die Rede. Vermutlich war es ein Wachturm in der Ummauerung des Kirchhofes. Die Wehrkirche war die letzte Zufluchtsstätte der Dorfleute in den Fehden. Beim Bau der Sprenglerwerkstatt bei der Kirche entdeckte man beim Ausgraben ….?
Daß Professor Lotz von der Kunstakademie zu Düsseldorf unsere Kirche unter „die Baudenkmäler im Regierungsbezirk Wiesbaden“ aufgenommen hat, geschah wohl nur ihres Alters wegen. Er schreibt über sie; “ Der Turm, ein ganz roher und unbedeutender Bruchsteinbau, gehört der Zeit vor 1349 an. Es ist ein niedriger, viereckiger Basaltbau mit modernem Dache und steht an der Ostseite der Kirche. Sein Erdgeschoß mit spitzbogigem Kranzgewölbe ohne Rippen und ohne vortretende Schildbogen mit kleinen, schmalen Spitzbogenfenstern bildet den Chor. Der Triumphbogen ohne alle Gliederung zeigt den Halbkreis.“
Als Hauptteil der alten Kapelle hat also unser Chor über 200 Jahre der Katholischen Kirche gedient und somit schon schmuckvollere Zeiten gesehen: den prächtigen Altar mit der Monstranz (das Prachtgefäß zum aufbewahren und Zeigen des geweihten Abendmahlsbrotes), Kruzifixe, Muttergottes und Heiligenbilder, dazu die ständig im Halbdunkel brennenden Kerzen! Feierlich und geheimnisvoll! – Wie weit die alte Kapelle nach Westen gereicht hat, ist äußerlich nicht festzustellen. Vielleicht ist unter den Fußbodenplatten noch die alte Grundmauer vorhanden. Daß die Kirche schon vor 300 Jahren Schieferdach hatte, ersehen wir aus den alten Kirchenrechnungen. 1602 heißt es: „Als der Kirchenmeister der Schiefersteine halber zu Dillenburg beim Herrn Rentmeister gewesen, der Zehrt 1 Albus 6 Pfennig.“ „Dem Lozendecker von der Kirche zu besteigen und darbessern gegeben 2 Gulden 18 Albus“ 1613: Als das Kirchendach vom Wind und Wirst zerrissen und verderbt wurde, zu Gladenbach Deckstein geholet für 1 Gulden 20 Albus. Padirber der Kirchenmeister verzehrt 4 Albus 4 Pfennig.“ – Vogel schreibt, daß unsere Kirche 1629 und 1727 gebaut (weiter ausgebaut) worden sei. Einzelheiten über Umfang und Art der Erweiterungsbauten fehlen mir. Wahrscheinlich sind bei den ersten Erneuerungen an der Kirche in der reformierten Zeit die Wandmalereien, die hier und da (z.B. schrägaufwärts von der Kanzel ein Vogel wie ein Pelikan) heute noch durch das Weißgebinde scheinen, übertüncht worden, da die reformierte Kirche Schmuck und Bilder nicht liebte. Überhaupt erkennt man an dem neueren Teil der Kirche, daß er in armen Zeiten entstanden ist. Die Kirche in dem Stil des Chors, dem gotischen, weiter auszubauen, konnte man sich nicht erlauben. Viereckige Fenster, flache Balkendecke – also denkbar einfach konnte der weitere Ausbau nur erfolgen. Wie ganz anders hätte der gotische Teil in seiner Erhabenheit gewirkt! Seine hohen, spitzen Bogen, auf Strebpfeilern – ruhend, sind ein Bild des himmelanstrebenden Glaubens.
Das Jahr 1629 fällt in den 30jährigen Krieg. Vogels Angabe vom Bauen an unserer Kirche in diesem Jahr habe ich in den Akten unseres Pfarrarchivs nicht bestätigt gefunden. Die Kirchenrechnung von 1629 enthält nichts darüber, und aus den nächstfolgenden Jahren sind die Kirchenrechnungen nicht mehr vorhanden. Diejenige von 1649 enthält aber folgenden Punkt. „als der Herr Inspektor samt zweien Schöffen draußen zu Breitscheid gewesen und mit den Zimmerleuten die Baufälligkeit der Kirche besehen, ist an Bier und Weck ufgegangen 1 Gulden“. Auf stattgehabte Zimmerarbeit an der Kirche weißt folgender Punkt aus demselben Jahre hin: „Peter Hecker von Uckersdorf hinderständigem Zimmerlohn in der Kirche mit 2 Mesten Erbsen bezahlt.“ 1643 heißt es: „Dämmbretter zu den Tühlan im Chor gekauft.“ Demnach kann es sich in 1629 nicht um eine durchgreifende und nachhaltige Bauerei an der Kirche gehandelt haben. – Auf das Bauen an der Kirche in 1727/28 nimmt folgende Notiz des Pfarrer Groos aus 1728 Bezug: „Auf Jakobi haben wir das heilige Abendmahl gehalten mit 195 Personen und zwar zu Medenbach, weil hier die Kirche versperrt war mit Rüstung der Maurer.“
Nachrichten aus dem Archiv zu Wiesbaden zufolge wurde im Jahr 1804 der Kirchengemeinde Breitscheid zum Bauen an ihrer Kirche eine allgemeine Landeskollekte bewilligt. Ich vermute, daß damals das Innere der Kirche neu hergestellt wurde, und zwar in einer für eine Dorfkirche schönen, künstlerischen Art.
Ernst Becker beschreibt die Ausschmückung wie er sie 1919 sah, bevor die Neuauffrischung in 1921 stattfand, in folgenden Worten: „Sämtliches Holzwerk, außerdem vier roh behauenen Stützen, ist mit einer schönen Malerei bedeckt. Häufige Überstreichungen haben diese Schönheiten dem Auge entzogen, nur den genau Hinschauenden und Tastenden zeigen sich die feinen Linien. Ein einheitliches System in der Malerei überzieht die Bekleidung der Würde, der Rücklehnen der Bänke, des Aufganges zur Kanzel und auch teilweise diese, auch die Täfelung der Balustrade, an den runden Säulen ranken sich Gewinde hinauf. Eine feine Linienführung zeigt im Rokokostil sich hinziehende Blumengewinde, unter denen besonders die Glockenblumen und Tulpen auffallen. Hie und da war ein Strauß von einem Band zusammengehalten. Die viereckigen Felder der Balustrade sind mit Trauben und anderen Obstarten bedeckt.“
Die „Rabenscheider Bühne“ wurde 1831 gebaut. Die Christen sollen sich in dem Haus wo man die Macht der Liebe anbetet, die sich in Jesu offenbart, nicht sonderlich gut nebeneinander vertragen haben. Sahen die Breitscheider die die Fremdlinge nicht gerne auf ihren angestammten Plätzen? Ich weiß es nicht. (Nun thronen die Rabenscheider hoch droben wie die Götter im Olzneg). Es liegen ausführliche Akten im Pfarrhaus über die Streitigkeiten wegen der Sitze in der Kirche vor, die ich noch nicht kannte beim Schreiben des Obigen. 1832 erhielt die Kirche, das jetzige Dach, ein neues Glockengestühl und den jetzigen, achtkantigen Turm. (der alte war 4 kantig). Kosten 850 Gulden. – Den ersten Ofen erhielt die Kirche 1896 auf Anregung des Pfarrers Schmalz.

