Breitscheid vor Ende des Krieges

Vom Bombenangriff bis zum Einmarsch der Amerikaner.
In dieser Zeit führte ich als Stellvertreter des Bürgermeisters die Geschäfte der Gemeinde.
Der 11. März 1945 war ein trüber Sonntag. Kurz vor 12 Uhr hatte ein feindliches Bombengeschwader das Dorf überflogen. Noch war das Singen der Motoren nicht in der Ferne verklungen, da ließ das zunehmende Motorengeräusch die Rückkehr der Flugzeuge erkennen. Nichts Gutes ahnend begab ich mich mit Frau und Kinder in den Keller. Indessen warfen feindliche Flieger bei völlig bedecktem Himmel, ohne jegliche Erdsicht ihre Bomben ab. Ein Krachen, ein Rasseln, ein Klirren, völlige Dunkelheit: Noch Prasseln die Steine der Sprengungen hernieder, drei Wehrmachtshelferinnen kommen gerade in den Keller gestürzt, da folgt die zweite Salve; kurz wie die erste mit demselben Begleiterscheinungen. Nur wenige Sekunden hat der ganze Vorgang gedauert, welche Verheerung. Durch die Hindertüre kommen zwei Soldaten, die im benachbarten Vereinshaus Verletzungen erlitten hatten, der eine blutbefleckt im Gesicht, der andere schwarz wie ein Moor mit Brustquetschungen; den letzten bettete ich auf einem Feldbett. Mich ruft die Pflicht; ich muß hinaus. Ich laufe zu Enners; Frau Enners kommt gerade mit den Kindern aus dem einseitig eingestützten Keller. Seid ihr alle da, frage ich und erhalte die Antwort: „Ja“. Schon bin ich bei Hild, hier dieselbe Frage und dieselbe Antwort. Durch das Trichterfeld an der Schule laufe ich zum Medenbacher- und Langenaubaher Weg und sehe gerade, wie man Walter Thielmann (Alberts) aus den Trümmern herauszieht. Die Mutter (Rosini Thielmann) wird noch vermißt. Im Nachbarhaus ist der einzige Sohn des Albert Kolb tot.

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Er hatte durch den Luftdruck einen Lungenriß bekommen, der diesem jungen Leben (14 Jahre alt) das Ende bereitete.

Inzwischen sind auch die Leute aus dem unbeschädigten Teil Breitscheids zur Stelle; auf dem Schulhof wimmelt es von Soldaten und Neugierigen. Ich begebe mich wieder nach Hause und erfahre, daß meine Leute mit anderen nach Erdbach geflüchtet sind. Knapp sind sie durchs Trichterfeld, da geht bei Kleingrubenloch der erste Zeitzünder hoch. Die Menschen auf dem Schulhof flüchten, wo etwas später der 2. Zeitzünder hochgeht. Der 3. Zeitzünder reißt die Scheune des Willi Hild nieder, als selbiger gerade im Stall nach dem rechten sehen wollte, er stand unversehrt vor den eingestürzten Trümmern.

Am Abend ging ich mit meinem inzwischen zurückgekehrten Angehörigen zum Tongrubenstollem, denn es gingen immer noch vereinzelt Zeitzünder hoch und kehrte in der Frühe des folgenden Tages in meine Wohnung zurück. Meine Angehörigen schickte ich nach auswärts und konnte mich nun meinen Aufgaben widmen. Fortan ging ich nicht mehr in den Stollen, ich blieb stets im Dorf. Die meisten Leute waren derart deprimiert, daß sie fast dauernd im Stollen verweilten. Selbst für die Bergungsarbeiten der Frau Rosine Thielmann, die 7 Tage gesucht wurde, fehlten die Leute, es mußten Ausländer mit eingesetzt werden.

Auch die Hilfe von den Nachbargemeinden war sehr zeitgemäß. Die Belegschaft des Medenbacher Steinbruchs, die zur Aufräumung nach hier beordert war, fand dies als eine große Zumutung und verschwand ohne eine wesentliche Hilfe in Richtung Medenbach.

