Heimatbuch-10

B. Geistige Bildung
(Kirche, Gemeinschaften, Schule)

„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ (Jesus)
„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ (Goethe)

Die heidnische Zeit und ihre Ausstrahlungen in die Gegenwart.

(Wird geändert)

Als rein heidnische Zeit können wir für unsere Gegend die Zeit vor dem 6. oder 7. Jahrhundert annehmen. Diese Zeit ist wie auch die ersten Jahrhunderte der christlichen Zeit, in unserer Gegend in tiefes Dunkel gehüllt. Keine Urkunde gibt uns Aufschluß. Nur aus der allgemeinen heidnisch-germanischen Götterlehre, die überdies für Mitteldeutschland nur wenig bekannt ist, (die nordische kennt man genau) und aus dem, was sich aus dem Heidentum bis weit in die christliche Zeit, ja zum Teil bis heute erhalten hat, können wir die dunkle heidnische Zeit für unsere Jugend ein wenig aufschleiern. Ein zusammenhängendes Bild kann ich hier nicht geben, das überschreitet den Rahmen dieser Arbeit. Ich will nur einiges aus Breitscheider Volksgebräuchen und abergläubischen Vorstellungen, die auf das Heidentum zurückzuführen sind, hinweißend aufklären.

Der Butzemann mit dem man abends den Kindern Angst macht, ist, wie die wilden Weiberchen, kein wirkliches Wesen gewesen, sondern nur ein Gebilde der Volksphantasie. Man zählt ihn zu den Kobolden, ähnlich wie die Kölner Heinzelmännchen und leitet seinen Namen ab von mittelhochdeutschen bozen = klopfen, pochen, schlagen. Am Wege nach Donsbach gibt es ein Butzemannswiesche. Nach Sprelmann war der Butzemann der stürmende Wettergott, welche Erklärung weniger für sich hat.

Der Nachtjäger, ebenfalls eine Schreckgestalt für die Kinder („Etz kummt der Noochtjager“), ist auf keinen Geringeren als auf Wodan, den obersten Gott unserer heidnischen Vorfahren zurückzuführen. Nur dem Volke den Glauben an ihn zu verbieten, verwandelte ihn die Kirche in ein Schreckgespenst. Er ist der „wilde Jäger“, der der Sage nach mit seinem wütenden Heere im Sturm (Woost) durch die Lüfte saust.

Der Glaube an andere Gespenster, Geistererscheinungen, Hexen und den Teufel reicht auch in heidnische Zeiten zurück und ist heute bei uns noch nicht erloschen. Ich will hier einen Fall anführen, den mir mein Stiefvater von Uckersdorf erzählte: Ein Uckersdorfer befand sich auf dem Heimwege von Herborn. Da sah er hinter einem Baume eine Frau mit einem Kopftuche hervorschauen. Er ging darauf los, da war sie verschwunden, er lief um den Baum herum und rief: „Hier war jemand, wo ist er?“ Alles still, nichts zu sehen. Da erfasste ihn eine namenlose Angst, er packte den Hut in die Hand und stürzte in atemlosem Laufe davon. Wochenlang hat er an den Folgen des Schreckens zu belegen. – Ein anderer Fall. Eine Frau aus Breitscheid erzählte mir die Bekehrung sei ihr leicht gemacht worden, Jesus sei ihr selbst erschienen, sie habe ihn unter der Zimmerdecke schweben sehen. In beiden Fällen können die Personen das, was sie angeben, gesehen zu haben, auch wirklich gesehen haben. In ihrem Gehirn war das Bild vorhanden. Dem Bilde lag aber kein entsprechender Gegenstand zugrunde. Es war eine Sinnestäuschung, eine sogenannte Halluzination, ein Spiel der erregten Einbildungskraft.

