Heidekreuz

Das Heidekreuz

von Fritz Philippi

(1921)

Ich dachte, ich will von einer großen Tat schreiben. Da ging ich hinaus zu den Leuten im Dorf und fragte nach einer großen Tat, die sie gesehen hätten.

Ich kam auf die Osterwiese, wohin alle Leute gegangen waren; die Alten, um zuzuschauen, und die Jungen, um den Ball zu werfen. Denn es ist früh am Ostermorgen, und heute allein im Jahr ist das Ballspiel auf der Osterwiese.

Und gerade sah ich, dass Feldmanns Karl, der ein Urlauber war in des Königs Rock, den besten Wurf tat. Er bog den Leib gewaltig zurück und streckte die rechte Hand nach der Erde, als empfange er etwas von ihr. Dann schnellte er auf! Die Mädchen, schreiend vor Lust, das Gesicht nach dem flüchtigen Ball, jagten über die grüne Wiese und hielten in den Händen die weiße Schürze ausgespannt zum Fang. – Allen voraus ist Grobschmieds Guste. Sie will die Vorderste sein! Wird ihr´s gelingen? Sie springt über den Bach! Der Ball kommt nieder. Und hoch in der Schürze springt er – gefangen!

Das bedeutet etwas, das Ballspiel auf der Osterwiese, das nur einmal im Jahr gespielt wird. Grobschmieds Guste ist eine Erbtochter und Feldmanns Karl eines Beisässers Sohn. – Und sie gehen miteinander Hand in Hand wie Brautleute!

Aber ich sagte: Das ist die große Tat nicht, von der ich schreiben will.

An den Äckern kam ich vorüber und stand und sah zu meinen Füßen ungezählte kleine, grüne Spieße, aufrecht herausgestreckt durch dunkle Schollen, ein tapfer Fähnlein neben dem andern. Und als meine Schritte bis an den Buchenwald kamen, den Hickenhain, winkten tausend Keime von allen Zweigen meinen Augen zu: Sie würden die Sonne schauen wie ich.

Und die Glocken huben an und läuteten Ostern!

Da, als ich auf dem Berge stand, wusste ich die große Tat, die wert sei, am Ostermorgen zu erzählen. Denn ich sah das Kreuz vor mir, das mitten auf unserer Heide steht, umwallt von schwarzem Gestein. Es brannte im Licht, dass ich die Hand zu den Augen hob, und verbrannte doch nicht.

Rauh gezimmert aus Eichenbalken ist das Heidekreuz, vom Wetter geschwärzt. Kein blutiger Heiland hängt an ihm. Raben ruhen auf ihm aus vom Flug über die Heide. So einsam steht es.

Am Fuß des Heidekreuzes will ich sitzen und erzählen, was ich vom Heidekreuz weiß und der großen Tat, davon es zu Land und Wolken spricht, zu dem Wind und nachts zu den Sternen.

Ich aber rede zu Menschen, die eine große Tat nötig haben. –

***

Es ist nicht Brauch, auf unserer Heide Kreuze zu errichten; auch kniet man nicht davor vor den Leuten. Es ist sonst kein Kreuz auf der Heide als nur das Heidekreuz. Viele stehen auf dem Kirchhof, wo die Toten beisammen schlafen, dass sie nicht allein seien.

So ist auch das Heidekreuz ein Todeszeichen. Die Hände, die es aufrichteten, wollten es groß und sichtbar machen als ein Mal vor dem Geschlecht der Menschen, wetterfest und standhaft.

Über dem schwarzen Basaltgestein am Fuß des Kreuzes liegen morsche Baumreste von Fichten, über die Stürme und Zeit Herr geworden sind nach dem Faustrecht, das in den Lüften gilt.

– 2 –

Wenn ich den Kopf nach Mittag wende, wo die Heide sich langsam abwärts neigt nach dem Aubach zu, schauen mich die düsteren Reste einer Menschenwohnung an. Es ist kein Obdach. Der Wind hat das Dach abgedeckt, der Regen schlägt durch die Gefache, und weil auch die Sonne Zutritt hat, wuchert eine Wildnis in den Mauern auf, die niemand stört.

Das ist die Armenruh-Mühle, die vor fünfzig Jahren Armenhaus war. Sie ist auch das Denkmal einer Tat, das damals die Gemeinde ihre Armen an das Ende der Gemarkung wies, weitab von ihren Dächern, nachdem die Armenruh-Mühle dem Dorf zugefallen war als schlimmes Erbe eines verfehlten Lebens.