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Nur einer, der allgemein beliebte Karl Schäfer aus Medenbach blieb zurück, ich traf ihn wie er den Erdbach aufräumte um eingeklemmte Schafe (Haus Hild) vor dem Ertrinken zu retten. Dennoch konnte nicht verhindert werden, daß bei Hild 3 Schafe ertranken. An anderen Stellen war das Vieh eingeklemmt. Nach der Bergung von Menschen und Vieh mußten wieder die Licht- und Wasserleitungen hergestellt werden. Der Erdbacher- und Medenbacher Weg sowie die Siedlung waren ohne Wasser. Zusammen mit Polizeidiener Schnell und Otto Kolb (Reeches) habe ich die Wasserleitung Ecke Schulweg-Erdbacherweg aufgegraben und instand gesetzt. Somit war der obere Teil des Erdbacher Weges und die Siedlung wieder mit Wasser versorgt. Ein Pole, den ich zu dieser Arbeit aufgefordert hatte, verweigerte die Hilfe und erschien erst auf meine Drohung, ihn verhaften zu lassen am Tage später, als wir fertig waren. Auch die Soldaten des Flugplatzes, deren Küche bei Metzger Kolb (Schlosserschhaus) ohne Wasser war, waren für solche Arbeiten nicht zu haben.

Erst Wochen später konnten die Wasserleitungen am unteren Erdbacher Weg und am Medenbacher Weg wieder hergestellt werden, weil es an Wasserleitungsrohren fehlte. Man entschloß sich dann, die fehlenden Rohre aus den teilweise zerstörten Leitungen vom „grünen Wieschen“ zu entnehmen. Die Arbeiten wurden von den Interessenten ausgeführt.

Durch den Einsatz von Volkssturmmännern und ausländischen Arbeitern konnten bis zum Rückzug unserer Truppen die Straßen wieder passierbar gemacht werden. Dieser Einsatz erfolgte nur an Sonntagen; in den Betrieben wurde trotz täglichen Fliegeralarms bis einige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner regelmäßig gearbeitet.

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Erwähnen möchte ich noch den Müller Eugen Thielmann und den Bäcker Emil Henning, durch deren Tätigkeit eine ungestörte Versorgung der Bevölkerung mit Brot möglich war, sowie den Polizeidiener Schnell, der mir in der Ausübung der Gemeindegeschäfte während dieser zeit treu zur Seite gestanden hat. Auch Herr Friedrich Schick hat durch die zur Verfügungsstellung der Tongrubenstollen, sowie durch den Ausbau desselben mit Betten, der Bevölkerung einen großen Dienst erwiesen.
Der Bombenteppich hatte 232 Einschläge schwerster Kaliber, davon fielen ungefähr 10 % unmittelbar ins Dorf, die andern fielen ins freie Gelände. Ein Blindgänger von diesem Abwurf am 13.3.1945 liegt auf dem Grundstück des Willi Eichmann am Erdbacher Weg Parz.
Der Einschlag liegt 3 m vom Erdbacher Weg und 7 m von der unteren Gewanngrenze entfernt und liegt nach meinen eigenen Messungen 2,40 m unter der Oberfläche.

Fotos

Hier sind noch ein paar Fotos von Gerhard Liebig zu sehen.

Sprachführer Breitscheider Platt

sprachfuehrer

Unter Hausnamen  ⇒ Sprachführer sind Wörter und Redewendungen unter verschiedene Themen geordnet.

Mein Ziel ist, dass zu jedem die Übersetzung angezeigt wird.  Wer das Breitscheider Platt richtig schwätze ka, könnte z.B. alles unter einem Thema aufnehmen und mir die mp3-Datei schicken.

Wer sich traut, könnte auch ein Video zu je einem Thema aufnehmen. Erst Hochdeutsch, dann Breitscheider Platt.

Vieles kann man nicht wörtlich übersetzen. Du solltest Dir überlegen wie Du es in Platt sagen würdest.