Bombardierung 4

ich Chronisten, die heute nicht mehr unter uns weilen, berichten lassen, was sie damals gesehen und erlebt haben.

So schreibt der Chronist nach 1945, Karl Georg, in der Breitscheider Dorfchronik: „Der 11. Harz 1945 war ein trüber Sonntag. Kurz vor 12.00 Uhr hatte ein feindliches Bombengeschwader das Dorf überflogen. Noch war das Singen der Motoren nicht in der Ferne verklungen, da ließ das zunehmende Motorengeräusch die Rückkehr der Flugzeuge erkennen. Nichts Gutes ahnend begab ich mit Frau und Kindern in den Keller. Indessen werfen feindliche Flieger bei völlig bedecktem Himmel, ohne jegliche Erdsicht, ihre Bomben ab. Ein Krachen, ein Rasseln, ein Klirren, völlige Dunkelheit! Noch prasseln die Steine der Sprengungen hernieder, drei Wehrmachtshelferinnen kommen gerade in den Keller gestürzt, da folgt die zweite Salve; kurz wie die erste mit denselben Begleiterscheinungen. Nur wenige Sekunden hat der ganze Vorgang gedauert, welche Verheerungen! Durch die Hintertür kommen zwei Soldaten, die im benachbarten Vereinshaus Verletzungen erlitten hatten, der eine blutbefleckt im Gesicht, der andere schwarz wie ein Moor mit Brustquetschungen; den letzteren bettete ich auf einem Feldbett.

Mich ruft die Pflicht, ich begebe mich hinaus. Ich laufe zu Enners, Frau Enners kommt gerade mit den Kindern aus dem einseitig eingestürzten Keller. ‚Seid ihr alle da‘ frage ich und erhalte die Antwort ‚Ja‘. Schon bin ich bei Hild, hier dieselbe Frage und dieselbe Antwort. Durch das Trichterfeld an der Schule laufe ich zum Medenbacher- und Langenaubacherweg und sehe gerade, wie man Walter Thielmann (Alberts Walter) aus den Trümmern herauszieht. Die Mutter (Rosine Thielmann) wird noch vermisst. Im Nachbarhaus ist der einzige Sohn des Albert Kolb tot. Er hat durch den Luftdruck einen Lungenriss bekommen, der diesem jungen Leben (14 Jahre) das Ende bereitete.

Inzwischen sind auch die Leute aus dem unbeschädigten Teil Breitscheids zur Stelle; auf dem Schulhof wimmelt es von Soldaten und Neugierigen. Ich begebe mich wieder nach Hause und erfahre, dass meine Leute mit anderen nach Erdbach geflüchtet sind. Knapp sind sie durchs Trichterfeld, da geht bei Kleingrubenloch der erste Zeitzünder (Anmerkung: Bomben mit Verzögerungszünder) hoch. Die Menschen auf dem Schulhof flüchten, wo etwas später der 2. Zeitzünder hochgeht. Der 3. Zeitzünder reißt die Scheune des Willi Hild nieder, als selbiger gerade im Stall nach dem rechten sehen wollte, er stand unversehrt vor den eingestürzten Trümmern. Am Abend ging ich mit meinen inzwischen zurückgekehrten Angehörigen zum Tongruben- Stollen, denn es gingen immer noch vereinzelt Zeitzünder hoch, und ich kehrte in der Frühe des folgenden Tages in meine Wohnung zurück.

Meine Angehörigen schickte ich nach auswärts und so konnte ich mich meinen Aufgaben widmen (Anmerkung: Karl Georg führte in dieser Zeit als Stellvertreter des Bürgermeisters die Geschäfte der Gemeinde). Fortan ging ich nicht mehr in den Stollen, ich blieb stets im Dorf. Die meisten Leute waren derart deprimiert, dass sie fast dauernd im Stollen verweilten. Selbst für die Bergungsarbeiten der Frau Rosine Thielmann, die 7 Tage dauerten, fehlten die Leute, es mussten Ausländer mit eingesetzt werden. Auch die Hilfe von den Nachbargemeinden war sehr zeitgemäß. Die Belegschaft des Medenbacher Steinbruchs, die zu Aufräumungsarbeiten nach hier beordert war, fand dies als eine große Zumutung und verschwand, ohne eine wesentliche Hilfe gewesen zu sein, in Richtung Medenbach. Nur einer, der allgemein beliebte Karl Schäfer aus Medenbach, blieb zurück. Ich traf ihn, wie er den verschüt-

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