Unsere Glocken

Bei Ausbruch des Weltkrieges hatte unser Dorf 3 Glocken. Die große Glocke, die bei ihrem Guß in der katholischen Zeit 1450 den Namen „Jesus-Maria erhielt, hat einen unteren Durchmesser von 0,90 m und eine Höhe von 0,82m. Sechs geschwungene Henkel. Die Inschrift am Hals der Glocke, sehr schön in gotischen Buchstaben ausgeführt, lautet: “ Thesus Maria heis ich Tonitmum rumpo, mortuo defleo, sacrillegum voco. Sub anno domini Mccccl. Auf deutsch: Den Donner breche ich, die Toten beweine ich, den Tempelschänder rufe ich (zum Gericht). Im Jahre des Herrn 1450. An Verzierungen findet sich als Anfangszeichen der Inschrift ein Kruzifix, als Trennungszeichen zwischen den einzelnen Sätzen: Kosetten. Gewicht der Glocke etwa 9 Zentner. Ton: b . Die mittlere Glocke, unsere Feuerglocke, war dem Schutzherrn unserer Kirche, dem heiligen Antonius geweiht. Die Inschrift lautet: anthonues heis ich Henrich von prum gos mich. Auf deutsch: Antonius heiß ich, Henrich von Prüm goß mich. Anno domini …12 (wohl 1512). Diese Glocke mußte 1917 an die Heeresverwaltung zum Einschmelzen abgegeben werden, da sie einen leichten Sprung zu haben schien, sodaß ihr Ton nicht ganz rein war. (Ton o). Die kleine Glocke (im Norden) ist die älteste unserer Glocken. Sie zeichnet sich durch eine sehr kunstvolle Inschrift aus, welche lautet: „Fusus in honorem sanctorum evangelistorum. Auf deutsch: Gegossen zu Ehren der heiligen Evangelisten. Als Trennungszeichen dienen die Sinnbilder der Evangelisten: Engel, Löwe, Stier, Adler. Die untere, die Inschrift abschließende Linie hat Verzierungen. Die Inschrift ist angefertigt in lateinischen Buchstaben, in zierlicher Ausführung (Schnörkeln). Gewicht nach Schätzung etwa 4 Zentner. (Die neue Glocke des Kölner Doms wiegt 500 Zentner) Ton d. Die mittlere Glocke hatte den dazwischen liegenden Ton c. – Da unsere Glocken zu den ältesten gehörten und künstlerische Bedeutung hatten, sind uns die beiden Glocken in der Not des Vaterlandes im Weltkrieg erhalten geblieben. Wie schon erwähnt, mußten wie die Feuerglocke opfern. Am Mittwoch den 28. Juni 1917 mittags 2 Uhr, läuteten alle 3 Glocken noch einmal zusammen, der einen Glocke zum Abschied. Es war für diese das Läuten zum letzten Gange.