Das Heidekreuz soll wieder gut machen vor dem Himmel, was das Armenhaus verschuldet hat auf Erden. Denn zur Sühne ist das Heidekreuz errichtet von Menschen, die erschrocken waren. –

Die Ostersonne strahlt so froh, dass schon ein Käferlein wach wurde und sich mir auf die Hand setzt. So warm ist es schon.

Anna Barbara Birkenried steht ihr Name im Kirchenbuch. Altpärrners Annebärb ist sie im Dorf geheißen. Sie ist ein Mädchen und hat die große Tat getan. Ihr Staub ist schon lange zum Staub gekommen, an fünf Jahrzehnte schon. Sie sollte aber nicht vergessen werden. Das wollten die Altväter, die noch härter waren als dies Geschlecht. Darum zuerst steht das Heidekreuz.

Als es dem alten Birkenried so dunkel vor den Augen wurde, dass er den Text nicht mehr sah auf der Kanzel und in der Scheuer bei der Fruchtlieferung betrogen wurde, hielt er sich einen Vikar, der sich dann das Nervenfieber aus dem Dorf holte und starb.

Danach, sagen sie, ist die Annebärb Jahr und Tag umhergegangen vor den Menschenaugen wie ein steinern Bild, das keine Bewegung hat und starr dreinsieht zum Fürchten, wenn die Leute es anreden. Dann aber ist sie die Guttäterin aller Not gewesen, und ihr Gesicht bekam darüber wieder Blut und Leben.

Ich kann sie mir denken, als sähe ich sie in diesen Tagen durch das Dorf schreiten. Sie ist eine hohe Gestalt. Niemand scherzt und tändelt mit ihr. Sie geht rasch, denn sie weiß Nötiges und hat nicht Zeit. Wenn aber eine Not zu ihr aufschaut vom Schmerzenslager, dann ist Trost da, und stille Sterne leuchten.

So sehe ich sie und habe ein Verlangen, sie möchte jetzt aus den Schutztannen hervorkommen über die Heide, dass ich ihr begegnete und sähe, wie ihre Augen klar sind wie Tau vom Himmel.

Ich will zu ihr sagen: Ich weiß, dass du durch ein tiefes Leid zum Mitleiden gekommen bist.

Auch zu der großen Tat, darum das Heidekreuz steht, das nach dem verfallenen Armenhaus schaut.

In dem Armenhaus wohnte damals ein besonderes Elend, so groß und schwer, dass der Hund des Hirten winselte und der Hirt sein Vieh nicht mehr dort zum Wasser trieb. Wollte auch sonst niemand hingehen, nachdem der Schultheiß heimkam und dann am Herd ins Feuer stierte, auch vorerst nichts redete, obwohl ihn sein Weib an der Schulter griff.

Sie sagen im Dorf: die Frau im Armenhaus habe das „brüllende Fieber“ gehabt. Weiß aber keiner zu sagen, was das sei. Etliche erzählen aus ihrer Väter Mund: niemand habe mit dem Teufel zu tun haben wollen. Darum sei es gut gewesen, dass das Armenhaus weitab lag vom Weg.

– 3 –

So ist Anna Barbara damals diesen Weg allein gewandert, der aber kein Weg ist, sondern Heide, die jetzt am Ostermorgen lächelt im Sonnenschein und darüber die Glocken jetzt anfangen zu läuten aus allen vier Winden.

Da lehne ich am Heidekreuz und denke, ob schon damals die Mauern des Armenhauses sich hintüber neigten, als noch ein Dach darüber war, und was Anna Barbara dort tat, wo jetzt die Wildnis tut, was sie mag.

Sie sind ihr entgegengesprungen auf der Schwelle, die fünf Kinder der Frau, deren Namen jetzt niemand mehr weiß. Und sie hat dann stundenlang ausgehalten, was der Schultheiß, der zwei Zentner mit einem Arm zur Schulter rückte, nicht aushielt. Sie hielt es aus, weil sie anfasste und half. Dienstbotenarbeit, unansehnliche Geschäfte, sagt die Hoffart. Aufopferung! Gottesarbeit! Sagen die Osterglocken.

Es war aber nicht Ostern damals, und die Heide lächelte nicht, sondern sie lag und hielt tiefernst mit dunklen Augen dem stand, was sein musste, weil es die Gewalt hatte. Es war die Zeit, da des Winters Schneewind hereinbricht über alle Schranken: nieder! nieder! Und wo ein Kämpfen anhebt im Hickenhain ums Leben; wo alles Aufrechte erprobt wird bis ins Mark, ob die Tannenmauer dem Schneewind den Weg sperren darf nach dem Dorf. Kommt zu solcher Zeit ein Mensch auf die Heide, dann hetzt der Jäger das Wild. – Anna Barbara, du warst das Wild.