Mitten im Weltkriege trug sich in Breitscheid eine Gespenstergeschichte zu: Es war kein Trugbild der Sinne, sondern leibhaftige Wirklichkeit! Die Bewohner des letzten Hauses am Medenbacherweg sahen an einem Winterabende eine wage Gestalt hin und her wandeln. Ein Gespenst, feuchte die gläunig Aage. Die Frau sickt bleich vor Schrecken vom Stuhl und der Mann denkt an die Axt. Ein Spuk geht durchs Dorf. Und was war des Pudels Kern? Ein Breitscheider „Romeo“ hatte auf seine „Julia“ gewartet; vom Schneegestöber war der Mantel weiß, und die brennende Zigarre war das gläunig Aag. – So geht alles natürlich zu. Nach ehernen großer Getetzen vollzieht sich alles. Und wo wir neue Erscheinungen uns nicht erklären können, da fehlt uns noch die Einsicht in den Zusammenhang des Geschehens. Den Glaube von Gespenster und Geister können wir trotz des Shakesspeareschen Ausspruches, daß es Dinge zwischen Himmel und Erde gäbe, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen ließe, endgültig begraben, (kein Geist ohne Verbindung mit dem Stoffgeist ein wissenschaftliches Gesetz. Also gibt es auch keinen persönlichen Teufel und keine Hexen, die in seinem Banne stehen. In uns selbst steckt das Böse! Und des Teufels Behausung, die Hölle, als ein Ort irgendwo im Weltall, wo er ewig das Feuer spürt für die verdammten Seelen, gibt es natürlich nicht. Wohl gibt es eine Hölle, aber sie ist ein Zustand des sterblichen Bewusstseins. An den heidnischen Glauben, an böse Geister erinnert noch folgendes. Der Lehrer Hermanni in Breitscheid von 1836-42, erzählte in der Schulchronik, daß er, als er im Jahre 1831 seine vorherige Stelle in Liebenscheid angetreten habe, dort mit „Peitschknallerei“ empfangen worden sei. Der hiesige Pfarrer Schellenberg erzählt in unserer Kirchenchronik, als er im Jahre 1837 seine junge Frau von Herborn hierher geholt habe, sei er von einem Zug Breitscheider mit Musik und Gewehrschießen empfangen worden. Noch heute wird beim „Winkof“ (Verlobung), ja mit Peitschen geknallt. Anderwärts wurden bei solchen Gelegenheiten auch Scherben bei den betreffenden Hause zerworfen. Der ursprüngliche Sinn dieser Gebräuche war der, daß man die bösen Geister durch den Lärm von dem neuen Hauswesen verscheuchen wollte.

An die Gemahlin Wodans, an „Freya“ oder „Frau Holle“ erinnert noch die Redensart: „Der fihrt bet de Holle.“(wenn jemand im Schlafe verkehrtes Zeug redet) d.h. mit der Holle oder der Holden oder den Hulden, die unter dem Einfluß der Kirche zu Unholden, Hexen wurden (Goethe: „deine sind so auch hol, die Unholden“). Die Redensart will also sagen, er machte eine Hexenfahrt mit. Am Freitag, der der Freia geheiligt war, soll sich das Wetter ändern, damit der Schleier der Frau Holle am Sonntag trocken ist. Meine Mutter gibt mir eine andere Erklärung: Damit die armen Leute am Samstag ihre Wäsche trocknen können. In beiden Fällen eine ganz sinnige Auslegung.

Als Himmels- und Wolkengöttin war Freia auch die Beschützerin der Quellen und Brunnen. In dem Brunnen sind die kleinen Kinder unter dem Schutze dieser Göttin, die ja auch zugleich die Göttin der Liebe und des häuslichen Glückes war, gut aufgehoben. Darum holt noch heute die Amme die kleinen Kinder aus dem Burnhäuschen.

Dem Donnergott „Donar“ war der Donnerstag geweiht. Er war auch der Gott der Fluren. In meiner Jugend sammelten die Leute am Himmelfahrtstage Heilkräuter: Diese sollten besondere Heilkraft haben, wahrscheinlich weil dieser Tag in heidnischer und christlicher Anschauung ein geheiligter Tag war.

Unser Weihnachtsfest wurde bei Einführung des Christentums an Stelle des heidnischen Julfestes gesetzt. Der „Huihoos“, der uns Kindern in der heiligen Nacht zu Äpfeln und Nüssen in die Schüssel gelegt wurde, ist eine Erinnerung an den Julhasen. Solche heidnischen Opfertiere wurden in der christlichen Zeit häufig in Backwerk nachgebildet. Der Weihnachtsbaum ist auch heidnischen Ursprungs.

Ostern war vielleicht der Frühlingsgöttin Ostera geweiht und vielleicht wurden ihr Eier als das Sinnbild des keimenden Lebens geopfert. Von den Hasen wurde wegen seiner Fruchtbarkeit das Legen der Eier zugedacht.

