Juli 1907: Ein aufregender Monat in Breitscheid
Im Jahre 1907 hatte ein italienischer Unternehmer mit seiner Arbeiterkolonne die Abraumarbeiten in der Tongrube der Westerwälder Thonindustrie übernommen. Daraus sollte in jenem Sommer im Dorf viel Aufregung entstehen.
Der Unternehmer, von dem man später erzählte, dass er nur weiße Anzüge getragen habe und sich immer in einer Kutsche habe fahren lassen, wohnte im damaligen Gasthaus Bechtum (Ecke Medenbacher-/Langenaubacher Straße) zusammen mit der 18jährigen Tochter eines Eisenbahnbeamten aus Gießen, die ihm gegen den Willen der Eltern hierher gefolgt war. Als diese am 4. Juli ihre Tochter heimholen wollten und im Gasthaus an der Zimmertür klopften, tötete sich das Mädchen durch einen Revolverschuss in die Brust.
Drei Wochen später ereignete sich eine weitere Bluttat. Einige Dorfburschen waren abends mit italienischen Arbeitern in Streit geraten, wobei in der Dunkelheit Messer gezogen wurden. Am folgenden Morgen fand man den 25 Jahre alten Ferdinando Tascini aus Molo, Provinz Venezia, tot vor einer Scheune am Kreuzweg liegen, wo er verblutet war. Nachbarn hatten ihn stöhnen hören, aber bei dem Tumult traute sich niemand hinaus. Es hätte dem Verletzten wahrscheinlich auch nicht geholfen werden können, da die nächsten Ärzte in Haiger, Herborn und Driedorf wohnten und zu dieser Zeit kaum jemand ein Auto besaß.
Der Tote wurde im Beisein des katholischen Geistlichen aus Herborn auf dem neuen Friedhof begraben, wo man - mit entsprechenden Ermahnungen -den heranwachsenden Kindern noch lange das ungepflegte Grab zeigte. Die Schuldfrage, ob Notwehr oder nicht, ist nicht eindeutig geklärt worden; im späteren Gerichtsverfahren sind jedoch Strafen wegen fahrlässiger Tötung ausgesprochen worden.
Publiziert von Ernst Henn im April 1978 in den "Heimatblättern" und nacherzählt von Manfred Thielmann, Breitscheid-Erdbach
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