„Nun führst auch du dahin, des Krieges Beute,
Zum letzten Mal tönt eignes Grabgeläute.“

Als die Töne verklungen waren, wurde die Glocke aus dem östlichen Turmfenster herabgeworfen. Viele aus dem Dorfe kamen, um sie noch einmal zu sehen. Gewiß ist die Glocke ein fühllos Erz, und doch stimmte es uns wehmütig, als wir zum letzten Mal die uns von Jugend auf so vertrauten Klänge hörten. Wie sind die Glocken doch mit dem Ergehen einer Gemeinde durch die Jahrjunderte hindurch verwachsen! „Selbst herzlos, ohne Mitgefühl, begleiten sie mit ihrem Schwung des Lebens wechselvolles Spiel.“ Sie haben gestürmt in Kriegs- und Feuergefahren, sie haben gerufen zu gemeinsamer Arbeit, sie haben gelockt zum sonntäglichen Kirchengang, sie haben geklagt, als man unsere Liebsten zu Grabe trug, sie haben gemahnt nach arbeitsvoller Woche beim heiligen Abendläuten: „Menschenkind, erhebe die zu höherem , mache deine Seele frei aus den Mühen des Alltags, morgen ists Sonntag, morgen ists Feiertag!“ Und als des Pfarrers Hand bei unserer Konfirmation über uns ruhte und sein Mund uns einen „Denkspruch“ in die Seele senkte, da begleiteten die Glocken die Schwingungen unserer Seele, daß es uns heilig durchschauerte. „Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allen Guten!“ Nicht bloße Neugierde wars drum, die die Menschen noch einmal hintrieb zur Glocke, sondern das Beste in ihnen, das so unbewusst mahnte: Ich muß die Glocke noch einmal sehen! – Frau Lina Deusing, (verheiratete sich später an Herrn Münster nach Burkhardtsfelden bei Gießen. Lina lebt wieder in Breitscheid seit 1940. geb. Weyel, unsere Dichterin, besuchte die Glocke auch noch einmal; es ergriff sie so, daß es ein kleines Gedicht bei ihr auslöste. Des schönen gemütsinnigen Schlusses wegen hab ich es hier aufgenommen. Die Mitte, Strophe 3-6, habe ich mir einzuschalten erlaubt.