Der bei uns noch in geringem Umfange übliche Leichenschmaus bei Kaffee und Kuchen geht in seinem Ursprunge auch auf heidnische Vorstellungen zurück. Er soll ein Rest von den Totenopfern sein, welche man den abgeschiedenen Seelen darbrachte. Man glaubte die Seele sei ein selbstständiges Wesen und könne losgelöst vom Körper, weiter für sich bestehen; sie verlasse beim Tode den Körper und lebe in Wind und Sturm oder in Tiergestalten weiter; bei den Totengelage sei sie zugegen, und wenn es heiter und vergnügt hergehe, so ehre das den Toten (Klarmann). Noch in der evangelischen Zeit ging es bei den Totengelagen (wie auch bei Hochzeiten und Taufen) hoch her und die Behörde mußte oft deren Einschränkung unter Strafe androhen. Die Kirchenordnung von 1570 enthält darüber folgende Stelle: „Die heidnischen Leichengelage und Seelenweien sollen bei 1 Gulden Straf abgeschafft sein. Nachbarsbesuche und Tröstungen sollen nicht verboten sein, doch ohne Zech und Gesäuf.“ (Zum Teil nach einer Arbeit von L. Klarmann.)

Einführung des Christentums bei uns.

Über die Zeit des Eindringens des Christentums in Dillenburg und Westerwald ist man im Ungewissen. Ein Kirchengelehrter der Neuzeit nimmt an, daß das Christentum im 6. Jahrhundert in die rechtsrheinischen Teile der Erzdiöpese Trier, zu der wir ja gehörten, gekommen ist. Daß es im Jahre 738 festen Fuß hier gefasst hatte, geht aus dem Schreiben des Papstes Herren, das er in dem genannten Jahre dem Bonifatius in Rom weiter gab an die Nestreser (d.h. Westerwälder) und andere. Nach der Ermahnung, dem Bonifatius in allen Stücken zu gehorchen, heißt es darin: „Ihr aber, Geliebteste, die ihr im Namen Christi getauft sein, hatt Christus angezogen. Haltet euch nun frei von allem Götzendienste. Den Heiden, verachtet und weiset gänzlich von euch ab die Wahrsager, und Losdeuter, die Totenopfer, die Vorbedeutungen in Hainen und an Quellen, die Amulette, die Besprecher, die Zauberer und Behexer, sowie die mancherlei gotteslästerlichen Gebräuchen, welche in euren Gebieten stattzufinden pflegten.“
Wir sehen aus diesem Schreiben, daß das Christentum zwar äußerlich angenommen war, daß aber das Heidentum noch munter weiterblühte. „Es war ein Christentum, wie man es von rohen Barbaren erwraten konnte. Sie mischten einige christliche Gebräuche unter ihre herkömmlichen heidnischen, oder gaben diesen eine etwas veränderte Deutung“ (Wenk). Aus Klugheit ging die Kirche vorsichtig vor. Sie ließ die heidnischen Feste zum Teil bestehen, legte ihnen nur so eine christliche Bedeutung unter. So wurde das heidnische Julfest zum christlichen Weihnachtsfest; unser Christentum ist ein Überbleibsel aus heidnischer Zeit. Die rauhen Gebirgsbewohner überhaupt dazu zu bringen, vom Glauben der Väter abzulassen, mag eine „Heidenarbeit“ gewesen sein. „Sie fing nicht beim gemeinen Volke, sondern zuerst bei den Großen an“. Die Bekehrung zum Christentum wäre überhaupt nicht gelungen, wenn nicht der fränkische Staat die Wissenstätigkeit in seinen Schutz genommen und durch Befehle und Strafgesetze die Abstellung des Götzendienstes erzwungen hätte. „Schütze mich, ich schütze dich!“ Dieser Bund zwischen Staat und Kirche ist erst in unseren Tagen aufgelöst worden (1919). Wie man sich die Durchbringung des Heidentums durch das Christentum in unserer Gegend vor etwa 1000 Jahren ungefähr vorstellen kann, das hat Dr. Thielmann in seinem Festspiel „Der Vogt von Haiger“ in interessanter Weise gezeigt. Eine uns ganz fremde Welt tut sich da auf!

Kirchliche Zugehörigkeit

Wie in politischer, so gehörte auch in kirchlicher Beziehung Breitscheid stets zu Herborn. Wann die Herborner Kirche gegründet worden ist, weiß man nicht, vielleicht im 8. oder 9. Jahrhundert. Man zählt sie wie diejenige zu Haiger zu den ältesten Kirchen Nassaus. Mit dem Worte „Kirche“ ist hier und im folgenden nicht das Kirchengebäude, sondern die Veranstaltung als solche zu verstehen. Archivat Dr. Wagner nimmt an, daß ein deutscher König in Herborn als dem Hauptorte der Herborner Mark, welche Königsland war, eine Kirche für die ganze Mark gestiftet hat. Die Herborner Kirche umfasste einen großen Sprengel, zu welchem alle Ortschaften der Mark gehörten. Wenn also hier von der Herborner Kirche geredet wird, so ist Breitscheid darin immer mit inbegriffen.