Sie sagten im Dorf: draußen vor der Schutzhecke spielten sie damals um den Tod, schon tagelang und immer heftiger. Wer denn? Das wisse keiner. Aber etwas Fürchterliches vor Augen und Ohren! Und kein Mensch dürfe einen Schritt aus dem Dorf tun. Und ein Weibsbild zweimal nicht.

Da stand Anna Barbara in der langen Stube vor dem Schultheiß, dessen Haus jetzt nicht mehr „bei seinem Namen und bei seinen Leuten ist“, Raabs Henner, der an dem Mädchen vorbei ein Loch in die Wand guckte. „s´ war aut!“ (etwas) sagen die Alten im Dorf. „s´ war aut!“ Zweimal sagen sie´s, und mehr kann keiner sagen.

Das Wort, das sie damals sprach, hat sich eingeschnitten mit Messern, wie Kerben im Holz, die nicht überwachsen. „Schultheiß! Am Jüngsten Tag fordere ich von Euch das Leben der Frau und ihrer Kinder!“

Darum, sagen sie, ist zuletzt der Raabs Henner so schwer gestorben und hat in seiner letzten Nacht immerfort mit der Hand gewischt und gesagt: “Geh weg, Madche!“

Denn es war schon nach drei Tagen, und die Frau in der Armenruh-Mühle lag im brüllenden Fieber und die Kinder jammerten um Brot.

Und Raabs Henner hatte gesagt: „´s es naut z´mache!“ Mit welchem Blick da sich Anna Barbara umgesehen hat in der langen Stube, mit welchem Blick in der Runde der Männer!

Sie ging und war so groß gewachsen, dass man meinte, die Tür reiche nicht aus. Und doch war der Raabs Henner ein Zweistöckiger. – So sagen die Alten im Dorf.

Schnaubend wie tausend Pferde fuhr es hin über den Köpfen; das, was keine Zeit hatte und vorwärts musste durch alle Welt. Ein Heulen und Pfeifen, ein Gellen und Brausen, dazwischen ein meckernd Gelächter, Schneewirbel tosten an die klirrenden Scheiben.

Und alle in der Stube wussten, dass das Mädchen zur Tür hinausgegangen war und nicht wiederkäme.

– 4 –

Da sind zwei aufgestanden aus dem Kreis der Männer und sind dem Mädchen nachgegangen bis zur Schutzhecke. Es waren dieselben, die dann mit den Glocken läuteten bis in die Nacht.

Sie haben mit dem Mädchen geschrien, denn sprechen konnte hier keiner. Die Tannen bogen sich wie Gerten, und es war ein helles Tönen von leibhaftiger Angst.

Und Anna Barbara hat dem einen geantwortet, dem Altvater von den Weißflitschs im Dorf, die bekannt sind durch ihre Tüchtigkeit. „Bleib, du bist noch nötig! Nach mir fragt niemand als die Armut.“ Das ist das letzte Wort, das sie im Dorf von Anna Barbara wissen.-

Wer heute am Ostermorgen unsere Heide sieht, ihr kindlich frohes Staunen, mit offenem Mund vor der Herrlichkeit des Unendlichen, der kann es nicht fassen: hat es die Heide vergessen, wie die Welt sich so verändern kann, oder empfindet sie es nicht? Gerade wie ein Kind nichts weiß vom Sterben?

Die Heide ist untergegangen im Meer und ist ein Meeresboden geworden. Und im jagenden Gewog des Schneemeeres, untergetaucht mit allen Sinnen, wandelt der Mensch, der nur im Lichte atmet und nicht im Meer!

Sie sagen im Dorf, das Mädchen sei wirklich bis zur Armenruh-Mühle gekommen. Wie? –  das wisse keiner, würde es auch nicht glauben, wenn nicht danach im Armenhaus der Korb sich gefunden hätte, den Anna Barbara mitnahm. Auch erzählte das älteste der Kinder, das allein bei seiner Mutter zurückgeblieben war, als Altpärrners Annebärb kam, hätten sie gegessen, und dann sei es draußen still geworden.

Die Heide tauchte auf aus dem Meer, weiß und langgedehnt; und der Himmel schaute durch zerfetztes Gewölk.