Zum 28. Juni 1917

  • So schallet nun heute durchs Dorf entlang
  • unseres Kirchenglöckleins Abschiedsklang,
  • wie heut vor ‚nem Jahr so ernst und bang,
  • als das Feuer die nahe Fabrik verschlang.
  • Sie tönet so bang, als trüge sie Leid,
  • um alle, die nicht auf sie hörten,
  • die versäumten und fehlten die köstliche Zeit,
  • in nichtigem Werk sich berörten.
  • Nun gedenken wir gern zur Abschiedsstund,
  • was die Glock uns bedeutet im Leben,
  • was uns sagen wollte mit ehernem Mund,
  • ihr Locken, Klagen und Leben.
  • Sie läutete uns mit Sehnsucht nach,
  • Zu erheben die Seele aus Alltagsplag,
  • zu richten unsern Adamssinn.
  • Auf Besseres und Höheres hin.
  • Sie rief in des Kirchleins vertrauten Raum.
  • Zur Jugendweih, zum Weihnachtsbaum,
  • zum Hochzeitstag; auch Jahr um Jahr.
  • So manchen Pilger zur Totenbahr.
  • Und heut soll die steigen vom Kirchlein herab,
  • ‚s ist letztes Läuten zum eignen Grab.
  • Bang gellt es uns ins Herz hinein.
  • Solls noch nicht genug sein der Kriegespein?
  • O Glöcklein, den Abschied zu Herzen mir spricht.
  • Noch einmal dich schauen, das lasse ich nicht.
  • Und am Abend spät, als alles schweigt,
  • ich noch einmal zur Glocke zum Kirchhof steig.
  • Da lag sie nun, frei vom Dienst, in Ruh,
  • und raunt in der Stille mir manches noch zu;
  • da war mir das Herz zum zerreißen beschwert,
  • ich neigte still das Haupt zur Erd.
  • O liebes Glöcklein, verzeihe mir,
  • wo ich nicht immer gefolget dir,
  • für das wenige Gute in mir hab Dank,
  • du lieber Kirchenglockenklang!

Unsere alte Orgel

Unsere jetzige alte Orgel ist die erste in Breitscheid. Als das „Alte Haus“ (Ludwigsbronn) bei Dillenburg (zwischen Donsbach und Neuhaus) den Weg alles Zeitlichen ging, bemühte sich Breitscheid beim Oberkonsistorium im Jahre 1762 um die dortige Orgel, da es selbst keine besaß. Diese Orgel erhielt aber dann Schönbach. 1780 bittet die Gemeinde Breitscheid, aus eigenen Mitteln eine Orgel anschaffen zu dürfen. Die Genehmigung wird erteil. 1788 baute der Orgelbauer Dreuth aus Griedel (bei Butzbach) unsere Orgel. Das Stimmen derselben geschah im September 1789, als es drüben in Frankreich gar nicht stimmte. Die Abnahme erfolgte auf das Gutachten des Lehrers Steup in Dillenburg vom 3. April 1790. (Staatsarchiv Wiesbaden) – Um 1837 wurde ein besonderer Balgzieher angestellt, damit das Windmachen in rechter Weise ausgeführt werde. – Bis 1906 hatte die Orgel ihren Platz auf der „Jungenbühne“, über dem ersten Eingang in der Kirche, Treppchen vom Chor aus. Sie wurde dann neu instandgesetzt und um den Subbaß erweitert. Kosten 750 M (Goldmark). Ihren neuen Platz erhielt sie auf der „Zwerchbühne“. Bei Gelegenheit der Paul Gerhard-Feier diente sie zum ersten male wieder beim Gottesdienst, und es wurde auch ihrer bei der Feier gedacht.

Vom Kirchhof (Friedhof)