In den ersten Jahrhunderten des Bestehens der Herborner Kirche war unser Verhältnis zu ihr ein unmittelbares. Die Breitscheider Toten wurden bei der Kirche in Herborn begraben und die Breitscheider Kinder im Herborner Kirchengebäude getauft. Die Genossen des Pfarrers zu Herborn mögen ab und zu nach Breitscheid gekommen sein, einen Sterbenden die Sakramente zu spenden oder vielleicht auch im Kirchlein zu Breitscheid eine gottesdienstliche Handlung zu verrichten, aber einen eigenen Geistlichen hatte Breitscheid nicht.

Als im Jahre 1231 der fromme nassauische Graf Heinrich der Reiche die Einkünfte der Herborner Kirche der Ballei Hessen des deutschen Ordens schenkte, da leistete von da ab Breitscheid zweifach Abgaben an den deutschen Orden, als weltliche Gemeinde und als Glied der Herborner Kirche. Die Landgrafen von Thüringen (Hessen) trugen die Herborner Kirche vom Striche zu Lehen, und von diesen hatten sie die Grafen von Nassau als Afterlehen.

Was ihre Eingliederung in der Papstkirche betrifft, so gehörte sie zum Dekanat Wetzlar und zum Archivdekanat Dietkirchen des Erzstifts Trier, welch letzteres unmittelbar Rom unterstand. Der Schutzheilige, dem die Herborner Kirche geweiht war, war der heilige Petrus, der Schlüsselgewaltige des Himmels. Der heilige Petrus sitzt mit seinem Schlüssel in der Mitte des Herborner Wappens, das mancher Breitscheider am Kopfe des Herborner Tageblatts täglich vor Augen hat.

Als die Dörfer der Herborner Mark allmählich größer wurden, wurden die größeren unter ihnen gesonderte Pfarrereien mit einiger Selbstandigkeit. Dies geschah für Breitscheid 1309. In diesem Jahre wurde das Verhältnis zwischen der Mutterkirche Herborn und der Filiale (d.h. Tochteranstalt) Breitscheid aus Anlaß der neuerbauten Kapelle neu geordnet. Die Vereinbarung im Jahre 1309 zwischen Bruder Rpeholf, dem Pfarrer zu Herborn und der Gemeide „Breytscheyt“ enthielt folgendes: die Gemeinde Breitscheid soll einen Priester zur Abhaltung des Gottesdienstes halten dürfen, der nach Einholung des Rates des Herborner Pfarrers anzustellen ist; die Pfarrkirche in Herborn soll aber in Rechten, die sie vor dem Bau der Kapelle besaß, nicht benachteiligt werden; nur darf eine Beerdigung in Breitscheid wegen schlechter Witterung oder zu großer Entfernung (von Herborn) oder sonst einem ungünstigen Umstande mit vorheriger Erlaubnis des Pfarrers vorgenommen werden. Die Kapelle hat eine Anerkennungsgebühr von 10 Denaren, die Gemeinde eine jährliche Abgabe von 1 Malter Hafer an die Pfarrkirche von Herborn zu entrichten. Letztere erhält von allen der Kapelle innerhalb der Pfarrei gemachten Schenkungen die Hälfte, sofern der Pfarrer (von Herborn) nicht freiwillig darauf verzichtet. Zeugen dieser Vereinbarung waren: Bruder Otto, Genosse des Pfarrers in Herborn, Herr Johannes, Pfarrer von Schönbach, Herr Bauer, Pfarrer von Hirschberg und der Canontus von Wetzlar. (Die Urkunde darüber mit dem Siegel der Stadt Herborn liegt im Staatsarchiv zu Marburg und ist in lateinischer Sprache abefaßt. Siegel jetzt beschädigt. Das Pergament hat eine eigentümliche, fast dunkelbraune Farbe. Gedruckt findet sich die Urkunde iin Wyss, Urkundenbuch, Br.II, S. 113.)

Nun bekam Breitscheid einen eigenen Kaplan (richtiger Kapellan, d.h. Verwalter der Kapelle), das Filialverhältnis zu Herborn bestand aber in gewissem Sinne weiter. Der Kaplan war dem Herborner Pfarrer unterstellt und durch Abgaben an die Kirche zu Herborn trat das Abhängigkeitsverhältnis zu ihr auch äußerlich in Erscheinung. Das Bewußtsein der Zugehörigkeit zur Mutterkirche Herborn war noch lange lebendig in den Breitscheidern, was daraus hervorgeht, daß zum Bau der Herborner Kirche in den 1630 er Jahren vier Männer und Weiber aus Breitscheid zusammen 55 Reichstaler Kollekte gaben. Der Patron (Schutzheilige) der Breitscheider Kapelle war der heilige Antonius. Zu Ehren des Schutzheiligen wurde vielerorts der Patronentag jährlich festlich begangen wie die Kirchweih.