Sie sagen im Dorf, es sei um der großen Guttat willen gewesen, dass der Sturm schwieg. Andere aber sagen: der Woost habe sich abseits auf die Lauer gelegt, weil´s sein Vorteil gewesen wäre.

Anna Barbara machte sich auf den Heimweg mit vier Kindern. Auf den Heimweg!….

***

Und nun will ich unter dem Heidekreuz auf den Steinen beide Hände legen über beide Augen und will sehen und hören, was dann geschah, und was keine Zunge im Dorf erzählen kann.

Ich sehe dich, Anna Barbara! Du geht’s über den Bach, dessen letztes Leben verborgen murmelt, tief unter dem Eis. Aufrecht schreitest du aus, mit starken Schritten, den Rock geschürzt bis an die Knie. Am Rock hängen zwei Kinder, und auf den Armen, an deiner Brust trägst du die beiden Kleinsten.

Du hast das durchdringende Blau, den Himmel, gesehen über dem blendenden Weiß und wolltest dein Werk ganz tun.

O dass du Flügel hättest, Anna Barbara, und deine Füße nicht einsänken im tiefen Schnee und der Kinder Füße nicht!

Ich sehe es, hinter dir vom Wetterloch her, wo die stärksten Tannen stehen, hebt es sich auf, eine weiße Wolke,……und an dem Himmel fährt es herauf, den Himmel verschlingend.

„Hu—-ih!  hu—-ih!“

Das Schneewetter kommt! Der Woost jaigt heran!

Und nun kämpfest du mit Meer und Woost. Oh, wie du kämpfest! Unsichtbare, eisig starre Bande bläst der Unhold um dich und will das Brünnlein deines Lebens, das rote Blut, dein pochendes Herz erstarren.

„Hu—-ih!  hu—-ih!“

– 5 –

Hat Gott im Himmel nicht mehr die Gewalt, zu dem wir schreien im Vaterunser: Dein ist das Reich und die Kraft und Herrlichkeit?

Die Kinder weinen und wimmern, schwer wie Steine hängen sie an dir, liegen auf deiner keuchenden Brust. Aber zurück kannst du nicht mehr. Du musst vorwärts! Wohin aber vorwärts? Wohin?……..

Anna Barbara, du bist „irr“! Irr im Woost auf der schneebedeckten Heide!

Wärst du allein und könntest du die Kinder von dir lassen, du könntest vielleicht dein eigen Leben retten! Aber du kannst es nicht. Du bist treu.

Und darüber bist du müde geworden, du und die Kinder. Es muß sein…Es wirbelt dich nieder.

„Hu—-ih!  Hu-ih!

Schlaf wohl, Anna Barbara! Hörst du die Glocken? Sie läuten aus der Heimat.

Hier, wo ich sitze, bist du hingesunken mit den Kindern an der Brust….Hier will ich Ostern halten und beten…..

***

Sie sagen im Dorf: An dem Tage sei bei jedem Schlag der Uhr gefragt worden, ob niemand nichts wisse, und die Weiber hätten ihre Männer gescholten: sie sollen künftig in Weibsröcken laufen.

Da habe Raabs Henner, der Schultheiß, auf den Tisch geschlagen mit der Faust und habe sich aufgereckt, bis sein Haupthaar an die Stubendecke rührte. Und alle Männer in der Stube seien ihm gefolgt. Und die Glocken läuteten, Sturm gegen Sturm.

Aber sie sind dann zurückgekommen hinter die Schutzhecke, Bart und Kleider übereist, eine geschlagene Mannschaft, denen die Schneewand draußen allenthalben vor die Brust stieß und sie zurücktrieb unter ihre Dächer. Und die Glocken wimmerten.—

Sie sind am anderen Tag abermals ausgezogen……..

Und der Hund des Christmartin hat das Grab gefunden. Dann sind sie noch zum drittenmal wiedergekommen, auf keines Menschen Geheiß, als der Schnee die Heide frei gab.

Schwere Tritte kamen. Hallende Schläge geschahen.

Da haben sie das Kreuz aufgerichtet mitten auf der Heide und haben dabei gesprochen, dass die Armenruh-Mühle verfallen soll und die Armut künftig im Dorf wohnen, nachbarlich bei ihnen.—

***

Blütenweiße Wölklein ziehen über der Heide dahin wie Schiffe im blauen Meer, von Unendlichkeit zu Unendlichkeit. Sonnenwind lächelt darein….

Und ich sitze, ein Nachgeborener. Meine Hand fasst an das Heidekreuz.

Es fühlt sich warm an am Ostermorgen, Anna Barbara!

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