Einen Kirchhof in der Bedeutung Totenhof haben wir wohl seit 1309, seit Breitscheid einen eigenen Geistlichen erhielt, denn wir können annehmen, daß die Breitscheider von der damals erhaltenen Erlaubnis, ihre Toten bei ungünstiger Witterung bei ihrer Kapelle beerdigen zu dürfen, anstatt wie seither immer bei der Mutterkirche zu Herborn, gleich Gebrauch gemacht haben, und daß sie auch bald alle Toten hier begraben durften. Demnach fehlen nur 2 Jahre an den 600 Jahren, die unser Kirchhof als Begräbnisstätte gedient hat. Solange das Dorf noch klein war, genügte die Hälfte des Kirchhofes als Totenhof. Die Nordseite blieb müßig liegen, die geringe Grasnutzung wurde zur Schulmeisterbesoldung geschlagen. Im Jahrhundert des 30jährigen Krieges waren etliche Scheunenstätten daselbst, das übrige voller Steine. Im Jahre 1836, wurden 25 Ruten auf dem Kirchhofe, rechts gelegen, umgegraben, um die Steine herauszuwerfen, damit man (auch) diesen Platz zur Begräbnisstätte künftig benutzen könne. Auch wurde das Pflaster, vorm Kirchhofstor beginnend und bis zu den Kirchentüren führend, im Laufe dieses Sommers gefertigt. (k. Chr.) Die heutige Kirchhofsmauer soll zur Zeit des Schultheißen Klaas, um 1840, errichtet worden sein. Rabenscheid wünschte damals ein Tor auf der Westseite, Schultheiß Klaas war aber dagegen. Die Kirchenordnung von 1570 bestimmte, daß der Kirchhof mit einer Mauer oder mit Planken umgeben sein solle. Die Kirchhöfe werden wohl immer eine den Zeitverhältnissen entsprechende Einfriedung gehabt haben. Seit 1749 werden die Toten auf unserm Kirchhof der Reihe nach beerdigt, bis dahin begruben die Familien ihre Angehörigen beieinander. Einen besonderen Totengräber haben wir seit 1926. Bis zu dieser Zeit begruben die Träger, die Nachbarn, die Verstorbenen.
Der neue Friedhof (Friedhof heißt er, weil er eingefriedet ist, mit Mauern umgeben, damit von außen nicht der Friede der Stätte gestört wird.) wurde 1903 angelegt, er war bei der Zunahme der Bevölkerung notwendig geworden. Der Name Kirchhof ist auf ihn gedankenlos übertragen worden. Was seine Lage betrifft, so trifft auch auf ihn zu, was Riehl im vorigen Jahrhundert von den Friedhöfen des Westerwaldes sagt: „auf dem hohen Westerwalde hat man die Kirchhöfe fast überall am Waldsaum angelegt, selbst wenn man sie darum über die Gebühr vom Orte entfernen mußte. Es ruht eine dichterische Weise auf den Gedanken, daß die Leute ihre Toten vor dem Streit der Elemente in den schirmenden Burgfrieden des Waldes geborgen haben.“ Daß die Friedhöfe als hervorragende Zeugen für die Geschmacksrichtung und den Wohlstand einer Gemeinde und ihrer Zeit anzusehen sind, das lehrt ein Vergleich zwischen unserm neuen und dem alten Friedhof. Wir erkennen die Große Wandlung, die Breitscheid in den letzten 20 Jahren durchgemacht hat. Fast scheint es an der Zeit, vor übertriebenen Aufwand auf den Gräbern, über modernden Gebeinen zu warnen. Zu welchen Verirrungen es ausarten kann, habe ich auf dem Mailänder Friedhof gesehen. Wichtiger ist, zu Lebzeiten an den Betreffenden Liebe zu üben. Der Tod schneidet alle Möglichkeiten einer Wiedergutmachung von Versäumtem mitleidslos ab. Das gilt auch von den Familiengräbern. (Das erste auf unserem Friedhof wurde im Januar 1927 gekauft. Die Gattin wurde nach 5wöchiger Ruhe wieder ausgegraben und im Familiengrab neu bestattet.) Menschliches Tun ist nicht immer aus den edelsten Trieben geboren. Die Besten Stimmen in uns verdrängen wir oft im Leben, und wenn’s zu spät ist, steigen sie wieder auf in uns, nur Mahner und Ankläger, die nicht stille werden wollen, wie der Wurm, der nicht stirbt. Das Opfer der Plagegeister sucht sich dann selbst zu erlösen und verfällt oft auf eine Torheit.

„O lieb, so lang du lieben kannst,
O lieb, so lang du lieben magst,
die Stunde kommt, die Stunde kommt,
wo du an Gräbern stehst und klagst!“

(Diese Auslassungen sind an diesen besonderen Fall bezogen. Die Gattin erfuhr in ihrem Leben nichts weniger als Liebe von ihrem Manne.)
Einschaltung zu obenstehenden Ausführungen(Reformation) Eine große Beeinflussung in den Entschließungen unserer Grafen wird dem Besuche des jungen Herzens Johann Friedrich von Sachsen im Frühjahr 1526 auf dem Schlosse zu Dillenburg beigemessen. Der junge Freund schickte nachher lutherische an Wilhelm und schrieb dazu unterm 16. Mai am Schlusse: „und hoff, ich will darmit argem gutten christen aus euch machen mit gottlicher hulff.“ (Meinardus) Für die Einführung der neuen Lehre soll sich aber unser Graf erst auf dem Reichstage zu Augsburg, 1530, wo die von Melathon verfasste Augsburgische Konfession vorgelesen wurde, entschieden haben. In einem Schreiben von 1530 heißt es. „Nach sein Gnaden Widerkunft (Rückkehr von Augsburg) ist die Religion, und Kirchengebrauch zum Dillenbergk und zur Siegen durch hern Bernhard Wagener geendert, und die Meß abgestelt worden“.

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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