Anmerkung: Die Kirchweihe oder Kirchmesse (Kirmes) wurde jährlich zur Erinnerung an den Tag der Einweihung der Kirche gefeiert. Auf welchen Tag unsere Kirmes fiel, ist mir nicht bekannt. 1349 wird unser „kermestag“ erwähnt. Die Kirmes artete aus in ein Fest mit viel weltlichem Rummel. Dazu wurde noch die Kirmes anderer Ortschaften besucht, wo man „Freunde“ hatte. (d.h. Verwandte). Die um 1531 erschienene Kirchenordnung suchte dem Unwesen dadurch etwas zu steuern, daß sie bestimmte, alle Kirchmessen sollten auf einem bestimmten Tag, auf den Tag der Dillenburger Kirchweihe verlegt werden, „damit ein jeklicher in syner Phar daheim blybe und nemand Gastung zu halten verursacht.“ Es sei auch an etlichen Orten der Brauch, daß der Patronentag der Kirche mit „gastungen, unordigem fressen und sauffen glych den Kirchweyhungen begangen werde, wilchs dem armen Mann unvermerkt zu verderben gereicht, doch were der Schar an Gute das geringste, wann die folgende Laster Böllerey, mort, ehebruch, unchristlich, unehrlich, gotteslesterunge und untugend mit folgten. Deshalb sal solichs auch genzlich abgetan und einem jeklichen nach gehaltennem Gottesdienste, meß und Predige ungesten und getrunken wydder in syn Behüsung zu gehen gebotten werden, und die übertretten by der buß gestraaft.“

1729 heißt es in einer Verordnung: „Die ärgerlichen Kirchenmessbegehungen sind abgeschafft.“ Schließlich war die Kirmes nur noch ein rein weltliches Fest, dessen in der Kirche gar nicht mehr Erwähnung getan wurde. Nicht einmal des Ursprungs der Kirmes als eines Kirchlichen Festes ist sich das Volk bei uns bewußt. Zu Pfarrer Hains Zeit (1873-1886) war es noch anders.
Frau Pfarrer Bickel durfte es noch wagen, sich auf den Tanzplatz vorm Rathaus zu begeben, ohne Anstoß zu erregen. Jeder Kirmesbursch durfte einmal mit ihr tanzen. Die beiden alten Frauen, die mir das erzählten, sagen hierzu: „Tanzen ist keine Sünde.“

Breitscheid bleib noch lange nach seiner Lostrennung von Herborn (1309) ganz für sich als Kirchengemeinde. Erst um 1588 kam Medenbach, das bis dahin nach Herborn eingepfarrt war, zu uns. (Nach Vogel). Die Gemeinde Medenbach soll damals Pfaffenrain an Breitscheid abgetreten haben. Ein urkundlicher Beleg dafür ist mir nicht zu Gesicht gekommen. 1603 wird Pfaffenrain „der Kirchen-Gerechtigkeit“ genannt. 1507 gabs schon den Namen „Paffen Reyne“. Fleißige Kirchgänger nach hier sind die Medenbacher niemals gewesen. Zur Zeit kommen sie nur zur Prüfung der Konfirmanden und zur Konfirmation herauf. An den übrigen Sonntagen des Jahres glänzen sie auf ihrer Bühne durch Abwesenheit. Es ist eine ständige Klage der Pfarrer durch die Jahrhunderte hindurch. 1719 klagt Pfarrer Weler in einem Bericht über schlechten Kirchenbesuch der Medenbacher. Im Jahre 1736 schreibt Pfarrer Groos: Am 30. September „seyend die Medenbächer, welche beinahe 6 Jahre hier nicht in die Kirchegegangen, wieder anhero kommen und haben recht ordentlich ihre Plätze wieder in der Kirche eingenommen. Da nun byde Gemeinder von langen Jahren her nicht wohl miteinander haben harmonieren können, wurden sie öffentlich bei erklärung des größten Gebotts aus dem Evangelio Matth. 22 zur beharrlichen Liebe und einträchtigkeit anermahnet.“
Die kirchliche Behörde ließ Verordnungen ergehen, daß die Leute zur Kirche zu gehen hätten, wohin sie eingepfarrt seien und nicht in andere Kirchen. Medenbach will 1684 dem Pfarrer die hergebrachten Dienste nicht mehr leisten. Pfarrer Ludwig berichtet über die Auflehnung: „Anno 1684 den letzten tag Februar sind ie gantze gemeinde Medenbach gegen mich pastorem in der Cantzlei (zu Dillenbur) gewesen, wovon alsbald ihrer fünff in die Stöck (Wegen Vorgehen wurden die Leute damals in den Stock gesetzt, das ist ein Holzblock, in welchem Arme und Beine festgelegt wurden. Auch Paulus legte man die Füße in Rom in den „Stock“. Das Dillenburger Gefängnis heißt auch heute noch bei uns das „Stockhaus.“) gesetzt wurden, die anderen alle seyend Zum tor hinauß entlauffen, haben dearin gesessen biß zum 2ten tag Mertz zu abend, die ursach wahr, wollen sie nichts bei die Pfarr alhier tun oder geben wollen – es haben ihrer drey zu herbohrn im arrest deswegen gesessen.“ Auf fürstlichen Befehl kam die Versöhnung im April des Jahres zustande. Die Medenbacher baten mit Handgelöbnis um Verzeihung; „sie sollten nun ein halben tag jedes Pferd ackern, ein karrn Holz führen, ein Hecker (Feldarbeiten mit der Harke) einen tag arbeiten und die Gemeinde inßgesampt die Pfarrwiese unter Erbach mehen: hingegen der Pastor anstatt den wochen predigten Zu allen 14 tagen des nachmittags den Sonntag zu Medenbach predigen.“
Aus den Jahren 1770 bis 1776 liegen Beschwerden der Pfarrei Breitscheid über die Gemeinde Medenbach wegen Versäumen des Gottesdienstes im Staatsarchiv zu Wiesbaden.

Vor 1736 war es Herkommen, daß die Medenbacher dem Breitscheider Pfarrer vom Herbst, wenn die Kornsaat beendigt war, bis zum Frühjahr, wenn der erste Pflug wieder hinausging, das sogenannte Winterpferd stellten zum Reiten nach Medenbach. Das Winterpferd ist in der Folge mit 1 Reichstaler abgelöst worden. Die „Reitpferdvergütung“ ist heute noch in der Pauschalsumme von 305 16, die Medenbach an die Kirche zahlte, enthalten. In einem Verzeichnis über die Einkünfte der Pfarrer schreibt Wolf 1866: „die Gemeinde Medenbach hatte nach dem Inventar dem Pfarrer an den Sonntagen, an welchen sie daselbst zu predigen hat, von Michaelis bis Ostern ein Reitpferd zu stellen; da dasselbe aber gewöhnlich ein lebensgefährlicher Klopper gewesen sein soll, so habe sich, sagt man, der Pfarrer mit der Gemeinde dahin geeinigt, daß letztere ihm anstatt eines Reitpferdes ein Paar Stiefelsohlen jährlich stellen. Es kommt daher (heute noch bei den Einkünften) unter Nr. 4 ein Posten mit 1 Gulden 30 Kreuzer für ein Reitpferd vor.“
1764 verpflichtete sich Medenbach, wie es herkömmlich war, ein Drittel zu den Kosten für die Wiederherstellung von Kirch- und Pfarrhaus in Breitscheid beizutragen.

Rabenscheid wurde im Jahre 1819 der Kirche zu Breitscheid zugeteilt. Vorher gehörte es zu Driedorf. Zum ersten Kirchgang hierher wurden die Rabenscheider von den Breitscheidern auf der Hub mit Musik abgeholt. Rabenscheid hat sich bis jetzt besser zur Kirche gehalten als Medenbach, womit aber weiter noch nichts gesagt ist. Rabenscheid liegt der Kirche näher. Kirchengehen entspringt nicht immer einem tiefere religiösen Drang, sondern oft einer dem Bedürfnissen im Menschen nach Veränderung und Geselligkeit. Die Rabenscheider fühlen sich da oben eingesperrt, der Zug zu höherer Kultur führt ins Tal, so hält sich Medenbach an die Städte im Dilltal. Jede Erscheinung, die wir beobachten, ist irgendwie in den natürlichen Verhältnissen begründet. Ich führe dies hier aus, damit keine falschen Schlüsse aus dem weiter oben Stehenden über Medenbach gezogen werden. Medenbach ist zu Zeiten auch gelobt worden. So fand man bei einer Hausvisitation in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts in fast allen Häusern Gebet- und Erbauungsbücher, was in Breitscheid nicht überall der Fall war. Pfarrer und Lehrer halten die Medenbacher für gut beanlagt. Schellenbergs rabenschwarzes Urteil über die Medenbacher steht vereinzelt da. Dieser Mann sah ja nur die schwarze Seite an den Menschen und Dingen.

Eine interessante Urkunde aus Breitscheids katholischer Zeit (1349)

Es ist der Vergleich zwischen der Gemeinde Breitscheid und dem Kaplan daselbst vom 22. Februar 1349. die Urkunde selbst ist freilich nicht mehr vorhanden. Im Jahre 1511 war der alte Pergamentbrief in schlechtem Zustande. Die „Untersassen und Getreuen“ des Dorfes Breitscheid baten deshalb den Grafen Johann den 5. untertäniglich, ihnen einen neuen Schein auszustellen, weil der Brief etliche Gerechtigkeit der Kapelle zu Breitscheid anzeige und sie hinfüro bei dieser Freiheit und Gerechtigkeit bleiben wollten. Und da die Urkunde ganz zerrüttet, verblichen und zuschänden gegangen, auch die Siegel abgefallen waren, die noch dabei lagen, so willfahrte der Graf der Bitte der Breitscheider und ließ von seinem Sekretär eine Abschrift anfertigen und sein Siegel daran hängen. Diese Abschrift wird im Staatsarchiv zu Wiesbaden aufbewahrt. Ich gebe den Inhalt in Angleichung an unser heutiges Deutsch im folgenden ausführlich wieder. Ohne Not bin ich darin nicht von der alten Ausdrucksweise abgewichen.

Ich, Konrad, Hermanns Sohn von Breitscheid, ein Kaplan der Kapelle zu Breitscheid zu dem Male, bekenne hier mich und für alle meine Nachkömmlinge, die immer nach mir Caplane derselben Capelle da werden mögen und sollen, und wie Trutwin, desselben Hermanns Sohn, die Brüder Bechthelt und Heimann, genannt die Rumpepen, Hennsen, demals Sohn, Johann Schütze, Herman Heintze Schenier, Diele Heiß und Conze an dem Felde bekennen für uns, für alle unsere Nachbarn (Einwohner) derselben da neps zu Breitscheid und für alle unsern Erben, die von uns und allen unsern Nachbarn kommen mögen, und tun kund allen, die diesen Brief ansehen oder hören lasen, daß wir uns, im mancherlei Zweiung und Krieg, die unter uns von beiden Seiten gewest ist (zu beseitigen), mit Rat und Hülfe unser beiden Freunde, die wir darüber von beiden Seiten gewählt haben, vereinigt haben, in dieser Weise gütlich und freundlich gegeneinander gerichtet und gesonnen zu sein, wie hernach geschrieben steht. Zum ersten sollen wir Nachbarn (d.h. Einwohner) von Breitscheid ihm vorgenannten Herrn Caplan Conrad und seinen Nachkömmlingen kaufen eine halbe Mark (Eine Mark kölnischer Währung hatte nach Menke im Jahre 1249 einen Wert von 6 Gulden) Geldes zwischen … und Sankt Michaelistag; nun allernächst kommt vom Gut der Heiligen (d.h. vom Vermögen der Kirche.) dieselbe halbe Mark soll alle Jahre fallen ewiglich einem Caplan zu Breitscheid auf den vorgenannten Michaelistag, und er nur alle die Kaplane, die nach ihm kommen, sollen um die halbe Mark Geldes uns und unsern Nachkömmlingen unser Weihwasser segnen, heilige Tage künden und alle die Rechte tun, die wir von gnaden haben von einem Perner von Herborn, darum wir ihm alle Jahre geben ein Malter Haber zu Gülte. Nur plange wir ihn die halbe Mark nit kaufen, wie vorgeschrieben steht, so sollen wir sie ihm reichen vom Gut der Heiligen alle Jahre sonder arglist. Nur ich, Conrad, vorgenannter Caplan zu Breitscheid, und meine Nachkömmlinge preisen und geloben ihnen dieselben Rechte und Gnade zu tun, die sie haben von einem perner von Herborn, und soll der Schilling Geldes, der da fällt an Hermann Dannen von Ober-Erbach, fällig auf Sankt Michaelistag, dem Caplan zu Breitscheid (gehören). Auch den Bezirk, den Herr Conrad von der Minderhabe (dem Pfarrgut) an Hof, Garten oder an Wiesen in Breitscheid genommen hat, soll die Gemeinde nit mindern, und er soll es auch nit mehren, er kaufe es den oder es werde ihm gegeben und es sei dann mit unserm guten Willen. Auch soll Herr Conrad und seine Nachkömmlinge unser geschworen Märkerecht haben. Sie sollen uns rügen (bei Verletzungen des Märkerrechts), wir sollen sie minder rügen, und sollen gleich uns büßen und mir gleich ihnen. Und wenn andere unserer Markgenossen Holz austeilen, so sollen wir auch dem Caplan und seinen Nachfolgern Holz geben, und zwar soviel wie denen, die am meisten bekommen, und wenn sie reymer, d.h. weniger Holz fällen sonder Arglist, so sollen wir es dem Kaplanen ersetzen aus unsrer gemeinen Mark (Gemeindewald). Der Kaplan soll den Raum, den er em Turm mit einem Kasten umfasst, vollfahren in der Weite und Höhe bis an den Balken, und soll des Turms nit mehr zu schaffen haben. Auch soll ein jeglich Caplan das Port (Tor-) Haus zu Breitscheid inhaben zu seinem Nutzen und soll es niemand anders verleihen oder darauf haben um Zins, und soll es baulich (instand) halten mit dach und anderem Bau sonder Arglist. Wäre auch noch, daß Krieg in die Lande käme, wegen wir es dann von ihm feischen (fordern), so soll er uns das Porthaus räumen, und mir sollen darauf sein solange als der Krieg währet. Nur zöge er nit gern davon, so sollen wir ihm das Seine davon werfen, und dane darauf ziehen sonder frewel. Wann auch der Krieg Ende nimmt, so soll er das Porthaus wieder gebrauchen wie vorher. Wäre auch Sach, daß das Porthaus abbrennte von Herren Nöten, so sollen es die Baumeister (damals Vorsteher und Rechner der Kirche) wieder machen; brennt es aber ab von eines Caplans Nöten, so soll er es wieder machen. Auch sollen die Baumeister mit einem jeglichen Kaplan zu Breitscheid zum Jahr gemeinsam mit ihm rechnen, wenn er es von ihnen feischet, und soll die Gemeinde die Baumeister wählen mit eines Kaplans Rat. Auch sollen die Almosen, die da fallen zu der Kapelle zu Breitscheid, es sei an lebend paar Vieh, an Geld oder anderen Gut, wie man das nenen mag, wenn es nur Geld bringt, zum Besten des Altars und der Beleuchtung (Altarbeleuchtung, ewige Lampe) verwandt werden, halb für den Altar und halb für die Beleuchtung, und es sollen die Baumeister die Almosen nach diesem Tag anlegen, um gülte (d.h. auch Zins anlegen), ihnen beiden, den Altar und der Beleuchtung Nütze, und hiervon soll eine Hälfte dem Kaplan zustehen und die andere Hälfte zur Beleuchtung verwandt werden, es wäre der Sache, daß die Kirche oder der Kirchhof von Ungewitter oder anderen Unglück geärgert werden, so soll man das wieder machen und wieder bringen von der gemeinen Almosen; und immer das geschehen ist, so soll der Kaplan und das Geleuchte wieder sitzen (d.h. in Besitz der Almosen gelangen)wie geschrieben steht. Wann auch kommt ein Kirmestag, so soll die Almose, die da gefallen für Sankt Antonius auswendig der Kirche, halb einem Kaplan gehören und halb für die Beleuchtung verwandt werden. Sonderlich die Baumeister (Baumeister wird für damals am besten mit Kirchenvorsteher übersetzt, später hießen sie Kirchenmeister, d.h. Kirchenrechner) sollen schenken den Kaplan und seinen Gästen für die gemeine Almose auf denselben Tag ein halb Viertel Weins, wenn Wein teil ist, aber ein viertel Biers, wenn Bier teil ist und nit Wein. Diesen Brief und alle die Briefe, die zu der Kirche gehören, so man legen in ein gemein Behältnis; dazu sollen gehören zwei Schlüssel, davon soll der Kaplan einen haben und der Baumeister einen, ihnen beide zu Nutze. Alle diese Punkte und Artikel, wie sie vorher mit Worten unterschiede sind, geloben wir von beiden Seiten in guten Tericen und an Eidtststatt stets und feste zu halten, und welche Seite unter uns das breche, die sollten sein Amt los und meineidig und zehn Mark verbrochen haben und so sollten es doch beständig und feste halten. Zu Urkunde der Wahrheit haben wir von beiden Seiten gebeten Schrickelnhen und Dielen Fritzen Sohn, zu dem Male Bürgermeister zu Herborn, und Herrn Niklasen, zu oben Male perner zu Herborn, das sie durch unser beide Willen ihre Insiegel an diesen Brief haben gehangen.
Datum auf Sankt Petri Kaettenfeine anno eintausend dreihundert neunundvierzig.

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übersetzt von Kornelia Pelz

 

 

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